“IoT und IoT-Payments werden keine Revolution sein – stattdessen befinden wir uns bereits mitten in einem evolutionären Prozess” – Interview mit Markus Eichinger (Wirecard AG)

Markus Eichinger (Executive Vice President Group Strategy bei Wirecard). Foto: Wirecard

Die Payments-Branche hat in den letzten Jahren ihr Gesicht deutlich verändert. Das Bargeld hat als bevorzugtes Zahlungsmittel an Bedeutung verloren, was neben den Banken derzeit vor allem die Hersteller von Geldautomaten und Kassenterminals zu spüren bekommen. Internettechnologien sind heute der Schlüssel für die Abwicklung des Bezahlvorgangs. Unternehmen, die sich schon früh auf diesen Wandel eingestellt bzw. ihn antizipiert haben, sind im Vorteil – das gilt in besonderer Weise für Wirecard. Das nächste große Feld deutet sich mit IoT Payments an. Wie könnte die Entwicklung in diesem neuen Segment verlaufen? Auf diese und weitere Fragen gibt Markus Eichinger (Foto), Executive Vice President Group Strategy bei der Wirecard AG, im Gespräch mit Bankstil Auskunft. 

  • Herr Eichinger, der unbare Bezahlvorgang beim Einkauf wird derzeit überwiegend am POS über Karten abgewickelt. Mit dem Internet of Things bzw. den IoT-Payments verlieren die Karten jedoch an Bedeutung. Wie wirkt sich das auf die Payments-Branche insgesamt aus?

Der Gesamtmarkt wächst stärker, da wir immer mehr eine Verschiebung von Bargeld zu bargeldlosem Bezahlen beobachten können. Innerhalb des bargeldlosen Marktes verschieben sich aber die Bedeutungen: Hardware und Terminals werden nach und nach unwichtiger, Internettechnologie wird immer bedeutender. Auch in der schnell wachsenden Payment-Branche werden sich daher einige Firmen wandeln müssen.

  • Wie positioniert sich Wirecard; muss Wirecard seine Rolle von Grund auf überdenken?

Wirecard sieht sich sogar als Treiber dieses Trends! Ein Beispiel: Wir haben als erste Alipay in Europa implementiert, das übrigens genau so wie oben beschrieben funktioniert – Internettechnologie statt Hardware. Dadurch, dass Wirecard ein Experte für internetbasierte Technologien ist, werden wir von der Entwicklung profitieren.

  • Können Sie ein Beispiel aus der Praxis geben, wie der Bezahlvorgang im Internet of Things künftig ablaufen wird; an welcher Stelle taucht Wirecard auf?

Gerne ein konkretes Beispiel: Mit dem Auto an der Tankstelle vorfahren, Tanken, im Auto selbst den zu zahlenden Betrag bestätigen, losfahren – fertig.

Wirecard kann die gesamte Wertschöpfungskette abdecken – von der Integration bzw. dem Wallet im Auto, über die Integration an der Tankstelle und Abwickelung des Bezahlvorgangs bis zum Auszahlen an die Händler bzw. Tankwarte.

  • Einige Marktbeobachter gehen davon aus, dass die großen Internetkonzerne wie Amazon und Alibaba aber auch Hersteller wie Samsung alles aus einer Hand (Logistik, Finanzierung, Produktion), d.h. auch IoT-Payments, anbieten werden. Wo ist da noch Bedarf für Wirecard?

Einmal besteht der Bedarf im Kern des Payments – alleine aufgrund des internationalen Payment-Lizenznetzwerks von Wirecard. Weiterhin bestehen viele Möglichkeiten der Kooperation – die Wirecard mit den oben genannten Konzernen auch hält. Wie Wirecard haben sich diese Konzerne der Digitalisierung verschrieben – und somit wächst auch für Wirecard der adressierbare Markt.

Klar: Wir sehen Wallets als logische Erweiterung der Speicherung von Bezahldaten, die ja bei IoT-Payments unerlässlich ist, da dort keine Kartendaten eingegeben werden können.

Die Wallets enthalten das Geld des Nutzers, so dass Zahlungen dann direkt von dort aus abgewickelt werden können.

Die wichtigsten Vorteile sind die mögliche Abwicklung von Mikrotransaktionen, die einfachere Erstattung, Rückabwicklung oder Rückzahlung – wie zum Beispiel beim Pfand – und natürlich mehr Komfort für den Nutzer.

  • Die Identifizierung und Authentifzierung spielen bei den Payments ein wichtige Rolle. Wie können sich künftig Nutzer und Objekte (Autos, Kühlschränke, Werkzeugmaschinen) ausweisen; welche bereits bestehenden Verfahren können übernommen bzw. angepasst werden?

Generell hat sich das 2-Faktor-Prinzip bewährt, das auch von immer mehr Diensten im Internet übernommen wird. Die Bezahlwelt basiert schon länger auf diesem Prinzip, um Bezahlungen sicher zu machen – zum Beispiel: Chip & Pin.

Es wäre also vorstellbar, dass das 2-Faktor-Prinzip auf Mensch und Maschine aufgeteilt wird. Beispiel: Die Maschine löst die Bestellung aus, und der Mensch muss zur Bestätigung eine PIN auf einem Terminal oder Smartphone eingeben.

