Strategische Wendepunkte im Banking: Die Warnsignale wurden zu lange ignoriert

Von Ralf Keuper

Die größten Gefahren einer Branche sind Selbstzufriedenheit und der Glaube an die eigene Unabkömmlichkeit. Die Zukunft wird als Fortsetzung der Gegenwart interpretiert, hin und wieder von der einen oder anderen Unwucht begleitet; am eigenen Status vermag der Lauf der Geschichte indes nicht zu rütteln. Mitbewerber kommen und gehen, Technologien werden, sofern nötig, adaptiert, der Zeitgeist wird wohlwollend zur Kenntnis genommen, die Kontakte zur Politik und Lobbyismus sorgen dafür, dass sich Veränderungen in der äußeren Umwelt, die für andere Unternehmen und Privatpersonen existenzbedrohend sein mögen, weitestgehend außen vor halten lassen.

Eine solche Haltung führt mit der Zeit dazu, dass Wendepunkte, welche die eigene Rolle sowie lieb gewordene Vorstellungen infrage stellen, geflissentlich übersehen oder aber uminterpretiert werden. Demgegenüber war Andy Grove, langjähriger Chef von Intel, davon überzeugt, dass eine gewisse Paranoia nützlich sei, um nicht in Selbstgefälligkeit zu verfallen.

Für die Diagnose empfiehlt Grove in seinem Buch Nur die Paranoiden überleben den Bedingungsrahmen des eigenen Geschäfts fortlaufend zu überprüfen. Drei Fragen sind für ihn dabei zentral:

  1. Ändert sich ihr Hauptkonkurrent?
  2. Ändert sich etwas bei dem Hauptanbieter von Komplementärprodukten? (Branchenstruktur)
  3. Haben ihre Kollegen und Mitarbeiter nicht mehr alles im Griff? d.h. haben Sie den Kontakt zum Markt und den Kunden verloren?

Zu 1) Hauptkonkurrenten der Banken sind die großen digitalen Plattformen wie Google, Apple, Amazon, Alibaba, Tencent, SoftBank, Samsung, facebook, Baidu & Co, die mittels ihrer Hardware, Software und sozialen Netzwerken einen Lock-In-Effekt erzeugen und die Kunden auch mit Bankservices bespielen können. Mit z.T. deutlichen Abstrichen folgen die diversen Fintech-Startups und Paypal.

Zu 2) Die Branchenstruktur hat sich insofern gravierend gewandelt, als dass Bankservices von mehr oder weniger branchenfremden Anbietern als einer von mehreren offeriert werden können. Die neuen Mitbewerber verfügen über einen Daten- und Informationsstand, der den der Banken deutlich übertrifft und die Banken in ihrer angestammten Rolle als Finanz- und Informationsintermediäre weitestgehend obsolet machen. Sollten sich die Blockchain-Technologie und digitale Währungen im Banking durchsetzen, ist die Rolle der Banken als Finanz- und Informationsintermediäre weitgehend Geschichte.

Zu 3) Der Kontakt der Banken zu den Kunden, die sich überwiegend im Internet mittels Smartphone und sozialen Netzwerken bewegen, ist über die Jahre deutlich lockerer geworden; z.T. ist er verloren gegangen. Der Markt, wie im Bereich IoT, entwickelt sich an den Banken vorbei. Den intensivsten Kontakt haben inzwischen die großen Plattformen, die alles aus einer Hand anbieten können.

Fehlschläge häufen sich

Bei dem Versuch, verloren gegangenen Boden wieder gut zu machen, haben die Banken in der jüngeren Zeit ausschließlich Rückschläge erlitten; allen voran Paydirekt. Das Thema digitale Identitäten dürfte sich erledigt haben, da die Branche sich auf keinen einheitlichen Standard festlegen konnte oder wollte. Initiativen wie Yomo sind auf dem Abstellgleis gelandet. Der Bereich Payments droht demnächst ganz an Paypal, Amazon, Google, Apple und die diversen Messagingdienste verloren zu gehen.

Warnhinweise in der Vergangenheit

An entsprechenden Hinweisen hat es in der Vergangenheit nicht gefehlt – auch aus den eigenen Reihen. In den 1980er Jahren gab der damalige Deutsche Bank – Vorstand Eckhart van Hooven zu Protokoll, dass die Banken sich in “gigantische Kommunikationsunternehmen” wandeln müssten. Wesentliche Funktion einer Bank sei es, zuverlässige Daten zu kommunizieren, also Auskunft zu geben über alles, was den Umgang mit Geld betrifft (Vgl. dazu: Financial Services: Als der Warenhauskonzern Sears Roebuck in das Stammgeschäft der Banken drängte).

Im Jahr 1986 gaben die mm-Autoren Günter Heismann und Stefanie von Viereck die Warnung aus:

Sollte die Automation so rasch vorangetrieben werden, dass das Know-how des Bankfachmannes zweitrangig wird, hätten Elekronikkonzerne und Softwarehäuser beträchtliche Chancen, dem Kreditgewerbe durchaus lukrative Segmente des Stammgeschäftes streitig zu machen.

Zu dem Zeitpunkt lag das (kommerzielle) Internet noch in der Zukunft; Google, Amazon und facebook sollten erst etliche Jahre später gegründet werden.

Technologieplattformen tauchten bereits 2000 auf dem Radar auf

Von Technologieplattformen und der Rolle, die sie auch im Banking übernehmen könnten, war bereits, soweit ich recherchieren konnte, um das Jahr 2000 die Rede.

In der Studie The Norwegian Financial Services Industry schrieben die Autoren:

The financial services in the future must be an integral part of the new Internet economy, which calls for the swift creation of value added services. This means heavy emphasis on the development of expertise and new technology. Customer relations will also become more important in a world where global competition challenges customer loyalties in every dimension. Multiplicity is becoming more important than imitation, differentiation is becoming more important than size, and strong branding and reputation is becoming important competitive parameters.

Einige Zeilen zuvor ist zu lesen:

 The great challenge for financial companies is to find their place in the new global world of electronic commerce. While some smaller and specialized firms may focus on any one of the financial verticals, the future for large-scale retail financial service providers is to offer a web-based hub that will include a complete range of products and services.

Das entspricht in etwa dem, was heute unter Banking as a Plattform bekannt ist.

Die größte Veränderung für die Branchenstruktur, so die Autoren damals, könnte von common technological platforms ausgehen (Hervorhebungen RK):

The driving force behind this trend is the convergence of different markets as a consequence of a common technological platform or infrastructure to offer products, caused by technological development. Typically, this infrastructure consists of different physical networks that are connected; like computer networks, telecommunication networks, broadcasting networks, electricity networks, etc. This implies that corporations connected to such networks have the opportunity to offer all kinds of products and services that can be transferred through these networks. Thus, the biggest challenge for the “traditional” financial corporations is to cope with the competition from new none-financial actors that will offer financial services, provide market positions in the new electronic financial markets, and to adapt one’s strategic market and structural thinking to conglomerate formations.

Banken für die digitale Ökonomie nicht mehr relevant

Der Befund trifft mittlerweile zu: Die Banken sind kein integraler Bestandteil der digitalen Ökonomie. Die relevanten Technologie-Plattformen in der digitalen Ökonomie sind in den Händen branchenfremder Mitbewerber, für die das Bankgeschäft nur eines von vielen – und nicht einmal das profitabelste- ist. Die wichtigsten Industrie- und Technologiestandards werden ebenfalls von den großen Technologiekonzernen gesetzt, die darüber hinaus noch über das dominante Design verfügen. Zu glauben, die Banken könnten über die Etablierung eigener Technologieplattformen ihre alte Bedeutung zurückzugewinnen, ist angesichts der beschriebenen Entwicklungen sowie der aktuellen Branchenstruktur und mit Blick auf die Expertise der Banken in dem Bereich bestenfalls noch Wunschdenken, das aus z.T. nachvollziehbaren Gründen von Beratern und Medienvertretern genährt wird. Der Rückstand ist jedoch schon zu groß.

