Personalisierung im Banking über physische Produktmerkmale

Von Ralf Keuper

Anders als die Hersteller von Konsumgütern, die ihren Produkten mittels Verpackung und Design ein mehr oder weniger unverwechselbares Profil geben können, haben die Banken kaum eine Möglichkeit, ihre unstofflichen Produkte und Services mit besonderen physischen Merkmalen auszustatten und sie damit zu personalisieren bzw. zu singularisieren.

Versuche, die eigenen Produkte aufzuhübschen, sind eher die Ausnahme. Wenn, dann sind es Online-Banken wie N26 die hier neue Wege gehen. Schon kommt der Hinweis, die Banken mögen sich auf das Wesentliche konzentrieren, statt mit Kinkerlitzchen die Kunden anzulocken, wie in Bankprodukte: Konzentration aufs Wesentliche würde vielen Banken gut tun. Die Banken seien schon genug damit beschäftigt, ihre System halbwegs stabil und sicher zu halten. Es wäre schon ein Fortschritt, wenn die Kundenschnittstelle den gängigen Standards entsprechen würde.

Da ist, gerade mit Blick auf die letzten Ereignisse und Meldungen über Systemausfälle, was dran. Andererseits: Müssen sich die beiden Aspekte widersprechen, d.h. kann man das eine tun, ohne das andere zu vernachlässigen?

Selbst die Hersteller von Investitionsgütern sind vollauf damit beschäftigt, eine Antwort auf die Amazonifikation ihrer Produkte zu finden. Die Kunden erwarten mittlerweile auch im Investitionsgüterbereich eine ähnliche “User Experience” wie sie sie von Amazon oder Apple gewohnt sind. Als Vorbild bzw. “Benchmark” gilt vielen der Sportartikelhersteller Nike. Dort können die Kunden ihre Sportschuhe ihren Vorlieben entsprechend konfigurieren.

Einige sind der Ansicht, dass sich das Banking diesem Trend hin zur Personalisierung, Singularisierung oder Mass Customization nicht entziehen kann. Banking könne durchaus einen Schuss Lifestyle ertragen. Vielleicht wäre es dem Zusammenhang gut, sich an den Prinzipien für gutes Design von Dieter in Rams zu orientieren (Vgl. dazu: Personal Finance Management: Weniger, aber besser (Less but better). Also in etwa: Funktionsorientiertes Design mit einem Schuss Zeitgeist 😉

Gutes Design in Kombination mit Sicherheit, das zeigt allein das Beispiel Apple, kann ein Kaufargument sein. Letztlich geht es bei jedem Produkt oder Service darum, den Zustand herzustellen, wie Ted Levitt ihn beschrieben hat:

A product is, to the potential buyer, a complex cluster of value satisfactions (in: Marketing Myopia)

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88% Substituierungspotenzial in der Finanzbranche?

Von Ralf Keuper

In der Studie Strukturwandel und Beschäftigungsentwicklung in der
Finanzbranche in Hessen
ist u.a. vom sog. Substituierungspotenzial der Beschäftigung als Folge der Digitalisierung die Rede:

Um die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Beschäftigung zu bestimmen, wurden in einem IAB-Projekt die Anteile der Tätigkeiten berechnet, die innerhalb eines Berufs bereits heute durch den Einsatz von Computern oder computergesteuerten Maschinen ersetzt werden könnten. Der Anteil der ersetzbaren Tätigkeiten markiert das Substituierbarkeitspotenzial eines Berufs. Sind beispielsweise sieben von zehn Tätigkeiten eines Berufs durch Computer ersetzbar, beträgt das
Substituierbarkeitspotenzial 70 Prozent.

