Geld als Kulturleistung und als politisches Symbol. Theodor Mommsen und die antike Goldwährung

Das Geld darf, wie Mommsen zu Beginn ausführt, neben der Schrift als die bedeutendste menschliche Zivilisationsleistung gelten, geboren aus der Notwendigkeit des wirtschaftlichen Tauschgeschäftes und sich zunächst konkretisierend im Viehgeld, wobei das Rind die Rolle des Großgeldes, das Schaf die Rolle des Kleingeldes übernimmt. An die Stelle des Herdenviehs tritt im Zeichen gesteigerten Warenverkehrs das Metall, von größerer Dauerhaftigkeit und Beständigkeit als jedes Naturalgeld. „Endlich und hauptsächlich ist das Metall unter allen Waren diejenige, die dem idealen Begriff des Wertes mit der mindesten Unvollkommenheit ausdrückt. Denn das Wesen des Wertes ist die Fähigkeit, gleich dem Quecksilber, sich unendlich zu teilen und zu verbinden; und diese Operation verträgt keine andere Ware so grenzenlos wie das Metall.“

In dieser flexiblen Quantifizierung des Metalls, die dann später in Georg Simmels epochemachendem Werk Philosophie des Geldes eine zentrale Rolle spielt, dort freilich anthropologisch begründet wird, kommt gewissermaßen als Steigerung die Qualität des „edlen Metalles, des Goldes und des Silbers hinzu, weil sie müßig gehen, genau genommen in der Wirtschaft überflüssig sind.“. Sie können die Aufgabe, als Zwischenträger und als Vermittler von Waren umso besser übernehmen, als sie im industriellen Fertigungsprozess, anders als etwa Eisen, Kupfer und Zinn, wie Mommsen sagt, keine Rolle spielen, zudem ihr Verbrauch in einem festeren Verhältnis zu der „Gesamtzahl der zivilisierten Menschheit“ steht als die anderen Metalle . Diesem Mangel an ökonomischen Nutzen entspricht auf der anderen Seite ein Mehr an Funktionalität, die für Mommsen im Papier- bzw. Kreditgeld seiner Zeit gipfelt. Dieses Material wird, davon ist Mommsen überzeugt, der ideale und zukunftsträchtige Ausdruck der europäischen Nationalökonomien („die Zettel der großen Gemeinwesen Europas“) sein, der freien Gemeinwesen, die über Quantität und Qualität des Geldes selbständig bestimmen und sich von niemandem Vorschriften machen lassen. Die Koppelung an die Wirtschaftskraft und das Gemeinwohl werden die „Zettel“, wie er das Papiergeld nennt, fester machen, als dies Gold und Silber je erreichen können, die bei aller relativen Festigkeit doch Schwankungen unterworfen sind. Hinter dieser Vision Mommsens wird ein Begriff von Geld greifbar, der dies als Gegenwert zur Summe in einer Nationalökonomie erwirtschafteten Güter und Leistungen begreift, also durchaus modern ist, und sich von der Theorie des Metallismus und der Warentheorie deutlich unterscheidet, die für die antiken Verhältnisse im Allgemeinen als Erklärung herangezogen werden und die auch Mommsen an anderer Stelle zur Erklärung inflationärer Tendenzen in Anspruch nimmt.

Quelle: Geld als Kulturleistung und als politisches Symbol. Theodor Mommsen und die antike Goldwährung

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Größenwahn und Selbstbedienung – Der Krimi um die West LB

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Die neue Abstraktions- und Informationsschicht im Banking – das Ende der Banken

Von Ralf Keuper

Im Banking vollzieht sich momentan ein Stil- und Strukturwandel, der in dieser Form einmalig in der Wirtschaftsgeschichte ist und der dazu führen wird, dass für Banken, wie wir sie heute noch kennen, kein Bedarf mehr besteht. Ursache dafür ist die Entstehung einer neuen Abstraktions- und Informationsschicht im Banking.

Wettbewerbsvorteil Information wandert von den Banken zu den großen digitalen Plattformen

In der Vergangenheit verfügten die Banken über ein Informationsmonopol, dem sie nicht nur ihre Profite, sondern auch ihre Existenz verdankten. Nicht nur Jakob Fugger verdankte seinen geschäftlichen Erfolg der Tatsache, dass er neben guten Kontakten zum Kaiserhaus auch auf ein Korrespondenznetzwerk zurückgreifen konnte, das für die damalige Zeit einmalig war (Vgl. dazu: Informationskultur und Beziehungswissen: Das Korrespondenznetz Hans Fuggers (1531-1598) & Das Kaufmannsnotizbuch des Matthäus Schwarz aus Augsburg von 1548).