  • In letzter Zeit sind einige Login-Allianzen an den Start gegangen. Das prominenteste Beispiel ist VERIMI. Könnten Login-Allianzen für die sichere Identifizierung sorgen und damit dem IoT-Payments zum Durchbruch verhelfen?

Wir beobachten diese Trends genau, aber sind tendenziell noch skeptisch. So gibt es in Deutschland ja wiederum mehrere verschiedene Anbieter, so dass das Problem nicht wirklich gelöst wird. Für IoT-Payments ist die Existenz eines zentralen Identitäts-Vaults sicherlich hilfreich, aber unserer Meinung nach keine Voraussetzung, da das Thema „Identität“ beim Bezahlen durchaus gelöst ist. Die Allianzen gehen aber natürlich in ihrer Absicht deutlich über Payments hinaus und positionieren sich als Gegengewicht zu den US-basierten sozialen Netzwerken.

In dem Zusammenhang loht sich übrigens auch ein Blick nach China!

  • Wäre die Blockchain eine geeignete Technologie, um das nötige Sicherheits- und Vertrauenslevel bei den IoT-Payments herzustellen. Gibt es in Ihrem Haus dazu schon Überlegungen oder erste Aktivitäten?

Selbstverständlich beschäftigt sich Wirecard mit der Blockchain-Technologie, aber vor allem im Hinblick auf zahlungsrelevante Themen. Wir denken aber, dass es für marktreife Anwendungsfälle momentan noch etwas früh ist.

  • Wozu braucht es künftig überhaupt noch Banken?

Die Frage lässt sich sicherlich nicht umfassend an dieser Stelle beantworten. Aber in Kürze dazu Folgendes: Banken spielen eine ganz zentrale Rolle im Wirtschaftsleben und sind auch engstens mit der Gesellschaft verwoben – das wird gerne vergessen, wenn man sich nur auf einen spezifischen Aspekt wie z.B. das Bezahlen konzentriert.

Banken müssen sich jedoch auch ändern und ihre Kern-USPs wieder in den Vordergrund stellen, sowie das Vertrauen ihrer Kunden zurückgewinnen. Die „Dienstleistung am Kunden“ steht hier sicherlich in den nächsten Jahren im Vordergrund – unterstützt durch smarte Technik.

  • Wie schätzen Sie die Entwicklung der nächsten Jahre ein. Wann wird der Kühlschrank selbständig einkaufen gehen?

Wir erleben den IoT-Trend ja bereits – Amazon Echo, Google Assistant, nicht zuletzt Smartphones als IoT Devices, die immer selbständiger entscheiden. Der Amazon Go Store ist ja bereits bestens bekannt – hier wird IoT sogar dazu eingesetzt, die Prozesse im Laden selbst neu zu gestalten.

Ich bin überzeugt, IoT und IoT-Payments werden keine Revolution sein – stattdessen befinden wir uns bereits mitten in einem evolutionären Prozess.

Veröffentlicht unter Bank-IT, Banking, Digitale Währungen, Distributed Ledger Technology, Graphentechnologie | Kommentare deaktiviert für “IoT und IoT-Payments werden keine Revolution sein – stattdessen befinden wir uns bereits mitten in einem evolutionären Prozess” – Interview mit Markus Eichinger (Wirecard AG)

Warum die FinTech-Startups nicht das eigentliche Problem der Banken sind #3

Von Ralf Keuper

Obgleich in den Medien zuweilen ein anderer Eindruck entstehen mag, ist die wirtschaftliche Bedeutung der Fintech-Startups bescheiden. Miriam Wohlfahrt gibt in Deutschlands Fintech-Szene ist aktiv wie nie zu bedenken:

Nach wie vor hat die kleinste aller deutschen Sparkassen Bad Sachsa eine ähnliche Bilanz wie N26, das wird in der allgemeinen Nachrichtenlage gerne übersehen.

Eine echte Bedrohung für die Banken geht von ihnen nicht aus. Eine Revolution, Disruption, ja selbst eine Evolution sieht anders aus. Auch die bekanntesten und erfolgreichsten unter ihnen plagen sich mit Problemen, die für deutliche Risse in der Fassade sorgen, wie bei Revolut (Vgl. dazu: Customer fury at Nikolay Storonsky’s Revolut lock-out). Für noch mehr Ernüchterung sorgt häufig ein Blick in die Bilanzen, wie bei der solarisbank (Vgl. dazu: Exklusiv: Die Solarisbank kommt gerade mal auf echte Erträge in Höhe von 2 Mio. Euro). Der langjährige Liebling der Szene, die Fidor Bank, ist seit einiger Zeit Teil der zweitgrößten französischen Bankengruppe, der Groupe BPCE. Bei der solarisbank und N26 sind überdies Banken und Technologiekonzerne engagiert. Ohne Anschluss an ein großes digitales Ökosystem haben die meisten Fintech-Startups auf Dauer keine Überlebenschance. (Vgl. dazu: Moven wird zu einer “gewöhnlichen” Bank mit Anschluss an ein großes digitales Ökosystem).