Der Autor gibt dabei jedoch zu bedenken:

In Hinblick auf die Ergebnisse dieser Betrachtungsweise ist allerdings sehr stark zu betonen, dass die technische Machbarkeit der Automatisierung von Tätigkeiten nicht zwangsläufig deren Umsetzung zur Folge haben muss, es handelt sich lediglich um potenzielle Substituierbarkeitsanteile. Im
Gegenteil kann es durchaus sein, dass die Investitionskosten in Techniken, die menschliche Arbeitskraft ersetzen sollen, höher wären als die Lohnkosten für die betroffenen Arbeitnehmer. Auch
ethische Hürden sowie rechtliche Barrieren könnten der Umsetzung entgegenstehen.

Für Bankkaufleute ergibt sich auf Basis des job.futuromaten folgendes Bild:

Für Bankkaufleute ergibt sich beim Job-Futuromat ein hohes Substituierbarkeitspotenzial. Sieben von acht typischen Tätigkeiten, die diesen Beruf kennzeichnen, könnten bereits heute – theoretisch – von Computern oder Maschinen übernommen werden – dies ergibt ein Substituierbarkeitspotenzial von 88 Prozent. Für den Kreditsachbearbeiter ergeben sich 83 Prozent, den Anlageberater 29 Prozent und für den Fondsmanager 25 Prozent.

88 Prozent Substituierungspotenzial ist schon beachtlich bzw. erschreckend. Insofern überrascht es nicht allzu sehr, dass die Zahl der jungen Menschen, die den Ausbildungsberuf Bankkaufmann/Bankkauffrau wählen, seit Jahren stark abnimmt.

Inwieweit nun die Automatisierung, wie z.B. durch die Robotic Process Automation oder Voice Banking, in den Banken um sich greifen wird und ob die 88% Potenzial ausgeschöpft werden, bleibt abzuwarten. Automatisierung ist auch hier kein Allheilmittel. Es bleiben, wie der Autor betont, ethische und rechtliche Hürden. Der Anteil hochqualifizierter Tätigkeiten, die einen Hochschulabschluss erfordern, nimmt in den Banken laut Studie zu. Allerdings wird dieser Zuwachs den Abbau in den anderen Tätigkeitsfeldern nicht ausgleichen können. Die Studie gibt zu bedenken, dass sich die Auswirkungen der Aktivitäten von Fintech-Startups und BigTech sowie überhaupt neuartiger, disruptiver Technologien und Geschäftsmodelle auf die Beschäftigung im Bankgewerbe zum jetzigen Zeitpunkt nicht genau abschätzen lassen. Die Erfahrungen der jüngsten Vergangenheit, genannt sei Apple mit seiner Apple Card und Sign in with Apple und Libra, zeigen, dass die Zahl der Überraschungen in nächster Zeit eher zunehmen als abnehmen wird. Benötigt werden in den Banken und Sparkassen ein schlüssiges Zukunftskonzept bzw. neue Geschäfts- und Organisationsmodelle.

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Die ökonomische Bedeutung digitaler Identitäten

Von Ralf Keuper

Die Kosten, die damit verbunden sind, im Internet die wahre Identität eines Nutzers zu ermitteln sind hoch – selbst in den Industrieländern. Noch mehr gilt dieser Befund für die Schwellen- und Entwicklungsländer. Deren Einwohner verfügen häufig über keine Papiere oder Dokumente, mit denen sie ihre Identität beweisen können. Das führt dazu, dass dieser Personenkreis am wirtschaftlichen Leben, das auch in den Schwellenländern digitaler wird, nicht teilnehmen können. Auf diesen Umstand weist The Economic Value of Digital Identity hin, der wiederum Bezug auf die vor einigen Monaten veröffentlichte Studie Digital identification: A key to inclusive growth nimmt.

Wesentliche Merkmale bzw. Effekte digitaler Identitäten für die Volkswirtschaften:

The economic potential can differ significantly across countries based on two key factors: the share of the economy constricted by bottlenecks that digital ID can address and unlock, such as government benefits and health-care spending; and the potential for value creation by enabling a wide range of digital interactions across the overall economy.

Der Zugang zu Bankdienstleistungen und staatlichen Services ist von hoher Bedeutung, damit die Menschen am Wirtschaftsleben, wie überhaupt am gesellschaftlichen Leben, als autonome Personen teilnehmen können und damit sichtbar werden. Sie bekommen dadurch – im Idealfall – eine Stimme und ein Gesicht.

