Das veränderte Rollenbild des Bankiers (Carl Fürstenberg)

Jede Zeit hat ihre eigenen Aufgaben zu lösen gehabt. Ich stamme aus einer Generation, in der Theorie und Praxis sich noch beinahe als feindliche Brüder gegenüberstanden. Der Gelehrte blickte auf den nicht akademisch gebildeten Kaufmann herab, der Kaufmann zahlte diese Gefühle dem theoretisch tiefgründigen, in seinen Augen aber praktisch ahnungslosen Akademiker reichlich heim. In der Zeit eines von außen nicht gestörten wirtschaftlichen Aufbaus waren wir Männer des neuen deutschen Kaiserreichs viel zu sehr mit praktischer Arbeit überlastet, als dass wir die Möglichkeit gehabt hätten, in die Tiefe der Theorie einzudringen, ohne ein gut Teil unserer Produktivität aufzugeben.

Seither haben sich die Grenzen zwischen Gelehrten und Praktikern verwischt. Der Bankier ist gezwungen worden, Währungstheoretiker, Nationalökonom und Steuerjurist zu werden, wenn er seinen Aufgaben noch gerecht werden soll. So manche unserer jüngeren Bankiers sind doctores, wenn nicht sogar professores. Auf der anderen Seite sind mehrere unserer Gelehrten zu wirtschaftlichen Gutachtern oder Unterhändlern geworden, und aus den Reihen der hohen Beamtenschaft ist eine ganze Anzahl von Leitern großer Wirtschaftskonzerne hervorgegangen. Vor dreißig Jahren lagen die Verhältnisse noch ganz anders.

Quelle: Carl Fürstenberg: Die Lebensgeschichte eines deutschen Bankiers

Anmerkung zur Einordnung von Helge Hesse per twitter:

“Die Lebensgeschichte eines deutschen Bankiers 1870 bis 1914” zum Leben Carl Fürstenbergs wurde 1931 von dessen Sohn Hans Fürstenberg herausgegeben.

Besten Dank für den Hinweis!

Weitere Informationen:

Informatiker für Bankvorstände

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Inside Lehman Brothers – Whistleblower packen aus | Doku | ARTE

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Technikdeterminismus im Banking

Von Ralf Keuper

Seit einiger Zeit hören und lesen wir, dass alles, was digitalisiert werden kann, früher oder später auch digitalisiert wird – das gilt natürlich auch für das Banking. Hier scheint das Potenzial sogar besonders hoch zu sein. Nach Ansicht von David Brear und anderer in der Fintech-Szene ist die Digitalisierung im Banking erst zu 1 % umgesetzt.

Demgegenüber ist Jürgen Jasperneite, der am Fraunhofer IOSB-INA in Lemgo im Bereich der intelligenten Automation forscht, der Auffassung, dass Disruption und Automatisierung nicht zueinander passen. Wir müssten uns von der Vorstellung lösen, Digitalisierung ausschließlich durch die technologische Brille zu betrachten. Es gebe keinen Technikdeterminismus; keine neue Technologie oder Produktentwicklung ist automatisch disruptiv. Solange die Wirtschaft die Bedürfnisse real existierender Menschen befriedigt, ist es, so der Philosoph Julian Nida-Rümelin in einem aktuellen Interview mit der SZ, kontraproduktiv, die Abnehmer wie Softwaresysteme zu behandeln. Nida-Rümelin zieht einen Vergleich zu der Zeit, als die ersten mechanischen Uhren eingeführt wurden. Heute hätten wir es mit einem weiteren technizistischen Paradigma zu tun: Der Digitalisierung.

Was heisst das eigentlich? 1 und 0, Strom fließt oder er fließt nicht. Auf dieser Grundlage kommt eine Technologie in Gang, die ganz neue Welten erschließt. Unsere Weltwahrnehmung wird eine andere. Wir interpretieren uns selbst als Softwaresystem. Aber wie bei der Welt als Uhr wird man sehr bald merken, dass das nicht das passende Paradigma für den Menschen ist (in: Erotik der Maschinen, SZ vom 18.09.2018)

Sofern wir dieser Argumentation folgen, ist die Digitalisierung alles dessen, was sich digitalisieren lässt, übertragen auf den Menschen, inhuman.

Der Wissenschaftsphilosoph Karl Popper lehnte alle holistischen Ansätze und jedweden Determinismus kategorisch ab. Statt utopischer Technikentwürfe, die mit absoluten Ansprüchen auftreten, bevorzugte er die Stückwerk-Technik:

Einer der Unterschiede zwischen der utopischen oder holistischen Haltung und der Stückwerk-Technik lässt sich so formulieren: Während der Stückwerk-Ingenieur sein Problem angehen kann, ohne sich bezüglich der Reichweite seiner Reform festzulegen, kann der Holist dies nicht tun, denn er hat von vornherein entschieden, dass eine vollständige Umformung der Gesellschaft möglich und notwendig ist.

In den vergangenen Jahrzehnten hat das Transaction Banking das Relationship Banking verdrängt. Eine Folge davon war die letzte Finanzkrise. Zu den wenigen Banken, die das Relationship-Banking mit großem Erfolg praktizieren, zählt die Signature Bank. Ein neues Aufgabenfeld für Banken ist die Digitale Ethik (Vgl. dazu: Banken für digitale Ethik – Personal Data Banks).

Technologie ist Mittel zum Zweck, aber nicht der Zweck. Oder wie Ernst Cassirer es in Form und Technik formulierte:

In diesem Aufbau des Reiches des Willens und der Grundgesinnung, auf der alle sittliche Gemeinschaft ruht, kann die Technik immer nur Dienerin, nicht Führerin sein. Sie kann die Ziele nicht von sich aus stellen, wenngleich sie an ihrer Verrichtung mitarbeiten kann und soll; sie versteht ihren eigenen Sinn und ihr eigenes Telos am besten, wenn sie sich dahin bescheidet, daß sie niemals Selbstzweck sein kann, sondern sich einem andern »Reich der Zwecke«, daß sie sich jener echten und endgültigen Teleologie einzuordnen hat, die Kant als Ethiko-Teleologie bezeichnet. In diesem Sinne bildet die »Entmaterialisierung«, die Ethisierung der Technik eines der Zentralprobleme unserer gegenwärtigen Kultur. Sowenig die Technik, aus sich und ihrem eigenen Kreis heraus, unmittelbar ethische Werte erschaffen kann, sowenig besteht eine Entfremdung und ein Widerstreit zwischen diesen Werten und ihrer spezifischen Richtung und Grundgesinnung.

