Robo Advising oder alt-väterlicher Rat?

Von Ralf Keuper

Ob man bei der Geldanlage auf den Rat eines Robo Advisors, also im Grunde einer Maschine vertraut, oder einem Berater aus Fleisch und Blut, ist eine Frage, die einige Kommentatoren zu einer Wortwahl veranlasst, die ein wenig wie aus der Zeit gefallen wirkt. Um so einen Fall handelt es sich nach meinem Eindruck bei dem Beitrag Roboter, marsch, mach was aus meinem Geld! in der FAZ vom 14.08.18. Darin äußert der Autor Volker Looman seine skeptische bis ablehnende Haltung gegenüber den Ansprüchen bzw. Versprechungen der sog. Robo Advisors – das ist sein gutes Recht. Verstörend sind dabei nicht so sehr seine Argumente, sondern die Art und Weise, wie er die Kunden zu charakterisieren geruht.

Nehmen Sie einen Berufsanfänger her, der 30 Jahre jung ist und im Monat netto 3.000 Euro verdient. Glauben Sie im Ernst, dass der Bursche oder die Maid mit dem Roboter-Rat gut bedient sind, dass Anleihen und Aktien in dieser Lebensphase die richtige Anlage sind?

Im Jahr 2018 können wir mit einigem Recht davon ausgehen, dass Berufsanfänger im Alter von 30 Jahren (!) durchaus in der Lage und mündig genug sind, um zu beurteilen, ob die Geldanlage über einen Robo Advisor für Sie in Betracht kommt oder nicht. Anderenfalls haben wir hier ein echtes gesellschaftliches Problem, das weit über Fragen der Finanzbildung hinaus geht.

Wer seine potenziellen Kunden, die das Erwachsenenalter schon längst erreicht haben, abschätzig als “Bursche” oder “Maid” tituliert, täte eventuell gut daran, neben seiner Wort- auch die eigene Berufswahl kritisch zu hinterfragen. Ein weitere Frage ist, wie es kommen kann, solch einen Beitrag in der FAZ, dem eigenen Anspruch nach ein Qualitätsmedium, lesen zu müssen.

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Diebold Nixdorf: Das letzte Kapitel wird eingeläutet

Von Ralf Keuper

Der Strukturwandel im Banking lässt sich an der Geschäftsentwicklung der IT-Zulieferer ablesen. Exemplarisch sind die Hersteller von Geldautomaten, SB-Terminals und Kontoauszugsdrucker – wie Diebold Nixdorf. Auf diesem Blog wurden die Hersteller von Geldautomaten vor mehr als drei Jahren in dem Beitrag Das Innovator’s Dilemma der “Kistenschieber” als Paradebeispiel einer Branche vorgestellt, die den Anschluss an die technologische wie überhaupt an die Marktentwicklung verpasst hat. Ursache dafür ist ein Festhalten an Technologien und Verfahren (heute würde man mind set dazu sagen), die in der Vergangenheit zum Erfolg beigetragen haben, jetzt jedoch dem Wandel, d.h. einer Veränderung des Geschäftsmodells, im Weg stehen.

Damals schrieb ich auf diesem Blog:

Auslöser dieses Falls eines klassischen Innovator’s Dilemma ist der Übergang in die bargeldlose Gesellschaft, wie er durch die Verbreitung von Online- und Mobile Payments Einzug hält. An die Stelle der GAAs, ATMs und Kassenterminals treten die Smartphones und andere mobile Endgeräte. Die Bankfilialen, einst wichtigste Einnahmequelle der Hersteller, gehen an Zahl und Bedeutung für die Kundeninteraktion zurück. Die noch verbleibenden Filialen werden ihr Gesicht deutlich wandeln müssen. Es ist fraglich, ob darin für GAAs, AKTs oder auch Smart ATMs noch Platz sein wird. Nicht viel anders verhält es sich im Einzelhandel. Zwar ist nicht davon auszugehen, dass die Zahl der Filialen, vor allem im Bereich Lebensmittelhandel, sich ähnlich rückläufig entwickeln wird wie im Bankenbereich, allerdings mehren sich auch hier die Anzeichen, dass die guten Zeiten der Kassenterminals sich dem Ende entgegen neigen. Es ist m.E. nur noch eine Frage der Zeit, bis die Smartphones oder andere mobile Endgeräte die klassischen Kassenterminals ersetzen werden. Künftig werden sie nur noch für Barzahlungen benötigt.

