Als sich Bankiers noch der Ortografie widmen konnten

Von Ralf Keuper

Das waren noch Zeiten, als Bankiers der Ortografie noch ihre ungeteilte Aufmerksamkeit schenken konnten. Legendär sind die an Pedanterie grenzenden Regeln für die schriftliche Kommunikation, die im Bankhaus von Siegmund Warburg galten, wie Jacques Attali in seiner Biografie über den Bankier schildert:

“Stil” ist Siegmunds Steckenpferd, und das Wort “gediegen” gilt für alles, was bei ihm vorgeht. So sind auch die internen Notizen, die er als “gelbe Blätter” bezeichnet, in sehr gepflegter Form abzufassen. Und es erfüllt ihn mit Stolz, als der Gouverneur der Bank von England ihm eines Tages sagt, seine Briefe seien besser geschrieben als die meisten, die er aus der City bekommt.

Auch die Führungskräfte konnten dem strengen Blick des Chefs nicht entgehen; insbesondere die jüngeren von ihnen. Nichts wurde dem Zufall überlassen:

Einer der “Jungen” muss von jeder wichtigen Sitzung eine Niederschrift anfertigen, die Siegmund dann selbst korrigiert, bevor sie im Haus verteilt wird.

In einer weiteren Anekdote wird davon berichtet, dass Warburg einem leitenden Mitarbeiter am Telefon einen Tadel erteilte, da dieser in einem Brief das Komma an der falschen Stelle gesetzt hatte. Für seine Belehrung brauchte Warburg angeblich 45 Minuten.

Ein anderer Bankier mit einer Schwäche für Ortografie war Clemens Plassmann, langjähriges Vorstandsmitglied der Deutschen Bank. Seine promovierten Kollegen überraschte er mit seinem Vorstoss, die Bezeichnung “Dr.” ohne “.” in Briefköpfen, Telefonverzeichnissen und Geschäftsberichten anzuwenden, wie der SPIEGEL in Deutsche Bank: Punkt-Spiel im Vorstand berichtete:

Clemens Plassmann hatte bereits vor Jahren, als er noch Vorstandsmitglied der Deutschen Bank war, orthographische Studien betrieben. Das Thema seiner selbstgewählten Arbeit lautet: Darf hinter der Abkürzung Dr. ein Punkt stehen oder nicht?

Mit Entschiedenheit verneinte der Bankier diese Frage. Wenn eine Abkürzung, so befand er, aus dem ersten und dem letzten Buchstaben eines Wortes bestehe, müsse hinter dieser Abkürzung der Punkt verschwinden. Lediglich bei einer Abkürzung, die den letzten Buchstaben nicht enthalte, etwa bei dem Wort “Ingenieur” (Ing.), sei der Punkt unerläßlich.

Mit dieser Gedankenfrucht machte Plassmann seine Vorstandskollegen in einem Privatissimum bekannt und schlug vor, den promovierten Mitgliedern des Hauses den Punkt hinfort zu nehmen. Verblüfft über so viel hartnäckige Gelehrsamkeit ließen ihn die Herren gewähren. Den ersten Mann im Vorstand der Deutschen Bank AG, Hermann Josef Abs, interessierte die Neuerung ohnehin nicht – Abs macht von seinem Ehrendoktor-Titel öffentlich keinen Gebrauch.

Der gesamte interne Schriftverkehr der Deutschen Bank wurde “reformiert”:

Die Doktortitel aller Angestellten in den drei Zentralverwaltungen und rund 460 Filialen des Instituts wurden auf Plassmanns Betreiben entpunktet. Aus sämtlichen internen Telephonverzeichnissen der Bank ist der Doktorpunkt verschwunden. Lediglich die Titel der Aufsichtsräte und Beiräte der Deutschen Bank blieben von Plassmanns Reform verschont.

Abweichungen wurden fortan nicht geduldet, auch wenn das hin und wieder zu Verwirrung führte:

Als in einem von Plassmann angefertigten Geschäftsbericht die Doktoren des Aufsichtsrats und der Beiräte Punkte hatten, die Vorstandskollegen und Direktoren hingegen nicht, versah der Setzer alle Titel mit dem hergebrachten Zeichen. Auf den noch feuchten Druckfahnen strich Plassmann die Punkte bei den Vorstandsmitgliedern unverzüglich wieder aus. Der Setzer, gänzlich verwirrt, ließ nunmehr die Punkte bei sämtlichen Doktoren in Vorstand, Aufsichtsrat und Beiräten weg. Erst der dritte Korrekturabzug fiel zu Plassmanns Zufriedenheit aus.