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Bitcoin – Riskante Geschäfte im Hinterhof | phoenix Doku

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Die fast unbegrenzten Einsatzmöglichkeiten des neuen Personalausweises und der eID in der Finanzbranche

Von Ralf Keuper

Im Gegensatz zu früher, als man seine Geschäftspartner häufig noch persönlich kannte, ist es heute, im Zeitalter des Internet, deutlich schwerer, die Integrität des Gegenübers zweifelsfrei festzustellen. Wie kann man sicher sein, dass es sich bei dem potenziellen Kunden um eine Person mit lauteren Absichten und nicht um eine gefälschte Identität oder gar um einen Bot handelt? Woher weiß eine CNC-Fräse in der Produktion, dass die Anfrage einer anderen Bearbeitungsstation berechtigt ist? Um das nötige Vertrauenslevel herzustellen, sind Sichere Verifizierte Digitale Identitäten der Schlüssel. Ein wachsendes Aufgabenfeld für die Anbieter von Sicherheits- und Vertrauenstechnologien bzw. von Unternehmen mit dem Geschäftsmodell Identity as a Service (IdaaS).

Markt mit großem Potenzial 

Die Strategieberatung McKinsey schätzt das Marktvolumen für ID Verification as a Service für das Jahr 2022 auf bis 20 Mrd. Dollar. Im Jahr 2017 lag das Volumen laut McKinsey noch bei 10 Mrd. Dollar weltweit. Die nach wie vor umfassendste Studie des Marktes für Digitale Identitäten ist Research on Identity Ecosystem. Darin wird der Markt für die personenbezogenen Daten in die Betrachtung mit einbezogen. Die Strategieberatung BCG veranschlagte vor einigen Jahren in ihrer Studie The Value of Our Digital Identity den Markt für personenbezogene Daten auf bis 90 Mrd. Dollar pro Jahr. Das World Economic Forum (WEF) hält einen globalen Standard für digitale Identitäten nicht nur aus Sicht der Finanzbranche für wünschens- und erstrebenswert (Vgl. dazu: A Blueprint for Digital Identity The Role of Financial Institutions in Building Digital Identity).

Einsatzmöglichkeiten des neuen Personalausweises (nPA) und der elektronischen Identität (eID) in der Finanzbranche

Die Banken und einige Fintech-Startups sind gesetzlich dazu verpflichtet, die Identität ihrer Kunden zu verifizieren (KYC). Bei größeren Finanztransaktionen müssen Banken sicherstellen, dass es sich dabei um keine Geldwäsche handelt (AML). Im analogen Zeitalter mussten Kunden bei der Kontoeröffnung ihren gültigen Personalausweis oder Reisepass vorlegen, der dann häufig kopiert und in die Kontounterlagen eingeräumt wurde. Zwischenzeitlich wurde der Personalausweis digitalisiert bzw. um eine Online-Ausweisfunktion ergänzt. (Vgl. dazu: Der Personalausweis mit Online-Ausweisfunktion).

 Durchgängiges digitales Onboarding mit Authada: Vom Auslesen bis zur (rechtsgültigen) Unterschrift

Seit einiger Zeit ist es möglich, den Ausweis mit dem Smartphone oder Tablet auszulesen, wie mit der Authada-App  und der Lösung ident. Dabei wird die elektronische Identität des Personalausweises binnen weniger Sekunden übermittelt.

Daneben besteht die Möglichkeit, den Personalausweis mit Authada onsite Vor-Ort auszulesen. Dabei liest ein Mitarbeiter den Ausweis direkt am Point of Sale mit einem mobilen Endgerät, Smartphone oder Tablet, aus. Die Daten werden dann elektronisch ausgelesen, in ein Formular übernommen und somit die Fehlerquote beim Erfassen der Daten drastisch reduziert.

Mit Authada sign können Verträge papierlos, mobil und automatisch in wenigen Minuten abgeschlossen werden. Der Kunde unterschreibt mit seiner Qualifizierten Elektronischen Unterschrift (QES). 

Die sichere und schnelle Authentifizierung nach PSD2 lässt sich über die Integration von Authada verify als SDK in die Geschäftsprozesse realisieren.

Alle Authada-Lösungen sind konform zu den regulatorischen Anforderungen der Finanzbranche und anderen (Geldwäschegesetz, Telekommunikationsgesetz, E-Government-Gesetz, Zahlungsdiensteaufsichtsgesetz, DSGVO, ePrivacy und eIDAS-Verordnung). Der eID Core von Authada ist seit Anfang 2018 BSI-zertifiziert.

In einem Interview berichtete Jörg Jessen, CEO und einer der Gründer von Authada, von einer ungewöhnlich hohen Conversion Rate, die sich mit den Authada-Lösungen erreichen lässt. Damit hebe man sich deutlich von anderen Verfahren wie Video Ident und PostIdent ab:

„Für unsere B2B-Kunden bieten wir mit unseren Produkten einen Service zum online Ausweisen an, der die Absprungrate im Onboarding-Prozess unschlagbar gering hält. Die Schnelligkeit des Prozesses trägt dazu bei. Mit unseren Lösungen identifizierensich Bürger innerhalb von Sekunden – und zwar zu jeder Tages- und Nachtzeit und von überall aus. Das sind die Hauptvorteile im Customer-Onboarding-Prozess oder anders gesagt: Onboarding geht mit uns in Sekunden und rechtskonform. Ein weiterer entscheidender Unterschied ist die Skalierbarkeit – unsere eID-Lösungen sind rund um die Uhr verfügbar. Unsere hoch performanten Services skalieren und erlauben unseren Kunden ihre Produkte und Service jederzeit und ortsunabhängig anzubieten. Durch BSI-Zertifizierung, State-of-the-Art Verschlüsselung und unser hochsicheres Rechenzentrum sorgen wir außerdem für den sichersten Identifizierungsservice am Markt.“

Digitales Onboarding der nächsten Generation 

Über die große Bedeutung eines reibungslosen digitalen onboardings herrscht – branchenübergreifend – große Einigkeit. Fast immer wird dabei die Customer Experience bzw. die Customer Journey in den Vordergrund gerückt. Wer den Anmeldeprozess so intuitiv und so selbsterklärend wie möglich gestaltet, hat die besten Chancen, (Neu-)Kunden für sich zu gewinnen. Sicherheitsaspekte geraten dabei nicht selten in den Hintergrund – sie gelten sogar als potenzielle Show-Stopper. Dabei brennen die Themen Datensicherheit und Datenschutz vielen Banken auf den Nägeln, wie aus dem Branchen Kompass Banking 2017 von steria sopra und dem FAZ Institut hervorgeht.