Nur wenige Monate später machte sich der Wandel mit der Übernahme von Wincor Nixdorf durch Diebold im Markt bemerkbar (Vgl. dazu: Wincor Nixdorf vor Übernahme durch Diebold). Dennoch waren damals einige Kommentatoren der Ansicht, dass Wincor Nixdorf die Zukunft auch ohne Partner bzw. Übernahme meistern könnte.

Die Fusion von Diebold und Wincor Nixdorf zu Diebold Nixdorf hat die Erwartungen früh enttäuscht.

In Zeiten, in denen digitale Ökosysteme und All-in-one Apps wie Alipay oder WeChat, und demnächst Apple Pay, den Nutzern den Bezahlvorgang so angenehm wie möglich gestalten, wirken Geldautomaten, die mehrere Tonnen wiegen, wie aus der Zeit gefallen. Für das kontaktlose Bezahlen an der Kasse werden demnächst nur noch schlanke Systeme benötigt, für deren Herstellung Diebold Nixdorf und NCR kaum noch gebraucht werden; das können andere schneller und günstiger – man denke nur an Foxconn (in: Diebold Nixdorf im Sinkflug).

Mittlerweile ist das wohl letzte Kapitel von Diebold Nixdorf aufgeschlagen. Der erst vor wenigen Jahren aus der Fusion der Nummer 2 und Nummer 3 des Marktes entstandene Konzern stellt sich nun zum Verkauf, wie u.a. in Geldautomaten-Konzern Diebold Nixdorf stellt sich zum Verkauf berichtet wird. Als Grund für die anhaltend schlechte Geschäftsentwicklung wird die abnehmende Bedeutung des Bargelds angeführt.

Diese Erkenntnis kommt reichlich spät.

Ob die Nummer 1 im Markt für Geldautomaten, NCR, den angeschlagenen Mitbewerber übernehmen wird, ist fraglich. So toll läuft das Geschäft dort nämlich auch nicht – wie auch?

Im Quartalsbericht Q1 2018 von NCR war zu lesen:

Hardware revenue was down 3%. ATM revenue declined 7% as expected and reflected the lower backlog starting the quarter. SCO revenue declined 24% due to the timing of customer rollouts. POS revenue continued its momentum and increased 19% in the quarter due to store transformation trends.

NCR hat seit einigen Monaten einen neuen Chef, der vollauf damit beschäftigt ist, sein eigenes Unternehmen auf Kurs zu bringen.

As you might expect, I’ve had a busy three months since joining NCR. I spent the last 90 days doing a deep dive into our company, our strategy, our customers and our resources. This includes dozens of key customer meetings and interactions with thousands of our employees around the world. These engagements clearly illustrate to me that while the macro environment for the industries we serve remains favorable, we lost our focus on supporting our customers and delivering our products to the market in a timely fashion (in: NCR (NCR) Q2 2018 Results – Earnings Call Transcript).

Allenfalls könnte NCR versuchen, einen lästigen Mitbewerber durch Übernahme los zu werden. Von Interesse sind eigentlich nur die Bestandskunden. Die kann man jedoch mit der eigenen Produktion bedienen und damit auslasten.

Wenn überhaupt, dann ist im Bereich Software und Terminals noch für einen gewissen Zeitraum Geld zu verdienen. Und auch dieses Zeitfenster beginnt sich mit der Verbreitung von kontaktlosem Bezahlen und neuen Filialkonzepten im Einzelhandel wie Amazon Go zu schließen. Als Zulieferer, sowohl von Hardware wie auch von Software, werden NCR, Diebold und Nixdorf für die Banken und den Handel in nur noch geringem Umfang benötigt. Bei den Geldautomaten wird es auch im Bargeldland Deutschland künftig um Ersatz- und nicht um Erweiterungsinvestitionen gehen. Bald darauf kommt der Rückbau. Geldautomaten, davon gehe ich aus, wird es auch in 10 Jahren in Deutschland geben – ihre Zahl wird jedoch deutlich abnehmen. Die Aufgaben, die heute noch von NCR & Co. ausgeführt werden, können demnächst andere Anbieter und Geräte übernehmen. Insofern handelt sich um keine Marktkonsolidierung – den Markt gibt es nämlich bald in dieser Form nicht mehr.