Bis in die 1990er Jahre noch bestand ein vergleichbares Netzwerk mit der sog. Deutschland AG, in deren Zentrum die großen Finanzkonzerne Deutsche Bank, Allianz, Dresdner Bank und Commerzbank standen. Durch ihre diversen Aufsichtsratsmandate verfügten die Banker über ein Beziehungswissen und Informationen, die zusammen mit dem eigenen Informationsbestand der Bank zwar kein vollständiges Bild der Wirtschaft abgaben, wohl aber in diesem Umfang von keinem anderen Wirtschaftsakteur auch nur annähernd erreicht wurde. Mit der Zeit ging der Wettbewerbsvorteil Information für die Banken jedoch verloren (Vgl. dazu: Wie der “Wettbewerbsvorteil Information” den Banken aus den Händen gleitet).

Geschäftsmodell der informations-und technologieintensiven Branchen wird durch das Internet und die Digitalisierung aus den Angeln gehoben

Bereits im Jahr 1985 beleuchteten Michael E. Porter und Victor E. Millar in ihrem bahnbrechenden Beitrag Wettbewerbsvorteile durch Information die Auswirkungen des flächendeckenden Einsatzes der Informationstechnik auf die Wertschöpfungsketten:

Die Informationstechnik durchdringt die Wertschöpfungskette an jedem Punkt und verändert radikal Wertschöpfungsaktivitäten und zwischen ihnen bestehende Verkettungen. Sie beeinflusst aber auch die Wettbewerbsbreite und die Art und Weise, wie ein Produkt die Wünsche eines Kunden befriedigt. Diese grundlegenden Effekte erklären, warum die Informationstechnik strategische Bedeutung hat und sich darin von vielen anderen Technologien für kommerzielle Anwendungen unterscheidet. (in: Informations-und Datentechnik, Harvardmanager, Band 1)

Die Autoren kamen zu dem Ergebnis, dass, je informations- und technologieintensiver eine Branche ist, um so mehr wird ihr Geschäftsmodell durch die Informationstechnologie verändert – vor allem was die Wettbewerbsbreite betrifft. Zu ähnlichen Schlussfolgerungen gelangte Arnold Picot in Der Produktionsfaktor Information in der Unternehmensführung. Es ist daher kein Zufall, dass die Medien- und die Bankenbranche die ersten sind, die diesen Wandel besonders zu spüren bekommen. Schon bald ist die Automobilindustrie an der Reihe und danach die Industrie und der Einzel- und Großhandel.

Daten als neue Währung

Obwohl das Geschäft der Banken in seinem Kern aus Informationsverarbeitung besteht, haben sie das Aufkommen einer neuen Währung zu spät zur Kenntnis genommen: Die Daten.

In einem Interview beschreibt Volker Mayer-Schönberger dieses Versäumnis:

Banken und Finanzdienstleister können Informationsflüsse am Markt organisieren. Stellt sich nur die Frage, inwieweit Organisationen, die jahrhundertelang die Information aufs Geld verkürzt haben, dieses Denken hinter sich lassen und zum digitalen Champion werden können. Banken wie auch Versicherungen haben lange Zeit wahnsinnig viele Daten gesammelt, aber damit nichts getan. Und damit waren sie die unvorstellbar großen Verschwender von Einsicht. Sie haben keinen Mehrwert daraus gewonnen, den sie den Kunden hätten zur Verfügung stellen können – oder auch der Gemeinschaft.

Das eigentliche Problem der Banken besteht m.E. jedoch nicht darin, dass sie Geld mit Information gleichgesetzt haben – in der Vergangenheit haben Banken immer auch externe Informationen, wie Bloomberg, bei ihren Entscheidungen berücksichtigt. Sie haben nur nicht mehr den Zugriff auf den Großteil der relevanten Daten, auf die Verhaltens- und Bezahldaten der Kunden – sie verfügen nur noch über einen relativ schmalen Ausschnitt – eine vorwiegend historische Sicht in Form von Transaktionsdaten. Das ist das eigentliche Problem. Mit dem Internet of Things wird sich dieses Ungleichgewicht aller Voraussicht nach noch verstärken.