In der Studie Next-Generation Client Onboarding: Wie digital ist das Client Onboarding im deutschen Bankensektor? empfehlen die Autoren von PwC, die Onboarding-Systeme zu verschmelzen. Die Kunden müssen in der Lage sein, sich über alle gängigen Kanäle und Endgeräte anzumelden bzw. zu identifizieren. Insofern dürfte die Entwicklung in Richtung Komplettanbieter für die Verifizierung gehen – wie bei Authada und Wisekey.

Neuer Markt: Login-Allianzen, SSO und Identitätsplattformen

In diesen Tagen haben sich die Login-Allianzen VERIMI und netID in Stellung gebracht. Das gemeinsame Ziel ist, eine Alternative zu den SSO-Lösungen von facebook und Google zu schaffen. Außerdem will man den Nutzern und Unternehmen die Hoheit über ihre Daten und Digitalen Identitäten zurückgeben. Google und facebook kommen für ihre Services bislang ohne verifizierte digitale Identitäten aus. Banken sind jedoch aus den eingangs erwähnten Gründen auf verifizierte (digitale) Identitäten angewiesen. Wer auf seinen Plattformen verifizierte digitale Identitäten anbieten kann, ist für die Werbeindustrie ein hoch interessanter Partner. Vorstellbar ist die Verbreitung von identity based marketing oder object marketing. Damit wäre im Idealfall die direkte Ansprache der Kunden und Objekte möglich. Das wiederum stellt hohe Anforderungen an den Datenschutz und die Datensicherheit. Der Bedarf an Sicherheitstechnologie Made in Germany dürfte dadurch steigen und damit auch die Aussichten für Authada, die Bundesdruckerei und Governikus.

Die nächste Stufe: Verifizierte Attribute und Pseudonymisierung

Die nächste Stufe könnte mit der Verbreitung der Blockchain-Technologie und Standards wie DID kommen. Damit wäre es möglich, nur einzelne für die Identifizierung nötige Merkmale, verifizierte Attribute auszugeben, statt die gesamten personenbezogenen Daten. Beispielhaft dafür ist die Prüfung auf Volljährigkeit. Der neue Personalausweis verfügt übrigens über eine Pseudonymisierungsfunktion. Dabei wird nur das Pseudonym aus dem Personalausweis weitergegeben. Vor einigen Jahren stellten Forscher vom Horst Götz-Institut an der RuhrUni Bochum ein Konzept für das pseudonyme stromtanken mit dem neuen Personalausweis vor.

Rollenverteilung erst am Anfang

Momentan ist noch nicht absehbar, wie das neue Rollenverhältnis auf dem Markt für digitale Identitäten aussehen wird. Werden Banken und Login-Allianzen die neuen Identity-Provider, wird sich die eID für die Erstidentifizierung durchsetzen, wird die Blockchain-Technologie Intermediäre wie Banken und Login-Allianzen ersetzen, welche langfristigen Auswirkungen hat das Open Banking? Wie kann die Industrie sichere digitale Identitäten einführen? Relativ sicher ist, dass es in Zukunft Bedarf an Anbietern geben wird, die zu jeder Zeit und an jedem Ort verifizierte digitale Identitäten über alle gängigen Kanäle und Endgeräte schnell und sicher bereitstellen können – und das unabhängig davon, ob es sich dabei um Identitätsplattformen oder um eine Blockchain handelt. Die eID und die qualifizierte elektronische Unterschrift werden dabei eine Schlüsselfunktion übernehmen.

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Die Geschichte der KfW

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“Hit Refresh. Wie Microsoft sich neu erfunden hat und die Zukunft verändert” von Satya Nadella

Von Ralf Keuper

Nur wenige IT-Unternehmen können sich von behaupten, unseren Alltag so sehr verändert zu haben wie Microsoft. Noch heute sind Windows und MS Office aus den meisten Büros nicht wegzudenken. Dabei hat das Unternehmen bereits vor Jahren erkannt, dass MS Office und Windows auf Dauer nicht reichen werden, um in der Erfolgsspur zu bleiben. Google, Amazon und das unter Steve Jobs wieder erstarkte Apple haben Microsoft in den letzten Jahren stark zugesetzt – das Quasi-Monopol, das Microsoft im Bereich Betriebssysteme und Unternehmenssoftware hatte, ist dahin. Im Markt für Smartphones hat Apple Microsoft abgehängt, bei den mobilen Betriebssystemen dominiert Android und als Suchmaschine geniesst Google nach wie vor die Gunst der meisten Nutzer. Diese Entwicklung blieb Bill Gates und Steve Ballmer natürlich nicht verborgen. Es war klar, dass ein Kultur- und Strategiewandel nötig waren – die alten Haudegen erkannten, dass dies auch durch einen Wechsel an der Spitze sichtbar werden musste. Am 4. Februar 2014 präsentierten Bill Gates und Steve Ballmer der Belegschaft den dritten CEO in der Unternehmensgeschichte von Microsoft – Satya Nadella. In Hit Refresh. Wie Microsoft sich neu erfunden hat und die Zukunft verändert berichtet Nadella davon, welchen Herausforderungen er sich in seiner neuen Rolle zu stellen hatte.

Nadella, geboren und aufgewachsen in Indien, machte sich sogleich ans Werk. Sein Hauptaugenmerk galt dabei der Wiederbelebung des alten Spirits von Microsoft, der über die Jahre spürbar nachließ und einem Revier- und Statusdenken Platz machte. Wofür das Unternehmen eigentlich stehen sollte oder wollte geriet zur Nebensache, so Nadella. Microsoft musste dringend, so Nadella, die Refresh-Taste betätigen, sofern es nicht auch noch auf den anderen Märkten, wie bei Cloudlösungen und Verfahren der Künstlichen Intelligenz, den Anschluss verlieren wollte. Nadella konnte sich auf seine Erfahrungen stützen, die er, seit er 1992 bei Microsoft anheuerte, sammeln konnte. So war er u.a. daran beteiligt Bing, die Suchmaschine von Microsoft, zu einer Google-Alternative zu machen. Wenngleich der durchschlagende Erfolg ausblieb, waren die Erfahrungen aus dieser Zeit Gold wert:

Letztlich erwies sich Bing als hervorragender Testlauf für den Aufbau der größtenteils cloudbasierten Hypercale-Dienste, die Microsoft heute durchdringen. Wir haben nicht einfach nur Bing aufgebaut, sondern auch die grundlegenden Technologien entwickelt, die Microsofts Zukunft sein würden. Beim Aufbau von Bing haben wir viel über Skalieren, experimentelles Design, angewandtes Maschinelles Lernen und über Preisauktionen gelernt. Derartige Fähigkeiten und Kenntnisse sind nicht nur in unserem Unternehmen geschäftskritisch, sondern im gesamten aktuellen Technologieuniversum heiss begehrt.