Die Warnhinweise, die strategische Wendepunkte wurden zu lange ignoriert. Die Banken haben sich – schlafwandlerisch – aus dem Markt manövriert.

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Technologie- und Industriestandards beschleunigen die “Bankendämmerung” #3

Von Ralf Keuper

Die wohl letzte große Chance der Banken, auch in Zukunft noch eine halbwegs relevante Rolle in der digitalen Ökonomie zu spielen, ist das Thema Digitale Identitäten. Auf diesem Gebiet sind zahlreiche Initiativen entstanden, die das Ziel verfolgen, sich als ein de-facto-Standard zu etablieren. Exemplarisch dafür sind die Decentralized Identity Foundation, die fido alliance, ID2020, kantara und die eID. Im Banking ist die BankID in Norwegen und Schweden einer der Vorreiter. In Deutschland wollen YES (Sparkassen) und CAS (Genossenschaftsbanken) das Thema Digitale Identitäten adressieren. VERIMI positioniert sich als branchenübergreifende Initiative. Eine große Chance wurde von der Bankenbranche nach Ansicht von Andreas Windisch verspielt, als man sich bei Paydirekt nicht auf ein gemeinsames Vorgehen bei der Lancierung einer Digitalen Identität einigen konnte oder wollte.

Blockchain könnte die Kerntechnologie und ein Quasi-Standard für digitale Identitäten werden

Die derzeit besten Aussichten, so etwas wie einen technologischen Standard für die Digitalen Identitäten zu bilden, hat die Blockchain-Technologie. Einer der Haupttreiber ist neben IBM der amerikanische Softwarekonzern Microsoft, der sich langsam aber sicher zu einem Hub für Digitalen Identitäten entwickelt. Momentan arbeiten zahlreiche Startups an Lösungen für die Verwaltung Digitaler Identitäten, wovon die Liste Blockchain and Identity eine Vorstellung gibt. Die Nutzer sollen in Zukunft ihre digitalen Identitäten weitestgehend eigenverantwortlich verwalten, d.h. die Zeit mehr oder weniger zentralisierter Plattformen oder Systeme, wie sie für die Bankenbranche typisch sind, läuft ab.

Google, facebook, Apple und WeChat setzen bislang den Standard 

Der Erfolg der großen digitalen Plattformen, wie Google, facebook oder WeChat/Tencent basiert im großen Umfang darauf, dass es ihnen gelungen ist, die Nutzer daran zu gewöhnen, sich mit ihren Social-Logins (Gmail, Alipay, YouTube-ID, facebook Connect, Apple ID, WeChat-ID), im Internet anzumelden. Die daraus entstandenen Netzwerkeffekte schaffen Fakten, die von Banken und anderen Unternehmen nicht ignoriert bzw. umgangen werden können. Die Internetkonzerne können die IDs der Nutzer mit den jeweiligen Geräten/Devices verbinden. Ein weiterer strategischer Vorteil.

Industrie 4.0 – Sichere Digitale Identitäten 

Die wohl entscheidende “Schlacht” beim  Thema digitale Identitäten wird im Internet of Things bzw. der Industrie 4.0 ausgetragen. Sollte es Amazon, Google, Apple und Alibaba gelingen, ihre Vormachtstellung im Geschäft mit den Endverbrauchern auf die Industrie zu übertragen, dann sieht es nicht nur für die Banken eher schlecht aus. In Deutschland ist das Deutsche Institut für Normung (DIN) und seine Tochtergesellschaft DKE  u.a. in dem Projekt Sichere Digitale Identitäten dabei, einen Standard für sichere Digitale Identitäten in der Industrie zu schaffen. Banken kommen in dem Szenario bislang nicht vor. Die Rolle von Banken könnte die einer Clearingstelle für Digitale Identitäten der technischen Objekte und Maschinen sein.

IOTA und Streamr läuten die nächste Stufe ein

Unterdessen leiten IOTA und Streamr bereits die nächste Phase der “Machine Economy” ein. Die deutsche Industrie versucht mit MOBI, VERIMI, GENIVI, IUNO dem International Data Spaces und weiteren Initiativen dagegen zu halten. Im Vergleich zur Industrie sind die Bemühungen der Banken, sich auf einheitliche Standards zu einigen oder Konsortien zu bilden, schwach ausgeprägt.

Sollte die Machine Economy Wirklichkeit werden und Autos, Maschinen und andere technische Objekte in der Lage sein, sich gegenseitig zu beauftragen und zu bezahlen, dann wird sich das Rollenmodell der Banken deutlich verändern, sofern sie überhaupt noch benötigt werden.

Banken verlieren den Bezug zur digitalen Wirtschaft

Es wird immer offensichtlicher, dass die Banken den Bezug zur digitalen Wirtschaft verlieren. Die Finanzkrise von 2007/2008 ist auch darauf zurückzuführen. Die Banken bewegen sich weiterhin in ihren geschlossenen Systemen, die jedoch für den Rest der Wirtschaft und Gesellschaft an Relevanz kontinuierlich verlieren. Unter diesen Voraussetzungen sind Banken dazu verleitet, Gewinne durch Eingehen hoher Risiken zu realisieren, die irgendwann unkalkulierbar werden. Noch können die beiden Welten nebeneinander existieren, wenngleich die Transmission von deutlichen Brüchen gekennzeichnet ist. Digitale Identitäten hätten ein Mittel sein können, sich in den neuen Kreislauf einzuklinken.

Banken genießen beim Datenschutz besonderes Vertrauen – na und?

Solange dieser Zustand anhält, ist der Hinweis darauf, Banken würden in Sachen Datenschutz das größte Vertrauen der Nutzer besitzen, witzlos. De facto vertrauen die Nutzer ihre Daten den Internetkonzernen bereitwillig an – ganz gleich, was sie in den diversen Studien zu Protokoll geben. Um die Rolle als Treuhänder und Wächter wahrnehmen zu können, müssten die Banken auf dem Spielfeld als relevante Akteure wahrgenommen werden. Das ist aber nicht der Fall. Es fehlt an den dazu nötigen Zutaten: Digitale Souveränität, eigene de facto-Standards und die Fähigkeit, Plattformen mit unterschiedlichen Teilnehmern aus verschiedenen Branchen zu managen.

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“Fintech ist erwachsen geworden, mit allem was dazu gehört” – Interview mit Maik Klotz

Maik Klotz

Die Fintech-Szene in Deutschland ist nach einer stürmischen Anfangsphase Teil des “Establishments” geworden. Die große “Disruption” blieb derweil aus. Dennoch haben die zahlreichen Fintech-Startups in den vergangenen Jahren das Gesicht des Banking verändert; sie werden von den Banken ernst(er) genommen. Was können wir in Zukunft noch – nicht nur von den Fintech-Startups – an Impulsen für das Banking erwarten, welche technologischen und gesellschaftlichen Trends sind wichtig oder gewinnen künftig an Bedeutung? Auf diese und weitere Fragen zur Zukunft des Banking antwortet Maik Klotz (Foto), Fintech-und Banking-Experte, Speaker, Autor und für die Unternehmenskommunikation von YES zuständig, im Interview mit Bankstil. Maik Klotz schreibt u.a. für Paymentandbanking. Daneben betreibt er noch die Webseite Klotzbrocken. Er gilt als einer der besten Kenner der Fintech-Szene hierzulande. 

  • Maik, du verfolgst die deutsche Fintech-Szene von Beginn an – was sind aus deiner Sicht die spannendsten Ereignisse und Entwicklungen der letzten Jahre?

Aus meiner Sicht spannend ist die Tatsache, das FinTechs inzwischen erwachsen werden. Mit allen Vor- und Nachteilen. Mit dem Erwachsenwerden geht manchmal leider auch eine Gewisse „jugendliche Leichtsinnigkeit“ verloren, auf der anderen Seite zeigt es aber eben auch, dass diese Unternehmen in der Realität angekommen sind. Und damit meine ich vor allem die Realität aus Konsumentensicht. Ein Konto bei einer der Challenger-Banken zu haben ist nichts aussergewöhnliches mehr und FinTechs kommen in der breiten Masse an. Besonders spannend sind die Entwicklungen in den letzten Monaten im Bereich Robo Advisery und Identity. Spannend sicher auch die Nicht-Entwicklung im Bereich mobiler Bezahlverfahren. Das liegt weiterhin brach und wird auch sicher so bleiben.