Mobile Payments – das erste und gewiss nicht letzte Machtbeben

Als vor drei Jahren Apple seinen mobilen Bezahldienst Apple Pay vorstellte, war die Ansicht noch weit verbreitet, dass sich daraus für die Banken keine allzu großen negativen Konsequenzen ergeben würden. Man konnte es sich nicht vorstellen, warum ein Technologiekonzern das nicht sonderlich lukrative Zahlungsabwicklungsgeschäft betreiben wollte. Der Grund, weshalb Apple und inzwischen auch andere Technologiekonzerne wie Samsung, Google und soziale Netzwerke wie facebook und WeChat die Zahlungsabwicklung anbieten, liegt in den Bezahldaten, die wertvolle Informationen beinhalten, die sich für weitere Angebote aus dem eigenen Haus verwenden lassen. Das ist auch einer der Gründe dafür, dass Paydirekt ein Ladenhüter ist und bleibt (Vgl. dazu: Soziale Medien und Messaging-Dienste übernehmen im Banking eine Schlüsselfunktion #2).

Digitale Souveränität ist verloren

Das größte Dilemma für die Banken besteht darin, dass sie ihre digitale Souveränität weitgehend eingebüßt haben – sie sind auf andere, potenzielle Mitbewerber wie Apple, facebook und Amazon angewiesen, wenn sie ihre Kunden noch erreichen wollen (Vgl. dazu: Das Ende der digitalen Souveränität der Banken #2).

Die neue Abstraktions- und Informationsschicht

In den letzten Jahren haben Google, Amazon, facebook, Apple und Alibaba (GAFAA) über die Wirtschaft eine neue Informationsschicht gezogen. Im Idealfall können sie, wie Alibaba, über die Geschäftsanbahnung über die Finanzierung bis hin zur Auslieferung alle Services aus einer Hand anbieten. Dabei bekommen sie Zugang zu einem Daten- und Informationspool, der Rückschlüsse auf die Volkswirtschaft zulässt – das, was früher einmal die Banken konnten. Mit dem Internet of Things wird sich dieser Trend noch verstärken. Durch den Einsatz der Verfahren der Künstlichen Intelligenz können die Internetkonzerne neue Einsichten gewinnen und weiteres Geschäft generieren.

Digitale Währungen, womit hier keineswegs Bitcoin gemeint ist, werden zu einer weiteren Abstraktion des Geldes führen. Banken werden zu digitalen Hauptbüchern (Die Bank: Letzten Endes nur ein digitales Hauptbuch?). Für die Führung digitaler Hauptbücher sind Banken, wie wir sie kennen, indes nicht mehr erforderlich. Wenn demnächst Maschinen Maschinen bezahlen, dann ist Banking ein integraler Bestandteil – nicht mehr und nicht weniger. Womöglich werden die Unternehmen eigene Banken für Produktions- und Maschinendaten gründen.

Verbraucher, Industrie und Handel werden sich rasch an eine Zukunft ohne Banken gewöhnen

Die Bankenbranche befindet sich in einem Strukturwandel, der zu einem massiven Personalabbau führen wird. Als Arbeitgeber werden die Banken in absehbarer Zeit an Bedeutung verlieren. Das Angebot der Banken wird sich auf dem Blickfeld der Kunden, vor allem aus den Reihen der jüngeren Generationen, verflüchtigen; ebenso in der Wirtschaft. Banking rückt ein Stück weit in den Hintergrund. Industrie und Handel werden Konsortien bilden, um ein Gegengewicht zu den großen digitalen Plattformen und ihren Datenhunger zu bilden. Hierfür werden sie eigene, neuartige Banken gründen. Die Verbraucher werden ihrerseits Dienste neuer Banken, wie Banken für digitale Ethik oder Personal Data Banks, in Anspruch nehmen oder ihre eigene Bank sein.

Open Banking als Lösung?

Es kursiert die Hoffnung, dass mit dem Open Banking die Banken, häufig in Kooperation mit Fintech-Startups, ihre alte Stellung zurückgewinnen können. Das ist fraglich. Solange Banken und Fintech-Startups auf Apple, Amazon & Co. angewiesen sind, reichen ihre Stosskraft und Skalierung nicht aus. Sie haben keinen (direkten) Zugang zu der neuen Abstraktions- und Informationsschicht. Eine Möglichkeit würde darin bestehen, den sog. Identity Layer zu besetzen; zumindest den für natürliche Personen. Dafür müssten die Banken jedoch kooperieren und sich auf einen gemeinsamen Standard, eine gemeinsame Lösung einigen. Anderenfalls droht auch hier, wie bei Paydirekt, die Sackgasse.