Wollte Microsoft seine Seele wiederfinden, brauchte das Unternehmen eine neue Vision, die möglichst von allen Mitarbeitern mitgetragen wurde. In den Anfangsjahren, so Nadella, war es das Ziel von Microsoft, die Menschen mit PCs und der dazugehörigen Software zu versorgen, damit diese ihre Produktivität und Kreativität steigern konnten. Nun sei es an der Zeit für eine neue Phase, so Nadella in einer Rundmail vom 10. Juli 2014:

Um Innovation voranzutreiben, müssen wir zurückfinden zu unserer Seele – zum Kern, der uns einzigartig macht. Wir alle müssen begreifen und verinnerlichen, wie Microsoft unsere Welt bereichern und verändern kann. Die vor uns liegende Aufgabe erfordert wahrscheinlich mehr Mut und Ehrgeiz als all unsere bisherigen Unternehmungen. Microsoft ist das Produktivitäts- und Plattformunternehmen für die “Mobile first, Cloud first” – Welt. Wir werden Produktivität neu erfinden. Wir sorgen dafür, dass jede Person und jede Organisation auf dem Planeten mehr erreichen kann.

Die Unternehmenskultur müsse sich entsprechend anpassen:

Unsere Unternehmenskultur musste uns dabei unterstützen, zu erkennen, wofür wir persönlich brennen, und Microsoft sollte die Plattform sein, um dieser Passion zu folgen. Meine größte Befriedigung ziehe ich aus meinem leidenschaftlichen Bemühen, Menschen mit Einschränkungen immer besseren Zugang zu Technologien zu ermöglichen und ihr Leben auf unendlich viele Arten zu bereichern.

Um dieses Ziel zu verwirklichen, war ein Wandel in den Einstellungen der Mitarbeiter und Führungskräfte nötig. Nadella setzte dabei auf das Konzept des Growth Mindset, wie er in dem Buch Selbstbild. Wie unser Denken Erfolge oder Niederlagen bewirkt von Carol Dweck beschrieben wird. Damals, zu Beginn seiner Laufbahn bei Microsoft habe das Unternehmen noch über diesen Growth Mindset verfügt. Es gibt drei Arten, ein Growth Mindset zu leben:

Erstens: Unsere Obsession gilt unseren Kunden. Im Mittelpunkt unseres Unternehmens müssen die Neugier und der Wunsch stehen, auf unausgesprochene, unerfüllte Bedürfnisse mit großartiger Technologie zu reagieren.  .. Wir lernen mit offenem Geist unsere Kunden und ihr Geschäft kennen und bieten ihnen dann die Lösungen, die ihre Bedürfnisse erfüllen.

Zweitens: Am besten sind wir dann, wenn wir aktiv nach Vielfalt und Inklusion streben. .. Die Diversität in unserer Belegschaft muss noch größer werden und in unser Denken und unsere Entscheidungsfindung einfließen.

Drittens: Wir sein ein Unternehmen, ein Microsoft, kein Zusammenschluss kleiner Königreiche. Innovation und Wettbewerb machen vor den Silos und den Grenzen unseres Unternehmen nicht respektvoll Halt, deshalb müssen wir lernen, diese Barrieren zu überwinden.

Abschied zu nehmen gelte es auch von alten Feindbildern, wie Linux. Auch Kooperationen mit Apple, Google oder Amazon sind nicht tabu – sie sind auf bestimmten Gebieten sogar dringend geboten, wenn man Erfolg haben will. Beispielhaft dafür sei die Unterstützung von Office 365 durch iOS. Generell gelte:

Wir müssen uns der Realität stellen. Wenn wir über ein großartiges Produkt wie Bing, Office oder Cortana verfügen, aber jemand anderes mit seinem Dienst oder seinem Gerät eine starke Marktposition aufgebaut hat, können wir nicht einfach die Hände in den Schoss legen. Vielmehr müssen wir eine clevere Methode für eine Partnerschaft finden, sodass unsere Produkte jeweils auf den beliebigen Plattformen der anderen zur Verfügung stehen.

Das größte Zukunftspotenzial haben für Nadella Mixed Reality, Künstliche Intelligenz und Quatenrechner:

Heutzutage sind Mixed Reality, künstliche Intelligenz und Quatenrechner noch drei voneinander unabhängige Trends, aber sie werden miteinander verschmelzen. Darauf setzen wir.

Nach anfänglichen Zweifeln an der Mixed Reality (HoloLens), räumte Bill Gates in einer Mail ein, bekehrt zu sein, nachdem er eine interne MARS-Demo gesehen hatte.

Ich bin immer noch nicht sicher, welche Anwendungen durchschlagend sein werden, aber die jüngste Demo hat mich wirklich vom Projekt begeistert und wir werden einen Weg finden, daraus einen Erfolg zu machen. Ich bin bekehrt.

Wenn Unternehmen wie Microsoft ihre technologischen Visionen umsetzen wollen, dann werden sie dafür um das Vertrauen der Öffentlichkeit werben und es gewinnen müssen. Die Themen Privatsphäre und Datenschutz haben dabei hohe Priorität. Anders als andere Vertreter der IT-Szene ist Nadella davon überzeugt, dass das Zeitalter der Privatsphäre nicht zu Ende ist. Die Menschen wollen künftig die Kontrolle darüber haben, wem sie welche Informationen zur Verfügung stellen und wie diese genutzt werden.

Die Künstliche Intelligenz ist für Nadella die dritte Laufzeitumgebung. Die erste Laufzeitumgebung war der PC für Anwendungen wie Word, Excel oder Power Point, die zweite wird durch das Web repräsentiert, in der dritten, werden Produktivitäts- und Kommunikationswerkzeuge für eine neuartige Plattform geschrieben. Diese  Plattform wird dann nicht nur Informationen verwalten, sondern aus Informationen und durch Interaktionen mit der physischen Welt lernen.