Der Bedeutung der digitalen Identitäten für Wirtschaft und Gesellschaft macht sich indes auch in den sog. entwickelten Ländern zunehmend bemerkbar. Digitale Identitäten sind die Dampfmaschinen der digitalen Ökonomie (Vgl. dazu: Digitale Identität – Dampfmaschine der digitalen Ökonomie). Davon betroffen sind nicht nur Personen, sondern vor allem auch Maschinen, Geräte und Unternehmen (juristische Personen), die ebenfalls eine verifizierte Identität bekommen. Das wiederum führt zu neuen Rollen- und Geschäftsmodellen (Identity Banks, Personal Banks, Datengenossenschaften, Identity Based Marketing, Identity-Clearing etc.).

Darauf zielen die diversen Initiativen von BigTech, wie das derzeit diskutierte Libra-Projekt von Facebook. Dabei geht häufig unter, dass die anderen Technologiekonzerne wie Microsoft, Apple und Samsung auf diesem Gebiet ebenfalls aktiv sind (Vgl. dazu: Libra und Calibra sind nur der Anfang – die Zukunfts-Analyse von Ralf Keuper).

Crosspost von Identity Economy

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Die Geschichte der Westfälischen Provinzial-Hülfskasse – der ersten Landesbank Deutschlands

Von Ralf Keuper

Die Landesbanken sehen sich in zunehmendem Maß mit der Frage konfrontiert, ob ihre Funktion bzw. Rolle überhaupt noch benötigt wird. Ein Blick auf die Anfänge der Landesbanken kann daher nicht schaden. Die erste Landesbank Deutschlands wurde im Jahr 1832 in Münster als Westfälische Hülfskasse gegründet. Über ihren Geschäftsauftrag heisst es in Hilfskassen, Landesbankinstitute und Girozentralen in Westfalen und im Rheinland. Ein Werkstattbericht zur Erschließung der Vorgängerprovenienzen der WestLB.

Die Gründung der Westfälischen Provinzial-Hülfskasse 1832 in Münster war, ebenso wie die Errichtung ihres Schwesterinstituts in der rheinländischen Provinz 22 Jahre später, eine Maßnahme zur Wirtschafts- und Infrastrukturförderung. Durch die Darlehnsvergabe an gemeinnützige Anstalten, Genossenschaften und vor allem an Kommunen sollte sowohl die Schuldentilgung der Darlehnsnehmer erleichtert als auch Produktionssteigerungen in der Landwirtschaft, Investitionen in Gewerbe und in das Verkehrssystem finanziert werden.

Während der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre gerieten auch die Landesbanken in existenzielle Nöte.

Die Illiquidität beider Landesbanken im Kontext der Bankenkrise 1931 führte zur institutionellen Aufspaltung beider Institute. .. 1933 wurde auch in Westfalen ein Staatskommissar zur Verwaltung und Sanierung der Landesbank berufen, die hier jedoch erst 1943 zum Abschluss kam. Bereits 1931 war die Girozentralfunktion der neu gegründeten Abteilung B der Provinzial-Hauptkasse Münster, dann der 1935 vom Sparkassen- und Giroverband und Provinzialverband errichteten Landesbank und Sparkassenzentrale für Westfalen (Girozentrale) übertragen worden. Daneben existierte die Landesbank der Provinz Westfalen weiter, bis beide Institute 1943 mit dem Westfälischen Pfandbriefamt für Hausgrundstücke zur Landesbank für Westfalen (Girozentrale) fusionierten.

Im Jahr 1969 fusionierten die Rheinische Girozentrale und Provinzialbank in Düsseldorf und die Landesbank für Westfalen in Münster zur Westdeutschen Landesbank (WestLB) mit Sitz in Düsseldorf, die vor einigen Jahren ihr Geschäft einstellen musste.

