Banken spielen schlechtes Innovationstheater

Von Ralf Keuper

Der amerikanische Soziologe Erving Goffman war der Überzeugung, dass wir im Alltag dazu neigen, eine Rolle zu spielen, um damit das Publikum und das eigene Ensemble zu beeindrucken (Vgl. dazu: Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag). Zwar wissen im Grunde alle, dass es sich um eine Theateraufführung handelt, doch wird die Illusion so lange wie möglich aufrecht erhalten, bis die Realität die Fassade bröckeln lässt und später zum Einsturz bringt. Wohl dem, der die Bühne, z.B. altersbedingt, noch gerade rechtzeitig, vor dem Zusammenbruch der Kulisse, verlassen konnte. Weniger glücklich sind diejenigen dran, die das Stück unter widrigen Umständen und vor sich lichtenden Zuschauerreihen weiter aufführen müssen.

Die Banken spielen für die Kunden die Rolle des vertrauenswürdigen Mittelsmanns in Geld- und Finanzfragen. Zwar hat diese Rolle in den letzten Jahren einige tiefe Risse bekommen, jedoch stellen die Zuschauer fest, dass die anderen Akteure, die alternativ zur Verfügung stehen, nicht unbedingt die bessere Wahl sind. Anders verhält sich da schon, wenn es darum geht, wer die beste Innovations-Performance auf die Bühne bringt. Hier liegen Apple, Google & Co. in der Zuschauergunst klar vorne. Nicht nur gelingt es den Technologiekonzernen auf die Show echte Produkte und Services folgen zu lassen, die sich im Alltag der Zuschauer bewähren und als nützlich erweisen; nein, sie sorgen überdies dafür, dass die Vorstellungen in den Theatern der Banken immer häufiger vor leeren Rängen stattfinden. Eifrig sind die Banken bemüht, die Gunst der Zuschauer zurück zu gewinnen, indem sie Innovations-Theater spielen. Auch hier gilt es, die Rolle so gut und überzeugend zu spielen, dass es aus Sicht der Zuschauer unerheblich ist, ob es sich dabei um eine Illusion oder die Realität handelt. Indes, die schauspielerischen Fähigkeiten des Ensembles lassen ebenso zu wünschen übrig, wie die Qualität der Regieanweisungen; die Requisite orientiert sich noch immer an den 1980er Jahren (Vgl. dazu: Let‘s get digital, oder: Wenn Volksbanken versuchen cool und hip zu wirken). Das Ensemble setzt sich nicht nur aus eigenen Mitarbeiten, sondern auch aus unzähligen Strategie-, Management- und IT-Beratern zusammen, die leider allzu oft unkoordiniert dazwischen sprechen und sich nur selten an den Text halten und die Regieanweisungen gerne ignorieren. Meistens reicht es nur für kurze abgegriffene Sentenzen, die ihnen per Power-Point und vorgefertigten Textbausteinen souffliert werden. Das Publikum fühlt sich durch die Aufführung verwirrt; die Fortschrittlichen unter ihnen halten die Aufführung wegen der Konfusion für eine moderne Variante des Dadaismus, bis auch sie erkennen müssen, dass sich dahinter keinerlei Konzept oder Idee verbirgt. Selbst die alternative Theaterszene, Fintech genannt, lockt mit ihren Improvisationen mehr Zuschauer an, als die Banken mit ihrem altbackenen Programm. Die einzigen, die hin und wieder Gefallen an den Vorführungen finden, sind die Theaterkritiker (Medien), die sich hier mit den Problemen ihrer eigenen Branche wiederfinden.

Die Zuschauer verlassen derweil resigniert das Innovationstheater der Banken. Sie haben den Eindruck gewonnen, dass die Banken weder das Eine (Illusion) noch das Andere (Praxis) beherrschen. Es gibt bessere Aufführungsorte.