Echte Challenger-Banken gibt es nach Ansicht von PwC ohnehin nicht (Vgl. dazu: There is no such thing as a challenger bank (PWC)).

In den nächsten Jahren, so ein Tenor der Studie, wird die Zahl der Challenger Banken sinken; nur wenige werden den Spagat zwischen rascher Skalierung und Profitabilität schaffen und ein tragfähiges Geschäftsmodell entwickeln. Das gilt in hohem Maß für die Challenger Banken mit Vollbanklizenz. Die regulatorischen Anforderungen sorgen hier für einen Kostenblock, der  im Tagesgeschäft erst einmal verdient werden muss. Früher oder später werden, ja müssen die Challenger Banken, der Logik des Bankgeschäfts folgend, zu “normalen” Banken werden (Eigenzitat).

Die eigentliche Bedrohung geht von den Internetkonzernen aus. Die Banken sind mittlerweile von Google & Co. abhängig (Vgl. dazu: Big Tech und Banking: Darum wird daraus nichts).

Die Banken haben ihre digitale Souveränität verloren, die Fintech-Startups haben sie nie besessen.

Veröffentlicht unter Banking, Fintech | Kommentare deaktiviert für Warum die FinTech-Startups nicht das eigentliche Problem der Banken sind #3

Johann Christian Eberle: Wegbereiter der modernen Sparkassen

Von Ralf Keuper

Was Friedrich Wilhelm Raiffeisen und Hermann Schulze – Delitzsch für die Genossenschaftsbanken, das ist Johann Christian Eberle für die Sparkassen. Eberle stammte wie Raiffeisen und Schulze-Delitzsch aus dem ländlichen Raum. Geboren wurde er 1869 im pfälzischen Laumersheim.

Seine größte und bis heute nachwirkende Tat ist die Einführung des bargeldlosen Zahlungsverkehrs. Damit sollte die Geldversorgung der Wirtschaft unabhängiger vom Bargeld werden.

Eberle hatte die Vorteile eines sparkasseneigenen, geschlossenen Zahlungsverkehrsnetzes erkannt und die Gründung von Girozentralen als zentrale Verrechnungsstelle in jedem Land Preußens vorgeschlagen. Auf Eberles Initiative hin kam es am 5. Oktober 1908 zur Gründung des Giroverbandes Sächsischer Gemeinden mit 151 Mitgliedern, der eigentliche Giroverkehr begann am 2. Januar 1909 mit der ersten deutschen Girozentrale, die in Dresden den Giroverkehr für 143 Girokassen aufnahm. Dabei handelte sich nicht nur um den ersten Giroverband deutscher Sparkassen überhaupt, sondern die Aufnahme des Giroverkehrs in Sachsen war auch wegweisend für die Entwicklung der Sparkassenorganisation. In der Folge gründeten sich weitere Giroverbände, und am 26. Oktober 1916 schlossen sich 12 Giroverbände zum „Deutschen Zentral-Giroverband“ zusammen. Seit 1910 stieg die Bedeutung der Zahlungsverkehrsfunktion für Landesbanken, da sie zur zentralen Verrechnungsstelle bei der Beschleunigung des bargeldlosen Zahlungsverkehrs wurden (Quelle: Wikipedia).

Auf seine Initiative gehen weiterhin die Gründung der Deutschen Girozentrale und des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes zurück.

Noch in seiner Zeit als Bürgermeister von Nossen in Sachsen gewann Eberle die Einsicht, dass die Sparkassen modernisiert werden müssten, um die heimische Wirtschaft, den Mittelstand und die Kleinbürger, zu untersützen:

Eberle suchte ein Gegengewicht zu der immer stärkeren Konzentration des Kapitals und der kreditwirtschaftlichen Bevorteilung der Großunternehmen gegenüber der regionalen klein- und mittelständischen Wirtschaft zu schaffen. Sein Engagement galt der heimischen Wirtschaft in Verbindung mit den Sparkassen vor Ort. Aus den örtlich gesammelten Einlagen sollten zur finanziellen und damit wirtschaftlichen Förderung der Mittelschichten neben den langfristigen jetzt auch kurzfristige Kredite vermittelt werden können, um dieser bis dahin negativen Entwicklung entgegentreten zu können (in: Zum 80. Todestag von Dr. Johann Christian Eberle)

Sein Erbe und Andenken werden heute u.a. durch die Eberle-Butschkau-Stiftung wach gehalten.

Die Sparkassenorganisation beruht noch heute auf den Ideen und Prinzipien, die vor hundert Jahren von Eberle und anderen in die Tat umgesetzt wurden. Seitdem ist von den Sparkassen kaum noch eine nennenswerte organisatorische oder technologische Neuerung gekommen. Ein neuer Eberle ist weit und breit nicht in Sicht. Schon 1971 sagte der damalige Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes, Ludwig Poullain, in einem Interview, dass Opas Sparkasse tot sei. Lebendiger und aktueller denn je sei der öffentliche Auftrag der Sparkassen, so Poullain weiter.