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Diskussion: “Cyberwar – Wenn unser Finanzsystem kollabiert”

Weitere Informationen:

Was bei einem Blackout geschieht. Folgen eines langandauernden und großräumigen Stromausfalls

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Die weltweit erste “Bank für das Internet der Dinge”

Von Ralf Keuper

Das Internet der Dinge bietet für die Banken die Gelegenheit, den Kontakt mit den Kunden in deren digitalen Alltag aufrecht zu erhalten. Der nach eigener Aussage weltweit erste Entwickler einer Banking-Plattform für das Internet der Dinge, ieDigital, hat bereits vor drei Jahren die erste “Bank für das Internet der Dinge” lanciert (Vgl. dazu: ieDigital launches world’s first IoT bank).

Zum Leistungsumfang der “Bank”:

ieDigital’s Interact IoT enables people to log into their bank and securely connect to a range of smart devices. These devices then automatically respond to their bank balance, helping them save money. Smart devices already integrated into the IoT bank platform include Nest Thermostat, and Pavlok, a wearable device that gives users electric shocks to help them break bad habits.

Der Kunde hat(te) die Wahl zwischen Pavlok, einem Armband, das Stromstösse sendet, sobald der Kunden ein bestimmtes Ausgabelimit überschritten hat, und dem Nest Thermostat, das die Heizung drosselt, sobald eine bestimmte Raumtemperatur überschritten ist. Auf diese Weise sollen die Kunden mehrere hundert Pfund im Jahr sparen.

Seit dem offiziellen Start ist von der “Bank” nicht mehr viel zu hören und zu lesen. Erwähnt wurde die Bank bzw. der Service vor wenigen Wochen in How the Future of Banking Will Rely on IoT. ieDigital hat Ende vergangenen Jahres eine Kooperation mit Five Degrees bekannt gegeben (Vgl. dazu: Five Degrees and ieDigital partner to create digital banking portfolio).

Ob jetzt ein Armband, das ganz Sinne des Behaviorismus (oder Pawlows) Stromstösse sendet und/oder eine Verbindung mit Googles Nest aufbaut, jetzt tatsächlich so wünschenswert ist, sei dahin gestellt – eher nicht. Allerdings ist die Lösung vom Prinzip her gar nicht mal so verkehrt. In der einen oder anderen Form werden wir Internet of Things Banks sehen.

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Open Innovation mit MOVE

Von Ralf Keuper

Dass die Banken und Sparkassen das über Jahrzehnte kultivierte Denken in geschlossenen Systemen überwinden müssen, um in der Plattformökonomie noch als relevanter Akteur wahrgenommen zu werden, ist weitgehend unstrittig. Die großen Digitalen Plattformen und Ökosysteme wie Apple und Google verdanken ihren Erfolg u.a. der Tatsache, dass sie für viele Entwickler und Startups attraktive Partner sind. Ebenso wichtig ist es, die Nutzer möglichst frühzeitig in die Produktentwicklung einzubinden und damit die Lust am Gestalten zu wecken. Für diese Art der Zusammenarbeit haben sich die Begriffe Open Innovation oder Co-Creation eingebürgert.

Beispielhaft dafür ist die Plattform des Sparkassen Innovation Hub MOVE. Bei MOVE handelt es sich um eine Community, deren Mitglieder aktiv an der Produktgestaltung mitwirken können. Dafür legen Nutzer einen Account bzw. ein Profil an, wählen die für sie relevanten Projekte und bringen dann ihre Ideen und Verbesserungsvorschläge ein.

Dass der Sparkassen Innovation Hub sich auch sonst mit den aktuellen Entwicklungen im Banking beschäftigt und dabei für Sparkassen-Verhältnisse erstaunlich offen ist, zeigt das digitale Magazin GODILOCKS.

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Handelsfinanzierungen über Blockchain

Von Ralf Keuper

Bei der Abwicklung von Export- und Importgeschäften ist der Aufwand für den “Papierkram” enorm. Die Hoffnungen bei den Banken und Unternehmen ist daher groß, mit der Blockchain einen Großteil dieses Aufwands zu minimieren und zu digitalisieren.