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“Mobile Payment” setzt die Banken unter Druck

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Geld als das “Medium schlechthin”

Von Ralf Keuper

Geld als Medium zu betrachten, fällt vielen Ökonomen bis heute schwer. Anders dagegen Karl Marx, der 1857 schrieb:

Das Geld ist das sachliche Medium, worein die Tauschwerte getaucht, eine ihrer allgemeinen Bestimmung entsprechende Gestalt erhalten.

Diese Aussage zitiert Jens Schröter in seinem Beitrag Das Geld und die Medientheorie. Darin geht Schröter der Frage nach, welchen Beitrag die Medientheorie zum besseren Verständnis der Funktionsweise und des Wesens des Geldes beitragen kann. Für Schröter ist Geld das “Medium schlechthin”.

Das Geld erst, so Schröter, hat den Markt und letztlich den Kapitalismus geschaffen – nicht umgekehrt. Geld ist demnach kein neutrales Medium:

Wenn aber Geld als Medium mit einer Eigendynamik wirklich ernstgenommen wird, dann ist – im Einklang mit historischer Forschung – der «Markt […] nicht Quelle des Geldes, sondern sein Produkt, ein Derivat monetärer Beziehungen, nicht ihr Ursprung.» .. .. Das wird auch dadurch gedeckt, dass es Geld schon lange vor dem Kapitalismus gab und dieser Geld erst zentral machte. Was das nun im Einzelnen heißt, wieso Geld (das ja viel älter ist als der ‹Kapitalismus›) nicht automatisch zur gesellschaftsweiten Ausdehnung der Marktförmigkeit geführt hat, ob es vor- und womöglich auch nachkapitalistisches Geld gab und geben kann oder nicht (oder gar eine postmonetäre Gesellschaft), ob vorkapitalistisches Geld überhaupt Geld ist, kann hier nicht diskutiert werden. Entscheidend ist bloß, dass eine Beschreibung des Geldes als Medium im Sinne der Medientheorie mit bestimm- ten Annahmen über die Neutralität des Geldes unvereinbar ist.

Die Materialität bzw. Stofflichkeit des Geldes spielt bei seiner Betrachtung als Medium häufig nur eine untergeordnete Rolle. Eine Ansicht, die sich trotz der Verbreitung des Buchgeldes so nicht halten lässt:

Bei reinem Buchgeld, etwa beim Online-Banking, besteht die Stabilität darin, dass der Zugang mit Passwörtern, Verschlüsselungen und dergleichen gesichert ist und aufwändige Backup-Vorrichtungen für den unbedingten Erhalt der Daten sorgen etc. Geld wird mitnichten immaterieller (die heutigen Banking-Netz-Infrastrukturen sind materieller als ein Haufen Goldstücke), die Materialität ändert sich nur: Und sie hat die Aufgabe, vor allem die Echtheit und Gültigkeit des Geldes zu stabilisieren – das ist eine technologische Bedingung des ‹Vertrauens›, das das Geld voraussetzt (zweite Stabilisie- rungsfunktion: Technologien des Vertrauens).

Die Medialisierung des Geldes geht einher mit der Digitalisierung aller Güter (Strukturelle Digitalität des Geldes).

Eine Schlussfolgerung:

Die medientheoretisch zentrale Frage nach der Materialität des Mediums, welches die Wertzeichen trägt, kann vorläufig so beantwortet werden, dass das Geldmedium wesentlich durch verschiedene Formen von Stabilität und durch Digitalität gekennzeichnet sein muss.

Geld kann also durchaus vollkommen digital sein, sofern die Stabilität gesichert ist. Damit ist die flächendeckende Verbreitung digitaler Währungen für die Zukunft wahrscheinlich(er). Aus Sicht der Medientheorie spräche jedenfalls nichts dagegen. Geld als das “Medium schlechthin” und nicht nur ein Zahlungsmittel. Vielleicht hat man das bei Facebook bereits erkannt und plant deshalb ein internationales Bezahlsystem auf Blockchain-Basis.