Auch die Entwicklungen im Bereich Kryptowährungen und Blockchain dürfen nicht unerwähnt bleiben und hier sehen wir eine Gewisse Beruhigung nach dem ein oder anderen Hype, der nun hoffentlich zu handfesten (Produkt)entwicklungen führt.

Und natürlich Themen wie PSDII und XS2A, die neue Anwendungsbereiche ermöglichen.

  • Nach der Sturm-und Drangphase vermittelt die Fintech-Szene mittlerweile einen eher gesetzten Eindruck – die Ruhe vor dem nächsten Sturm oder Beginn der Normalität?

Naja, es kommt ja immer irgendwas neues. Die jungen Wilden von einst sind heute die alten Säcke. Das ändert sich ja nicht und es werden immer wieder neue Startups kommen. Ich denke die Entwicklungen bei den Tech-Giganten im Finanzbereich wird uns sicher in Zukunft mehr beschäftigen und eine Google, Facebook oder was auch immer Bank wird sicher für mehr Aufregung sorgen als das was wir heute sehen.

  • Die größte Herausforderung der Fintech-Startups ist – neben der Frage der Finanzierung – die der Skalierung, das sog. Henne-Ei-Problem – ein auflösbares Dilemma? 

Ich bin ja ein bekennender Produktmensch und glaube sehr stark an die Kraft des Produktes. Instagram, Snapchat, Whatsapp und Co haben ja auch bei Null angefangen. Ich bin davon überzeugt das wenn ein Produkt ein Problem dort draußen bei vielen Menschen löst, wird es seinen Markt finden. Binsenweisheit und sicher sehr schwarz-weiß gemalt und am Ende braucht es mehr Faktoren als „nur“ ein gutes Produkt. Aber damit fängt es an. Und diese Denkweise vermisse ich persönlich immer wieder.

  • Einige Beobachter bemängeln, die Mehrzahl der Fintech-Startups strebe entweder Kooperationen mit den Banken an oder beschränke sich auf White Label – Angebote. Den Mut zur Marke hätten dagegen nur noch wenige. Trifft die Aussage zu?

Oder umgekehrt. Vielleicht sind nicht FinTechs die Geisterfahrer sondern Banken. Ich glaube, dass FinTechs oft sehr viel offener sind, was Kooperationen betrifft. FinTechs sind aber auch nicht doof und wollen sich nicht die Wurst vom Brot nehmen lassen, sondern auf Augenhöhe mit Banken sprechen. Letzteres ist dann vielleicht eher ein Problem traditioneller Banken als bei FinTechs. Aber, und das muss man sagen, es gibt heute viel mehr Kooperationen zwischen Banken und FinTechs als noch vor wenigen Jahren und die Tendenz ist steigend.

  • Wie bewertest du das Thema ICO im Allgemeinen und den Fall Savedroid im Besonderen?

ICOs sind ein wichtiges Werkzeug für Startups um Kapital einzusammeln. Das Problem ist nicht der ICO, also das Werkzeug, sondern die Art und Weise wie es eingesetzt wird. Und da wird sich in Zukunft zeigen, ob das in manchen ICO angelegte Geld gut angelegt war. Es ist ein wenig wie mit einem Kickstarter-Projekt. Da weiß man auch nicht, ob das Produkt jemals kommen wird. Zu Savedroid ist alles gesagt worden und ich würde die Aktion abschließend als „mittelgut“ bezeichnen.

  • Du bist u.a. für die Unternehmenskommunikation von YES zuständig – was gibt es Neues zu berichten, welche weiteren Schritte sind geplant?

Ein Großteil der Entwicklung dreht sich um das Produkt. Wir bei yes! wollen mit einem Produkt starten, das weder den Kunden, die Bank noch den Drittanbieter, welche yes! einsetzen werden, enttäuscht. yes! soll vom ersten Moment einen deutlichen Kundennutzen bringen, was auch der Grund ist warum wir aktuell noch nicht über Features sprechen. Die Kommunikation findet daher weniger öffentlich statt.

  • Fintech-Startups unterschätzen für gewöhnlich den Wert der Unternehmenskommunikation bzw. der Außendarstellung und vertrauen stattdessen auf ihre technische Kompetenz – täuscht der Eindruck?

Ich glaube das kann man nicht verallgemeinern und gute Kommunikation gibt es genauso bei kleinen Startups wie es schlechte Kommunikation in großen Konzernen gibt. Vor allem sollte Kommunikation immer ehrlich sein und in Richtung Konsumenten immer die Probleme der Nutzer ernst nehmen. Auch hier gibt es gute und schlechte Beispiele. Eine gute Unternehmenskommunikation zeigt sich vor allem immer in Krisenzeiten. Da trennt sich dann die Spreu vom Weizen.

  • Fintech ist für viele Verbraucher als Begriff zu techniklastig und schwer zugänglich. Eher ein Thema für Nerds. Wie kann die Fintech-Szene dieses Image ablegen – oder ist das nur eine Frage der Zeit?

Das ist eine Frage der Zeit. Vieles, was wir als FinTech bezeichnen, ist im Mainstream längst angekommen. Niemand denkt bei Paypal z.B. an ein Fintech. Das wird in Zukunft auch für andere Unternehmen gelten. Fintech ist angekommen und immer mehr Lösungen werden auch in der Masse genutzt. Fintech ist erwachsen geworden, mit allem was dazu gehört.

  • Welche Themen treiben dich derzeit besonders um?

Berufsbedingt natürlich das ganze Thema Rund um “digitale Identitäten” und damit einhergehend der Frage wie wir in Zukunft es schaffen digitale Identitäten so zu schützen, das nicht etwas passiert wie bei Equifax (https://www.heise.de/newsticker/meldung/Hacker-Jackpot-Credit-Bureau-Equifax-gehackt-3824607.html) oder Cambridge Analytica. Was bei dem Thema „digitale Identität“ oft vergessen wird sind die damit verbunden Gefahren für den Konsumenten. Schon heute hinterlassen wir unwissentlich unzählige Spuren im Netz und geben Daten preis von denen wir es gar nicht wissen. Und da braucht es Alternativen, die auf der einen Seite dem Schutz der persönlichen Daten gerecht werden und auf der anderen Seite dabei helfen, Online-Prozesse wie Anmeldung, Registrierung, Vertragsabschlüsse zu vereinfachen.

Darüber hinaus natürlich die Entwicklungen in der Bankbranche und alles was im Zahlungsverkehr passiert. Und zwar aus der Nutzerperspektive. Selbst 10 Jahre nach Einführung des Smartphones, Dienste wie Google & co sind noch immer so viele Dinge so furchtbar kompliziert. Und diese Komplexität grenzt Menschen aus. Fintechs versuchen dieses Problem immer wieder zu lösen – mal mehr, mal weniger erfolgreich und natürlich ist in den letzten Jahren viel passiert. Aber verglichen mit anderen Entwicklungen noch zu wenig. In Asien nutzen fast eine Milliarde Menschen Wechat ein Großteil auch um Finanztransaktionen durchzuführen. Banking, Zahlungen, Mobile Payment – alles findet dort im Messenger statt. Und wir haben in Deutschland noch immer kein bankenübergreifendes System um jemanden schnell Geld zu senden. Asien funktioniert in vielerlei Hinsicht anders als der Westen und der Vergleich hinkt ein wenig. Trotzdem bleibt die Kernaussage die gleiche: ich glaube wir brauchen weniger Komplexität.

  • Maik, besten Dank für das Gespräch!
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Technologie- und Industriestandards beschleunigen die “Bankendämmerung” #2

Von Ralf Keuper

Die Bedeutung von Industriestandards für Innovationen ist seit geraumer Zeit Gegenstand der Forschung, wie in The Impact of Standardization and Standards on Innovation und The Roles and Economic Impacts of Technology Infrastructure. Relativ neu in dem Zusammenhang ist das Phänomen der Plattformen.