Worin besteht heute der öffentliche Auftrag der Sparkassen? In der Geldversorgung, in der Mittelstandsfinanzierung, im Giroverkehr? Die Sparkassenorganisation ist kaum noch zeitgemäß. Es dominiert das Revierdenken. Die Interessen sind häufig gegensätzlich. Impulse von unten werden oben kaum aufgenommen. Echte Führung findet kaum statt. Es gilt das Motto “Weiter so!”. Anders, als noch zu Eberles und auch noch Poullains Zeiten, mehrt sich die Kritik an der Geschäftspolitik der Sparkassen. Immer öfter sorgen Sparkassen für negative Schlagzeilen (Vgl. dazu:“Sparkassen-Skandale”: Einzelfälle ohne weitere Aussagekraft?). “Weiter so!” im Sinne von, wir machen weiter wie bisher, nur eben digitaler, ist schon lange keine Alternative mehr. Während Eberle die Position der Sparkassen durch die Einführung des bargeldlosen Zahlungsverkehrs für Jahrzehnte stärkte, haben seine Nachfolger mit paydirekt deutlich weniger Erfolg. Ihnen scheint das Gespür Eberles für gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklungen zu fehlen.

Veröffentlicht unter Bankgeschichte, Regionalbanken | Kommentare deaktiviert für Johann Christian Eberle: Wegbereiter der modernen Sparkassen

“Deutsche Bankiers des 20. Jahrhunderts” von Hans Pohl (Hrsg.)

In 30 prägnant gefassten Biografien beschäftigen sich renommierte Historiker und Finanzexperten mit führenden Persönlichkeiten aus allen Sparten des deutschen Kreditwesens. Der Kreis der Bankiers reicht dabei von Max M. Warburg über Hermann Josef Abs bis Jürgen Ponto. Über ihr Wirken im eigenen Unternehmen hinaus stellen die Beiträge auch ihr Engagement für Wirtschaft, Gesellschaft und Politik heraus. In den individuellen Lebensläufen dieser exponierten Persönlichkeiten, die das Wirtschaftsleben entscheidend prägten, werden die Zäsuren und Brüche der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts in besonderer Weise fassbar.

Quelle / Link: “Deutsche Bankiers des 20. Jahrhunderts” von Hans Pohl (Hrsg.)

Rezensionen:

Christopher Kopper: Rezension zu: Pohl, Hans (Hrsg.): Deutsche Bankiers des 20. Jahrhunderts. Stuttgart  2007, in: H-Soz-Kult, 06.02.2008, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-10566>.

aventinus recensio Nr. 17 (Winter 2008)

Veröffentlicht unter Bankgeschichte | Kommentare deaktiviert für “Deutsche Bankiers des 20. Jahrhunderts” von Hans Pohl (Hrsg.)

Vom Webstuhl zur Weltmacht: Aufstieg und Fall der Familie Fugger (Fernsehserie)

Weitere Informationen / Folgen:

Vom Webstuhl zur Weltmacht 2 Der Schatz im Berge

Vom Webstuhl zur Weltmacht 3 Jakob der Reiche

Vom Webstuhl zur Weltmacht 4 Ein Kaiser wird gemacht

Vom Webstuhl zur Weltmacht 5 Beherrscher des Marktes

Vom Webstuhl zur Weltmacht 6 Nichts unter der Sonne hat Bestand

Vom Webstuhl zur Weltmacht

Veröffentlicht unter Bankgeschichte | Kommentare deaktiviert für Vom Webstuhl zur Weltmacht: Aufstieg und Fall der Familie Fugger (Fernsehserie)

Digitale Identitäten – Wettbewerb belebt das Geschäft

Von Torsten Sonntag*

Vor einiger Zeit schrieb Ralf Keuper in diesem Blog, dass deutsche Banken sich beim Thema digitale Identitäten mit Insellösungen verzetteln. Dem möchte ich im Folgenden widersprechen, denn diese Bewertung ist aus meiner Sicht verfrüht und nicht differenziert genug.

Strategische Bedeutung digitaler Identitäten wächst

Die aktuellen Entwicklungen schaffen die Nachfrage und Basis für vertrauensbasierte Dienstleistungen. Dabei müssen wir erst einmal folgende zentrale Themenfelder berücksichtigen:

  • Nachfrage und technologische Weiterentwicklungen: Digitale Identitäten sind die Eckpfeiler der Digitalisierung – nicht nur im Bankengeschäft, sondern branchenübergreifend zum Beispiel für den Mobility-Sektor, für Versicherer, die Telekommunikationsindustrie aber auch im eGovernment. Sie alle brauchen den Zugang zu verifizierten Identitäten, um rechtskonform und sicher online Dienstleistungen anzubieten und ihr Geschäft digitalisieren zu können. Diese Entwicklung wird rasant zunehmen. So erfordert das Internet der Dinge mit der steigenden Anzahl miteinander verbundener Geräte eindeutige Identitäten um End2End-Prozesse abzusichern.
  • Wir erleben gerade einen Paradigmen-Wechsel: Nutzer verstehen die Relevanz ihrer Daten und die Wichtigkeit, die Hoheit darüber zu behalten. Das spiegelt sich auch in regulatorischen Anforderungen wider, ob durch die eIDAS-Verordnung für Vertrauensdienste, die Datenschutz-Grundverordnung, PSDII oder die ePrivacy-Verordnung. Amerikanischen und chinesischen Anbietern ist das ein Dorn im Auge. Für uns ist es eine Chance, selbstbestimmt zu agieren.
  • Europäisches Gegengewicht: So oft hören wir, der Vorsprung von amerikanischen und chinesischen Anbietern ist groß. Aber was ist damit gemeint? Unsere Daten ohne unser Wissen unter dem Deckmantel der Verbesserung der User Experience noch mehr zu monetarisieren? Wir Deutsche und Europäer schätzen den Schutz unserer Daten. Bei digital verifizierten, GwG-konformen Identitäten, mit denen hochregulierte Branchen wie Banken, Versicherungen, etc. agieren, muss der sichere Umgang jederzeit gewährleistet werden. Google, Facebook, Alibaba haben enorme Reichweiten, sind aber keine Banken oder Versicherer und müssen sich nicht an die gleichen Standards halten. Sie verfügen weder über verifizierte Daten, noch über z.B. die hoheitlichen Sicherheitsniveaus. Ihr Geschäftsmodell ist, Nutzerdaten an Dritte für Werbezwecke zu verkaufen. Deshalb wird man nie mit einem Facebook Account ein Bankkonto eröffnen können. Facebook hat erst kürzlich versucht, Zugang zu Bankkundendaten zu bekommen. Dies sollte uns eine Warnung sein. (Spiegel Online, 07.08.18).

VERIMI ist die branchenübergreifende Lösung im eID-Management

Mit VERIMI, der neuen Identitäts- und Datenplattform, wollen wir verifizierte Identitäten branchenübergreifend nutzbar machen. Und das nicht nur im Bankensektor, denn der Gesellschafterkreis von VERIMI ist breit: Mit Allianz, Bundesdruckerei, Deutsche Telekom, Axel Springer, Here, Deutsche Bank, Daimler, CORE, Giesecke+Devrient und Lufthansa hat sich ein Kreis an Branchenführern gefunden, der so wohl noch nie zusammengekommen ist. Denn den Standard schaffen wir nicht über die Banken, sondern wenn sich alle beteiligen.

VERIMI ist eine Vertrauensplattform. Das bedeutet, dass der Identitätsinhaber über die Nutzung seiner Daten selbst bestimmt. Wir handeln nicht mit den Daten des Identitätsinhabers, sondern stellen mit unserer Plattform einen Service zur Verfügung, der unseren Nutzern ermöglicht, die Identitätsdaten in real time selbstbestimmt im digitalen Kreislauf zu nutzen.

Im Gegensatz zu Wettbewerbern beschränken wir uns nicht auf ein Anwendungsfeld, wie zum Beispiel den reinen Banken-Login. Das ist aus unserer Sicht zu kurz gedacht. VERIMI zeichnet sich durch mehr Funktionen aus, wir wollen im eID-Management die komplette digitale Identität abbilden und für Unternehmen neue Use Cases ermöglichen. Dabei setzt VERIMI auf ein ganzheitliches, anwenderfreundliches System, dass allen Sicherheitsniveaus (LoA 1-4) entsprechen wird, branchenübergreifend einsetzbar ist und dem Nutzer volle Datenhoheit gewährt. Und die Plattform wächst: Es kommen neue Gesellschafter hinzu, es entstehen Leuchtturmprojekt im Bereich eGovernment und neue Anwendungspartner werden sukzessive live geschaltet. Darüber hat kürzlich auch die FAS in einem Artikel und Interview berichtet, zu lesen hier.

Ein Markt entsteht – Quo vadis digitale Identitäten?

Der Markt für digitale Identitäten entsteht gerade und wird sich schnell entwickeln, weitere Anbieter werden sich mit ihren Angeboten positionieren. Es ist verständlich, wenn aus Nutzersicht gefordert wird, unterschiedliche Identitätsdienste miteinander kompatibel zu machen und sogenannte Insellösungen zu vermeiden. Warum nicht auch GwG-konforme Bankenidentitäten nutzbar machen und in anderen Feldern einsetzen? Die Möglichkeiten sind vielfältig, aber dazu brauchen wir einen gemeinsamen Standard oder zumindest eine Interoperabilität, in der unterschiedliche Identitätsdienste miteinander kompatibel sind. Der wird sich nach meiner Meinung im Wettbewerb der Ideen und Anbieter letztlich auch durchsetzen. Und es ist gut und wichtig, dass wir Wettbewerb haben und nicht nur Daten-Monopolen wie Facebook und Co. ausgeliefert sind.

Wir sind davon überzeugt, dass VERIMI das beste Angebot für die Verwaltung von digitalen Identitäten macht. Allerdings sind wir zur Kooperation und Zusammenarbeit mit den anderen Initiativen bereit und stehen in gutem Austausch. Deshalb gibt es auch keine Insellösungen, sondern wir sitzen alle im selben Boot. Hier muss der Dialog zwischen allen Interessengruppen vorangetrieben werden.

Ralf Keuper stand ich dazu im Mai 2018 ausführlich Rede und Antwort, das Interview ist hier zu finden.

*Torsten Sonntag ist CFO und COO der VERIMI GmbH

Veröffentlicht unter Digitale Identitäten | Kommentare deaktiviert für Digitale Identitäten – Wettbewerb belebt das Geschäft

Robo Advising oder alt-väterlicher Rat?