So oder so: Ihre alte Stellung als Clearingstelle für die Informations- und Datenflüsse in der Wirtschaft werden die Banken nicht mehr wieder erlangen. Dafür müssten die Schlüsselstellung in der neuen Abstraktions- und Informationsschicht erobern. Danach sieht es jedoch wahrlich nicht aus.

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B2B-Banking ohne Banken

Von Ralf Keuper

Die oft zitierte Plattformökonomie, als deren führende Repräsentanten Amazon und Alibaba gelten, wendet sich verstärkt dem B2B-Segment zu, wie Holger Schmidt in „In 10 Jahren werden sich die deutschen Industrieplayer fragen, warum sie nicht die führende Plattform für Maschinen aufgebaut haben” schreibt. Nachdem die Medien und die Banken den Einfluss der digitalen Plattformen zu spüren bekommen und ihre digitale Souveränität eingebüßt haben, ist mit der Industrie der nächste Sektor im Visier.

Noch können die Industrieunternehmen dem Schicksal der Medien- und Bankenbranche entgehen – Initiativen wie der Industrial Data Space oder die Kooperation von Software AG, DMG, Dürr und Zeiss zeigen, dass das Problem erkannt wurde. In der Industrie versuchen GE mit Predix und Siemens  mit MindSphere sich als Hub, als Datendrehscheibe im Internet der Dinge zu positionieren.

Demgegenüber hat Alibaba einen strategischen Vorteil, der darin besteht, dass das Unternehmen, mit Ausnahme der Herstellung, fast alle wichtigen Services aus einer Hand anbieten kann, wie das folgende Schaubild von Holger Schmidt in dem erwähnten Beitrag eindrucksvoll verdeutlicht:

Quelle: Dr. Holger Schmidt, Netzökonom

Alibaba kann Angebot und Nachfrage ohne Medienbruch, ohne einen weiteren, externen Intermediär zusammenbringen (Vgl. dazu: Elektro-Lieferfahrzeuge als Logistik- und Datenplattformen). Da ist für eine klassische Bank kein Bedarf mehr; die Finanzierung läuft über AntFinancial / Alipay.

Früher hatten die Banken in ihrer Funktion als Drehscheibe des Informations- und Datenflusses der Wirtschaft einen ähnlichen, wenngleich indirekten, Zugriff auf die Datenfülle, wie sie heute Amazon und Alibaba zur Verfügung steht. Das ist vorbei.

In der Vergangenheit hat es an Bemühungen seitens der Banken, im B2B-Geschäft Fuss zu fassen, nicht gefehlt, jedoch ohne langfristigen Erfolg (Vgl. dazu: B2B-Plattformen – eine weitere verpasste Chance der Banken).

Wenn die Industrie über kurz oder lang in den Sog der globalen digitalen Plattformen gerät, dann benötigen wir hierzulande wieder eine Gründungswelle neuartiger Banken, wie etwa Banken für Maschinen- und Produktionsdaten. Die geeignetste Rechtsform wäre m.E. eine eingetragene Genossenschaft eG. Jedoch müssten die Unternehmen bzw. Unternehmer, wie vor gut 150 Jahren, die Sache selbst in die Hand nehmen und Banken gründen. Auf die etablierten Banken zu warten, ist keine Option mehr – das zeigt die jüngere Vergangenheit – durch den Verlust ihrer digitalen Souveränität wären sie ohnehin keine echte Hilfe mehr.

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Das Ende der digitalen Souveränität der Banken #2

Von Ralf Keuper

Langsam aber sicher wird den Banken schmerzhaft bewusst, wie abhängig sie von den großen Internetkonzernen, häufig auch GAFA (Google, Amazon, Facebook, Apple) oder GAFAA (Google, Amazon, Facebook, Apple, Alibaba) genannt, bereits geworden sind. Ohne Zugang zu deren sozialen Netzwerken, zur Hardware (Smartphones, Tablet-PCs) und Software (Betriebssysteme, App-Stores, Sprachassistenten) können die Banken ihre Kunden kaum noch erreichen. Diese Abhängigkeit alarmierte u.a. das World Economic Forum (Vgl. dazu: World Economic Forum warnt Banken vor Kooperationen mit Internetkonzernen – zu spät!).