Ordnung muss sein.

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Sparkassen: Quo vadis?

Von Ralf Keuper

Das Wettbewerbsumfeld der Banken hat sich in den letzten Jahren deutlich verändert. Waren es in der Vergangenheit immer andere Banken, die als neue Mitbewerber auftraten, wie Autobanken oder Direktbanken, sind es nun vorwiegend sog. Non- oder Near Banks, die den Banken das Leben schwer machen. Die Plattformökonomie ist ein Organisationsmodell, das nicht nur für die Banken ungewohnt ist. Es fehlt an Erfahrung und technischem Know How sowie an der nötigen Präsenz, kritischen Masse im Netz.

Eigentlich bringen dezentral organisierte Gruppen, wie die Sparkassen, gute Voraussetzungen mit, um den Wandel in eine Netzwerkorganisation zu vollziehen. Die Realität sieht dagegen anders aus: Die Zahl der Filialen ist stark rückläufig, die Geschäftspolitik zunehmend in der Kritik, die Beschäftigtenzahlen seit Jahren im Sinkflug;  Rückschläge, wie bei Paydirekt, trüben die Stimmung. Ob Initiativen wie Yomo oder YES an dem Status quo etwas ändern können oder doch nur kosmetische Maßnahmen sind, bleibt abzuwarten. Eher nicht.

Jedoch könnte man bei den Sparkassen darauf hinweisen, dass ihnen in der Vergangenheit schon häufiger der Niedergang prophezeit wurde, wie im Jahr 1989, als eine McKinsey-Studie hohe Wellen schlug (Vgl. dazu: Falsche Produkte, falsche Kunden: Deutschlands Sparkassen und Landesbanken gehen harten Zeiten entgegen). Ein Jahr früher setzte sich das manager magazin kritisch mit der Zukunft der Sparkassenorganisation auseinander (Vgl. dazu: Sparkassen: Bald nur noch 3. Liga?).

McKinsey empfahl damals, die Zahl der Sparkassen zu reduzieren und die Landesbanken unter der Deutschen Girozentrale zu vereinen. Für den damaligen Sparkassenpräsidenten, Helmut Geiger, war die Zusammenlegung der Landesbanken eine Schicksalsfrage. Die Kräfte der öffentlich-rechtlichen Banken seien zu zersplittert (Vgl. dazu: Landesbanken: Geplatzte Fusion).

Ungefähr zehn Jahre später sorgte eine weitere McKinsey-Studie für Aufsehen.

Tenor:

Die deutschen Sparkassen laufen Gefahr, beim Electronic Banking und damit in einem wesentlichen Teil des zukünftigen Bankgeschäfts von der privaten Konkurrenz abgehängt zu werden. Ohne einen schnellen und einheitlichen Marktauftritt der S-Finanzgruppe im Internet noch in diesem Jahr sei “ein Großteil der Sparkassen in relativ kurzer Zeit existenziell bedroht”.

Die Sorge war weitgehend unbegründet. Die Sparkassen wurden nicht von den Privatbanken abgehängt. Zu dem Zeitpunkt war das Internet lediglich ein weiterer Kanal, auf dem man mit einer Präsenz, wie zuvor mit den Filialen, vertreten sein musste. In gewisser Weise versucht man nun mit Yomo und YES den nächsten Evolutionsschritt. Das Problem ist nur – das Internet kennt kein Regionalprinzip (Vgl. dazu: Das Internet kennt kein Regionalprinzip: Ein Dilemma für die Sparkassen und Genossenschaftsbanken). Zu versuchen, die alten Strukturen mehr oder weniger 1:1 in das Internet zu überführen, wird kaum zu dem gewünschten Erfolg führen. Eher schon Plattformen wie George, und auch hier ist der Erfolg alles andere als sicher.

Das alte Netzwerk, bestehend aus Versicherungen, Leasinggesellschaften, Bausparkassen, Landesbanken, Deka, Sparkassenverlag, Finanz Informatik, wird den Anforderungen der Plattform- und Datenökonomie nicht mehr gerecht. Das Bankgeschäft hat sich auf eine neue Informations- und Abstraktionsschicht verlagert. Hier spielt künftig die Musik.

Die Zahl der Landesbanken ist immer noch hoch. Die Strukturen noch immer hierarchisch, die Nähe zur Politik (Kommunal, Landesebene und Bund) unverändert groß. Nur – die Veränderungen, die sich in den nächsten Jahren abspielen werden, machen vor Deutschland gewiss nicht halt.