In den letzten Monaten gab es zahlreiche Meldungen von Kooperationen von Banken, Finanzdienstleistern und Unternehmen, wie die folgenden:

Erste Handelsfinanzierung über Blockchain geschlossen

Siemens setzt in der Handelsfinanzierung auf Blockchain

Blockchain-Plattformen – Rund um die Uhr und digital

Einige Banken, wie die HypoVereinsbank, setzen auf we.trade, eine Plattform, die auf IBMs Hyperledger Fabric basiert (Vgl. dazu: Trade finance blockchains consolidate into we.trade). Weitere Plattformen mit ähnlichem Leistungsspektrum sind Voltron, Marco Polo und eTradeConnect (Vgl. dazu: The 5 trade finance consortia testing blockchain). Einige Banken, wie die HSBC, sind gleich in mehreren Konsortien aktiv. Batavia ging zwischenzeitlich in we.trade auf. eTradeConnect und we.trade wiederum wollen ihre Plattformen interoperabel machen. Bevorzugter Blockchain-Lieferant ist IBM bzw. Hyperledger.

Wachsender Beliebtheit erfreut sich Marco Polo (Vgl. dazu: Marco Polo Blockchain (R3 Corda) gewinnt immer mehr Kunden).

Bei der Bewertung der Erfolgsaussichten sind sich die Kommentatoren noch uneins bzw. noch nicht sicher. Beispielhaft dafür:

Verändert die Blockchain-Technologie die Unternehmenswelt? (3) Praxisbeispiel Handelsfinanzierung, Hürden und Einschätzung

Potenziale der Blockchain-Technologie für die Handelsintegration von
Entwicklungsländern

Die Blockchain kann die Exportfinanzierung vereinfachen

Schuldschein und Handelsfinanzierung: Braucht es Blockchain oder nicht?

Ohne einen Krypto Euro ist die Zahlungsabwicklung mittels Blockchain nicht sonderlich effizient.

Neben den genannten gibt es noch weitere, generische Lösungen für die Handelsfinanzierung per Blockchain, wie Telrpay und XinFin.

Weitere Informationen:

Rechtliche Grundlagen für Distributed Ledger-Technologie und Blockchain in der Schweiz: Eine Auslegeordnung mit Fokus auf dem Finanzsektor -Bericht des Bundesrates

BLOCKCHAIN UND SMART CONTRACTS: EFFIZIENTE UND SICHERE WERTSCHÖPFUNGS- NETZWERKE

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Facebook greift Banken mit digitaler Weltwährung an – Wer hat zukünftig die Nase vorn?

Ein Kommentar von Karl im Brahm, CEO und Head of Germany der Avaloq Sourcing (Europe) AG (www.avaloq.com)

Ihrer Zeit voraus zu sein und auf der grünen Wiese radikal neue Geschäftsmodelle zu entwickeln, die etwas ermöglichen, von dem Kunden noch nicht einmal wissen, dass sie es wollen und brauchen – das ist das Erfolgsgeheimnis der GAFA-Konzerne Google, Amazon, Facebook und Apple. Dass auch Banken immer stärker nach Innovation und Agilität streben, ist nur folgerichtig: Nachdem Google und Apple bereits Bitcoin, Ethereum & Co. in ihren App-Stores anbieten, will sich nun auch Facebook mit einer eigenen Kryptowährung namens Libra sein Stück vom Finanz-Kuchen sichern. Die digitale Weltwährung soll weder Kursschwankungen unterlegen sein noch Zugang zu den Finanzdaten der Nutzer bieten. Um den GAFA das Feld nicht zu überlassen, denkt jetzt auch die Unionsfraktion darüber nach, einen digitalen Euro einzuführen – mit dem Ziel, einen Teil der bestehenden Geldmenge zu digitalisieren. Vor diesem Hintergrund sind Banken und Vermögensverwalter heute immer öfter mit dem Wunsch ihrer Kunden konfrontiert, digitale Assets in ihr Portfolio zu integrieren. Die Devise lautet, sich den neuen Marktbedingungen anzupassen.