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Knut Jessen, CTO of Berenberg, über den Prozess zur Agilen Organisation in der IT

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Intellektuelle Technologien für das Banking

Von Ralf Keuper

Rückblickend betrachtet, herrschte in der Finanzkrise von 2007/2008 weniger ein Mangel an ausgefeilten Algorithmen, sondern eher an gesundem Menschenverstand. Im Jahr 2009 sagte Friedrich von Metzler in einem Interview:

Solange es Kapitalmärkte gibt, wird des auch Übertreibungen geben – nach oben wie unten. Die Fehler sind immer die gleichen. Modelle, Regelwerke und feste Schemata schaffen eine vermeintliche Sicherheit. Der gesunde Menschenverstand ist aber durch nichts zu ersetzen.

Können die Verfahren der künstlichen Intelligenz die Banken und die Gesellschaft vor Krisen, wie der letzten, bewahren? Sind Werkzeuge, die modernste Technologien verwenden, in der Lage, die Banker zu besseren Entscheidungen zu führen, die nicht nur das eigene und das Wohl der Bank, sondern auch das der Kunden im Auge haben? Können Innovationen durch den Einsatz Intellektueller Technologien (Daniel Bell) gefördert, hervorgebracht werden?

Intellektuelle Technologien dienen nach Bell dazu, die Entscheidungsfindung zu unterstützten und die Zukunftsplanung durch Modelle zu ermöglichen. Jedes Modell, jeder Algorithmus hat Grenzen, blinde Flecken. Es fließen Annahmen, Interpretationen in die Modellierung und Programmierung ein, die ein bestimmtes Verhalten begünstigen, was wiederum zu Problemen und zu einer einseitigen Sicht, selektiven Wahrnehmung führen kann. Es besteht die Gefahr, dass die Technokraten die Kontrolle übernehmen bzw. ihren Einfluss weiter ausdehnen- wie vor der letzten Finanzkrise. Sie konstruieren irgendwann ihre eigene Realität, die abweichenden Beobachtungen gegenüber immun ist.

Damit die intellektuellen Technologien mehr Nutzen bringen als Schaden anrichten, ist es nötig, dass der sog. Reflektive Modus durch ihren Einsatz gestärkt wird, wie ihn Donald Norman beschreibt:

Reflective reasoning does not have the same kind of limits on the depth of reasoning that apply to experiental cognition, but the price one pays is that the process is slow and laborious. Reflective thought requires the ability to store temporary results, to make inferences from stored knowledge, and to follow chains of reasoning backward and forward, sometimes backtracking when a promising line of thought proves to be unfruitful. This process takes time. .. the use of external aids facilitates the reflective process by acting as external memory storage, allowing deeper chains of reasoning over longer periods of time than possible without aids (in: Things that make us smart)

Kurzum: Es geht darum, nach alternativen Sichtweisen und Interpretationen Ausschau zu halten, wie Ernst Gellner fordert:

Eine Gesellschaft, die an eine expandierende Technologie gefesselt ist und folglich an eine expandierende kognitive Grundlage, kann ihre Wahrnehmung der Welt nicht verabsolutieren oder einfrieren. Eine solche Gesellschaft bekommt ein Gespür für die Unabhängigkeit der vernunftgemäßen Wahrheit von der Gesellschaft, und es fällt ihr schwer, die Idee einer eindeutigen und endgültigen Offenbarung ernst zu nehmen. Ihre hochentwickelte Fähigkeit zu alternativen Konzeptualisierungen desselben Gegenstands und ihr Gespür für die Trennbarkeit von Sachverhalten macht es ihr schwer oder unmöglich, sich eine Weltsicht zu eigen zu machen, die eine autoritative Zuweisung von Rechten und Pflichten und zugleich die Rechtfertigung solcher Zuschreibung impliziert (in: Bedingungen der Freiheit. Die Zivilgesellschaft und ihre Rivalen).

Ziel sollte sein, mittels intellektueller Technologien die Zahl möglicher Szenarien zu erhöhen, alternative Konzepte zu entwickeln und die Mehrdeutigkeit von Ereignissen zu akzeptieren – so stelle ich mir jedenfalls Cognitive Banking vor. In den Banken muss Platz sein für Handwerker und Künstler, als Gegengewicht zu den Technokraten. Intellektuelle Technologien könnten die verschiedenen Sichtweisen einander näher bringen.