In dem White Paper The Empire Strikes Back stellen die Autoren fest:

While attempts to counteract this development by means of lobbying in Berlin, Bonn or Brussels may seem enticing, an objective assessment of overarching global forces reveals that such lobbying has little hope of success. In fact, it would be akin to the Luddite movement, as the efficiency potential offers a far greater benefit to society as a whole than the no longer appropriate protection of particular local spheres of interest represented by individual institutions or groups.

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Privates Geld oder Staatsgeld?

Von Ralf Keuper

Kann Privates Geld wie Bitcoin staatliche Währungen ersetzen? Diese Frage wurde kürzlich auf einem Symposium in Düsseldorf, das von der Hayek-Gesellschaft ausgerichtet wurde, diskutiert. Davon berichtet der Beitrag Privates Geld gegen das Staatsmonopol in der FAZ vom 11.12.17 (Printausgabe).

F.A. von Hayek war der erste namhafte Ökonom, der die Idee des Freigelds in die wissenschaftliche Diskussion, in den “Mainstream” brachte (Vgl. dazu: “Freigeld” alleine bringt nichts). Viele Bitcoin-Anhänger berufen sich auf Hayek und seine Freigeld-Konzeption. Urheber der Freigeld-Theorie war jedoch Silvio Gesell (Vgl. dazu: Der Erfinder des Schrumpfgeldes) Von ihm stammt der Satz “Geld darf nicht rosten”, womit gemeint war, dass Geld nicht gehortet, sondern ausgegeben, investiert werden sollte. Die WIR Bank in der Schweiz mit ihrem eigenen Währungssystem beruft sich u.a. auf Gesell (Vgl. dazu: New Banking: WIR Bank).

In dem eingangs erwähnten Beitrag wird u.a. der Wirtschaftswissenschaftler Ernst Baltensperger direkt und indirekt zitiert:

“Hayek hat die Kosten und Ineffizienz multipler Währungen unterschätzt” .. Ständiges Umtauschen und Umrechnen verursacht hohe Kosten. .. Auf absehbare Zeit würden die neuen Digitalwährungen den staatlichen Währungen keine nennenswerte Konkurrenz machen, glaubt Baltensperger. Historisch habe sich gezeigt, dass selbst in Zeiten hoher Inflation die Menschen beim Staatsgeld bleiben. Nur in Extremsituationen flüchten sie in Alternativgeld. Das ist aktuell in Venezuela zu sehen, wo Bürger verzweifelt ihr verbliebenes Vermögen zu retten versuchen …

Weiterhin wird der ehemalige Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Thomas Mayer, zitiert:

Bei der nächsten Finanzkrise, die uns in der nächsten Rezession droht, wird es den Zentralbanken schwer fallen, das Kreditgeldsystem noch einmal zu retten. … Wo staatliche Autorität zerbröckelt, wird sich das Privatgeld durchsetzen. Wo es der Staat schafft, seine Autorität zu erhalten, wird sich das Staatsgeld durchsetzen.

Das häufig erwähnte Beispiel von Venezuela mit dem “Petro” ist kaum als Vorbild geeignet (Vgl. dazu: Venezuela und die neue Krypto-Währung).

In Australien erwägt die Notenbank einen Staats-Coin herauszugeben (Vgl. dazu: Australiens Notenbank erwägt Staats-Coin). Ähnliche Bestrebungen gibt es seit einiger Zeit in Schweden und Singapur (Vgl. dazu: Blockchain: Das Establishment schlägt zurück #2).

In seinem Kommentar in derselben FAZ-Ausgabe bezieht der Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer, in Verdrängt Bitcoin den Euro? Position. Resümierend hält er fest:

Die Hürden für privates Geld sind hoch. Zumindest in den Industrieländern wird sich wohl keine stabile Nachfrage nach Bitcoin entwickeln. Der Bitcoin dürfte weiter Achterbahn fahren.

Von den Bitcoin-Befürwortern wird dessen technische Überlegenheit als das entscheidende Erfolgskriterium ins Feld geführt (Vgl. dazu: 7 beliebte Bitcoin-Irrtümer: Warum die Kryptowährung technisch überlegen ist – Experte Dr. Viktor Becher). Das ist Ausdruck des Glaubens, Technik verhalte sich neutral. Wie ein Blick in die Technikgeschichte und die jüngste Entwicklung in der Bitcoin-Community zeigt, ist das ein frommer Wunsch und realitätsfern (Vgl. dazu: Bitcoin soziologisch betrachtet #1 ).

In The social life of Bitcoin heisst es an einer Stelle:

What looks like an apolitical technological network from a distance becomes socially nuanced and politically loaded once one starts looking at who is mining, where, with whom and with what.