In der Biologie gilt, dass nur die überlegenen Vertreter einer Spezies überleben – nämlich jene, die an ihren Lebensraum am besten angepasst sind. Übertragen auf Finanzinstitute, bedeutet das: Anstatt über die GAFA und ihren zielorientierten Umgang mit Kundendaten zu klagen, sind Banken gefordert, den Kampf mit den Big Techs aufzunehmen. Denn ohne Gegenwehr könnten die GAFA auch die Finanzdienstleistungsbranche in schwindelerregendem Tempo erobern. Banken haben also gar keine andere Wahl, als ihr Leistungsportfolio um Kryptowährungen zu erweitern.

Karl im Brahm, CEO der Avaloq Sourcing (Europe) AG

Kryptowährungen werden sich durchsetzen

Vor diesem Hintergrund haben viele Investoren noch Bedenken und brauchen Zeit, um sich mit disruptiven Technologien auseinanderzusetzen. Selbst wenn ihre Vorbehalte durchaus verständlich sind – schließlich wollen sie sicher sein, dass sie ihr Geld gewinnbringend anlegen –, bleibt absolut keine Zeit, sich umfassend zu informieren. Und selbst wenn sie das tun und zu dem Schluss kommen, dass der Hype schon wieder vorbei ist, liegen sie mit dieser Einschätzung falsch. Zugegeben, der Bitcoin als digitale Vorzeigewährung dominiert nicht mehr die Schlagzeilen. Doch die technologische Weiterentwicklung schreitet rasant voran. Dass sich Kryptowährungen langfristig durchsetzen, belegt auch eine aktuelle Studie von Greenwich Associates[1]. Demnach glauben 70 Prozent der Befragten, dass sich viele Krypto-Assets am Markt etablieren werden und dass ein reguliertes Wachstum zu erwarten sei.

Kryptographie-Technologie ist nur schwer zu verstehen

Warum aber zögern viele Banken und Wealth Manager damit, digitale Assets in ihr Portfolio aufzunehmen? Viele Finanzinstitute haben Vorbehalte einer Technologie gegenüber, die sehr komplex und darum schwer verständlich ist. Wie steht es um Compliance-Konformität und Marktliquidität? Wie können wir digitale Assets in unser Portfolio aufnehmen? Wie wirken sie sich auf unsere Bilanz aus? Auch Anleger sind verunsichert. Sie fragen sich, wie die zugrundeliegende Kryptographie-Technologie überhaupt funktioniert, welche Vorteile sie bietet und wie sie jene Anbieter identifizieren können, die vertrauenswürdig und liquide sind.

One-Stop-Shop für alle Geldanlagen

Da digitale Assets in der Regel völlig losgelöst von Banken gehandelt werden, tun Finanzinstitute gut daran, keine eigene Krypto-Asset-Lösung von Grund auf neu aufzubauen. Dennoch sollten sie sich das Potenzial digitaler Assets als Diversifikationselement zunutze machen. Wer es heute verpasst, den Trend aufzugreifen, wird die entstehenden Lücken nicht mehr schließen können – und von der Marktentwicklung abgehängt. Darum müssen Banken und Vermögensverwalter für ihre Kunden auch zum Krypto-Treuhänder ihrer digitalen Assets werden. Das gelingt, indem sie die Krypto-Assets vertrauenswürdiger Anbieter nahtlos in ihre bestehende Kernbankenlösung einbinden. Indem sie den gesamten Krypto-Asset-Prozess auf derselben zentralen Plattform abbilden, entsteht ein One-Stop-Shop für alle Finanzanlagen: Kunden können dann über ihre Banking-Plattform in traditionelle wie auch in Krypto-Anlagen investieren. Das ist für Kunden einfach und komfortabel, und auch Banken und Vermögensverwalter profitieren von einem solchen Ansatz. Anstatt das Krypto-Asset-Management an einen externen Dienstleister oder die Kunden auszulagern, die womöglich nicht sensibel genug mit Daten und Codes umgehen, behalten Finanzinstitute selbst die Hoheit über die Daten ihrer Kunden und die Sicherheit ihrer Portfolios. So können sich etablierte Banken nicht nur als vertrauenswürdige und zugleich innovative Finanzpartner positionieren, sondern sich auch die Kontrolle über sämtliche Vermögenswerte und Cashflows ihrer Kunden sichern.I