Das abstrakte Denken wird künftig an Einfluss gewinnen, so Thomas Sedlacek in einem aktuellen Interview:

Menschen, die abstrakt denken können, werden zu den Gewinnern gehören. Man muss reale Dinge in virtuelle Dinge denken können. Wer nur am Alten festhalten will, wird zu den Verlierern zählen. Ein Tischler kann leicht durch eine Maschine ersetzt werden. Ein Taxifahrer kann durch ein autonom fahrendes Auto ersetzt werden. Im digitalen Zeitalter geht es darum klassische Konzepte wie das des Tisches oder das der Mobilität neu zu denken. Vielleicht erfinden wir eines Tages einen Tisch, der von der Decke herunterhängt.

Dieses neue Denken ist nicht nur Angelegenheit von Algorithmen, Big Data und Data Science, sondern setzt die Fähigkeit zu konzeptionellem, kreativem, analytischem Denken voraus.

Mehr Informationen bedeuten keineswegs automatisch bessere Entscheidungen und tiefere Einsichten, so Ted Levitt:

What is needed is discrimination in the supply and use of data, not their sheer abundance, regardless of relevance. Discrimination cannot be experienced in a vacuum. Magnitudes must be limited to what is relevant and comfortably usable. The effective use of information is governed by the prinicple of parsimony: limit it to the more-or-less precise purpose at hand. A good thing is not necessarily improved by its multiplication. The governing question is: what is the question to be answered, the problem to be illuminated, the matter to be explored, the issue to be defined? And it is precisely because these are not self-defining concepts that it is essential to think them trough in advance, because not amount of data will tell you what information you´ll need to get at the right questions (in: Thinking about management)

Weitere Informationen:

Chancen und Grenzen von Big Data im Banking

Über die Macht der Algorithmen im Banking

Big Data im Risikomanagement nur von begrenztem Nutzen

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Geld – eine Glaubenssache?!

Von Ralf Keuper

Mit dem Wesen des Geldes beschäftigen sich Philosophen, Soziologen und Ökonomen seit Jahrtausenden. Das Rätsels Lösung lässt indes auf sich warten.

Im Jahr 1816 zog Adam Müller das ernüchternde Fazit:

Nichtsdestoweniger ist in dem allwissenden Jahrhundert kein Gegenstand unerforschter und geheimnisvoller als das Geld und unter allen Fortschritten des Jahrhunderts keine Wissenschaft so stationär als die Nationalökonomie. (in: Geschichte der Ökonomie)

Zwei neuere Beiträge versuchen dem Phänomen Geld auf die Spur zu kommen. Zum einen Florian Semle in Gott als Währungshüter: der sakrale Ursprung des Geldes und zum anderen Wolfgang Streeck in dem Interview „Geld ist im Wesentlichen eine Glaubenssache, eine Fiktion, ein Versprechen.“ mit brandeins.

Geld ist letztlich eine Frage des Glaubens, so Streeck mit Blick auf die Entwicklung der Kapitalmärkte in den letzten Jahren:

Was da über die Jahrzehnte stattgefunden hat, ist ein kontinuierlicher Versprechungsaufbau, gegenüber den Kapitalmärkten, aber auch gegenüber der Gesellschaft. Das Versprechen lautet, dass man die Schulden zumindest so weit bedienen kann, dass sich immer noch ausreichend Kreditgeber finden, die den Versprechungen Glauben schenken und uns für kreditwürdig halten.

Semle hebt den sakralen Charakter des Geldes hervor:

Mit dem Glauben lässt sich nicht handeln – aber ohne ihn eben auch nicht. Die metallenen Symbole der sumerischen Himmelsgöttinnen konnten natürlich nicht für Feilscherei und Schuldenmachen verwendet werden. Deshalb blieben Gold und Silber als eine Art Buchwährung in den Steintempeln der Städte, wo ihre sakrale Bedeutung gewahrt werden konnte und der Kurswert gleichsam göttlich verankert blieb.

Bei Niklas Luhmann wird der Glaube an die göttliche Macht durch das Vertrauen in das System ersetzt:

Wer in die Stabilität des Geldwertes und in die Kontinuität einer Vielfalt von Verwendungsmöglichkeiten vertraut, setzt im Grunde voraus, dass ein System funktioniert, und setzt sein Vertrauen nicht in bekannte Personen, sondern in dieses Funktionieren. Ein solches Systemvertrauen wird durch laufend sich bestätigende Erfahrungen in der Geldverwendung gleichsam von selbst aufgebaut. (in: Vertrauen: Ein Mechanismus zur Reduktion sozialer Komplexität).