Sichtbar wurde diese Abhängigkeit in der Vergangenheit beispielsweise in Australien, wo die führenden Banken mit dem Versuch gescheitert sind, sich gerichtlich Zugang zu der NFC-Schnittstelle des iPhones zu verschaffen (Vgl. dazu: Australian banks lose fight to gain access to NFC functionality in Apple iPhones).

Aktuellstes Beispiel ist die Weigerung von Amazon, seine Sprachassistentin Alexa für Banking-Services freizugeben, worüber u.a. in Amazon sperrt Alexa für Banken ab berichtet wurde. Damit würden die Pläne zahlreicher Banken im Bereich Voice-Banking durchkreuzt. Als offizielle Begründung gibt Amazon die neue Zahlungsrichtlinie PSD2 an. Man befürchte, durch PSD2 als Third Party Provider (TPP) behandelt zu werden. Es handelt sich aber weniger um eine Art Verschwörungstheorie, wenn man Amazon selbst Ambitionen im Banking bescheinigt. Das wäre betriebswirtschaftlich eigentlich nur konsequent. Schließlich ist Amazon schon seit einiger Zeit im Bankgeschäft aktiv (Vgl. dazu: Bank of Amazon #2).

Seit langem wird darüber spekuliert, ob und wann Amazon & Co. im großen Stil in das Banking einsteigen. Einige Äußerungen führender Vertreter des Office of the Comptroller of the Currency (OCC) im U.S. Department of the Treasury deuten darauf hin, dass dies schneller der Fall sein könnte, als bisher angenommen (Vgl. dazu: Is the Bank of Amazon Coming? OCC Head Floats Merger Between Commerce and Banking).

Es beginnt sich zu rächen, dass die Banken über die Jahre ihre Digitale Souveränität eingebüßt haben (Vgl. dazu: Das Ende der digitalen Souveränität der Banken).

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Bitcoin soziologisch betrachtet #1

Von Ralf Keuper

Die digitale Währung Bitcoin durchläuft derzeit eine Krise. Im Zentrum steht dabei die Frage, ob und auf welche Weise die Verarbeitungskapazität der Bitcoin-Blockchain erhöht werden kann. Um mehr Transaktionen abzuwickeln, muss die Anzahl der Blöcke, die innerhalb eines bestimmten Zeitintervalls verarbeitet werden können, deutlich erhöht werden. Die eine Fraktion plädiert für eine Erhöhung der Verarbeitungskapazitäten, die andere stemmt sich mit aller Macht dagegen. Einen guten Überblick über die Interessengruppen und Rollen in der Bitcoin-Community, die sich in dem Streit gegenüberstehen, liefert der Beitrag Krypto-Szene: Wer bestimmt die Zukunft von Bitcoin?.

Die Beteiligten:

  • Core-Entwickler
  • Miner
  • Walletbetreiber
  • Nutzer

Die Interessen der Beteiligten weichen z.T. deutlich voneinander ab. Es handelt es sich hierbei um einen Machtkampf, der von ideologischen und/oder ökonomischen Motiven geleitet wird. Das widerspricht der eigentlichen Bitcoin-Philosophie, wonach die Technologie dadurch, dass sie neutral und effizient zugleich ist, Konflikte, die auf persönliche Motive zurückgehen, verhindern, zumindest jedoch deutlich abschwächen soll.

Wikipedia als Vorlage

Parallelen finden sich in der Vergangenheit u.a. bei Wikipedia. Auch dort betont man den dezentralen Ansatz, der Machtkonzentrationen ausschließen soll. Vor einigen Jahren mehrten sich die Klagen darüber, dass in der Wikipedia-Organisation die Administratoren eine Machtstellung erlangt hatten, die sich diametral zu ursprünglichen Philosophie verhielt. Der Netzwerkforscher Christian Stegbauer ging den Vorwürfen in seinem Buch Wikipedia – Das Rätsel der Kooperation nach. Seinerzeit wurde bei Wikipedia die Möglichkeit einer Teilung, in gewisser Weise eines Hard Forks, diskutiert – die sog. Relevanzdebatte (die Relevanz der Beiträge). Demnach sollte Wikipedia in eine restriktive und eine lässigere Variante aufgespalten werden.

Das bei Wikipedia praktizierte Machtmodell bezeichnete Stegbauer als Oligarchie.