Weiterführende Informationen

Detaillierte Informationen, Statistiken und Lösungsansätze zum Thema Krypto-Assets und Tokenisierung finden Interessenten in dem englischsprachigen Whitepaper „Digital Assets hit the Wealth Management Main Stream“, das Avaloq hier zum kostenlosen Download anbietet:

https://info.avaloq.com/global/lp/crypto-assets-in-wealth-management?hsCtaTracking=48320b2c-6084-4161-b1e1-c1b14222a5d1%7C73c48248-7f6f-4079-a17a-b94ae508dcc8

Autorenprofil

Karl im Brahm ist CEO der Avaloq Sourcing (Europe) AG und verantwortet als Head of Germany von Avaloq in Deutschland die Aktivitäten der Avaloq Gruppe (www.avaloq.com) im deutschen Markt. Er war unter anderem Mitglied der erweiterten Geschäftsleitung der Deutschen Postbank AG sowie Mitglied des Vorstands bei der S Broker AG & Co. KG und der Deutschen WertpapierService Bank AG. Bevor er 2018 als Vorstandsvorsitzender der Avaloq Sourcing (Europe) AG zu Avaloq wechselte, hatte er als CEO einer Beratungsgesellschaft diverse Mandate für Digitalisierungs- und Vertriebsprojekte bei verschiedenen deutschen Großbanken inne.


[1] Greenwich Associates, 2018 Custom Study: Institutional Expectations

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Digitale Identitäten als Singularitäten

Von Ralf Keuper

In der Vergangenheit wurde das Besondere als Kontrast zum Allgemeinen wahrgenommen. Etwas Besonderes war von der Anzahl her gering, beim Kunstwerk sogar nur einmalig. Mit der Digitalmoderne nun kommt es zu dem auf den ersten Blick paradoxen Phänomen, dass sich das Besondere in Form von Singularitäten massenhaft verbreitet. Der alte Gegensatz scheint hinfällig geworden zu sein. In seinem vielbeachteten Buch Die Gesellschaft der Singularitäten beschreibt Andreas Reckwitz diesen Wandel, der für den Übergang von Industriegesellschaft hin zur Spätmoderne oder Digitalmoderne steht:

Die Überlagerung der alten Logik des Allgemeinen der Industriegesellschaft durch eine soziale Logik des Besonderen der Spätmoderne betrifft letztlich und in außerordentlichem Maße die Formen des Sozialen, des Kollektivs und des Politischen zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Singualrisiert werden keineswegs nur Individuen oder Dinge, sondern auch Kollektive.

Über den Vorgang der Singularisierung:

Die Singularitäten sind nicht kurzerhand objektiv oder subjektiv vorhanden, sondern durch und durch sozial fabriziert. Was als eine Einzigartigkeit gilt und als solche erlebt wird, ergibt sich, .., ausschließlich in und durch soziale Praktiken der Wahrnehmung, des Bewertens, der Produktion und der Aneignung, in denen Menschen, Güter, Gemeinschaften, Bilder, Bücher, Städte, Events und dergleichen singularisiert werden.

Kurzum: Alles lässt sich irgendwie typisieren – auch das Besondere, das früher als Originalität, als etwas Einzigartiges, Einmaliges galt.

Besonders sichtbar wird die Singularisierung laut Reckwitz bei der automatischen Profilerstellung, wie bei der Profilpflege von den Nutzern in den sozialen Netzwerken, oder in Form der automatischen Profilerstellung vor allem von facebook und Google zum Geschäftsprinzip erhoben wird.