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Facebook baut internationales Zahlungssystem und “disrupted” sich selbst

Von Ralf Keuper

Während hierzulande paydirekt auf den nationalen Durchbruch hofft und Allianzen, wie die aktuelle mit Bluecode, versuchen, einen europäischen Quasi-Standard für das mobile Bezahlen zu etablieren, geht Facebook gleich mehrere Schritte weiter. Wie in Genf wird Zentrum für neue Facebook-Währung zu erfahren ist, soll die neue Facebook-Gesellschaft Libra Networks zum Nukleus der neuen (Welt-)Währung im Internet werden.

Weitere Beiträge der letzten Wochen zu dem Thema:

Ein Genfer entwickelt den Facebook-Coin

Bezahlsystem aus Genf soll die Finanzwelt aufmischen

Facebook-Bezahlsystem schlägt mit Libra Networks in Genf seine Zelte auf

Auf diesem Blog wurden die Aktivitäten von Facebook in FaceCoin als Digital Identity – “Central Bank of Facebook” vorgestellt.

Facebook will mit der neuen Währung ein neues Ökosystem für Finanzdienstleistungen etablieren.

Das Bezahlsystem soll auf einer permissioned Blockchain laufen. Zu Beginn können nur ausgewählte Partner und Institutionen teilnehmen. Facebook wird nur einen von mehreren Validator Noldes stellen. Später soll die Blockchain dann permissionless sein und damit – prinzipiell – allen Interessenten offen stehen.

Facebook selbst strebt keine dominante Position an. Das Bezahlsystem wird von der Libra Association verwaltetet. Änderungen am Bezahlsystem sind nur mit Zwei-Drittel-Mehrheit möglich. Die digitale Währung wird mit mehren anderen (Fiat-)Währungen und Assets unterlegt. Kernelement werden die digitalen Identitäten der Nutzer sein. Die Libra Association strebt einen offenen Identitätsstandard an. Der Name der neuen Währung steht noch nicht fest.

Vorläufige Bewertung

Der Vorstoss von Facebook in das Geschäft mit Finanzdienstleistungen kommt nicht unerwartet. Eher schon überrascht, dass Facebook mit der Blockchain-Technologie einen Ansatz wählt, der dem eigenen Geschäftsmodell, das auf Zentralisierung beruht, widerspricht. Demgegenüber könnte man einwenden, dass Facebook zunächst eine permissioned blockchain in Form einer Kooperation mehrerer Partner anstrebt, was ja auch wiederum eher zentralistisch ist. Andererseits setzt Libra auf einen offenen Identitätsstandard und plant, die Blockchain für alle potenziellen Partner zu öffnen. Facebook würde damit zunächst Macht und Einfluss abgeben. Im Grunde setzt Facebook die Planungen verschiedener Zentralbanken in die Praxis um und würde damit eine neue internationale Zentralbank mit potenziell 2,6 Mrd. Nutzern schaffen. Die Verwendung verifizierter Identitäten ermöglicht eine deutlich verbesserte Kundenansprache. Die üblichen Streuverluste der Online-Werbung ließen sich umgehen, womit sich natürlich das Geschäftsmodell vieler Medien- und Werbeunternehmen in Rauch auflösen würde. Davon wäre – Stand heute – auch Facebook betroffen. Auf der anderen Seite entstünden neue Geschäftsmodelle (Identity based marketing, Object Marketing, Fraud Management, Riskmanagement, Clearing). Ein brisantes Thema ist die Überwachung der Nutzer durch das neue Bezahlsystem.

Wenn nicht alles täuscht, ist Facebook gerade dabei, sich zu kannibalisieren, zu “disrupten”. Damit das funktioniert, muss man bei Facebook schon klare Vorstellungen von den darauffolgenden Schritten haben. Sollte das Projekt Erfolg haben, sehen die Banken und Medienunternehmen noch älter aus als ohnehin schon.