Plattformen als Quasi-Standards – vom Konsensmodell zu eigenen Ökosystemen 

In Strategic Standardization: Platform Business and the Effect on International Division of Labor diagnostizierten die Autoren eine neue Entwicklung:

Consensus standardization has been accepted in conjunction with joint research initiatives and regional economic integration. In consensus standardization, multiple firms build consensus through initiatives such as consortium formation and set industry-wide standards in a flexible manner. In the light of business strategies, what is emphatic thing in the new form of standardization is that firms can set a consensus standard according to their own strategies and business models.

Plattformen haben sich über die Jahre selbst zu einem Quasi-Standard gewandelt. Auf diese Weise entstanden eigene Ökosysteme:

The platform leader supplies its components as a platform to finished product manufactures. The platform is composed of a core component and other peripherals, and has standardized interfaces. Using standardization strategically, the platform leader builds an international industrial ecosystem.

Aktuellste Ausprägungen dieses Trends sind die Digitalen Plattformen wie Amazon, Google, Apple oder Alibaba.

Industrie 4.0 – RAMI4.0

Um nicht in zu große Abhängigkeit von den neuen Standards zu geraten, sind diverse Konsortien bestrebt, eigene – konsensbasierte oder sog. de jure- Standards zu etablieren, wie im Bereich der Industrie 4.0. mittels des Referenzarchitekturmodells 4.0 (RAMI4.0). Für die Kommunikation der Maschinen untereinander sowie für einheitliche Informationsmodelle sorgt der OPC-UA – Standard (Vgl. dazu: OPC Unified Architecture Wegbereiter der 4. industriellen (R)Evolution) & Industrie 4.0 Kommunikation mit OPC UA. Leitfaden zur Einführung in den Mittelstand).

Banken und das Internet of Things

Die Banken stehen den beschriebenen Entwicklung bislang mehr oder weniger gleichgültig gegenüber. Während also die Wirtschaft ihr Modell, ihren Stil von Grund auf wandelt, stehen die Banken abseits und vertrauen auf ihr altes Monopol als Finanz- und Informationsintermediäre, das schon längst von Google & Co. abgelöst wurde. Dabei wären die Unternehmen durchaus bereit, ihre Produktionsdaten, wie sie über offene Standards wie OPC-UA bereitgestellt werden könnten, zu teilen, wie in Banken müssen sich für IoT öffnen berichtet wird:

85 Prozent der befragten Unternehmen können sich vorstellen, ihren Kreditgebern Produktionsdaten zur Verfügung zu stellen, um diese von Investitionen zu überzeugen. 88 Prozent präferieren sogar eine Finanzierung, deren Konditionen vorrangig von Performance-Daten bestimmt sind.

Da ginge an sich noch mehr – vor allem für die Regionalbanken. Dazu müssten sie jedoch willens und in der Lage sein, entsprechende Schnittstellen und Applikationen bereit zu stellen. Insofern ist das Szenario neuer Banken, wie Banken für Produktionsdaten e.G. längst nicht mehr utopisch. Das werden – Stand heute – Industrie und Mittelstand selbst in die Hand nehmen müssen, wie seinerzeit im 19. Jahrhundert im Zuge der Industrialisierung.

Evolution der Standards findet ohne nennenswerte Beteiligung der Banken statt 

Die Standards selber sind Ausdruck einer, wenn man so will, Evolution. Alte werden durch neue, passendere ersetzt. Branchen, die sich den neuen Standards nicht anpassen können oder wollen, oder keine eigenen überlebensfähigen kreieren, werden sich zunächst in einer Nische wiederfinden und später vollständig aus der Umwelt verdrängt. Entweder den Banken gelingt es, eigene, branchenübergreifende Standards, wie für den Datenaustausch, zu entwickeln, oder aber ihre Tage sind gezählt (Vgl. dazu: To capitalize on open banking, the industry needs standards). So viel ist sicher: Wirtschaft und Gesellschaft werden eine Lösung finden – ob mit oder ohne Banken. Technologisch sind sie im Prinzip schon jetzt ersetzbar. Einzig die Regulierung und der Gewöhnungseffekt bewahren die Banken derzeit noch vor dem Aussterben.

Eine historisch neue Situation.

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Banken für digitale Ethik und Algorithmic Governance

Von Ralf Keuper

Wenn man den verschiedenen Technologiekritikern Glauben schenkt, dann wird unser Verhalten schon jetzt im hohen Maß von Algorithmen gesteuert bzw. beeinflusst. Das Problem an Algorithmen ist, dass ihr Funktionsmechanismus für den Normalsterblichen kaum verständlich ist. Kommen dann noch Schlagworte wie Big Data, Machine Learning, Deep Learning, oder ganz allgemein der Begriff Künstliche Intelligenz hinzu, wird die Lage vollends unübersichtlich. Das führt irgendwann zu der Frage, ob wir Institutionen, Treuhänder oder Notare benötigen, die für die nötige Transparenz beim Einsatz Algorithmen sorgen und auf die Einhaltung von Regeln achten. Bereits vor einigen Jahren forderte Yvonne Hofstetter eine Treuhandstelle für Algorithmen. In dem Zusammenhang tauchen immer wieder Forderungen nach einem TÜV für Algorithmen auf. Andere wiederum plädieren für ein Digitalgesetz.  Darin würden Digitalisierungsunternehmen wie Amazon und Google dazu verpflichtet, eine Art Beipackzettel ihrer Angebote zu veröffentlichen. Bestandteile dieses Beipackzettels wären u.a. folgende Erläuterungen/Hinweise:

  • dass jede Nutzung der digitalen Oberflächen ggf. mit persönlichen Daten bezahlt wird
  • dass Werbeprofile jedes Nutzers erstellt werden, um von den Digitalunternehmen mit hohem Gewinn u.a. an die werbetreibende Industrie veräußert werden. ..
  • wie sich vorangegangene Datenlieferungen der “Nutzer” im Rahmen von Bestellungen, Einträgen, digitalen Tätigkeiten jeder Art auf die aktuelle Profile, die neuen Suchen, Bestellungen, Einträge sowie digitalen Tätigkeiten des Nutzers auswirken (inBrauchen wir ein Digitalgesetz?).

Bei der Stiftung Neue Verantwortung leitet Dr. Tobias Knobloch das Projekt “Algorithmen fürs Gemeinwohl”. Bei Algorithm Watch versucht man derzeit in dem Projekt Open Schufa durch Reverse Engineering den Schufa-Score zu knacken, worüber die Schufa ihrerseits nicht sonderlich angetan ist. Eine weitere Anlaufstelle im Netz zu dem Themenkomplex ist das Projekt Algorithmenethik.

In Algorithmic governance: Developing a research agenda through the power of collective intelligence stellen die Autoren mehrere Modelle vor, mit deren Hilfe die unsichtbare Macht der Algorithmen veranschaulicht und der Kontrolle zugänglich gemacht werden kann. Beispielhaft dafür ist die Taxonomie von Tal Zarsky:

In dem erwähnten Beitrag wird auch das Research framework von Kitchin vorgestellt. Daraus:

While an algorithm is commonly understood as a set of defined steps to produce particular outputs it is important to note that this is somewhat of a simplification. What constitutes an algorithm has changed over time and they can be thought about in a number of ways: technically, computationally, mathematically, politically, culturally, economically, contextually, materially, philosophically, ethically and so on.

