Von Ralf Keuper

Vor gut andert­halb Jah­ren wur­de auf die­sem Blog in den Bei­trä­gen Schei­tern Face­book, Goog­le & Co. am Daten­schutz? und Am 28. Janu­ar ist Data Pro­tec­tion Day: Quo vadis Digi­ta­les Geschäfts­mo­dell? auf den Stra­te­gie­wech­sel von Goog­le und Face­book in Sachen Daten­schutz und Pri­va­cy hin­ge­wie­sen. Inzwi­schen hat uns die Rea­li­tät ein­ge­holt, wie Face­book mit sei­ner Digi­tal Wal­let Cali­bra unter Beweis stellt. Face­book macht ernst, und dis­rup­ted sich selbst.

Über Cali­bra:

Was ist Cali­bra? Cali­bra wur­de als digi­ta­les Wal­let kon­zi­piert, das als Depot dient und in dem die digi­ta­le Wäh­rung Libra gespei­chert wird. Die Nut­zung der Wäh­rung erfolgt eben­falls über das Wal­let. Cali­bra ist auf den Platt­for­men von Face­book ver­füg­bar – anfangs auf Whats­App und im Mes­sen­ger – und wird als eigen­stän­di­ge App unter iOS und Android bereitgestellt.

Gro­ßen Wert legt man auf den Ver­brau­cher- und Daten­schutz. Selbst Face­book soll von den Daten nicht profitieren:

Abge­se­hen von eini­gen weni­gen Fäl­len teilt Cali­bra ohne Ein­wil­li­gung des Kun­den kei­ne Kon­to­in­for­ma­tio­nen oder Finanz­da­ten mit Face­book, Inc. oder irgend­ei­nem Drit­ten. Die Kon­to­in­for­ma­tio­nen und Finanz­da­ten 
der Kun­den von Cali­bra wer­den bei­spiels­wei­se nicht ver­wen­det, um das Anzei­gen-Tar­ge­ting in der Pro­dukt­fa­mi­lie von Face­book, Inc. zu ver­bes­sern. Die weni­gen Fäl­le, in denen die­se Daten geteilt wer­den könn­ten, erge­ben sich aus der Not­wen­dig­keit, dass wir für die Sicher­heit der Nut­zer sor­gen, gesetz­li­che Vor­schrif­ten ein­hal­ten und den Nut­zern von Cali­bra gewis­se Grund­funk­tio­nen bereit­stel­len müssen. 

Zum The­ma Com­pli­an­ce /​ Iden­ti­fi­zie­rung:

Cali­bra ergreift die fol­gen­den Schrit­te, um die Ein­hal­tung der AML-/CFT-Anfor­de­run­gen und Best Prac­ti­ces zu gewähr­leis­ten, wenn es dar­um geht, Cali­bra-Kun­den zu iden­ti­fi­zie­ren (Anfor­de­run­gen zur Kun­den­iden­ti­tät, Know Your Cus­to­mer, KYC):

Iden­ti­täts­prü­fung (doku­men­ta­ri­scher und nicht doku­men­ta­ri­scher Nachweis). 

Anwen­dung von Due Dili­gence für Kun­den unter Berück­sich­ti­gung ihres Risikoprofils.

Anwen­dung moderns­ter Tech­no­lo­gien wie des maschi­nel­len Ler­nens, um das KYC- und AML-/CFT-Pro­gramm zu verbessern.◦

Mel­dung ver­däch­ti­ger Akti­vi­tä­ten bei den zustän­di­gen Rechtsbehörden.