Zu dem Einfluss der Administratoren sagte Stegbauer in einem Interview:

Häufig wird betont, dass es sich bei Admins um “normale” Teilnehmer handele, die lediglich über ein paar mehr Befugnisse verfügten. Formal mag das stimmen, tatsächlich wird das Projekt sehr stark von Administratoren beeinflusst, was sich etwa bei “Wahlen” zu Administratoren oder anderen Funktionen gut belegen lässt. Dort sind Admins ein starker Einflussfaktor, weil sich im Vergleich zu den Wahlberechtigten nur sehr wenige Nichtadmins an dem öffentlichen Procedere beteiligen. Man kann sagen, dass Admins selbst andere Admins bestimmen.

Eine vergleichbare Machtfülle haben bei Bitcoin die Miner bzw. die Betreiber von Mining Pools (Vgl. dazu: Bitcoin: Mining Pools werden zum Problem).

The Social Life of Bitcoin 

In The social life of Bitcoin kommt Nigel Dood zu ähnlichen Schlussfolgerungen. Die Mining-Praxis in Bitcoin begünstige die Stellung der Miner in besonderer Weise,  was zu einem Machtungleichgewicht führe. Bei näherer Betrachtung zeige sich, dass bei Bitcoin von einem politikfreien Raum kaum die Rede sein kann:

What looks like an apolitical technological network from a distance becomes socially nuanced and politically loaded once one starts looking at who is mining, where, with whom and with what.

Wie sagte einst Herbert Wehner:

Organisation ist Politik.

Ausblick

Technologie, und sei sie noch so effizient und von ihrer Konzeption her neutral, kann nicht ohne ihre soziale Komponente, ohne ihre Einbettung in die bestehenden sozialen Praktiken betrachtet werden.

Insofern scheinen mit Blick auf die Zukunft Konsortien die bessere und ehrlichere Alternative – besonders was die Blockchain-Technologie betrifft. Wahrscheinlich lässt sich ein Teil der Probleme (Mining) durch den Einsatz neuer Varianten der Distributed Ledger Technologies, wie Hashgraph oder Eris, lösen.

Das Spiel ist also noch nicht zu Ende.

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Soziale Medien und Messaging-Dienste übernehmen im Banking eine Schlüsselfunktion #2

Von Ralf Keuper

Die direkte Überweisung von Geldbeträgen von einer Person zu einer anderen (P2P) hat mit der Verbreitung sozialer Netzwerke wie facebook, WeChat oder Daum Kakao eine neu Stufe erreicht, was auf diesem Blog bereits vor einigen Jahren thematisiert wurde (Vgl. dazu: Soziale Medien und Messaging-Dienste übernehmen im Banking eine Schlüsselfunktion).

Damals hielt Ben Rossi in The future of social technology in banking fest: 

In other words, the integration of a payments service within social media will turn the likes of Facebook, LinkedIn and others into the ultimate destination for payments and e-commerce.

Das primäre Ziel von Apple, Tencent, facebook, Alibaba & Co. besteht nicht, wie häufig noch angenommen wird, darin, den Zahlungsverkehr in eine weitere Einnahmequelle zu verwandeln, sondern ihn dazu zu verwenden, neue Erlösmodelle zu erschließen. Dabei sind die Bezahldaten besonders wertvoll (Bezahldaten: Das letzte Puzzlestück für die universelle Empfehlungsmacht & Warum es Apple um mehr als “nur” den Bezahlvorgang geht).

In dem aktuellen Beitrag The Future Of Banking Is In The Palm Of Your Hand heisst es:

While P2P companies and services have evolved, a more daunting competitor has quietly emerged. Social media giants have entered the payments space. Because of social networks’ massive reach and high rate of daily use, insiders believe the next wave in financial services will occur inside of these apps.

Es sei nur (noch) ein kleiner Sprung hin zu einem Netzwerk aus mobilen Apps, über die sich ein Großteil der üblichen Bankgeschäft erledigen lässt:

It’s a short jump from connecting bank accounts to brokering payments to offering core bank account services. As more services are bundled into existing apps with massive reach, the need for standalone P2P payments, and other financial services, will diminish. The future of financial services could very well be found in mobile networking apps.

Sollte sich das Modell durchsetzen, ist – auf mittlere Sicht – der Boden bereitet für P2P-Bezahlnetzwerke auf Blockchain bzw. auf Basis von Distributed Ledger Technologies.