Ohne den Einsatz neuer Technologien werde sich ein auskömmliches Wirtschaftswachstum nicht realisieren lassen, so Nadella. Zwar werden durch die Künstliche Intelligenz und Roboter Arbeitsplätze verschwinden, jedoch würden neue, komplexere Tätigkeiten entstehen, die den Wegfall der Arbeitsplätze ausgleichen. Zu einem Problem werden die Automatisierung einfacher Tätigkeiten dann, so der Wirtschaftswissenschaftler Daron Acemoglu, wenn die Entstehung neuer arbeitsintensiver Aufgaben nicht Schritt halte.

Schlussbetrachtung

Das Buch zeigt einen Unternehmensführer der neuen Generation. Wer als Unternehmen und Führungskraft Erfolg haben will, kommt nicht umhin, den Mitarbeitern und Kunden, wie überhaupt seinen Mitmenschen, mit Empathie und Respekt zu begegnen. Wer keine überzeugende Botschaft bieten, keine zeitlosen Werte wie Privatheit, Meinungsfreiheit, Chancengleichheit und Diversität im Angebot hat, wird es auf den weltweiten Märkten schwer haben, seine Produkte und Services abzusetzen. Kooperationen mit Wettbewerbern sind unumgänglich, da niemand alle Produkte und Services aus einer Hand anbieten könne. Wer sich der Kooperation verschließt, verzichtet letztlich auf Geschäft. Stellenweise überkommt einem bei der Lektüre der Verdacht, es bei dem Verfasser mit dem Vertreter einer Non-Profit-Organisation zu tun zu haben, den nur das Wohl der Menschheit interessiert. Das für US-amerikanische Technologiekonzerne typische Sendungsbewusstsein ist auch bei Nadella stark ausgeprägt, wenngleich nicht so eindimensional wie bei Peter Thiel. Nadella verschweigt nicht, dass Microsoft in der Vergangenheit relativ ruppig mit seinen Mitbewerbern verfahren ist, ohne den Punkt jedoch allzu sehr zu strapazieren. Ob die Verbreitung neuer Technologien, wie Mixed Reality, Künstliche Intelligenz und Quantencomputer, tatsächlich für neues Wachstum sorgen werden, bleibt abzuwarten. Der Ökonom Klaus Wellershoff schreibt:

Neue Technologien sind zwar extrem wichtig für die Entwicklung von einzelnen Unternehmen und Branchen. Auf die Entwicklung des Volkseinkommens haben sich aber praktisch keinen Einfluss.

Nadella rät dazu, nicht so sehr in Software zu investieren, die einfach nur der Unterhaltung diene (Geltungskonsum-Memes), sondern in technologische Neuerungen, die Menschen dabei unterstützen, etwas zu kreieren, Kontakte zu knüpfen und produktiver zu sein.

Eine weitere Botschaft:

Was wir benötigen, ist ein ausgewogener Wachstumspfad. Für das Zeitalter von KI und Automatisierung müssen wir einen Sozialvertrag entwickeln, der eine Balance findet zwischen der Arbeit des Einzelnen (seiner Wirkung, seinen Löhnen, seiner Sinnfindung, seiner Erfüllung) und der Kapitalrendite.

Darüber kann man reden.

Crosspost von Econlittera

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Bankenverband: Zwischen Realitätsverweigerung und Selbstüberschätzung

Von Ralf Keuper

Zehn Jahre nach der Finanzkrise, deren Folgen wir nach Ansicht vieler Ökonomen noch lange nicht überwunden und die dazu geführt haben, dass einstmals stolze Bankhäuser, wie die Deutsche Bank, an Reputation und Ertragskraft dramatisch verloren haben, lässt der Hauptgeschäftsführer des Bankenverbandes, Andreas Krautscheid, in einem Interview verlauten, dass das Schlimmste hinter uns liegt, wenngleich man wachsam bleiben müsse; nun könne es endlich wieder um das eigentliche Geschäft, den Dienst am Kunden gehen.

Da sind andere, wie der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, David Folkerts-Landau, sowie der ehemalige Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble in einer Filmdokumentation des ZDF nicht so zuversichtlich. Folkerts-Landau sagt darin, ihn würde es wundern, sollte in den nächsten drei bis fünf Jahren keine weitere schwere Finanzkrise ausbrechen. Schäuble hat seine Kritik in einem Interview mit dem Handelsblatt bekräftigt. Auch der Vorstandsvorsitzende von Finance Watch, Rainer Lenz, sieht die europäischen Banken, wie er in einem Interview mit Bankstil sagte, noch lange nicht über dem Berg. Zwar seien im Bereich der Regulierung z.T. große Fortschritte erzielt worden, für Entwarnung gebe es allerdings keinen Anlass:

Doch auf die Frage, ob diese Maßnahmen ausreichen bzw. ob, durch diese Maßnahmen, dass Finanzsystem deutlich sicherer geworden ist, so dass sich eine Finanzkrise wie 2008 nicht wiederholen kann, würde ich klar mit „Nein“ antworten.

Das Eigenkapital der Banken ist mit 3-5% des Gesamtkapitals als Risikopuffer für spekulative Anlagen auf der Aktivseite noch immer viel zu gering. Kein Unternehmen aus der Realwirtschaft würde einer Bank mit solch geringen EK einen großzügigen Lieferantenkredit gewähren. Zusätzlich weisen die Bilanzen südeuropäischer Banken (Italien, Griechenland, Portugal) einen hohen Bestand an „faulen“ Krediten (insgesamt um die 1 Billion €) auf. Zusätzlich ist die Ertragslage der meisten Banken schlecht, da sie in der Mehrzahl noch immer von der Zinsmarge leben. … Last but not least droht den Banken womöglich eine Welle von Zahlungsausfällen im Kreditbereich, wenn sich die Zinspolitik der EZB ändert. Die EZB-Politik des billigen Geldes hat zu einer untragbar hohen Verschuldung der privaten Haushalte und der Staaten in Südeuropa geführt. Wenn die Zinsen steigen und die EZB anfängt, wieder Geld einzusammeln anstatt zu drucken, ist mit einer Welle an privaten Insolvenzen und ein Wiederaufleben der europäischen Staatsschuldenkrise zu rechnen.

