Open Banking Plattform Germany – Wunsch und Wirklichkeit

Von Ralf Keuper

Als hätten die Deutsche Bank und Commerzbank nicht schon alle Hände voll zu tun, ihre IT-Systeme halbwegs stabil zu halten, da kommt der Vorschlag, die beiden Banken sollten den Nukleus einer Open Banking Plattform für Deutschland bilden. So jedenfalls die Vorstellungen von Volker Brühl und Jan Pieter Krahnen in Eine Open Banking Plattform für Deutschland – eine zukunftsorientierte Alternative zu einer Fusion Deutsche Bank/Commerzbank. Nachdem die Fusion der beiden Geldhäuser vom Tisch ist – wie realistisch ist das Vorhaben?

Die Idee gemeinsam von Banken betriebener Datenplattformen ist nicht neu. Sie tauchten bereits vor einigen Jahren in Gestalt kollaborativ betriebener Data Center auf. Damals, im Jahr 2015, kündigten die US-Banken Goldman Sachs, Morgan Stanley und J.P. Morgan an, gemeinsam ein Data Center betreiben zu wollen. Damit wollten die Bankhäuser die Daten privater (Bloomberg, Thomson Reuters) und öffentlicher Anbieter aufbereiten und sie in einem einheitlichen Format den teilnehmenden Banken zugänglich machen (Vgl. dazu: New Banking: Kollaborativ betriebene Data Center als Antwort auf die Informationsexplosion?). Man versprach sich von der Zusammenlegung der Verarbeitungsprozesse hohe Kosteneinsparungen. Die Kommentatoren bemängelten seinerzeit, dass es schwierig sei, die verschiedenen Datenformate zu vereinheitlichen und die Interessen der teilnehmenden Banken unter einen Hut zu bringen. Als weiteres Problem wurde die Gefahr von Hackerangriffen genannt, da Hacker gerne zentrale Datenbanken ins Visier nehmen. Im Jahr 2016 riefen Citi, HSBC, UBS und weitere Banken die gemeinsame Datenbank KYC.com ins Leben (Vgl. dazu: Bankers are pooling data in background-screening collectives). Zweifel wurden geäußert, ob die Banken wirklich bereit und gut beraten seien, sich im KYC-Prozess auf die Daten und Prozesse Dritter zu verlassen. Anfang diesen Jahres haben sechs große skandinavische Banken verkündet, ebenfalls eine gemeinsame Datenbank für ihre KYC-Prozesse aufbauen zu wollen (Vgl. dazu: Nordic banks pool resources to fight money laundering). Der Service soll der rechtskonformen Identifizierung von Unternehmenskunden dienen und 2020 starten. Eine weitere Lösung ist das Joint Venture Clipeum, das von der Societe Generale initiiert wurde und dem mittlerweile auch die Commerzbank angehört (Vgl. dazu: Des banques européennes projettent de créer le «WhatsApp» du KYC). Eine Erfolgsgarantie gibt es indes nicht, wie das Beispiel Singapur zeigt. Dort stoppte die Bankenaufsicht MAS das Projekt einer zentralen KYC-Datenbank, u.a. wegen explodierender Kosten – auch als Folge des hohen Abstimmungsaufwands unter den beteiligten Akteuren (Vgl. dazu: The Failure Of The KYC Utility Project In Singapore – A Practical View).

Im Jahr 2017 ging Verimi als branchenübergreifende Datenplattform an den Start. Einer der Beteiligten ist die Deutsche Bank. Auch bei Verimi spielen verifizierte Digitale Identitäten eine zentrale Rolle. Die Sparkassen und Volksbanken planen mit YES einen eigenen ID-Service. Die Commerzbank wartet ab. Und jetzt noch oben drauf oder zusätzlich eine Open Banking Datenplattform – mit einem deutlich größeren Datenvolumen? Es sollen regulatorische, finanzbezogene und kundenspezifische Daten der beteiligten Institute gesammelt werden, um damit ein Gegengewicht zu Google, Facebook & Co bilden zu können, die ihren Erfolg nach Ansicht der Autoren der intelligenten Nutzung ihrer Datenpools sowie Skaleneffekten in der IT verdanken. Die Banken könnten mit einer gemeinsam genutzten Infrastruktur ihrerseits Skaleneffekte erzielen, z.B. im Reporting oder in der Abwicklung von Krediten und Wertpapieren. Ziel ist es, den angeschlossenen Banken mit der verbreiterten Datenbasis die Möglichkeit zu verschaffen, kundenspezifische Produkte anbieten zu können und die Preisgestaltung zu personalisieren. Wie genau das gelingen soll, bleibt, wie vieles, offen.

Spätestens hier gilt es Wunsch und Wirklichkeit voneinander zu trennen. Wie die Beispiele der letzten Jahre zeigen, ist es bereits im KYC-Bereich außerordentlich schwer, die verschiedenen Banken mit ihren Prozessen, Formaten und geschäftspolitischen Interessen auf ein gemeinsames Vorgehen festzulegen. Um so mehr trifft dieser Befund für Datenplattformen mit einem noch größeren Umfang zu. Ganz abgesehen davon, dass Deutsche Bank und Commerzbank mit ihrer eigenen IT in Sachen Verfügbarkeit und Entflechtung schon mehr als genug zu tun haben. Hinzu kommen die Datenplattformen oder Login-Allianzen der Banken bzw. mit maßgeblicher Beteiligung der Banken wie Verimi und YES. Eventuell hätte vor Jahren noch die Möglichkeit bestanden, analog zum Industrial Data Space bzw. International Data Space, einen Banking Data Space ins Leben zu rufen. In der Industrie haben die Unternehmen womöglich noch gerade rechtzeitig erkannt, dass sie nur gemeinsam ihre Datensouveränität behaupten können. Hierfür sind gemeinsame Standards und Referenzarchitekturen zwingend. Die Banken ebenso wie die Medienbranche waren dazu nicht willens oder fähig. Stattdessen sind Apple und Facebook dabei, die Identifizierung nach KYC-Gesichtspunkten als weiteren Service, neben dem Zahlungsverkehr und der Finanzierung, anzubieten. Parallel zum Bankensystem entsteht gerade eine neue Infrastruktur für die Zahlungsabwicklung, Identifizierung und Kundenansprache, die ohne Banken auskommt. Für Datenplattformen der Banken, für deren Realisierung Jahre ins Land gehen, falls das Vorhaben überhaupt von Erfolg gekrönt ist, besteht dann schlicht kein Bedarf mehr.

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