Über Bezie­hung zwi­schen Cali­bra, Libra und Facebook:

Face­book hat Cali­bra, ein regu­lier­tes Toch­ter­un­ter­neh­men, gegrün­det, 
um die Tren­nung zwi­schen sozia­len und finan­zi­el­len Daten zu gewähr­leis­ten. Außer­dem wird Cali­bra im Namen von Face­book Dienst­leis­tun­gen im Libra-Netz­werk auf­bau­en und betrei­ben. Sobald das Libra-Netz­werk gestar­tet ist, wer­den Face­book und sei­ne ver­bun­de­nen Unter­neh­men die­sel­ben Pflich­ten, Pri­vi­le­gi­en und finan­zi­el­len Ver­pflich­tun­gen wie alle ande­ren Grün­dungs­mit­glie­der haben. Als ein Mit­glied unter vie­len wird Face­books Rol­le in der Steue­rung der Asso­cia­ti­on die­sel­be sein wie die der ande­ren Mitglieder.

Die Nut­zer sol­len im Libra-Öko­sys­tem die Mög­lich­keit haben, sich pseud­onym zu bewe­gen. Sie kön­nen sich meh­re­re Pseu­do-Iden­tiät­ten zule­gen. Die Trans­ak­tio­nen ent­hal­ten kei­ne Ver­bin­dung zur Iden­ti­tät der Nut­zer in der rea­len Welt, wie in Face­book will eine digi­ta­le Welt­wäh­rung eta­blie­ren zu erfah­ren ist. Auch Apple bie­tet mit sei­nem neu­en Ser­vice Sign in with Apple den Nut­zern die Mög­lich­keit, Weg­werf- bzw. Ein­mal-Mail­adres­sen zu verwenden. 

Soll­te das Öko­sys­tem aus Libra, Cali­bra und Face­book Erfolg haben, dann sieht es für die Ban­ken- und Medi­en­in­dus­trie rich­tig düs­ter aus. Ihnen wird das Geschäfts­mo­dell unter ihrem Hin­tern weg­ge­zo­gen, ohne dass sich noch gro­ße Mög­lich­kei­ten hät­ten, das Unheil abzu­wen­den. Der Ver­schmel­zung Digi­ta­ler Iden­ti­tä­ten, Pay­ments und sozia­len Netz­wer­ken haben Ban­ken und Medi­en­un­ter­neh­men nicht mehr viel ent­ge­gen­zu­set­zen. Das The­ma Daten­schutz und Sicher­heit, eines der letz­ten Dif­fe­ren­zie­rungs­merk­ma­le der Ban­ken, haben nun aus­ge­rech­net Face­book und Apple für sich rekla­miert. Sie sind dabei den Web­feh­ler des Inter­nets, den feh­len­den Iden­ti­ty Lay­er, zu behe­ben und den Lay­er unter ihre indi­rek­te Kon­trol­le zu brin­gen. Face­book schreckt dabei nicht mal davor zurück, mit der Block­chain-Tech­no­lo­gien einen Ansatz zu wäh­len, der sich – zumin­dest auf den ers­ten Blick – dia­me­tral zum eige­nen Geschäfts­mo­dell ver­hält. Es ist davon aus­zu­ge­hen, dass Goog­le schon bald dem Bei­spiel von Face­book und Apple fol­gen wird, zumal Tim Cook den Druck auf sei­ne Mit­be­wer­ber zuletzt deut­lich erhöht hat (Vgl. dazu: Tim Cook atta­ckiert Tech-Fir­men als “Cha­os­fa­brik”).

Daten­schutz und Pri­vat­heit wer­den auf ein­mal zum Ver­kaufs­ar­gu­ment. Wäh­rend­des­sen sind Deutsch­land und Euro­pa dabei, auch hier, einer ihrer letz­ten Domä­nen, den Anschluss aus­ge­rech­net an die Daten­kra­ken aus dem Sili­con Val­ley zu ver­lie­ren. Wenn jetzt noch das Inter­net der Din­ge und Indus­trie 4.0 in den Sog von Face­book, Apple & Co gera­ten, wovon man aus­ge­hen darf, dann wird es rich­tig eng – und zwar für die Indus­trie. Die Ban­ken und Medi­en­un­ter­neh­men sind nicht mehr zu ret­ten, wohl aber noch das Herz­stück der deut­schen und euro­päi­schen Wirt­schaft. Aber auch hier bleibt nicht mehr viel Zeit. 

Cross­post von Iden­ti­ty Eco­no­my

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