Von Ralf Keuper

Ob man bei der Geldanlage auf den Rat eines Robo Advisors, also im Grunde einer Maschine vertraut, oder einem Berater aus Fleisch und Blut, ist eine Frage, die einige Kommentatoren zu einer Wortwahl veranlasst, die ein wenig wie aus der Zeit gefallen wirkt. Um so einen Fall handelt es sich nach meinem Eindruck bei dem Beitrag Roboter, marsch, mach was aus meinem Geld! in der FAZ vom 14.08.18. Darin äußert der Autor und Finanzanalyst Volker Looman seine skeptische bis ablehnende Haltung gegenüber den Ansprüchen bzw. Versprechungen der sog. Robo Advisors – das ist sein gutes Recht. Verstörend sind dabei nicht so sehr seine Argumente, sondern die Art und Weise, wie er die Kunden zu charakterisieren geruht.

Nehmen Sie einen Berufsanfänger her, der 30 Jahre jung ist und im Monat netto 3.000 Euro verdient. Glauben Sie im Ernst, dass der Bursche oder die Maid mit dem Roboter-Rat gut bedient sind, dass Anleihen und Aktien in dieser Lebensphase die richtige Anlage sind?

Im Jahr 2018 können wir mit einigem Recht davon ausgehen, dass Berufsanfänger im Alter von 30 Jahren (!) durchaus in der Lage und mündig genug sind, um zu beurteilen, ob die Geldanlage über einen Robo Advisor für sie in Betracht kommt oder nicht. Anderenfalls haben wir hier ein echtes gesellschaftliches Problem, das weit über Fragen der Finanzbildung hinaus geht.

Wer seine potenziellen Kunden, die das Erwachsenenalter schon längst erreicht haben, abschätzig als “Bursche” oder “Maid” tituliert, täte eventuell gut daran, neben seiner Wort- auch die eigene Berufswahl kritisch zu hinterfragen. Ein weitere Frage ist, wie es kommen kann, solch einen Beitrag in der FAZ, dem eigenen Anspruch nach ein Qualitätsmedium, lesen zu müssen.

Veröffentlicht unter Banking, Fintech, Künstliche Intelligenz | Kommentare deaktiviert für Robo Advising oder alt-väterlicher Rat?

Diebold Nixdorf: Das letzte Kapitel wird eingeläutet

Von Ralf Keuper

Der Strukturwandel im Banking lässt sich an der Geschäftsentwicklung der IT-Zulieferer ablesen. Exemplarisch sind die Hersteller von Geldautomaten, SB-Terminals und Kontoauszugsdrucker – wie Diebold Nixdorf. Auf diesem Blog wurden die Hersteller von Geldautomaten vor mehr als drei Jahren in dem Beitrag Das Innovator’s Dilemma der “Kistenschieber” als Paradebeispiel einer Branche vorgestellt, die den Anschluss an die technologische wie überhaupt an die Marktentwicklung verpasst hat. Ursache dafür ist ein Festhalten an Technologien und Verfahren (heute würde man mind set dazu sagen), die in der Vergangenheit zum Erfolg beigetragen haben, jetzt jedoch dem Wandel, d.h. einer Veränderung des Geschäftsmodells, im Weg stehen.

Damals schrieb ich auf diesem Blog:

Auslöser dieses Falls eines klassischen Innovator’s Dilemma ist der Übergang in die bargeldlose Gesellschaft, wie er durch die Verbreitung von Online- und Mobile Payments Einzug hält. An die Stelle der GAAs, ATMs und Kassenterminals treten die Smartphones und andere mobile Endgeräte. Die Bankfilialen, einst wichtigste Einnahmequelle der Hersteller, gehen an Zahl und Bedeutung für die Kundeninteraktion zurück. Die noch verbleibenden Filialen werden ihr Gesicht deutlich wandeln müssen. Es ist fraglich, ob darin für GAAs, AKTs oder auch Smart ATMs noch Platz sein wird. Nicht viel anders verhält es sich im Einzelhandel. Zwar ist nicht davon auszugehen, dass die Zahl der Filialen, vor allem im Bereich Lebensmittelhandel, sich ähnlich rückläufig entwickeln wird wie im Bankenbereich, allerdings mehren sich auch hier die Anzeichen, dass die guten Zeiten der Kassenterminals sich dem Ende entgegen neigen. Es ist m.E. nur noch eine Frage der Zeit, bis die Smartphones oder andere mobile Endgeräte die klassischen Kassenterminals ersetzen werden. Künftig werden sie nur noch für Barzahlungen benötigt.

Nur wenige Monate später machte sich der Wandel mit der Übernahme von Wincor Nixdorf durch Diebold im Markt bemerkbar (Vgl. dazu: Wincor Nixdorf vor Übernahme durch Diebold). Dennoch waren damals einige Kommentatoren der Ansicht, dass Wincor Nixdorf die Zukunft auch ohne Partner bzw. Übernahme meistern könnte.

Die Fusion von Diebold und Wincor Nixdorf zu Diebold Nixdorf hat die Erwartungen früh enttäuscht.