Laut Luhmann handeln die Banken mit nichts anderem als mit Zahlungsversprechen:

Vor allem aber lassen sich Banken Geld geben gegen das Versprechen, es künftig zurückzuzahlen, und nutzen dann ihrerseits die Zeitspanne aus, um Geld auszuleihen, das heißt: ihrerseits Zahlungsversprechen zu erwerben. Banken handeln also mit Zahlungsversprechen (in: Soziologie des Risikos)

Aaron Sahr betont dagegen das Beziehungsgeflecht des Geldes:

Wer ein Girokonto hat, ist Gläubiger in einem weitverzweigten und hochkomplexen Geflecht aus sich wechselseitig ermöglichenden Zahlungsversprechen. Dieses Geflecht ist ständig in Bewegung und verändert sich. Einerseits haben wir es bei Schulden selbstredend mit terminierten (oder kündbaren) Beziehungen zu tun, die kontinuierlich aufgelöst werden und neu geknüpft werden müssen – indem sich wieder jemand verschuldet. Die Fortsetzbarkeit einer solchen Praxis der Beziehungsknüpfung (Verschuldung) und Beziehungsauflösung (Tilgung einer Schuld) ist also keinesfalls selbstverständlich, sondern sie muss praktisch jeden Abend (etwa durch den Saldenausgleich auf dem Interbankenmarkt) sichergestellt werden. Dass das in der Regel sehr gut funktioniert, ist aus soziologischer Sicht fast schon kurios.

Aber auch langfristig ist das Beziehungsgeflecht dynamisch: wie Zahlungsversprechen ausgestaltet werden, wer sie nachfragt und wem vertraut wird, ändert sich ständig. Man denke nur an die Verdrängung klassischer Bankkonten durch Fonds in den USA, man denke an neue Vertragsformen für Schuldbeziehungen und vieles mehr (in: Das Beziehungsgeflecht des Geldes im Zeitalter von Bitcoin und Fintech: Interview mit Aaron Sahr).

Angesichts des Aufkommens digitaler Währungen ist es, so Michael Paetau, an der Zeit, den Geldbegriff (noch) abstrakter zu fassen:

Es lässt sich also festhalten, dass wir heute aus einer Situation des entwickelten kapitalistischen Finanzwesens heraus behaupten können, dass wir den Geldbegriff abstrakter fassen müssen, als es im Mainstream der Wirtschaftswissenschaften geschieht, indem wir anerkennen, dass Geld zunächst ein System von Kreditkonten und ihrer Verrechnungen ist, und dann erst eine bestimmte Form als Münze, Wechsel, Banknote oder eben Bitcoin annehmen kann (in: Bitcoin und die Provokation der “Blockchain-Economy”).

Kurzum: Geld ist wandlungs- und anpassungsfähig wie kaum ein anderes Medium. Das macht seine ungebrochene Anziehungskraft aus.

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Soziologie der Bankiersvillen

Von Ralf Keuper

Die Zeiten liegen lange zurück, als die Villen von Bankiers ein beliebter Treffpunkt führender Persönlichkeiten aus dem kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Leben waren. In dem Haus von Carl Fürstenberg, dem legendären Chef der Berliner Handelsgesellschaft, verkehrten Persönlichkeiten unterschiedlicher Profession, die sich sonst kaum begegnet wären. Heute sind Bankiers eine aussterbende Spezies. Es regieren die Banker. Deren Wohnhäuser geben kaum Anlass für architekturtheoretische oder soziologische Betrachtungen. Was sagt uns das über die Gegenwart? Dieser Frage geht Marianne Rodenstein in Reichtum in Schönheit verwandeln – zur Soziologie von Bankiersvillen in Hamburg, Frankfurt und Berlin nach.