Algorithmen sind demnach niemals neutral. Das gilt ganz allgemein für jede Art von Softwarecodes. Auch Daten und Informationen sind nicht ein objektives Abbild der Realität. Sie sind eine Repräsentation von vielen. Daten sind, wie Thomas Christan Bächle in Digitales Wissen, Daten und Überwachung schreibt, nicht selbstevident. Er schreibt:

Durch die Digitalisierung und Computerisierung wird der Algorithmus zum mächtigen Agenten einer unsere Kultur beherrschenden Logik des Wissens, die in Konkurrenz zu anderen Logiken des Wissens, wie Expertensystemen, der Wissenschaft als System zur Erzeugung legitimen Wissens oder Gott steht bzw. diese abgelöst hat. Doch darf die Logik der Datenbank und des Algorithmus nicht als eigenständige Determinante begriffen werden. Vielmehr sind in die Datenstrukturen immer schon soziale und kulturelle Machtstrukturen eingeschrieben, die von ihnen reproduziert werden: Wer programmiert die Algorithmen, welche Einheiten werden überhaupt als “Daten” definiert, welches Klassifikationssystem wird dafür benutzt, und wer hat Zugriff und Definitionsmacht? Die Überbetonung einer eigenständigen algorithmic agency erweist sich als unangemessen, denn auch diese Technologie ist Ausdruck bestehender soziokultureller Machtstrukturen. Die Handlungsmacht der Algorithmen ist damit starken Beschränkungen unterworfen.

Kurzum: Algorithmen sind nicht allmächtig und schon gar nicht allwissend.

Welchen Beitrag könnten Banken oder bank-ähnliche Institute für mehr Transparenz leisten? Könnten sie die Rolle von Treuhändern, von Beratern übernehmen, die den Kunden zeigen, welche Algorithmen ihr tägliches Handeln in welcher Weise beeinflussen und was man dagegen unternehmen kann? Könnten sie beispielsweise Personal AI Guardians und entsprechende Schulungen/Beratungsleistungen anbieten?

Consumers will need to be aware of differential privacy and federated learning so that they will know to adopt platforms with these privacy protections, or demand that the platforms they use adopt them. Using personal AI guardians will also likely require a considerable amount of digital literacy, from setting up and administering the guardian to interpreting any feedback it provides. In particular, users of any AI systems with overrides should be educated about when they should expect to take matters into their own hands (in: Artificial Intelligence as a Digital Privacy Protector).

Das wäre nur ein Beispiel.

Weitere Informationen:

Explainable AI could reduce the impact of biased algorithms

Damit Maschinen den Menschen dienen Lösungsansätze, um algorithmische Prozesse in den Dienst der Gesellschaft zu stellen – Arbeitspapier –

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Technologie- und Industriestandards beschleunigen die “Bankendämmerung” #1

Von Ralf Keuper

Die Banken, wie wir sie heute noch kennen, sind Kinder der Industrialisierung und der Massenmärkte. In den Zeiten der Deutschland AG liefen die wichtigsten Informationen über den Zustand der Industrie bei den führenden Banken des Landes –  Deutsche Bank, Dresdner Bank und Commerzbank –  zusammen. Für den Mittelstand und die “Normalbürger” waren die Sparkassen und Genossenschaftsbanken zuständig. Zusammen verfügten die Banken über den größten und aussagekräftigsten Informationsstand in der Wirtschaft. Mit dem Aufkommen des Internets und später der großen digitalen Plattformen (Google, Apple, facebook, Samsung, Alibaba, Amazon, GE, Siemens, SAP, Tencent, SoftBank, Baidu, Microsoft) haben sich die Gewichte und in dessen Folge die Informationsflüsse verschoben. Große Teile der Informationen laufen an den Banken vorbei; sie haben ihr Informationsmonopol verloren. Eine neue Informations- und Abstraktionsschicht hat sich über das Banking gelegt. Den neuen Ordnungszusammenhang bestimmen andere.

Im hohen Maß verantwortlich für diese Entwicklung und in ihrer Bedeutung häufig unterschätzt sind Technologie- und Industriestandards. So wäre der Welthandel ohne einheitliche Maße für Frachtcontainer so nicht möglich. Bislang konnten Banken gut damit leben, nicht vollständig in die Standardisierungsinitiativen eingebunden zu sein – abgesehen von den für ihre Branche relevanten. Warum sollte sich eine Bank Gedanken um Industriestandards machen? Das betrifft nicht ihr Kerngeschäft. Früher oder später kommen die relevanten Informationen (Transaktionsdaten) bei ihnen an. Welche Daten- und Informationsflüsse im Vorfeld, in der Anbahnungs- und Verhandlungsphase oder gar in der Produktion anfallen, war bislang relativ unwichtig. Irgendwann mussten die Hersteller und Kunden bei ihnen aufschlagen. Mit dem Internet der ersten und zweiten Generation setzte ein Wandel ein. Unternehmen und Kunden sowie die Kunden untereinander konnten direkt ohne Zwischenschaltung eines Intermediärs zusammen kommen. Die ersten Vergleichsplattformen entstanden. Später kamen noch neue Geschäftsmodelle wie das P2P-Kreditgeschäft dazu, gefolgt von Mobile Payments. Vergleichsplattformen und P2P-Kreditplattformen allein sind keine echte Bedrohung für das Geschäftsmodell der Banken. Auch die neuen Anbieter, wie die meisten Fintech-Startups, sind von den eigentlichen Informationsströmen weitgehend abgetrennt und auf die Standards und Lösungen von Unternehmen abhängig, die Angebot und Nachfrage direkt auf ihren Plattformen zusammenführen können – wie Alibaba, Amazon, Apple und Google. Neben den offiziellen Technologiestandards, wie dem Internet, haben es Google & Co. geschafft, eigene Standards zu setzen, an die kaum noch ein Kunde und Nutzer, der im Internet Geschäfte tätigen will, vorbei kommt. Ihre Plattformen sind der Standard.

Over time, information technologies, including the electronic control of mechanical systems, have developed as a set of nested modules and platforms based on both de jure and de facto standards, stretching from discrete functional elements (technology platforms) to higher level tools, hardware systems, and software environments (core platforms) upon which developers can create a variety of goods and services for end users (higher-level platforms). And because modular system elements can be altered and upgraded without redesigning the entire system, there is no obvious limit to the depth and complexity of the NDE (in: The ‘New’ Digital Economy and Development).

Zwei Grafiken aus dem Report The ‘New’ Digital Economy and Development bringen diese relativ neue Machtkonstellation in der Wirtschaft gut zum Ausdruck:

Die großen Technologieplattformen erhalten eine Schlüsselstellung in der “Neuen Digitalen Wirtschaft”, welche mit der der Banken in ihren besten Zeiten (die lange zurückliegen) in etwa vergleichbar ist:

Platform owners, such as Facebook, Google, Amazon, Microsoft, Alibaba, General Electric, SAP, and many others, already have big data and AI at the center of their business models, and the capability for analysis will be much broader and deeper once larger swaths of society are connected via the IoT and improved AI technologies are developed and deployed. The result may be a cycle of data streaming from connected factories and users, data pooling in the cloud, big data analysis, and AIdriven machine learning that results in continuous and rapid cycles of platform upgrading and systemlevel leaps in productivity and innovation. This is especially true if decisions made by AI affect the structure and operation of the NDE itself. In such cases the loop from data generation to machine learning is complete and the entire ecosystem of platforms could leap ahead.

Welche Rolle könnten Banken in diesem Szenario überhaupt noch übernehmen? Nimmt man die erste Grafik in den Blick, dann bleiben, wenn überhaupt, nur noch die Phasen Higher Level Platforms und End Users. Die Disziplinen Core Platforms und Technology Platform liegen – Stand heute – außer Reichweite. Im besten Fall könnten Banken noch Core Platforms bilden, die auf anderen Plattformen aufsetzen und dann versuchen, ein eigenes Ökosystem aufzubauen. Allerdings sind die Schichten nicht voneinander getrennt, wie ein Blick auf die zweite Grafik verdeutlich. Wer nämlich die Core Platforms und Technologyplatforms anbieten will, wird das ohne die Social networking platforms, operating systems und handsets kaum bewerkstelligen können. Und nicht zu vergessen: Sprachassistenten. Hier haben Google, Amazon, Apple und Samsung einen klaren Vorteil.