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Dezentrale versus zentrale Banksysteme

Von Ralf Keuper

Die Bankenlandschaft Deutschlands ist Ausdruck des föderativen Aufbaus unseres Landes. Die politische und wirtschaftliche Macht verteilt sich auf mehrere Zentren bzw. Einheiten. Kurzum: Deutschland ist dezentral organisiert. Im Banking wird das u.a. an dem Drei-Säulen-Modell sichtbar.

Im Zuge der Aufarbeitung der Finanzkrise von 2007/2008 ging der Beitrag Dezentrale versus zentrale Bankensysteme? Geographische Marktorientierung und Ort der Entscheidungsfindung als Dimensionen zur Unterteilung von Bankensystemen aus dem Jahr 2013 der Frage nach, ob und inwieweit dezentral organisierte Bankensysteme für die Volkswirtschaft von Vorteil sind.

Die Ausgangsthese:

Unsere These lautet, dass eine Klassifikation von Banken anhand der Abgrenzungsfaktoren „geographische Marktorientierung“ und „Ort der Entscheidungsfindung“ in eher dezentrale und zentrale Banken Erklärungskraft besitzt. Mit Erklärungskraft meinen wir einerseits, dass sich Unterschiede im Zentralisierungsgrad der Banken und nationalstaatlicher Bankensysteme empirisch finden lassen, und anderseits, dass die so klassifizierten Banken und Bankensysteme unterschiedliche Ergebnisse in Bezug auf den Zugang zu Kapital und eventuell auch in Bezug auf makroökonomische Indikatoren (z. B. Stabilität, Wachstum) zeitigen.

Besonderen Wert legen die Autoren auf den Ort der Entscheidungsfindung. Auch in Regionalbanken kann es durchaus vorkommen, dass die Entscheidung in der Zentrale und nicht direkt vor Ort, in der Filiale, getroffen wird. Es dürfte heutzutage sogar schon eher die Regel sein. Andererseits können zentral organisierte Banken, wie die Großbanken, einen Teil der Entscheidungskompetenz in die Regionen verlagern. Die Autoren sprechen in dem Zusammenhang von supraregionalen Banken. Mit anderen Worten: Inwieweit Entscheidungskompetenzen in die Regionen bzw. Filialen verlagert werden, ist nicht automatisch von dem Organisationsprinzip der Bankengruppe abhängig. Beispielhaft dafür ist mit Blick auf das Ausland Svenska Handelsbanken. Indes, supraregionale Banken sind bei ihrer Entscheidungsfindung an bestimmte, geschäftspolitische Bedingungen der Zentrale gebunden:

Auch wenn Finanzintermediäre mit supraregionaler Marktorientierung teilweise Entscheidungen an den Ort der Investition delegieren, hat die Kapitalherkunft für die Investition nicht die gleiche geographische Adresse wie die Investition. So hat ein Kreditberater einer Großbank, der beispielsweise in Essen bei einer Niederlassung angestellt ist, durchaus bis zu einer bestimmten Summe Entscheidungsautonomie, das Kapital speist sich aber nicht aus Essener Sparguthaben, sondern stammt aus der Guthabenseite der in Frankfurt am Main ansässigen Großbank oder vom internationalen Kapitalmarkt.

Regionalbanken sind dagegen auf andere Weise in ihrer Sicht eingechränkt:

Es besteht die Gefahr, dass regional orientierte Finanzintermediäre Risiken von Investitionen in neue Technologien oder Produktinnovationen nicht abschätzen können. Dies kann nicht nur bedeuten, dass ihnen notwendige Informationen für Kreditentscheidungen fehlen (Lock-in-Effekte), sondern auch, dass sie von ihren Kreditnehmern zu wenige Innovationen einfordern (vgl. AleSSAnDrini/ZAZZAro 1999, 85). So beobachtet beispielsweise ZADemACH (2009) in seiner empirischen Studie über das Münchener Mediencluster eine positive Wirkung internationaler Kapitalgeber.