Die Tatsache, dass der gemeinsame Online-Bezahldienst der deutschen Banken, paydirekt, trotz hoher Investitionen und Marketingaufwendungen gegen Paypal kaum Boden gut macht, scheint nicht so wichtig, da sich die Sache mit den Instant Payments ohnehin indirekt erledigen werde. Die größten Konkurrenten von Paypal sind übrigens nicht die deutschen Banken, sondern Amazon oder Otto. Das E-Commerce-Geschäft in Deutschland wird bereits von Amazon dominiert (Vgl. dazu: Amazon: Jeder zweite E-Commerce-Dollar fließt in die Kassen von Jeff Bezos).

Was die Forderung betrifft, Deutschland benötige große Banken, sind ebenfalls Zweifel angebracht (Vgl. dazu: Deutschland braucht keinen Banken-Champion). Die deutsche Volkswirtschaft hat in den letzten Jahren prosperiert, während die Deutsche Bank und Commerzbank überwiegend mit sich selbst beschäftigt waren und auch noch sind.

In der Plattformökonomie sei die Frage entscheidend, wie man seine Kunden erreicht – richtig. Nur – wer besetzt denn die Kundenschnittstelle mit seiner Software (iOS. Android), Hardware (Smartphone, Tablet PC) und sozialen Netzwerken (WeChat, facebook, Alipay) – die Banken etwa? Die Banken sind auf Amazon, Google und Apple angewiesen, wenn sie überhaupt noch an der Benutzeroberfläche erscheinen wollen. Stichwort: Digitale Souveränität.

Der deutsche Bankenmarkt sei zu komplex, die Eintrittshürden für neue Anbieter so hoch, dass sie auf Dauer die Kooperation mit den Banken suchen werden. Mit Blick auf Paypal – Paydirekt und den anderen Aktivitäten wie Google Pay und Apple Pay erscheint etwas Demut durchaus angebracht. Es geht Amazon, Apple & Co nicht darum, eine Bank zu werden – warum auch? Ziel ist, so viel Geschäft an den Banken auf die eigenen Plattformen umzuleiten und über Mobile und online Payments die Empfehlungsmacht weiter auszubauen.

Die deutschen Banken haben keine Angst vor Google & Co. – Ok. Aber der umgekehrte Fall dürfte ebenso gelten 😉

Richtig ist, dass die Banken in Fragen der Datensicherheit und des Datenschutzes über ein wichtiges Differenzierungsmerkmal gegenüber Google & Co. verfügen. Allerdings haben sie es bislang nicht vermocht, daraus ein Geschäftsmodell zu machen. Gleiches gilt im Bereich Digitale Identitäten. Hier haben die deutschen Banken die Chancen ungenutzt gelassen, die sich ihnen mit Paydirekt eventuell geboten hätten. Ein gemeinsamer Standard hätte ein Bollwerk gegen Google, facebook und Amazon sein können (Vgl. dazu: Technologie- und Industriestandards beschleunigen die “Bankendämmerung” #1). Hinzu kommt, dass die Banken nicht mehr über den größten Informationsstand in der Wirtschaft verfügen – ihr Informationsmonopol ist dahin. Banking wird Teil eines neuen Systemzusammenhangs, bzw. Teil digitaler Ökosysteme und Integrierter Technologiekonzerne.

Ziel der Banken sollte es sein, dem mit sozialen Innovationen entgegen zu treten und den direkten Bezug zu den Menschen, Unternehmen und der jeweiligen Region in den Vordergrund zu stellen.

Wie sagte Alfred Herrhausen doch:

Wir leben in einer Marktwirtschaft. Und wir sollten das Wort von Ludwig Erhard nicht vergessen, dass eine Marktwirtschaft eine Veranstaltung für Verbraucher ist, und nicht für Produzenten, und schon gar nicht für Banken.

Weitere Informationen:

Zehn Jahre Finanzkrise: Nichts dazugelernt

Ein System für die Elite

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Geld in einer Wirtschaft ohne Banken: Irland im Jahr 1970

Von Ralf Keuper

Die Frage klingt auf den ersten Blick rein hypothetisch: Kann der Geldkreislauf in einer Volkswirtschaft auch ohne Banken funktionieren? Dieser Fall ist in der Praxis bereits vorgekommen, und zwar 1970 in Irland. Am 4. Mai 1970 erschien im Irish Independent eine Anzeige mit der Überschrift “Bankenschließung”. Verantwortlich war der irische Bankenverband, der damit auf einen Arbeitskampf reagierte. In der Auseinandersetzung forderten die Gewerkschaften eine Anpassung der Gehälter an die Lebenshaltungskosten, die während der vorausgegangenen 15 Monate um 10 Prozent gestiegen waren. Die Banken weigerten sich strikt, auf die Lohnforderungen einzugehen und zogen es stattdessen vor, ihre Häuser zu schließen.

Wer nun denkt, dass die Wirtschaft in Irland daraufhin zusammenbrach und sich Panik unter der Bevölkerung breit machte, irrt. Die Bürger verwendeten statt Bargeld weiterhin Schecks, die jedoch zunächst bei keiner Bank eingereicht wurden bzw. nicht eingereicht werden konnten. Man tat einfach so, als wäre sonst nichts Gravierendes geschehen, bis auf die Tatsache, dass man erst einmal ohne Bargeld auskommen musste.

In seinem Buch Geld. Die wahre Geschichte. Über den blinden Fleck im Kapitalismus schreibt Felix Martin über den weiteren Verlauf:

Da das Bankensystem jedoch geschlossen war, waren Schecks bis auf weiteres lediglich Schuldanerkenntnisse von Privatpersonen oder Betrieben. Verkäufer, die sie akzeptierten, taten dies auf der Grundlage ihrer eigenen Einschätzung der Kreditwürdigkeit des Käufers.

Obwohl damit dem Missbrauch Tür und Tor geöffnet waren, funktionierte das System ohne größere Komplikationen. Verantwortlich dafür war das große Zusammengehörigkeitsgefühl, das funktionierende Gemeinwesen in Irland, dessen Zentrum die Pubs waren:

… denn sie fungierten als Knoten in dem System, das wie ein Ersatz-Bankensystem Schecks einsammelte, indossierte und verrechnete. “Es sieht ganz so aus”, folgerte der irische Ökonom Antoin Murphy mit bewundernswerter Zurückhaltung, “als hätten die Inhaber dieser Einzelhandelsgeschäfte und Kneipen sehr gut über ihre Kunden Bescheid gewusst – schließlich schenkt man jemanden nicht jahrelang Alkohol aus, ohne etwas über seine flüssigen Mittel in Erfahrung zu bringen”.