Wenn sich also große Teile der Wirtschaft in den nächsten Jahren tatsächlich auf die großen Plattformen verschieben, dann ist für Banken, wie wir sie heute noch kennen, kaum noch Bedarf. Wofür wären sie nötig – für die Zusammenführung von Angebot und Nachfrage, als Informationsvermittler, für die Fristentransformation, für das Risikomanagement? Das alles können Google & Co. auch – noch dazu mit besserer Informationsbasis. Welchen Service, welche Produkte wollen Banken zuliefern? Was können sie, was andere nicht auch schon oder bald können? Payments?

Da ist guter Rat teuer.

Wenn die Banken nicht völlig aus dem Spiel ausscheiden wollen, dann müssen sie sich als vertrauensvoller Partner der Wirtschaft präsentieren, der dafür sorgt, dass die Unternehmen nicht von den großen Plattformen aufgesogen oder in die völlige Abhängigkeit getrieben werden. Das wiederum wird nur mit entsprechenden Standards funktionieren, welche Banken und Unternehmen unabhängiger von den Plattformen und deren de facto-Standards machen. Open Banking wird dazu nicht reichen. Im Gegenteil: Die größten Profiteure könnten wiederum Google & Co. sein. Ein Weg könnte die Blockchain sein, sofern nicht auch diese Technologie – wie beim Web 2.0 – von Google & Co. für ihre Zwecke umgestaltet wird. Microsoft und andere, darunter die UNO, sind momentan dabei, mit ID2020 einen weltweiten Standard für digitale Identitäten auf Blockchain-Basis zu schaffen (Vgl. dazu: Partnering for a path to digital identityDigital identities initiative from Microsoft uses blockchain to help you …).

Können Banken es sich auf Dauer noch leisten, vorwiegend die Rolle von Anwendern neuester Technologien einzunehmen, noch dazu, wenn diese von potenziellen Mitbewerbern stammen? Falls ja: Verfügen die Banken dann wenigstens über die nötigen Fähigkeiten (Data Analytics, Softwareentwicklung, Netzwerkmanagement, Logistik), um ihre Angebote mit denen der großen Plattformen zu kombinieren, sind ihre Dienstleistungen und Produkte so einzigartig? Trifft folgende Aussage auf die Banken zu?

The platform structure of the NDE allows final systems with extreme levels of embedded complexity and a broad range of capabilities. It also lowers the barriers to entry for both 3rd party technology vendors, which can sell discrete modules, products and services into the system.

Da sind Zweifel erlaubt.

Technologie- und Industriestandards könnten also durchaus die “Bankendämmerung” beschleunigen oder gar einleiten. Banken als Zaungäste der (Technologie-)Geschichte.

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Deutsches Papiergeld 1772-1870

Mit dem vorliegenden illustrierten Band beabsichtigt die Deutsche Bundesbank interessierten Kreisen der Öffentlichkeit eine Auswahl von deutschen Geldscheinen aus den rund hundert Jahren von 1772 bis 1870 nach Zeichnung und Farbe vor Augen zu führen. Die Originale der abgebildeten Geldscheine befinden sich in der Sammlung der Bundesbank in Frankfurt am Main. Die Papiergeldsammlung der Deutschen Reichsbank ist 1945 teils verlorengegangen, teils in Ost-Berliner Museumsbesitz gekommen. Die Deutsche Bundesbank erwarb vor einigen Jahren eine bekannte Berliner Privatsammlung (Dr.Arnold Keller) von etwa 200000 Geldscheinen verschiedener Zeiten und Länder. Sie führt die Sammlung weiter. Zu den für Deutschland wertvollsten und interessantesten Stücken gehören die Scheine von den Anfängen des Papiergeldes auf deutschem Boden bis zur Gründung des Bismarckschen Reiches. Die Periode umfaßt bis 1806 die letzte Phase des alten Römisch-Deutschen Reiches, die Napoleonische Zeit und von 1815 bis 1866 die Zeit des Deutschen Bundes. Anders als das Metallgeld war das Geld aus Papier dem Material nach sehr verletzlich und nach der Außerkurssetzung völlig wertlos. …

Die Geschichte des Papiergeldes ist sehr viel kürzer als die des Geldes aus Metall. Die wahrscheinlich ältesten in Originalstücken erhaltenen Papiergeldscheine sind chinesische aus dem 14. Jahrhundert. Bezeichnenderweise ähneln sie im Text den frühen europäischen Scheinen, sie sind mit Ausgabedatum versehen und bedrohen die Geldfälscher mit Strafe, ja, sie setzen sogar eine Belohnung für die Anzeige von Fälschern aus. In Europa erscheint Papiergeld – abgesehen von einigen etwas früheren lokalen Notgeldscheinen im spanischen und spanisch-niederländischen Bereich – erst in der zweiten Hälfte des 17. und im l 8. Jahrhundert. Zunächst gab es geldähnliche Papiere, so insbesondere die Depositenscheine der alten Banken in Florenz, Venedig und anderen italienischen Orten und die Depotquittungen der Londoner Goldschmiede. Als älteste reguläre Banknoten in Europa gelten die vom Stockholms Banco in Schweden 1661 ausgegebenen Scheine. Es folgten die Noten der 1694 gegründeten Bank von England und die des französischen Staats unter Ludwig XIV. Zu den ersten großangelegten Papiergeldausgaben kam es in Frankreich 1716 bis 1720, als John Law mit Hilfe einer Staatsbank und einer Gesellschaft zur Erschließung des damals französischen Mississippigebietes die Staatsfinanzen aufbessern wollte, ein zweites und drittes Mal vor und während der Französischen Revolution. …

Erst im zweiten Viertel des 19. Jahrhunderts ließen Eisenbahnbauten und beginnende Industrialisierung den Geldbedarf so stark steigen, daß er durch das Metallgeld allein nicht mehr gedeckt werden konnte. Die Revolutionen von 1848 riefen neue Krisenerscheinungen hervor und verschlimmerten die Geldknappheit. Nunmehr begannen fast alle 39 Mitglieder des Deutschen Bundes Papiergeld auszugeben -in großen und kleinen Werten und unter den verschiedenartigsten Bezeichnungen, wie Kassenanweisung, Kassenschein, Kassen-Billet, Dahrlehnskassenschein, Staatskassenschein, Grundrentenschein oder einfach »Papiergeld«.  ….

Quelle / Link: Deutsches Papiergeld 1772-1870

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Banken müssen sich dem dominanten Design branchenfremder Mitbewerber anpassen

Von Ralf Keuper

Die Banken befinden sich seit Jahrzehnten in einem tiefgreifenden Strukturwandel, der für die Kunden sicht- und spürbarer wird: Die Zahl der Filialen und Banken schrumpft, selbst Kontoauszugsdrucker und Geldautomaten werden abgebaut. Bespielhaft für diese Entwicklung ist der Bankplatz Bremen (Vgl. dazu: Bremens schleichendes Bankensterben). Die Zahl der Beschäftigten im deutschen Bankgewerbe hat über die letzten Jahre ebenso abgenommen wie die der Auszubildenden (Vgl. dazu: Brauchen Banken mehr Personal?). Selbst Banken, die ihre Prozesse bereits stark automatisiert haben, wie Santander, bauen Personal ab. Hans-Walter Peters, Präsident des Bundesverbandes deutscher Banken, geht davon aus, dass in fünf Jahren hierzulande die Zahl der Filialen um 20 bis 25 Prozent geringer sein wird als heute (Vgl. dazu: Peters: „Es gibt zu viele Institute in Deutschland“). Eine Zukunft ohne Banken ist durchaus vorstellbar.