Die räumliche Nähe, die Verbundenheit mit der Region, hat einige wesentliche Vorteile:

Die bloße Tatsache, dass eine Bank und ein Unternehmer ihren Standort in Frankfurt am Main haben, muss ihre Wissensaustauschfähigkeit noch nicht erhöhen. Wenn die Bank nur mit Großkunden und internationalen Geschäften vertraut ist, wird sie beispielsweise Schwierigkeiten haben, das Geschäft eines Kleinunternehmers zu verstehen. Geographische Nähe begünstigt räumliche Nähe, ist aber nicht mit dieser gleichzusetzen. Räumliche Nähe erleichtert folglich die Weitergabe von weichen und vertraulichen Informationen und ist ganz besonders dann wichtig, wenn andere Formen kognitiver Nähe schwach ausgeprägt sind. Räumliche Nähe kann dazu beitragen, Kenntnis und Verständnis zwischen Bank und Kunde zu verbessern.

Vorläufiges Fazit:

Das Kriterium „Ort der Entscheidunghgsfindung“ lässt sich nicht direkt aus der Statistik bestimmen. Es kann jedoch erstens vermutet werden, dass Finanzintermediäre mit viel Personal vor Ort auch dort entscheiden. Zweitens kann der rechtliche Status der Institute herangezogen werden. Zwar delegieren auch Großbanken Entscheidungen auf die regionale Ebene, jedoch liegt bei den ca. 430 rechtlich selbstständigen Sparkassen und ca. 1100 rechtlich selbstständigen Genossenschaftsbanken die Entscheidungsverantwortung auf der regionalen Ebene, wobei auch bei ihnen die Entscheidungskompetenz vor Ort durch Standardisierung limitiert ist.

Standardisierung kann sogar dazu führen, dass Entscheidungen einer zentral organisierten Bankengruppe mehr zum Vorteil des Kunden ausfallen, als bei seiner langjährigen Hausbank (Vgl. dazu: Wenn die Volksbank doch nicht dein Freund ist …).

Weiterhin:

Je stärker die Beschäftigten im Raum konzentriert sind, umso geringer ist das Unternehmenskreditgeschäft im Verhältnis zur Bilanzsumme. Besonders die Großbanken scheinen seit 1999 ihr Kreditgeschäft reduziert und gleichzeitig den Zentralitätsgrad ihrer Finanzintermediation erhöht zu haben. Im Kontrast hierzu weisen die Sparkassen und in ähnlicher Form auch die Genossenschaftsbanken eine hohe Konstanz sowohl in ihrer räumlichen Verteilung als auch im Unternehmenskreditgeschäft auf.

Mittlerweile haben sich mit BigTech und einigen Fintech-Startups neue Mitbewerber hinzugesellt, die man durchaus als vierte Säule bezeichnen kann, wobei BigTech noch weit darüber hinaus geht. Wie können die Regionalbanken ihren Vorteil, d.h. die räumliche Nähe und die dezentrale Entscheidungsfindung, angesichts eines Rückzugs aus der Fläche, erhalten? Was geschieht, wenn dieser Vorteil durch Standardisierung bzw. andere Verfahren aufgehoben werden kann? Wenn die Kunden ihre Bank auf dem Smartphone mit sich tragen, dann ist kaum mehr räumliche Nähe vorstellbar. Und wenn dann noch Anbieter imstande sind, den Kontakt mit den Kunden online fast permanent zu pflegen und die Gewohnheiten immer besser kennenzulernen, welchen Vorteil haben dann noch Regionalbanken bzw. dezentrale Banksysteme? Was passiert, wenn Amazon demnächst Regionalgesellschaften gründet, die u.a. auch Bankdienstleistungen für die Region anbieten?