Im November 1970 wurden die Banken in Irland wiedereröffnet. Die Kunden wurden gebeten, ihre Schecks nicht alle auf einmal vorzulegen, sondern nur in kleinen Tranchen. Im Februar 1971 hatte sich die Lage wieder normalisiert, d.h. die Schecks waren verrechnet.

Martin folgert daraus, dass wir uns von der herkömmlichen Vorstellung dessen, was Geld ist, verabschieden sollten.

Die irische Bankenschließung zeigt, dass der offizielle Schnickschnack aus Banken, Kreditkarten und feierlich gedruckten Banknoten mit unvergesslichen Insignien nicht das Wesentliche des Geldes ist. All dies kann verschwinden, und doch gibt es weiterhin Geld: ein System von Guthaben und Schulden, das sich unaufhörlich ausdehnt und zusammenzieht, wie ein schlagendes Herz, und den Handelsverkehr aufrechterhält. Das Einzige, was wirklich wichtig ist, sind Emittenten, die in der Öffentlichkeit als kreditwürdig gelten, und eine hinlänglich breite Überzeugung, dass ihre Schuldverschreibungen von Dritten akzeptiert werden. Staaten und Banken fällt es im Allgemeinen leicht, diese beiden Kriterien zu erfüllen; Unternehmen und erst recht Privatpersonen dagegen nicht. Aber wie das irische Beispiel zeigt, gelten diese Faustregeln nicht uneingeschränkt. Wenn die staatliche Geldordnung zerfällt, ist die Gesellschaft erstaunlich erfolgreich, wenn es darum geht, eine Alternative zu improvisieren.

In Bitcoin und die Provokation der “Blockchain-Economy”  kommt Michael Paetau zu einer ähnlichen Schlussfolgerung:

Es lässt sich also festhalten, dass wir heute aus einer Situation des entwickelten kapitalistischen Finanzwesens heraus behaupten können, dass wir den Geldbegriff abstrakter fassen müssen, als es im Mainstream der Wirtschaftswissenschaften geschieht, indem wir anerkennen, dass Geld zunächst ein System von Kreditkonten und ihrer Verrechnungen ist, und dann erst eine bestimmte Form als Münze, Wechsel, Banknote oder eben Bitcoin annehmen kann.

Wer die Verrechnung vornimmt, ob eine Bank oder eine andere vertrauenswürdige Instanz oder gar ein digitales Hauptbuch (Blockchain), wäre demnach zweitrangig.

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Mit Open Source-Software die Hoheit über Daten und digitale Identitäten sicherstellen

Von Ralf Keuper

In den letzten Jahren haben die großen Internetkonzerne (Microsoft, Google, Samsung, Amazon, Apple) ihre Angebotspalette deutlich ausgedehnt. Parallel dazu haben sie digitale Ökosysteme, bestehend aus Hardware (Smartphone), Software (Betriebssysteme) sowie weiteren Services (Cloud), errichtet, die für die Kunden einen sog. Lock-In-Effekt erzeugen, was die Wahlmöglichkeiten einschränkt und zu einer geringen Wechselbereitschaft führt. Die Kunden, insbesondere Unternehmen und öffentliche Institutionen, laufen damit Gefahr, ihre digitale Souveränität und ihre Datensouveränität einzubüßen.

Open Source–Software (OSS) als Alternative

Alternativen sind Lösungen der Anbieter aus dem OpenSource – Umfeld. Die Vorteile von Open-Source-Software (OSS) gegenüber proprietären Lösungen bestehen darin, dass der öffentlich gemachte Code Transparenz, Replizierbarkeit und  Kontrolle über die Funktionsweise der Software ermöglicht. Außerdem garantiert er Herstellerunabhängigkeit, da man die Software auch selber betreiben kann. Durch die offene Struktur und die standardisierten Schnittstellen besteht überdies die Möglichkeit, unterschiedliche Lösungen, ganz auf die eigenen Bedürfnisse abgestimmt, miteinander zu kombinieren, statt auf das begrenzte Portfolio eines Herstellers angewiesen zu sein.

Mittlerweile gibt es zahlreiche professionell und kommerziell arbeitende Anbieter von Open Source Lösungen, die hoch professionelle, laufend weiter gepflegte und getestete Lösungen anbieten, die von Organisationen einfach eingesetzt werden können. Das spricht sich immer mehr herum.

So plant die Landesregierung Schleswig Holstein, sich ganz von Microsoft zu lösen und stattdessen Open Source-Software (OSS) zu verwenden. Die Stadt Schwäbisch Hall setzt bereits seit 20 Jahren OSS ein. Wie Rafael Laguna in Statt Microsoft weiter Millionen zu zahlen, sollten Behörden jetzt umdenken schreibt, nutzen in Frankreich bereits 15 der 22 Ministerien OSS. Der IT-Dienstleister der Bundesverwaltung, ITZ Bund, hat sich im April diesen Jahres für die Open-Source-Software Nextcloud entschieden.

Univention bietet mit  Univention Corporate Server (UCS) eine Lösung an,  welche das zentrale Management verschiedener IT-Lösungen (Linux, Windows, Mac OSX) ermöglicht und die Unternehmen damit unabhängig(er) und flexibler machen möchte. Derzeit wird  Univention Corporate Server von 8.500 Organisationen aus verschiedenen Branchen (Handel, Banken, Schulen, Industrie, Forschungsinstitute) und unterschiedlicher Größe (kleine Unternehmen, Konzerne) eingesetzt (Vgl. dazu: Referenzen).

Die wesentlichen Komponenten von UCS , um Prozesse und Daten unter eigener Kontrolle zu behalten, sind dessen ID-Management und das App-Center.

ID-Management

Das zentral administrierbare ID-Managementsystem hat den Vorteil, dass die Benutzer sich mit einem einheitlichen Login (Single Sign On) bei den verschiedenen Systemen und Diensten anmelden können. Das Berechtigungsmanagement unterstützt Rollenkonzepte oder Gruppenzugehörigkeiten. Durch die Verwendung von OpenLDAP ist die Verwaltung einer großen Anzahl von Nutzerkonten möglich. Bei dem französischen Telekommunikationsunternehmen Orange werden mit dem UCS-Identitymanagementsystem bis zu 30 Millionen Authentisierungskonten administriert.