Für die Probleme der Banken wird häufig ihre mangelnde Agilität verantwortlich gemacht. Banken müssten sich in Technologieunternehmen bzw. Softwareunternehmen verwandeln. Dabei wird gerne übersehen, dass die Banken schon seit Jahrzehnten Technologieunternehmen sind; jedoch in erster Linie als Anwender und nicht als Hersteller. Das beginnt sich zu rächen, da die Banken auf die Infrastruktur (Smartphones, Soziale Netzwerke) der großen Technologiekonzerne angewiesen sind, um mit ihren Kunden in Kontakt bleiben zu können. Die Technologiekonzerne drängen selber verstärkt in das Bankgeschäft, sind also direkte Mitbewerber, wie Google, Alibaba (Ant Financial, Alipay), Tencent (WeChat), Apple und Amazon. Die Banken haben ihre digitale Souveränität eingebüßt (Vgl. dazu: Das Ende der digitalen Souveränität der Banken). Sie verfügen nicht mehr über den größten und aussagekräftigsten Datenbestand. Es überwiegt die historische, die Transaktionssicht auf die Daten. Demgegenüber können die Internetkonzerne auf die Verhaltensdaten der Nutzer zugreifen. Banken werden in ihrer Rolle als Finanz- und Informationsintermediäre ersetzt. Ein Trend, der sich mit der Verbreitung des Internet of Things noch verstärken wird.

Mit der Blockchain könnte sich das Problem sogar noch verschärfen. Obgleich viele Beobachter in der Blockchain die größte Bedrohung für das Geschäftsmodell von Amazon, Alibaba, Google & Co erkennen, sind es gerade die genannten Unternehmen, die sich intensiv mit der Blockchain-Technologie beschäftigen und nach Wegen suchen, wie sie für ihre Zwecke eingesetzt werden kann (Vgl. dazu: Amazon: Mit Blockchain und eigener Digitaler Währung in die nächste Phase?). Microsoft ist dabei, sich als Hub für digitale Identitäten zu entwickeln (Vgl. dazu: Microsoft Aims to Solve User Privacy Concern with a Bitcoin Blockchain-Backed User Data Repository).

Die Geschichte der Banken der letzten Jahrzehnte ist die der verpassten Gelegenheiten. Eine in dieser Ausprägung einmalige Situation in der Bankgeschichte. Zu ihren besten Zeiten waren die Banken die Treiber der technologischen Entwicklung, wie J.P. Morgan, Western Union und Citi. Heute sind sie bestenfalls Nachzügler. Die Versuchung, sein Geld mit Spekulation, auf leichtem Weg zu verdienen, war zu groß – sie ist es noch. Solange man systemrelevant ist, glaubt man sich in Sicherheit.

Ein weiteres Problem ist, dass der Branche Persönlichkeiten fehlen, die den Wandel glaubhaft verkörpern. Die Banken haben ein Generationenproblem. Allerdings muss man einräumen, dass Bankern durch ihre Aufsichtsräte und den Kapitalmarkt enge Grenzen für den Umbau des Geschäftsmodells gesetzt sind. Die Anlaufkosten belasten die Rendite zu sehr. Bei den Genossenschaftsbanken und Sparkassen verfügt kein Direktor über die Ressourcen und die Befugnis, etwas völlig Neues auszuprobieren. Und wenn doch, wie bei Yomo, gewinnen Einzelinteressen schnell die Überhand. Rauft man sich dann doch mal zusammen, dann nur, um in den gewohnten Bahnen weiter machen zu können, wie bei Paydirekt. Bei Google, Amazon und Alibaba ist das anders. Dort können einige wenige Personen, manchmal auch nur eine, einen Kurswechsel einleiten oder den Vorstoss in neue Bereiche initiieren. Anders als die Banken und Sparkassen, die bei neuen, großangelegten Projekten überwiegend auf externes Know How zurückgreifen, können Google & Co. den Bedarf aus den eigenen Reihen decken, was die Koordination deutlich erleichtert.

Das Organisationsmodell der Banken ist mit der Plattformökonomie nicht kompatibel. Keine Bank schafft es derzeit, die Produktion von Hardware und Software, den Aufbau und die Pflege großer sozialer Netzwerke und die Logistik aus einer Hand zu managen. Währenddessen können Amazon & Co. sowohl die Economies of Scale wie auch die Economies of Scope realisieren (Vgl. dazu: Die neuen Economies of Scope (Verbundeffekte) im Banking).

Die Banken verlieren ihre traditionellen Wettbewerbsvorteile nach und nach. Ihr Informationsvorsprung ist dahin, ihre digitale Souveränität Vergangenheit, der Kontakt zu den Kunden im Netz nur noch über Mittelsmänner möglich, die noch dazu Mitbewerber sind, das Organisationsmodell veraltet und die Führung weitestgehend passiv und ohne echten Anreiz, am Status Quo etwas zu ändern.

Insofern haben wir es hier mit weitaus mehr zu tun, als nur dem sog. Innovators Dilemma (Vgl. dazu: Banking und das Innovator’s Dilemma).

Es sieht ganz danach aus, als bliebe den Banken keine andere Wahl mehr, als sich dem dominanten Design (eigentlich müsste man von dominanten Lösungen sprechen, wie in Born Global Market Dominators and Implications for the Blockchain Avantgarde) der Internet- und Technologiekonzerne anzupassen, die, nachdem sie das Web 1.0 und Web 2.0 für ihre Zwecke umfunktioniert haben, jetzt auch noch die Blockchain okkupieren und den Banken damit jeden Fluchtweg abschneiden.

James Utterback könnte mit seiner Einschätzung richtig liegen:

A dominant design embodies the requirements of many classes of users of a particular product, even though it may not meet the needs of a particular class to quite the same extent as would a customized design. Nor is a dominant design necessarily the one that embodies the most extreme technical performance. It is a so-called satisficer of many in terms of the interplay of technical possibilities and market choices, instead of an optimizer for a few. …

Established firms also carry the burden of large investments in people, equipment, plant, materials, and knowledge, all of which are closely linked to the established technology. It takes a rare kind of leaderhip to shift resources away from areas where one currently enjoys success to an area that is new and unproven (Quelle: New Banking: Auf der Suche nach dem dominanten Design).

Weitere Informationen:

What iPhone-type “dominant design” will emerge in an Open Banking …

Building the Blockchain to End All Blockchains

Born Global Market Dominators and Implications for the Blockchain Avantgarde

Types of Innovations

Standardization in Technology-Based Markets

Open Innovation within Business Ecosystems: Lessons from Amazon.com

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Finanzialisierungsprozesse und ihre Medien (Joseph Vogl)

Medien vergisst man, wenn sie funktionieren, und sie werden auffällig, wenn etwas nicht klappt. So hatte man in den letzten Jahrzehnten einige Gelegenheiten, auf die Wirksamkeit eines der wohl prominentesten Mediensysteme aufmerksam zu werden. Es handelte sich – etwas euphemistisch gesagt – um Störungen im Weltformat, die Sie alle kennen und die man mit Daten benennen kann: 1987, 1990, 1994, 1998, 2000 und schließlich der Kollaps der Jahre 2007 und 2008 – all diese Finanzkrisen, die nach den Berechnungen der Ökonomen nur alle paar Milliarden Jahre hätten passieren dürfen, haben nicht nur die fatale Effizienz der modernen Finanzökonomie vorgeführt. Sie lassen sich auch als epistemologische Glücksfälle begreifen und zeigen, wie sich in Krisen, d.h. im Rauschen des Systems seine Kanäle, seine Funktionselemente bemerkbar machten. Darum soll es im Folgenden gehen: Wie lässt sich moderne Finanzökonomie als ein Mediensystem begreifen? Wie lässt es sich datieren? Wie wirken hier heterogene Elemente zusammen? Wie also lässt sich eine Geschichte der Finanzen als Mediengeschichte erfassen? …

Quelle / Link: Finanzialisierungsprozesse und ihre Medien (Joseph Vogl)

 

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“VERIMI ist eine Vertrauensplattform” – Interview mit Torsten Sonntag (VERIMI)

Torsten Sonntag

Innerhalb der letzten zwei Jahre ist den Banken und der Industrie der strategische Wert der Digitale Identitäten sowie der Datensouveränität bewusst(er) geworden. Mit ihren sozialen Netzwerken und digitalen Ökosystemen sind Google, facebook, Apple & Co. die erste Anlaufstelle der Nutzer im Internet. Mittels Social Login (Gmail, facebook Connect, Apple ID) können die Nutzer sich an verschiedenen Stellen im Internet anmelden. Auf diese Weise entsteht ein sog. Lock-In-Effekt, d.h. die Wechselbereitschaft der Nutzer zu anderen Dienstleistern ist begrenzt. Sollten sich Google, Alibaba, Amazon & Co. in der Industrie zum Quasi-Standard für die Identifizierung und Authentifizierung entwickeln, wären die Auswirkungen für die Hersteller, wie im Automobilsektor, aber auch für Banken spürbar. Die Schnittstelle zum Kunden könnte dauerhaft verloren gehen. Um dem entgegenzuwirken, haben sich in letzter Zeit  einige Initiativen gebildet  –  wie VERIMI. Im Gespräch mit Bankstil erläutert Torsten Sonntag (Foto), Geschäftsführer bei VERIMI und dort verantwortlich für die Bereiche Finance und Operations, worin sich VERIMI von anderen Initiativen und vor allem von Google, facebook & Co. unterscheidet, wie das VERIMI-Ökosystem ausgebaut werden soll, welche Vorteile Nutzer und Unternehmen davon haben, warum die Themen Digitale Identitäten und Payments zusammen gehören und welche Hürden es auf dem Weg zum Infrastrukturstandard im Bereich eID-Management noch zu nehmen gilt. 