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Digitalisierung treibt die Bank-IT an ihre Leistungsgrenzen #5

Von Ralf Keuper

Als der erste Artikel Digitalisierung treibt die Bank-IT in ihre Leistungsgrenzen im Februar 2014 auf diesem Blog erschien, war abzusehen, dass es nicht bei einem Beitrag zu dem Thema bleiben würde. Die Probleme, wie sie im Februar 2014 zu Tage traten, sind nicht verschwunden – im Gegenteil, sie haben noch an Umfang zugenommen.

In den letzten Jahren machte vor allem die Deutsche Bank mit IT-Problemen auf sich aufmerksam (Vgl. dazu: Systemausfälle bei der Deutschen Bank: Eine unendliche Geschichte?). Die damalige IT-Chefin, Kim Hammonds, trieben die Spaghetti-Infrastruktur bzw. die Dysfunktionen in der Bank an den Rand der Verzweiflung. Nun hat die Commerzbank mit einem Schlag gleich gezogen (Vgl. dazu: IT-Debakel bei Commerzbank und Comdirect. Jetzt droht Chaos).

Dabei handelt es sich um kein Problem einzelner Banken, sondern um ein Branchenproblem, wie die folgenden (aktuellen) Beiträge verdeutlichen:

Banks scramble to fix old systems as IT ‘cowboys’ ride into sunset

COBOL and the big tin bank

Nach Commerzbank-Panne: So düster ist es um die IT-Sicherheit unserer Banken bestellt

Auffallend bei den IT-Problemen der Commerzbank ist indes, dass die Alt-Kunden der Dresdner Bank kaum bis gar nicht betroffen sind (Vgl. dazu: Die IT-Strategie der ehemaligen Dresdner Bank).

Die Probleme sind vielfältiger Natur. Einerseits die noch immer veralteten Systeme, andererseits die Unübersichtlichkeit der Systemlandschaften mit ihren häufig verborgenen Abhängigkeiten, ebenso wie Banken-Fusionen, regulatorische Anforderungen und IT-Dienstleister, die sich in den letzten Jahren bei diversen Projekten selbstverwirklicht haben, der Know-How-Verlust durch das altersbedingte Ausscheiden von IT-Mitarbeitern und nicht zuletzt die gestiegene Anspruchshaltung der Kunden an den Service ihrer Bank (Mobile Banking, Online Banking usw.). Als wäre es damit noch nicht genug, kommen noch neue Mitbewerber (Fintech-Startups, BigTech) sowie neue Technologien (KI, Blockchain, VR) und diverse Cyberrisiken (Hackerangriffe) hinzu. Eine Herkulesaufgabe für jede IT-Abteilung.

Wer nun denkt, dass Fintech-Startups, die auf der grünen Wiese begonnen haben, frei von derlei Gebrechen sind, täuscht sich (Vgl. dazu: Auch die Solarisbank hat mit IT-Problemen zu kämpfen).

Fortsetzung folgt …

Weitere Informationen:

Designing a Governance Framework for the Global Financial Systems – Regulations and Promotion

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Die Zukunft der Finanzbranche – mit FinTech-Experte Boris Janek

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Open Banking – so wie es die ING versteht

Von Ralf Keuper

Was sollte mit dem Open Banking und der Umsetzung von PSD2 nicht alles besser für die Kunden werden. Sie könnten zwischen verschiedenen Anbietern wählen und ihre Daten durch Dritte verwerten lassen, Entwickler und Startups um die Open APIs der Banken neue Services kreieren. Nun, die ING scheint Open Banking anders zu interpretieren, wie in Wie sich die deutsche ING ihre eigene PSD2-Welt schafft zu erfahren ist. Die Kunden sind darüber nicht wirklich erfreut.