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Der Kunde, das (un)bekannte Wesen: Interview mit Christian Brüseke, Avoka

Christian Brüseke

Wer seinen Kunden, dessen Wünsche und Bedürfnisse kennt, hat im Wettbewerb bessere Chancen, seine Produkte und Services an den Mann bzw. die Frau zu bringen. Das gilt gerade auch für Finanzdienstleister und ist ein Grund, wieso die Branche große Summen in Maßnahmen zum Online-Marketing investiert. „Know your Customer”, kurz KYC, ist daher aktuell ein viel zitierter Begriff, wenn es um Digitalisierung und die Zukunft von Banken geht. Allerdings hat KYC für Banken noch eine ganz andere Bedeutung: Gesetze und Vorschriften verlangen eine nachvollziehbare Legitimationsprüfung aller Kunden, um beispielsweise Geldwäsche zu verhindern. Was im Privatkundenumfeld durch Verfahren wie PostID und WebID noch relativ einfach umzusetzen ist, gestaltet sich bei Geschäftskunden ungleich schwieriger. Im Gespräch mit Bankstil erläutert Christian Brüseke, Geschäftsführer der Avoka (Germany) GmbH (Foto), worauf es bei KYC ankommt und mit welchen Technologien Banken die Compliance-Vorgaben erfüllen können.

  • Wieso ist es im Zeitalter der Digitalisierung noch schwierig, einen Kunden 100%ig zu identifizieren? Wo liegen die Herausforderungen?

Digitalisierung und Mobilität haben das Bankgeschäft drastisch verändert und beschleunigt. Wir sind es heute gewohnt, von überall Anfragen mit dem Smartphone zu stellen und direkt eine Antwort zu erhalten. Und genau das erwarten wir auch von unseren Banken, zum Beispiel, wenn wir ein Konto eröffnen oder einen Ratenkredit beantragen. Diese Erwartungshaltung besteht mittlerweile nicht nur im Privatkunden- sondern auch im Firmenkundengeschäft.

Die größten Herausforderungen sind hier das Onboarding und dann vor allem der gesetzeskonforme Authentifizierungsprozess. Banken müssen aus regulatorischen Gründen für jeden Kunden, mit dem sie eine Geschäftsbeziehung eingehen, den Nachweis erbringen, dass sie ihn genau durchleuchtet haben. Sie müssen wissen, um wen es sich handelt, wer dahinter steht, welche Personen im Spiel sind und welche Netzwerke vorliegen. Nur so können sie sicher sein, dass Geld, das von A nach B fließt, nicht aus irgendwelchen illegalen Geschäften stammt. Aber, wie kann ich als Bank in Sekundenbruchteilen sicherstellen, dass ein potentieller Kunden konform oder eine Transaktion mit einem Bestandskunden legal ist?

  • Nach dem „Onboarding” weiß ich aber doch, mit wem ich Geschäfte machen. Oder ist das wirklich für jede Transaktion relevant?

Es ist gerade im Geschäftskundensegment leider tatsächlich bei jeder Transaktion wichtig. Aber es kommt eine zweite Komponente hinzu, die Vergangenheit. Ein Beispiel verdeutlicht die Problematik: Bei einem unserer Kunden war die Regulierungsbehörde vor Ort und hat bei der Prüfung der Bücher festgestellt, dass zwei Millionen Firmenkunden aus dem Bestand den Prüfungen nicht standhalten. Der Regulator hat daraufhin verlangt, dass dieses Problem in kürzester Zeit gelöst wird. Die Bank hat die Pflicht, auch rückwirkend für ihre Firmenkunden festzustellen, ob ihre Kunden den Anforderungen genügen.

  • Ist das nicht eher ein Kontoeröffnungs- bzw. Legitimationsproblem und keine Frage für die IT?

Die Gesetze sind in den letzten Jahren immer schärfer geworden und die Banken haben – das muss man so feststellen – diesem Thema nicht die notwendige Aufmerksamkeit beigemessen. Man hat an Kunden genommen, was kam. Das hat sich geändert. Dadurch, dass die Gesetze geändert wurden und immer genauer hingeschaut wird. Das ist bei Neukunden schon schwierig genug, aber umso schwieriger bei Bestandskunden. Die Bank mit den zwei Millionen zu überprüfenden Kunden (siehe oben) hat den Aufwand abgeschätzt und kam zu dem Ergebnis, dass sie 2.000 Mitarbeiter hätte einstellen müssen, um die Vorgänge manuell zu bearbeiten. Das hätte geschätzt drei Jahre gedauert und müsste nach aktuellem Stand nach sechs Jahren zumindest für Firmenkunden wiederholt werden. Dieser Prozess konnte zum Glück komplett digitalisiert werden und die Bank kann diese Bugwelle, die sie vor sich herschiebt, relativ zügig abarbeiten. Das verdeutlicht die Bedeutung der IT und entsprechender Software-Lösungen in diesem Umfeld.