In Zeiten, in denen digitale Ökosysteme und All-in-one Apps wie Alipay oder WeChat, und demnächst Apple Pay, den Nutzern den Bezahlvorgang so angenehm wie möglich gestalten, wirken Geldautomaten, die mehrere Tonnen wiegen, wie aus der Zeit gefallen. Für das kontaktlose Bezahlen an der Kasse werden demnächst nur noch schlanke Systeme benötigt, für deren Herstellung Diebold Nixdorf und NCR kaum noch gebraucht werden; das können andere schneller und günstiger – man denke nur an Foxconn (in: Diebold Nixdorf im Sinkflug).

Mittlerweile ist das wohl letzte Kapitel von Diebold Nixdorf aufgeschlagen. Der erst vor wenigen Jahren aus der Fusion der Nummer 2 und Nummer 3 des Marktes entstandene Konzern stellt sich nun zum Verkauf, wie u.a. in Geldautomaten-Konzern Diebold Nixdorf stellt sich zum Verkauf berichtet wird. Als Grund für die anhaltend schlechte Geschäftsentwicklung wird die abnehmende Bedeutung des Bargelds angeführt.

Diese Erkenntnis kommt reichlich spät.

Ob die Nummer 1 im Markt für Geldautomaten, NCR, den angeschlagenen Mitbewerber übernehmen wird, ist fraglich. So toll läuft das Geschäft dort nämlich auch nicht – wie auch?

Im Quartalsbericht Q1 2018 von NCR war zu lesen:

Hardware revenue was down 3%. ATM revenue declined 7% as expected and reflected the lower backlog starting the quarter. SCO revenue declined 24% due to the timing of customer rollouts. POS revenue continued its momentum and increased 19% in the quarter due to store transformation trends.

NCR hat seit einigen Monaten einen neuen Chef, der vollauf damit beschäftigt ist, sein eigenes Unternehmen auf Kurs zu bringen.

As you might expect, I’ve had a busy three months since joining NCR. I spent the last 90 days doing a deep dive into our company, our strategy, our customers and our resources. This includes dozens of key customer meetings and interactions with thousands of our employees around the world. These engagements clearly illustrate to me that while the macro environment for the industries we serve remains favorable, we lost our focus on supporting our customers and delivering our products to the market in a timely fashion (in: NCR (NCR) Q2 2018 Results – Earnings Call Transcript).

Allenfalls könnte NCR versuchen, einen lästigen Mitbewerber durch Übernahme los zu werden. Von Interesse sind eigentlich nur die Bestandskunden. Die kann man jedoch mit der eigenen Produktion bedienen und damit auslasten.

Wenn überhaupt, dann ist im Bereich Software und Terminals noch für einen gewissen Zeitraum Geld zu verdienen. Und auch dieses Zeitfenster beginnt sich mit der Verbreitung von kontaktlosem Bezahlen und neuen Filialkonzepten im Einzelhandel wie Amazon Go zu schließen. Als Zulieferer, sowohl von Hardware wie auch von Software, werden NCR, Diebold und Nixdorf für die Banken und den Handel in nur noch geringem Umfang benötigt. Bei den Geldautomaten wird es auch im Bargeldland Deutschland künftig um Ersatz- und nicht um Erweiterungsinvestitionen gehen. Bald darauf kommt der Rückbau. Geldautomaten, davon gehe ich aus, wird es auch in 10 Jahren in Deutschland geben – ihre Zahl wird jedoch deutlich abnehmen. Die Aufgaben, die heute noch von NCR & Co. ausgeführt werden, können demnächst andere Anbieter und Geräte übernehmen. Insofern handelt sich um keine Marktkonsolidierung – den Markt gibt es nämlich bald in dieser Form nicht mehr.

Veröffentlicht unter Bank-IT, Banking | Kommentare deaktiviert für Diebold Nixdorf: Das letzte Kapitel wird eingeläutet

Knut Jessen, CTO of Berenberg, über den Prozess zur Agilen Organisation in der IT

Veröffentlicht unter Bank-IT, Banking | Kommentare deaktiviert für Knut Jessen, CTO of Berenberg, über den Prozess zur Agilen Organisation in der IT

Intellektuelle Technologien für das Banking

Von Ralf Keuper

Rückblickend betrachtet, herrschte in der Finanzkrise von 2007/2008 weniger ein Mangel an ausgefeilten Algorithmen, sondern eher an gesundem Menschenverstand. Im Jahr 2009 sagte Friedrich von Metzler in einem Interview:

Solange es Kapitalmärkte gibt, wird des auch Übertreibungen geben – nach oben wie unten. Die Fehler sind immer die gleichen. Modelle, Regelwerke und feste Schemata schaffen eine vermeintliche Sicherheit. Der gesunde Menschenverstand ist aber durch nichts zu ersetzen.

Können die Verfahren der künstlichen Intelligenz die Banken und die Gesellschaft vor Krisen, wie der letzten, bewahren? Sind Werkzeuge, die modernste Technologien verwenden, in der Lage, die Banker zu besseren Entscheidungen zu führen, die nicht nur das eigene und das Wohl der Bank, sondern auch das der Kunden im Auge haben? Können Innovationen durch den Einsatz Intellektueller Technologien (Daniel Bell) gefördert, hervorgebracht werden?