Eine Stimme von vielen (Wolfgang)

Wenn ich hier so die Kommentare zur Gemüte führe und die aufschlussreichen Antworten von ING lese, dann Online-Banking adieu.
Seit mehr als 15 Jahre bin ich bis jetzt zufriedener Bankkunde der DiBa, aber was da den Kunden (wenn es so etwas noch gibt) zugemutet wird ist für mich ungeheuerlich. Ic h werde eine für mich zufriedenstellende Alternative finden. Tschüss ING

Das alles muss nicht bedeuten, dass die Kunden tatsächlich der ING den Rücken kehren. Jedoch entsteht der Eindruck, als wolle die ING sich ein – mehr oder weniger – geschlossenes System schaffen – womöglich ist es das, was die Bank unter Beyond Banking versteht. Der Plan könnte aufgehen, würde die ING über Produkte und Services verfügen, die einen Lock-In-Effekt erzeugen, der einen Wechsel zu anderen Anbietern unattraktiv macht. Bei allem Respekt: So schön ist die ING dann doch nicht. Diesen Luxus können sich nur wenige Unternehmen – wie Apple – leisten und auch hier muss täglich der Nachweis erbracht werden, dass die Alternativen zu unattraktiv sind.

Es zeigt sich einmal mehr, dass die Banken noch immer dem Glauben verhaftet sind, es alleine schaffen und eigene Ökosysteme aufbauen zu können, die es mit Google, Apple, Amazon und Co. aufnehmen können. Leider fehlen dazu die wichtigsten Bestandteile – hier in Kurzform: Die Herrschaft über die digitalen Kontrollpunkte (Payments, ID, Hardware, Betriebssysteme, Entwicklercommunities, App-Stores, Messaging-Dienste, soziale Netzwerke). Das Vorgehen der ING ist ziemlich stumpf – wie in der guten alten Zeit per ordre du mufti. Da sind GAFA & Co. deutlich geschickter.

Wenn die Kunden demnächst nur noch die Wahl zwischen geschlossenen Systemen haben, warum dann nicht gleich die Originale und nicht die schlechten Kopien wählen? Mit Blick auf die neuesten Erweiterungen der Google Pay API dürfte für viele Nutzer und Unternehmen die Entscheidung relativ leicht sein.

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Apple & Co. werden noch immer fahrlässig unterschätzt

Von Ralf Keuper

Hin und wieder überkommt einen der Eindruck, bestimmte Behauptungen oder Thesen aus der Vergangenheit würden sich auch dann noch wiederholen, wenn sie durch die Fakten schon längst widerlegt wurden. Laut Karl Popper wiederholt sich die Geschichte nicht, Heraklit stellte fest, dass wir nie zweimal in denselben Fluss steigen, und George Santayana beklagte (sinngemäß):

Wer die Geschichte nicht kennt, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.

Um so einen Wiederholungszwang handelt es sich m.E. bei der Bewertung des neuen Service von Apple Sign in with Apple. Wie schon zuvor bei dem iPhone, dem Bezahlverfahren Apple Pay und zuletzt der Apple Card, halten bzw. hielten Kommentatoren dies jeweils für eine Marketing-Aktion. Sie wurden durch die darauf folgenden Ereignisse stets eines Besseren belehrt; zu einem Umdenken hat das in vielen Fällen nicht geführt. Über so viel Ignoranz kann sich Apple indes nur freuen. Das Unternehmen lebt davon, ständig unterschätzt und auf sein – zugegebenermaßen ausgezeichnetes – Marketing reduziert zu werden. Wäre Apple mehr oder weniger nur ein Marketing-Unternehmen, die Zahlen, Produkte und Services müssten andere sein. iTunes, iPhone, iPad, iMac – alles nur Illusion?

Diese Denkhaltung hat dazu geführt, dass viele Branchen, wie die Finanz-, Medien- und Automobilindustrie, den Anschluss an die technologische und gesellschaftliche Entwicklung verloren haben. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf bzw., was noch nicht auf Power Point gesichtet wurde.