Sicherlich ist die technische Entwicklung bei Bitcoin und den anderen aktuellen Digitalwährungen noch nicht an ihr Ende gelangt, wie das Lightning Network zeigt. Technik alleine ist allerdings nicht das Problem. So “einfach” ist es nicht. Das setzt einen Strukur- bzw. Stilwandel in Wirtschaft und Gesellschaft voraus. Bitcoin wird davon m.E. nicht profitieren, wohl aber andere digitale Währungen, die noch kommen werden. Ob es sich dabei dann um Privatgeld oder Staatsgeld handelt, wird sich zeigen.

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Bericht vom Berlin FinTech Day

Von Ralf Keuper

Vorgestern war ich zu Gast beim Berlin FinTech Day, der jährlich vom Berliner Börsenkreis ausgerichtet wird. Der Börsenkreis ist eine Initiative von Berliner Studenten.

Thema unseres Panels, d.h. von Jessica Holzbach (getpenta), Bastian Krautwald (Compaio) und mir, war Fintech – Hype oder nachhaltiges Ökosystem.

Von links nach rechts: Ralf Keuper (Bankstil), Jessica Holzbach (getpenta) und Bastian Krautwald (Campaio)

Moderiert wurde das Panel von dem bekannten Börsenjournalisten Manuel Koch von Inside Wirtschaft.

Manuel Koch leitete die Diskussion mit der Frage ein, ob angesichts der Tatsache, dass in diesem Jahr lediglich 30 neue Fintech-Startups in Deutschland an den Start gegangen sind, von einem Einbruch bzw. einer Trendwende gesprochen werden könne. Auf dem Podium waren uns einig darin, dass es sich um eine Normalisierung und weniger um einen Bruch handelt. Jedoch ist die Sturm-und Drangperiode wohl vorbei. In Deutschland hat der Fintech-Boom, im Vergleich zu den USA und Großbritannien, erst spät eingesetzt, so dass die Entwicklung bei uns zeitversetzt verläuft. Noch später als Deutschland waren übrigens Frankreich und Japan dran.

Natürlich waren auch Bitcoin und die Blockchain ein Thema. Kaum jemand auf der Veranstaltung bestritt, dass es sich inzwischen um eine Blase handelt. Trotzdem wird digitalen Währungen an sich eine große Zukunft attestiert. Blockchain, wie überhaupt den Distributed Ledger Technologies gehört die Zukunft – gerade in Berlin, das eine der Blockchain-Hochburgen weltweit ist. Die Blockchain mit ihrem betont dezentralen Ansatz passt überdies gut zum europäischen Wirtschaftsstil. Insofern bietet sich für Deutschland und Europa die Gelegenheit, ein eigenes Ökosystem zu bilden, das unabhängig(er) von den großen digitalen Plattformen (Amazon, Google, Alibaba etc.) ist.

Auf Fragen aus dem Publikum, welche Faktoren es bei der Gründung eines Fintech-Startups zu beachten gilt, konnten Jessica und Bastian wichtige Tipps und Ratschläge geben. Von Vorteil ist es, wenn das Gründungsteam aus Mitgliedern mit unterschiedlichem Fachwissen und Charakteren besteht. Auch sollte es möglich sein, sich nach Kontroversen wieder in die Augen schauen zu können. Wer auf der Suche nach Finanzierungen ist, hat in Berlin mit seiner großen Zahl an Acceleratoren und Inkubatoren gute Chancen, wenngleich sich nur wenige auf Fintech-Startups spezialisiert haben. Man sollte sich nicht scheuen, die Kapitalgeber im Gespräch mit Fragen zu bombardieren (Jessica).

Das Banking wird sich künftig auf Plattformen abspielen. Ob Banken dabei noch eine relevante Rolle übernehmen, ist nicht sicher. Vorstellbar ist, dass mehrere Fintech-Startups sich zusammen schließen und ihre Leistungen auf einer gemeinsamen Plattform anbieten. Parallel dazu werden die großen Internetkonzerne, häufig auch GAFAA (Google, Amazon, Facebook, Apple, Alibaba) genannt, eine wichtige Rolle spielen.

Auch die anderen Panels sowie die Vorträge, darunter von Erik Prodzuweit von Scalable, waren informativ und zum Weiter Denken anregend.

Die Location war mit dem Lichthof der TU Berlin außerordentlich gut gewählt. Die Panels und Vorträge fanden in den anliegenden Seminarräumen statt.