  • Wo kommt bei all dem Ihr Unternehmen ins Spiel?

Bei der Legitimation von Neukunden kann mit einer Plattform wie Avoka ein Prozess definiert werden, der iterativ arbeitet und dabei nicht nur mit den Bankensystemen, sondern auch mit verschiedenen auskunftgebenden Dienstleistern verknüpft ist. Im Onboarding-Prozess wird festgelegt, welche Daten abgefragt werden und über eine Weiche zu einem weiteren System werden diese Daten dann bestätigt: Ist das tatsächlich Christian Brüseke?; Ist das wirklich die Mustermann GmbH?; Sitzt die Firma immer noch in Eschborn?, usw.. Dieser Prozess läuft automatisch im Hintergrund, angefragt werden dabei in Deutschland etwa die Schufa, Creditreform oder CRIFBÜRGEL, um direkt auf Handelsregistereinträge, Jahresabschlüsse, Organisationscharts etc. zugreifen zu können.

  • Ist so etwas im E-Commerce oder bei Payment-Providern nicht gang und gäbe und damit leicht zu realisieren?

Natürlich hat eine Bank heute die Möglichkeit, eine Schufa-Auskunft einzuholen – und das wird ja auch gemacht. Aber diese Schufa-Auskunft sagt nur, ob Christian Brüseke kreditwürdig ist. Aber womit verdient Christian Brüseke sein Geld? Und wohnt er noch an der angegebenen Anschrift? Mit wem hat er Geschäftsbeziehungen? Auf der Privatkundenseite ist das komplex aber noch beherrschbar. Auf der Firmenkundenseite ist das eine völlig andere Geschichte! Da reicht es nicht, Online-Profile und Social Media zu integrieren und zu analysieren, hier müssen beispielsweise Handelsregistereinträge und Organisationscharts geprüft werden, das ist ein komplexer und momentan noch sehr papierbehafteter Prozess.

  • Kann man sagen, je einfacher und schneller es für den Kunden wird, umso komplexer wird es für die Banken?

Ja! Genau hier liegt die Herausforderung. Hinzu kommt ja, dass sich Vorschriften nicht nur permanent ändern, sondern auch ständig mehr werden. Umso wichtiger ist es dann, ein System zu nutzen, das möglichst flexibel ist und mit den Kunden und Gesetzen wächst und ihnen gerecht wird. Es muss möglich sein, Änderungen vorzunehmen, ohne dass gleich Jahre an Entwicklungsarbeit dazu nötig sind.

  • Die Bankensysteme sind über die Jahre gewachsen und haben gigantische Ausmaße angenommen. Macht ein einheitliches System wie Avoka die Anbindung an diese Systeme leichter?

Den Anspruch haben wir zumindest. Wir haben Projekte, etwa mit HSBC, wo wir KYC mit Customer Onboarding verknüpfen. Einer der weltweit größten Dienstleister in diesem Sektor ist die Firma Experian, mit der wir eine enge Partnerschaft pflegen. Ich sehe große Chancen in diesem Bereich, weil das Thema ein riesiger „Pain-Point” für alle ist und den Banken auf den Nägeln brennt. Mit uns lassen sich KYC und Customer Onboarding mit Digital Sales verbinden – das ist ein starkes Pfund, mit dem die Banken arbeiten können.

  • Herr Brüseke, vielen Dank für das Gespräch! 
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Georg Simmels Philosophie des Geldes

Die Diskussion über das Wesen des Geldes wird allenthalben von der Frage durchzogen: ob das Geld, um seine Dienste des Messens, Tauschens, Darstellens von Werten zu leisten, selbst ein Wert sei und sein müsse, oder ob es für diese genüge, wenn es, ohne eigenen Substanzwert, ein bloßes Zeichen und Symbol wäre, wie eine Rechenmarke, die Werte vertritt, ohne ihnen wesensgleich zu sein. (Georg Simmel: Philosophie des Geldes).

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Erste Campus – Das neue Headquarter der Erste Group

 

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