Über den Unterschied zwischen dem öffentlichen und den maschinell erstellten Nutzerprofilen:

Anders als das öffentliche Profil von Nutzern braucht dieses maschinelle Subjekt-Profil keine identifizierbare Kohärenz zu besitzen; es reicht, dass es sich beim Subjekt um ein Ensemble heterogener Präferenzstrukturen handelt, bezogen etwa auf Musikstile, Politik und Bekleidung. Das Subjekt erscheint in der algorithmischen Beobachtung als eine Art multiples Selbst, dessen einzelne Bestandteile in der vergleichenden Perspektive Muster bilden, die sich auch bei anderen Nutzern zeigen.

Das maschinelle Profil benötigt nur Attribute, bestimme Merkmale einer Person, die sich mit den Profilen anderer korrelieren und in irgendeiner Form, meist zu Werbezwecken, vermarkten lassen.

Spätestens hier stellt sich die Frage, ob die Nutzer auf diese Weise nicht zu Objekten degradiert werden, die gemessen, gewogen und miteinander verglichen werden können, wobei bestimmte Merkmale unter den Tisch fallen, da ökonomisch ohne Wert. Wird die Würde des Menschen damit nicht granularisiert bzw. negiert? (Vgl. dazu: Wird die Würde des Menschen durch die Digitalisierung granularisiert?). Digitale Identitäten sind hiervon besonders betroffen. Wer sorgt dafür, dass die Digitalen Identitäten nicht automatisch mit der Person und ihrer Eigenkomplexität, die sich eben nicht bewerten und messen lässt, weder in der Logik des Marktes noch in der des Sozialen, zusammenfallen? Dass mit der Verbreitung Digitaler Identitäten die Singularisierung voran getrieben wird, steht außer Zweifel – das gilt vor allem für technische Objekte und Geräte. Können die digitalen Identitäten der Menschen mit denen der Objekte vermischt werden, ohne dass wir Gefahr laufen, Menschen mit Maschinen und Objekten gleichzusetzen? Oder anders: Schreiben wir irgendwann den Maschinen ähnliche Eigenschaften wie den Menschen, wie z.B. das Bewusstsein und Gefühle zu, um damit die Unterschiede zu überwinden bzw. zu verwischen und damit so ziemlich alles messbar zu machen? Wann schießen wir über das Ziel hinaus? Können Selbstverwaltete Digitale Identitäten hier Abhilfe leisten, da es mit ihnen möglich ist sich, anonym im Netz zu bewegen oder nur bestimmte Merkmale nach außen zu geben?

Wie wir es auch drehen und wenden: Wir benötigen in Zukunft Institutionen und Verfahren, die uns davor beschützen, auf den Rang reiner Objekte reduziert zu werden. Welche Logik soll in der Wirtschaft und Gesellschaft der Spätmoderne bestimmend sein – die der Algorithmen? Wer übernimmt die Funktionen der Überwachung und Kritik? Sind Digitale Identitäten ein Stück der Persönlichkeit, oder stellen sie einen Vermögenswert dar, den es ebenfalls zu schützen gilt?

Richtig ist wohl, dass die Gesellschaft granularer wird, was dazu führt, dass Merkmale, die früher als besonders bewertet wurden, zu Mustern und Typen zusammengesetzt werden können, die dann nur noch in Nuancen voneinander abweichen, z.B. dadurch, dass sie sich im Gebrauch und Besitz von Objekten und Geräten voneinander unterscheiden. Jeden Maschine wird – in Maßen – zu etwas Besonderem, das spezieller Pflege (Predictive Maintenance, Personalisierung) bedarf. Wer es als Anbieter schafft, diesen Graubereich zu bewirtschaften oder hier vermittelnd tätig zu sein, ohne dabei in den Verdacht der Überwachung und Manipulation zu geraten, ist König.

Crosspost von Identity Economy

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