Manuel Koch führte mit Finn Kordon und Nico Koller vom ausrichtenden Berliner Börsenkreis ein Interview zu ihrer Motivation, den Berliner Fintech Day auch dieses Jahr wieder durchzuführen, sowie zur bisherigen Resonanz und zur Organisation.

Den Veranstaltern an dieser Stelle ein großes Kompliment! Gerne weiter so.

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Transformationen im österreichischen Bankensystem seit Mitte der 1950er Jahre

Der seit der Rekonstruktion nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges abgelaufene strukturelle Wandel im österreichischen Bankensystem erscheint in mehrfacher Weise determiniert. In genereller Hinsicht durch ein Zusammenspiel und durch gegenseitige Bedingung von ökonomischen Notwendigkeiten und Veranlassungen sowie spezifischen Interessenslagen im Bankensystem bzw. bei den Instituten und Sektoren einerseits und wirtschaftspolitischen sowie parteipolitischen Intentionen und Strategien andererseits. Und in spezieller Hinsicht durch eine spezifische Form der sukzessiven Liberalisierung des Bankenmarktes, in Verbindung mit entsprechenden Veränderungen der Kapitalmarktstrukturen, daraus folgenden spezifischen Ausprägungen von Konkurrenzverhältnissen und Konzentrationsprozessen, durch zum Teil damit verbundene Veränderungen in Unternehmensformen und Organisationsstrukturen sowie durch eine spezifische Gestaltung von Regulierung bzw. Staatseinfluss sowie Staatsbeteiligung.

Betrachtet man die aktuellen Vorgänge im Umgang mit der rezenten Finanzkrise, so fällt im Einklang mit der internationalen Entwicklung eine Tendenz zur Zunahme von Regulierung bzw. Staatseinfluss sowie Staatsbeteiligung auf. Nun zeigt der Blick in die jüngere österreichische Bankengeschichte, dass, aufbauend auf entsprechenden Schritten in den 1970er Jahren, ab Mitte der 1980er Jahre die Staatskomponente und Regulierungsdichte signifikant reduziert worden ist. Davor aber hat es, ausgehend von der Rekonstruktion im ersten Nachkriegsjahrzehnt, eine hohe Staatskomponente sowie eine vergleichsweise rigide Marktordnung und eine ausgeprägte politische Einflussnahme, vor allem auf die Besetzung der Spitzenfunktionen gegeben, worin, so wie in anderen Bereichen, der großkoalitionäre Proporz und die dominante Position der Sozialpartnerschaft einen konkreten Niederschlag gefunden hatten. …

Quelle: Dirninger, Christian: Transformationen im österreichischen Bankensystem seit Mitte der 1950er Jahre, in: Ahrens, Ralf / Wixforth, Harald (Hg.): Strukturwandel und Internationalisierung im Bankenwesen seit den 1950er Jahren, in: Geld und Kapital. Jahrbuch der Gesellschaft für mitteleuropäische Banken- und Sparkassengeschichte 2007/08, Stuttgart 2010, S. 141-173

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Hat Bitcoin seine Mission verfehlt?

Von Ralf Keuper

Kaum ein Thema wird in der Finanzszene so kontrovers diskutiert wie Bitcoin. Im Kern geht es dabei um die Frage, ob Bitcoin das Zeug dazu hat, die heutigen, staatlich gedeckten und regulierten Währungen ersetzen zu können. Trotz der enormen Kurssteigerung der letzten Wochen und Monate halten die meisten, so zumindest mein Eindruck, Bitcoin inzwischen für deutlich überbewertet. Eine klassische Spekulationsblase. Hinzu kommen noch die Streitigkeiten im Zusammenhang mit der Lancierung von SegWit2x (Vgl. dazu: Glaubenskrieg in der Bitcoin-Community).

Unterdessen sind andere zu der Überzeugung gelangt, dass Bitcoin nicht mehr das ist, was es einst behauptete zu sein, wie Adrianne Jeffries in Bitcoin is none of the things it was supposed to be mit großer Ernüchterung feststellt. Das wohl wichtigste Versprechen von Bitcoin war, dass damit die sog. Intermediäre oder Mittelsmänner überflüssig werden. Das Gegenteil ist jedoch eingetreten:

The Bitcoin network is still technically peer-to-peer, but with so many middlemen, it might as well not be. This is not entirely the fault of the greedy middlemen; Bitcoin is simply too intimidating for most non-programmers to use without the help of apps like Coinbase.