Was müssen wir uns unter einer Bankiersvilla vorstellen? Rodenstein schreibt:

Die Bankiersvilla ist kein architekturhistorisch einzuordnender Villentypus wie die Künstlervilla, die ein Atelier besitzt, oder die Fabrikantenvilla, die zur Kontrolle der Fabrik in deren Sichtweite liegt. Auch ein Panzerschrank ist noch kein zwingender Hinweis auf eine Bankiersvilla. Die Bankiersvilla ist eine Villa, die sich ein Bankier, den wir uns allerdings immer als sehr reich vorstellen, bauen lässt. Ob es dabei unsichtbare berufsbezogene Regeln zu beachten galt, wird zu untersuchen sein. Soziologisch interessant sind zwei Zeiträume des Villenbaus von Bankiers: die Zeit um 1800, in der die Villenkultur in Deutschland eingeführt wird, und die Periode zwischen 1880 und 1914, in der sie noch einmal aufblüht, dann aber mit modernen Wohnbedürfnissen in Widersprüche gerät und nach dem Ersten Weltkrieg zu einem Neubeginn kommt.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts legten sich die Bankiers in Berlin, Hamburg und Frankfurt Stadtvillen zu. Diese dienten keineswegs nur als Rückzugsort ins Private, sondern waren häufig ein Ort für informelle Begegnungen mit Geschäftspartnern.

In Hamburg und Frankfurt sind die ersten Villen von Bankiers gebaut worden; in Frankfurt sogar ausschließlich. Deren Bewohner waren auf Abstand bedacht.

Die ersten Villen sind in Hamburg mehrheitlich, in Frankfurt ausschließlich von Bankiers gebaut worden, die nicht nur reich, sehr gebildet, kunstliebend und weltläufig waren, sondern die auch in einer gewissen sozialen Distanz zur tonangebenden lutherischen Gesellschaft ihrer Stadt lebten, die vom Kaufmannsgeist dominiert wurde.

Schon damals unterschieden sich der Wohnstil von Privatbankiers und Bankdirektoren:

Während Fürstenberg sich eher wie ein Privatbankier – ganz ähnlich wie die Brüder und Privatbankiers Franz und Robert Mendelssohn – verhielt, repräsentierten die Wohnungen und die Geselligkeit der frühen Direktoren der Deutschen Bank nicht die Deutsche Bank, sondern eher die individuellen Bequemlichkeiten und unterschiedlichen Interessen, aber wohl auch das Bedürfnis, wie der Adel ein Landgut zu besitzen.

Gegen Ende ihres Beitrags wirft Marianne Rodenstein die Frage auf:

Suchen auch wir wie das 19. Jahrhundert mit Hilfe der Architektur nach einem festen Platz in der Geschichte oder wird die alte Pracht wie ein Abendkleid übergeworfen und ist es eher der Wechsel der Szenerien, die Gegenwelt zu unserer, die lockt?

Die Bankiersvilla ist heute wohl kaum noch ein Mittel, um seine gesellschaftliche Position zu bestimmen oder den Bau- und Wohnstil seiner Zeit zu prägen, zumal Bankiers ohnehin kaum noch anzutreffen sind und ihre Banken überdies nicht mehr die Stellung für die Wirtschaft haben, wie im 19. Jahrhundert. Heute dominieren Banktürme die Silhouette von Frankfurt. Berlin und Hamburg sind als Bankplatz von eher untergeordneter Bedeutung. Als Treffpunkt der höheren Kreise der Gesellschaft erfüllt die eine oder andere Bankiers- bzw. Bankervilla sicherlich auch heutzutage noch ihren Zweck. Im Vergleich zum 19. Jahrhundert dürfte das jedoch nur noch ein matter Abglanz sein.

Eine der wenigen Villen eines Bankers, die aus der Reihe fiel, war die von Alexander Dibelius, dem ehemaligen Deutschland- und Osteuropa-Chef von Goldman Sachs. In München hatte er die ehemalige Villa von Thomas Mann nach Originalplänen neu  erbauen lassen. Vor einigen Jahren veräußerte er sie für 30 Mio. Euro. Hier ist es aber wohl eher der Bezug zu Thomas Mann, welcher der Villa dauerhaften Glanz verleiht.

Weitere Informationen:

Palais Epstein

Palais Kaskel-Oppenheim

Die Villa des Bankiers

Ephraim-Palais

Palais Gomperz

Palais Ephrussi

Palais Oppenheim

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Facebook hat ein Auge auf die Bankdaten der Nutzer geworfen

Weitere Informationen:

Facebook Messenger: Der neue Wallet Garden im Banking?