Intellektuelle Technologien dienen nach Bell dazu, die Entscheidungsfindung zu unterstützten und die Zukunftsplanung durch Modelle zu ermöglichen. Jedes Modell, jeder Algorithmus hat Grenzen, blinde Flecken. Es fließen Annahmen, Interpretationen in die Modellierung und Programmierung ein, die ein bestimmtes Verhalten begünstigen, was wiederum zu Problemen und zu einer einseitigen Sicht, selektiven Wahrnehmung führen kann. Es besteht die Gefahr, dass die Technokraten die Kontrolle übernehmen bzw. ihren Einfluss weiter ausdehnen- wie vor der letzten Finanzkrise. Sie konstruieren irgendwann ihre eigene Realität, die abweichenden Beobachtungen gegenüber immun ist.

Damit die intellektuellen Technologien mehr Nutzen bringen als Schaden anrichten, ist es nötig, dass der sog. Reflektive Modus durch ihren Einsatz gestärkt wird, wie ihn Donald Norman beschreibt:

Reflective reasoning does not have the same kind of limits on the depth of reasoning that apply to experiental cognition, but the price one pays is that the process is slow and laborious. Reflective thought requires the ability to store temporary results, to make inferences from stored knowledge, and to follow chains of reasoning backward and forward, sometimes backtracking when a promising line of thought proves to be unfruitful. This process takes time. .. the use of external aids facilitates the reflective process by acting as external memory storage, allowing deeper chains of reasoning over longer periods of time than possible without aids (in: Things that make us smart)

Kurzum: Es geht darum, nach alternativen Sichtweisen und Interpretationen Ausschau zu halten, wie Ernst Gellner fordert:

Eine Gesellschaft, die an eine expandierende Technologie gefesselt ist und folglich an eine expandierende kognitive Grundlage, kann ihre Wahrnehmung der Welt nicht verabsolutieren oder einfrieren. Eine solche Gesellschaft bekommt ein Gespür für die Unabhängigkeit der vernunftgemäßen Wahrheit von der Gesellschaft, und es fällt ihr schwer, die Idee einer eindeutigen und endgültigen Offenbarung ernst zu nehmen. Ihre hochentwickelte Fähigkeit zu alternativen Konzeptualisierungen desselben Gegenstands und ihr Gespür für die Trennbarkeit von Sachverhalten macht es ihr schwer oder unmöglich, sich eine Weltsicht zu eigen zu machen, die eine autoritative Zuweisung von Rechten und Pflichten und zugleich die Rechtfertigung solcher Zuschreibung impliziert (in: Bedingungen der Freiheit. Die Zivilgesellschaft und ihre Rivalen).

Ziel sollte sein, mittels intellektueller Technologien die Zahl möglicher Szenarien zu erhöhen, alternative Konzepte zu entwickeln und die Mehrdeutigkeit von Ereignissen zu akzeptieren – so stelle ich mir jedenfalls Cognitive Banking vor. In den Banken muss Platz sein für Handwerker und Künstler, als Gegengewicht zu den Technokraten. Intellektuelle Technologien könnten die verschiedenen Sichtweisen einander näher bringen.

Das abstrakte Denken wird künftig an Einfluss gewinnen, so Thomas Sedlacek in einem aktuellen Interview:

Menschen, die abstrakt denken können, werden zu den Gewinnern gehören. Man muss reale Dinge in virtuelle Dinge denken können. Wer nur am Alten festhalten will, wird zu den Verlierern zählen. Ein Tischler kann leicht durch eine Maschine ersetzt werden. Ein Taxifahrer kann durch ein autonom fahrendes Auto ersetzt werden. Im digitalen Zeitalter geht es darum klassische Konzepte wie das des Tisches oder das der Mobilität neu zu denken. Vielleicht erfinden wir eines Tages einen Tisch, der von der Decke herunterhängt.

Dieses neue Denken ist nicht nur Angelegenheit von Algorithmen, Big Data und Data Science, sondern setzt die Fähigkeit zu konzeptionellem, kreativem, analytischem Denken voraus.

Mehr Informationen bedeuten keineswegs automatisch bessere Entscheidungen und tiefere Einsichten, so Ted Levitt:

What is needed is discrimination in the supply and use of data, not their sheer abundance, regardless of relevance. Discrimination cannot be experienced in a vacuum. Magnitudes must be limited to what is relevant and comfortably usable. The effective use of information is governed by the prinicple of parsimony: limit it to the more-or-less precise purpose at hand. A good thing is not necessarily improved by its multiplication. The governing question is: what is the question to be answered, the problem to be illuminated, the matter to be explored, the issue to be defined? And it is precisely because these are not self-defining concepts that it is essential to think them trough in advance, because not amount of data will tell you what information you´ll need to get at the right questions (in: Thinking about management)

Weitere Informationen:

Chancen und Grenzen von Big Data im Banking

Über die Macht der Algorithmen im Banking

Big Data im Risikomanagement nur von begrenztem Nutzen

Veröffentlicht unter Banking | Kommentare deaktiviert für Intellektuelle Technologien für das Banking