Weiterhin:

Bitcoin was supposed to disintermediate the finance industry — the system of banks and middlemen and transaction fees in which a single entity can hold your money hostage. Instead, it replicated this system and made it worse. Ordinary users all trust third parties to verify transactions and hold their money. The price is so volatile that no one wants to use Bitcoin for payments. And thanks to the current bubble, the electricity required to maintain the Bitcoin network is skyrocketing.#

Weitere mächtige Akteure sind die sog. Miner, die, Schätzungen zufolge, inzwischen deutlich mehr als 50 Prozent der Rechenkapazitäten auf sich vereinigen (Vgl. dazu: Bitcoin: Mining Pools werden zum Problem).

Die ursprüngliche Mission von Bitcoin ist, so der Tenor des Beitrags, gescheitert.

Das Thema digitale Währungen ist damit m.E. noch nicht erledigt. Da schließe ich mich Klaus Hommels an, der in einem aktuellen Interview sagt:

Kryptowährungen sind faszinierend, und je mehr man sich damit beschäftigt, desto faszinierender werden sie. Wie immer gibt es einen Superhype und dann knallt es. Doch dann wird es sich in der Masse durchsetzen und massive Umwälzungen geben. Dafür die richtigen Gesetze zu geben, ist unglaublich wichtig. Die Schweiz ist da sehr fortschrittlich und deswegen sind auch viele Kryptowährungen aus den USA in der Schweiz domiziliert. …

Bei den Kryptowährungen sind wir jetzt noch in der Lycos-und MySpace-Phase. Doch wer da Trockentheoretiker bleibt, wird nie die Kriterien verstehen, die letztlich der entscheidenden Firma zum Durchbruch verhelfen

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Mobile Payment develops fast in China – Wechat Pay

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Building the bank of the future with Monzo, N26, and Revolut | Disrupt Berlin

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Die numismatische Sammlung der Deutschen Bundesbank in Frankfurt am Main

Aus der dicht besiedelten numismatischen Sammlungslandschaft in Deutschland ragen vier markante Erhebungen deutlich hervor, die sich, alphabetisch und geographisch geordnet von Nord nach Süd reihen: Berlin, Dresden, Frankfurt am Main und München. Jedes der dort angesiedelten großen Münzkabinette hat sein eigenes Alleinstellungsmerkmal und es herrscht unter ihnen weder Konkurrenz noch Gerangel hinsichtlich einer irgendwie gearteten Vormachtstellung. Ungewollt und unverschuldet fällt jedoch eine Institution aus dem Rahmen, und das gleich in mehrfacher Hinsicht: Die Numismatische Sammlung der Deutschen Bundesbank in Frankfurt am Main. Zwei Dinge sind naturgemäß von Interesse, die Sammlung selbst und ihre Geschichte, wobei die Frage, welcher der wichtigere Aspekt sei, vom Standpunkt und dem Interesse des jeweiligen Betrachters abhängt. Und da sich eine streng getrennte Behandlung beider Gesichtspunkte ohnehin nicht durchhalten lässt, läuft das Folgende zwangsläufig auf eine numismatisch belebte chronologische Institutionengeschichte hinaus.

Quelle: Reinhold Walburg: Die numismatische Sammlung der Deutschen Bundesbank in Frankfurt am Main 

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Bankstil-Jahresrückblick 2017

Von Ralf Keuper

Das Jahr neigt sich dem Ende entgegen. Zeit für einen Rückblick.

Banken auf den Spuren von Stahl und Bergbau

Was sich in den letzten Jahren schon andeutete, wurde 2017 offensichtlich: Die Bankenbranche befindet sich in einem tiefgreifenden Strukturwandel, der durchaus mit dem der Stahl- und Bergbauindustrie in den 1980er und 1990er Jahren verglichen werden kann. So musste KfW Research überrascht feststellen, dass der Abbau von Bankfilialen in den letzten Jahren deutlich stärker war als bislang angenommen. Im Zeitraum 2000 bis 2015 sind 27% der Bankfilialen verschwunden. Dass diese Entwicklung noch lange nicht abgschlossen ist, wurde deutlich, als der Westfälisch-Lippische Sparkassenverband bekannt gab, dass bis 2021 die Hälfte aller Filialen geschlossen werde. Es ist davon auszugehen, dass dies kein ausschließlich westfälisches Phänomen ist.

Weiterer Anpassungsdruck kommt durch die Automatisierung, wie die Robotic Process Automation wie überhaupt durch den Einsatz von Softwarerobotern. Der Chef der Deutschen Bank gab von sich, dass in seiner Bank fünfzig Prozent der Mitarbeiter überflüssig seien. Ihre Tätigkeiten könnten von Softwarerobotern übernommen werden. Auch dies sicherlich kein Phänomen, das sich auf die Deutsche Bank beschränkt.