Während Apple, Google, facebook und Amazon einen Plan, eine Strategie verfolgen, die zwar nicht in Stein gemeißelt ist und den sich stets ändernden Bedingungen angepasst wird, gehen die neuen und alten Mitbewerber aktionistisch vor und verzetteln sich mit Einzelaktionen oder sog. Allianzen. Gerne und gewiss nicht immer zu Unrecht wirft man den börsennotierten US-Konzernen vor, sich an kurzfristigen Zielen, wie dem Shareholder Value, zu orientieren. Jetzt sind es gerade Apple, Microsoft, Google und Amazon, die ihren Erfolg einer langfristigen Strategie verdanken. Apple setzt seit Jahren bewusst auf Systeminnovation, wobei das eigene Ökosystem aus Produkten, Services und Software sukzessive ergänzt wird. Man schreckt sogar nicht davor zurück, erfolgreiche Produkte, wie iTunes, zu kannibalisieren. Wie Apple dabei ist sein Geschäftsmodell zu transformieren, und warum die Identifizierung eine wichtige Rolle dabei spielt, beschreibt Ben Thomson in Apple’s Audacity.

Unterdessen konzentrieren sich Beobachter gerne auf Details, auf Features, die ihren eigenen Ansprüchen nicht genügen. Während also andere weiterhin – vergeblich – auf das perfekte Produkt, den vollkommenen Service warten, schaffen Apple, Google & Co. ein dominantes Design.

Bereits im Jahr 2014 wurde Apple aufgefordert, nun endlich in das Geschäft mit der digitalen Identifizierung einzusteigen, da das Unternehmen über die besten Voraussetzungen verfügte, eine dominierende Rolle einzunehmen, wie in Why Apple Is Losing The War For Online Identity. Darin monierte der Autor:

Not only does Apple have one of the biggest caches of credit card information of any company in the world, it also has a unique understanding of its customers. It knows how you browse across your iPhone, what apps you use, and, of course, your shipping address. And it has done all this while routinely ranking as one of the most trusted and favored brands in the world.

All these factors indicate that Apple could be an indomitable force in identity, but the company has yet to enter the fray. For example, Apple ID still isn’t offered as a third-party authentication option

Scheinbar hielt Apple erst jetzt die Zeit gekommen, um einen eigenen Identifizierungsservice anzubieten. Der Zeitpunkt war, u.a. mit Blick auf die Diskussionen um facebook, Google und die GDPR, nicht schlecht gewählt. Denn noch immer hat Apple die Chance, eine dominanter Player bei der digitalen Identifizierung zu werden. Von Vorteil war dabei sicherlich der Umstand, dass die anderen Akteure, wie Banken, hier kein attraktives Geschäftsfeld erkennen konnten und wollten. Um so hektischer nun die Reaktionen.

Schon damals wurden in dem erwähnten Text die Vorzüge einer Apple-ID beschrieben:

Imagine being able to go to a website on your desktop and, via Bluetooth, pressing your thumb to your iPhone or iPad to authenticate and purchase on an e-commerce site, with even more ease than PayPal and Samsung’s new venture.

There would be no need to register, enter credit card info, or even type a single character. In fact, the implications are far more wide reaching than that. Apple ID could become the standard for authentication on all web-based devices, allowing consumers to register and login on media sites and apps or pay for goods in-store or in-app–all powered via the very same IDs you use when you pay for apps on your iPhones or buy songs on iTunes.

Sicher, auch das ist nur Marketing ;-)))

Auch im Zeitalter der Digitalen Ökonomie ist derjenige am besten positioniert, der über eine kohärente, anpassungsfähige, langfristig ausgerichtete Strategie verfügt. Die anderen, die ohne langfristige Strategie agieren, sind dagegen gezwungen, sich in Detailfragen zu verzetteln und nach der Regulierung und dem Kartellrecht zu rufen, so dass alles wieder so werde wie früher. Wer die Strategie seines Gegners nicht kennt und überdies selber keine hat, ist ein Getriebener der Ereignisse, bis er aus dem Markt verschwindet.

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Zahlungsverkehrssymposium – Zukunft des Zahlungsverkehrs in Deutschland und Europa

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