Der Facebook-Skandal und seine (möglichen) Auswirkungen auf das Banking

Von Alibay, der Non-Bank Bank of Facebook und Smart Contracts

Facebook of Banking – eine realistische Perspektive?

Soziale Medien und Messaging-Dienste übernehmen im Banking eine Schlüsselfunktion

Facebook: Mit Bankdaten von Nutzern will der Internet-Gigant neue Services anbieten

facebook will dominierende Zahlungsplattform werden

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Payments mit Blockchain

Von Ralf Keuper

Bislang galt die Blockchain aufgrund der geringen Zahl von Transaktionen, die über sie abgewickelt werden können, als ungeeignet für das Massengeschäft. Zwei aktuelle Meldungen lassen aufhorchen:

Über Beam:

A global payments acceptance platform, Beam, is combining mobile phones and blockchain technology to provide a way of providing that ease-of-use and speed necessary for retail payments. And the company believes the time is right to introduce an alternate mobile payments solution. …

Beam’s technical network now operates in more than 400,000 stores globally with over 5,000 live stores on three continents. Beam has already processed over $250 million in payments for retailers such as Carrefour, Costa Coffee, Aldo, Tommy Hilfiger, and more.

Über Liquineq

Liquineq believes it can disrupt banking by safely and securely processing transactions within a matter of seconds, eliminating long delays in verifying money transfers. Specifically, Liquineq is a permissioned, multi-tier blockchain-based financial platform optimized to address the inefficiencies in the existing banking system. It uses different techniques and layers to address speed and security issues.

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Geoff Jiang discuss Ant Financial’s vision for transforming the financial sector

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Tücken des Kryptoerbes

Von Ralf Keuper

Wer sein Kryptovermögen seinen Erben vermachen will, sollte zuvor sicher gehen, dass diese im Erbfall auch tatsächlich Zugriff auf die Bitcoins oder andere digitale Währungen haben. In Kryptisches Erbe in der FAZ vom 18.07.18 wird von dem Fall des Kryptomillionärs Matthew Mellon berichtet, der seinen Erben ein Vermögen im Wert von mehreren Millionen Dollar – angelegt in der Kryptowährung Ripple – vermachte bzw. vermachen wollte. Das Problem war, dass die Erben nicht im Besitz des Private Key waren, der zwingend nötig ist, um an das Vermögen zu gelangen. Der Rat der Autoren:

Gehört Kryptovermögen zum Nachlass, sollten Erblasser sicherstellen, dass ihre Erben im Todesfall Zugriff auf diese Vermögen haben. Dazu benötigen sie die Keys. Anderenfalls wird das Vermögen mit dem Tod des Anlegers vernichtet. Auf der anderen Seite muss zu Lebzeiten der Zugriff für unberechtigte Dritte effektiv verhindert werden. Das liegt an der besonderen Abwicklung von Geschäften mit Kryptowährungen: Eine Transaktion kann nur auslösen, wer die Keys kennt. Gleichzeitig werden Identität, Unterschrift oder Berechtigung nicht überprüft. Wer Zugriff auf den Key hat, erhält deshalb Zugriff auf das Vermögen.

Eine Alternative können sog. Multi-Signature Wallets sein:

Eine Transaktion kann dann beispielsweise nur durch mindestens zwei von drei Keys ausgelöst werden. Der Erblasser kennt alle drei Keys. Schutz des Vermögens wird erreicht, wenn zwei Keys sicher und getrennt voneinander verwahrt werden. Erst im Todesfall werden die verwahrten Keys den Erben zur Verfügung gestellt und damit der Zugriff auf das Erbe gewährt.

In gewisser Weise ist ein Kryptokonto mit einem Nummernkonto vergleichbar. Wer die Nummer bzw. den Private Key kennt, ist im Vorteil. Eine Möglichkeit könnte die Hinterlegung eines Private Key bei einer vertrauenswürdigen Instanz wie einer Bank bzw. Kryptobank.

Seit einiger Zeit wird intensiv darüber diskutiert, wie sich der Private Key im Verlustfall wiederherstellen lässt bzw. wie der Verlust verhindert werden kann. Eine Auswahl von Beiträgen:

How can I recover my Bitcoin private key I lost? If you can help I will reward you with 1 whole coin all for yourself.

Private Key Recovery Combination Attacks

Key escrow

The Risks of Key Recovery, Key Escrow, and Trusted Third-Party Encryption

 

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