Dass die Banken und Sparkassen ihre Zukunft selber nicht mehr allzu rosig beurteilen, belegt auch die Tatsache, dass die Zahl der Auszubildenden in den letzten Jahren deutlich abgenommen hat; ganz zu schweigen von der Zahl der nach Ablauf der Ausbildung in ein Festangestelltenverthältnis übernommenen Auszubildenden. Der Beruf des Bankkaufmanns ist ein Auslaufmodell.

Paydirekt bleibt ein Ladenhüter

Wie sehr die Banken die Entwicklung der letzten Jahre hin zur Plattformökonomie, wofür häufig das Synonym GAFAA (Google, Amazon, Facebook, Apple, Alibaba) verwendet wird, unterschätzt haben, lässt sich an dem ausbleibenden Erfolg von Paydirekt ablesen. Auf Paydirekt hat der Markt, haben die Kunden anscheinend nicht gewartet. Dass Banken in ihrer Kerndisziplin, dem Zahlungsverkehr, nur noch Statisten sind, ist eine neue Situation. Ähnliche Erfahrungen stehen den Banken in anderen Bereichen noch bevor.

Es wäre allerdings ungerecht, die Ursache allein in der mangelnden “Execution”, wie überhaupt in Problemen bei der Zusammenarbeit bzw. Koordinierung der verschiedenen Partner zu suchen; das eigentliche Versäumnis liegt fast dreißig Jahre zurück, als die Banken, allen voran die Sparkassen, die Chance gehabt hätten, den Zahlungsverkehr zu modernisieren. Damals war allerdings auch nicht absehbar, dass das Internet und später das Aufkommen der großen digitalen Plattformen und sozialen Netzwerke die Spielregeln fundamental ändern würden. Selbst wenn die Banken vor zehn Jahren zur Aufholjagd angesetzt hätten, wäre es m.E. bereits zu spät gewesen.

Banken werden von GAFAA “versklavt”

Die Banken, und das ist historisch ein neues Phänomen, sind nicht mehr die zentrale Clearingstelle für die Daten- und Informationsflüsse in der Wirtschaft. Diese Rolle haben die großen digitalen Plattformen, wie Amazon, Apple, Google, Alibaba und weitere übernommen, die eine neue Informations- und Abstraktionsschicht im Banking eingeführt haben. Sicherlich stiftet das Wort “versklavt” einige Verwirrung und es ist gewiss hart formuliert, nur: Wie der Begründer der Synergetik, Hermann Haken, betont, werden in komplexen Systemen die relevanten Informationen, der Gesamtzusammenhang, durch sog. Ordner kontrolliert. Diese Ordner sind in der Lage, andere Akteure, die nicht im selben Ausmaß über die relevanten Informationen verfügen, zu versklaven, sich gefügig zu machen. Diese Diagnose stützt sich auch darauf, dass die Banken ihre digitale Souveränität eingebüßt haben, wie zuletzt die Entscheidung von Amazon, seine Sprachassistentin Alexa vorerst nicht den Banken zur Verfügung zu stellen, zeigt.

Blockchain, Distributed Ledger Technologies und Digitale Währungen 

Als wären die Herausforderungen nicht schon genug, kommt mit der Blockchain und den digitalen Währungen eine weitere Welle auf die Bankenbranche zu. Zwar steckt die Technologie noch in der Kinderschuhen und längst nicht alle Blütenträume werden in Erfüllung gehen; auch wird Bitcoin aller Voraussicht nach in einer Nische verweilen und seinen Status als Spekulationsobjekt festigen; auf mittlere Sicht jedoch, werden die verschiedenen Lösungen aus dem Bereich der Distributed Ledger Technologies, wovon die Blockchain nur eine ist, viele Funktionen übernehmen, die heute noch von Banken ausgeführt werden. Mit Hashgraph und IOTA deutet sich die nächste Evolutionsstufe an.

George – Blaupause für die Bank der Zukunft?

Von allen Initiativen der Banken ist und bleibt George, die Banking-Plattform der Erste Bank aus Österreich, der innovativste Ansatz. Schon haben deutsche Banken ihr Interesse an George bekundet. Ob George jedoch mit deutschen Banken und Sparkassen kompatibel ist, darf nach den Erfahrungen der Vergangenheit bezweifelt werden.