App Center

Im App Center  von UCS steht eine Vielzahl von Applikationen anderer Hersteller zur Verfügung, die für UCS optimiert wurden, wie z.B. OX, OwnCloud oder Nextcloud. Momentan umfasst das Angebot 90 Applikationen. Die Apps können mit wenigen Mausklicks in die IT Umgebung installiert und über das IDM von UCS administriert werden. Eine Reihe von ihnen kann auch direkt im App Center erworben werden; Univention übernimmt dabei für die Hersteller gegen eine Provision die Abrechnung. Das App Center verwendet die Docker-Technologie, um durch die verbreitete Container-Technologie sicher zu stellen, dass die diversen, in einer Umgebung laufenden Apps, sich nicht gegenseitig beeinflussen.

Wie das Zusammenspiel von Single-Sign-On, Integration von Mailaccounts und Einbindung mobiler Geräte mit UCS in der Praxis funktioniert, zeigt u.a. das Beispiel der Handelslehranstalt Hameln.

Open Source und digitale Identitäten: “Reclaim your Identities”

Die Mission von Univention ist es, die Wahlmöglichkeiten für Unternehmen und Endkunden bei der Verwaltung ihrer IT-Infrastruktur und digitalen Identitäten zu erhöhen und damit den Wettbewerb zu fördern. Der Univention Summit im Februar diesen Jahres stand unter dem Motto “Reclaim your Identities“.

Die Nutzer hinterlassen im Internet Datenspuren, die von Facebook oder Google mittels der Verfahren der Künstlichen Intelligenz (KI) dazu verwendet werden können, Profile zu jedem Nutzer anzulegen und diese dann der Werbeindustrie zur Verfügung zu stellen oder aber die Erkenntnisse aus den Daten für die Entwicklung eigener Services und Angebote zu nutzen. In dem Zusammenhang wird häufig von den KI-Silos der großen Internetkonzerne wie Google, Amazon, Apple, Microsoft und facebook gesprochen. Dieses Verfahren können Google & Co. demnächst auch auf das Internet der Dinge (IoT) und die Industrie 4.0 übertragen. Innovationen würden irgendwann nur noch in den KI-Silos stattfinden. Die Lieferanten der Daten und der digitale Identitäten gehen dabei leer aus.

Demgegenüber verfolgt die Open Source Szene das Ziel, den Nutzern (Unternehmen, Privat) Werkzeuge für den Schutz ihrer Daten und digitalen Identitäten an die Hand zu geben. Die IT soll sich an den Bedürfnissen der Organisationen und ihrer Mitglieder nach einem vertraulichen Umgang mit sensiblen, weil personenbezogenen, Daten orientieren. Das ist insbesondere für die Schulen ein wichtiges Thema. Open Source- Lösungen sorgen dafür, dass die IT-Applikationen der Unternehmen nicht zu einem offenen Fenster für andere Unternehmen werden, welche die Daten für die Anlage von Nutzerprofilen verwenden, die sie kommerziell für sich nutzen können.

Zentrales Identitätsmanagement für die Cloud

Heute laufen viele Unternehmensanwendungen in der Cloud. Je nach Sensibilität der Daten verwenden die Unternehmen Public Clouds, Private Clouds, Hybrid Clouds oder Community Clouds. Es ist ratsam Daten, die aus Gründen des Datenschutzes oder aber wegen ihres Werts für das Unternehmen, nicht in fremde bzw. unbefugte Hände geraten sollen, in einer Private Cloud zu halten.

In jedem Fall muss gewährleistet sein, dass die Benutzer nur auf die für sie bestimmten Anwendungen und Daten zugreifen dürfen. Hierfür bieten sich eine zentrale Instanz an, die diesen Zugang per Open ID und SAML einfach regelt, sowie ein dedizierter Server für das Identity and Access Management (IAM) in der Cloud. Das empfiehlt sich schon deshalb, da der Einsatz von IAM-Systemen als Open Source, wie mit UCS, die Entwicklung von Erweiterungen ebenso wie den Wechsel zu einem neuen Cloud Anbieter erst möglich macht.

Schlussbetrachtung und Ausblick 

Mit Blick auf die Expansionsbestrebungen der großen Internetkonzerne bekommen die Themen Datensouveränität und digitale Souveränität eine strategische Bedeutung. Digitale Identitäten werden zu einem der Dreh- und Angelpunkt der Wirtschaft. Der Schutz dieser sozialen und ökonomischen Werte und die Bewahrung eines Optimums an Handlungsfreiheit, liegt im ureigensten Interesse der Unternehmen – aber auch der Endnutzer. Eine Alternative sind OS-Lösungen wie UCS, OX, ID4me und Nextcloud. Es geht dabei gar nicht um ein Entweder – Oder, sondern vielmehr um ein Sowohl als auch. Die Vorteile einiger proprietärer Lösungen von MS & anderen sind unbestritten und es wäre alles andere als Ausdruck ökonomischen Sachverstands, jetzt jede Anwendung, die nicht Open Source ist, aus dem Unternehmen zu verbannen. Wer aber seine Souveränität bewahren und selbst entscheiden will, wer Einblick in die eigenen Daten und digitalen Identitäten haben darf, wird bis auf weiteres kaum ohne Rückgriff auf Applikationen aus dem OS-Umfeld auskommen.

Die große Herausforderung von Identifikationstechnologien besteht darin, den Spagat zwischen dem klassischen IAM und mehr oder weniger selbstverwalteten Identitäten der Nutzer zu vollziehen. Ein Weg könnte die Kombination bzw. Kooperation mit ID4me sein (Vgl. dazu: Ein offener Standard für dezentrale digitale Identitäten: Bericht vom ID4me Summit). Noch nicht abzusehen ist, ob und inwieweit die Self Sovereign Identities auf Blockchain-Basis für einen Paradigemenwechsel sorgen können oder ob es sich hierbei um einen evolutionären Prozess handelt. Wichtig ist, dass sich die OS-Lösungen – ganz im Sinne der eigenen Philosophie – offen gegenüber diesen neuen Entwicklungen zeigen. Großes Potenzial bietet derzeit der Bereich Digitale Bildung. Hier könnte der Einsatz offener ID-Vermittlungsdienste sinnvoll sein (Vgl. dazu: Ein offener „ID­-Vermittlungsdienst“ für Schulen in Deutschland).

Crosspost von Identity Economy

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