Bei der Erste Bank betrachtet man als wichtigsten Mitbewerber ohnehin Amazon – womit sie mindestens einen Erkenntnisschritt weiter sind als ihre deutschen Kollegen. Diese sind mit wichtigeren Themen beschäftigt, wie die Sparkasse Gütersloh, die auch nach sechzehn (!) verlorenen Prozessen in einem arbeitsrechtlichen Verfahren noch immer Siegeszuversicht ausstrahlt …

PSD2 und Open Banking – Chance oder Risiko?

Die Frage, ob PSD2 und Open Banking für die Banken mehr eine Bedrohung als eine Chance sind, wird seit einiger Zeit kontrovers diskutiert. Als Profiteure sehen sich einige Fintech-Startups, die sich als Third Party Provider, vornehmlich im Bereich Kontoinformationen, positionieren wollen. Die Banken schwanken zwischen proaktivem Vorgehen, wie bei der Deutschen Bank, währenddessen andere die weitere Entwicklung abwarten.

GDPR und ePrivacy – auf dem Weg zur Personal Data Bank

Die Umsetzung der GDPR und ePrivacy-Richtlinie im nächsten Jahr wird die Datensouveränität der Verbraucher stärken. Künftig dürfen Unternehmen und Banken die Daten der Kunden nur nach deren expliziter Zustimmung verwenden. Damit steigt der Bedarf an Lösungen, mit deren Hilfe die Kunden ihre personenbezogenen Daten eigenverantwortlich verwalten können oder sie verwalten lassen. Es ist durchaus vorstellbar, dass wir hierzulande, wie in Japan, Personal Data Banks bekommen. Parallel dazu wird in der Industrie der Bedarf an vergleichbaren Lösungen steigen. Die Entstehung von Banken für Maschinen und Produktionsdaten ist keine Utopie. Ob die jetzigen Banken diese Rolle einnehmen werden, ist nicht sicher.

Fintech-Startups kommen in der Realität an

Dass die Fintech-Startups nicht das eigentliche Problem der Banken sind, gehört mittlerweile zum Allgemeingut. Zuletzt warnten das World Economic Forum (WEF), die Bundesbank und McKinsey davor, dass die Banken sich in zu großer Abhängigkeit von den Internetkonzernen begeben könnten. Dieser Fall ist jedoch, wie erläutert, bereits eingetreten.

Die Fintech-Startups haben, wie CORE in seiner Studie The Empire Strikes Back feststellt, nur marginal zu einer Verbesserung in der Wertschöpfungskette geführt. Durch ihr punktuelles Vorgehen und ihre geringen Netzwerkeffekte haben sie den Status quo eher noch befördert.

Zusammenfassung

Im Jahr 2017 hat die Branche weitere strategische Wendepunkte (Andy Grove) passiert. Es ist inzwischen unübersehbar, dass sich die Marktstruktur durch den Wandel hin zur Datenökonomie drastisch ändert. Die Banken haben in der Vergangenheit, so Viktor Mayer-Schönberger, zu wenig aus ihren Daten gemacht. Es zeichnet sich ab, dass die Banken sich künftig als Infrastrukturanbieter positionieren werden. An der Benutzerschnittstelle dominieren dagegen andere – wie Facebook, Amazon, Apple, Google, Alipay oder WeChat, wie überhaupt die sozialen Messaging-Dienste. Die Banken, so der Medienphilosoph Vilem Flusser bereits vor etlichen Jahren, verwenden, ebenso wie die Medienindustrie, einen veralteten Schaltplan, d.h sie setzen auf Verbündelung statt auf Vernetzung.

Das Geschäftsmodell der Banken, das überwiegend im Bilanzmanagement besteht, hat sich überlebt. Es ist daher relativ unwichtig, ob und wie lange die Niedrigzinsphase noch anhält.

Der Strukturwandel wird weiter gehen. Ergebnis ist eine völlig veränderte Bankenlandschaft, die wir uns noch nicht oder nur sehr schwer vorstellen können. Banken, und das muss immer wieder betont werden, sind Produkte ihrer Zeit und damit vergänglich. Unser jetziges Bankensystem ist weitestgehend im Zuge der Industrialisierung und mit dem Aufkommen der Massengesellschaften entstanden. In der Digitalmoderne, im Zeitalter der Datenökonomie werden andere Institutionen benötigt. Wir befinden uns im Sinne des Wirtschaftshistorikers Karl Polanyi in einer weiteren Great Transformation (Vgl. dazu: The Great Transformation im Banking).

Das Internet, der Medienwandel erschaffen neue Symbolwelten, die die alten ablösen. Banken sind Symbole der Vergangenheit – wie der Bergbau und die Tante Emma – Läden.

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