  • Herr Sonntag, was macht VERIMI und welche Rolle haben Sie im Unternehmen?

VERIMI ist von zehn führenden deutschen Unternehmen als branchenübergreifende Initiative zum Aufbau einer Identitäts-, Daten- und Payment-Plattform gegründet worden. Ziel von VERIMI ist es, zunächst natürlichen Personen – später auch juristischen Personen – in einem sicheren Umfeld Identitätsdaten und persönliche Daten selbstbestimmt zur Verfügung zu stellen und somit schrittweise digitalen Infrastrukturstandard im Bereich eID-Management aufzubauen. Wir wollen Nutzern damit die Hoheit über ihre Daten zurückgeben und Unternehmen Rechtssicherheit bei der Datenverarbeitung bieten.

Ich bin Geschäftsführer bei VERIMI und verantworte die Bereiche Finance und Operations.

  • Vor einigen Wochen ist VERIMI offiziell mit einer überschaubaren Zahl von Partnerunternehmen live gegangen – warum so wenige? 

Den Schritt des Go-Live mit einer zunächst kleinen Anzahl von Anwendungspartnern sind wir bewusst gegangen. Unsere oberste Priorität beim Go-Live war es, eine stabile und vor allem sichere Plattform unter realen Bedingungen an den Start zu bringen. Deshalb haben wir uns entschieden, beim Go-Live zunächst aus dem Kreis unserer Gesellschafter die Deutsche Bank und die Bundesdruckerei sowie Weltsparen und die Start-ups Docyet und Campaio anzuschließen. Bei all diesen Unternehmen können sich Nutzer mit ihrer bei VERIMI hinterlegten Identitäten anmelden, Kunden der Deutschen Bank haben sogar die Möglichkeit ihre von der Bank verifizierten Daten an VERIMI zu übertragen und somit sehr bequem ihre Identitätsdaten bei VERIMI zu hinterlegen. Mit diesem Vorgehen waren wir in der Lage, die VERIMI-Plattform sehr stabil an den Markt zu bringen und darauf lässt sich nun aufbauen.

  • Kommen demnächst weitere Partner dazu?

Ja, natürlich arbeiten wir nun daran die Anzahl der Anwendungspartner, also Webservices von Unternehmen, auf denen sich Nutzer von VERIMI identifizieren und authentifizieren können, stetig zu erhöhen. In den nächsten Wochen werden aus dem Kreis unserer Gesellschafter die Allianz und die Deutsche Telekom aufgeschaltet. Aber auch außerhalb unseres Gesellschafterkreises konnten wir inzwischen zahlreiche Anwendungspartner gewinnen, unter anderem aus der Finanz- und Versicherungsindustrie sowie der Gesundheits- und Energiewirtschaft, die wir in den kommenden Wochen schrittweise an VERIMI anbinden werden. Damit bauen wir dynamisch ein Ökosystem auf, welches die Anwendungsmöglichkeiten für unsere Nutzer immer attraktiver werden lässt.

  • Worin unterscheidet sich VERIMI von anderen Initiativen wie YES oder netID?

VERIMI zeichnet sich durch mehr Funktionen aus. Während andere Dienste sich zum Beispiel nur auf den Login beschränken, kann VERIMI die gesamte digitale Identität abbilden. Wir bieten Nutzern an, ihre Identitätsdaten verifiziert bei uns zu hinterlegen und somit ganz neue Use Cases wie zum Beispiel eGoverment ermöglichen. Bei Identitätsdaten sprechen wir dabei von den auf dem Personalausweis gespeicherten Daten. Da aber nicht nur diese Informationen permanent und jederzeit verfügbar im digitalen Umfeld benötigt werden, bieten wir unseren Nutzern optional auch das Hinterlegen von weiteren Daten, wie Führerscheindaten oder Familiendaten an, um so zukünftig einfacher Reisen zu buchen oder Autos mieten zu können. Dieser Service wird dann auch mit dem Angebot über VERIMI zu bezahlen gekoppelt, so dass sich unsere User zukünftig über den VERIMI-Button anmelden, die benötigten Daten übertragen sowie am Ende noch bequem und sicher zahlen können. Diese Kombination an Services macht VERIMI gegenüber den anderen Initiativen einzigartig.

  • Sind Kooperationen mit den anderen Initiativen geplant bzw. ist VERIMI dafür offen? 

Das Angebot für digitale Identitäten befindet sich gerade im Entstehen und aus Nutzersicht wäre es notwendig, dass unterschiedliche Identitätsdienste miteinander kompatibel sind – ähnlich wie im Bankensektor die Bank- oder Kreditkarte unabhängig vom ausgebenden Institut an allen Geldautomaten einsetzbar ist. Wir sollten an einem digitalen Identitätsstandard arbeiten und um dieses Ziel zu erreichen, ist VERIMI zur Kooperation und Zusammenarbeit mit den anderen Initiativen bereit. Wir sind mit beiden Initiativen seit vielen Monaten dazu im Austausch.

  • Kritiker bemängeln, dass die Datenhaltung bei VERIMI zentral sei und die Plattform daher ein leichtes Ziel von Hackerangriffen werden könnte – Sind die Sorgen berechtigt?

Oberflächlich betrachtet könnte der Eindruck entstehen, dass hinter der VERIMI-Plattform eine monolithische Datenbank steht, in der alle Nutzerdaten zentral abgespeichert sind und somit ein leichtes Ziel für Hackerangriffe besteht. Dem ist natürlich nicht so. Unser Technologieansatz ist unter der Führung unseres Gesellschafters CORE SE mit führenden Kryptographie-Experten mit Unterstützung des Fraunhofer-Institutes sowie im engen Dialog mit dem BSI entwickelt worden. Die Nutzerdaten werden mehrfach verschlüsselt sowie fragmentiert in Micro Services sowie verteilten Cloudstrukturen gespeichert, so dass ein multipler Schutz der Daten sichergestellt ist. Das Thema des verantwortungsbewussten Umgangs mit den Daten unserer Nutzer ist die Existenzgrundlage für VERIMI und wir sind uns dessen absolut bewusst, so dass wir neben dem starken Fokus auf die IT-Sicherheit, der strikten Umsetzung der Anforderungen aus der neuen DSGVO auch ein komplexes Informationssicherheits- und Datenschutzkonzept entwickelt haben. Dabei hat uns natürlich die Kompetenz unserer Gesellschafter wie z.B. Bundesdruckerei, Deutsche Bank und Telekom extrem geholfen.

  • VERIMI wendet sich an die Endverbraucher – sind weitere Zielgruppen bzw. Anwendungsfälle im Fokus?

Im ersten Schritt bieten wir unsere Services natürlichen Personen an. Wir haben aber beim Ausbau der Plattform auch juristische Personen und perspektivisch sogar das Internet of Things im Zielbild, das heißt auch die Identitäten von Gegenständen. Der Kühlschrank, der zukünftig selbständig die Milch bestellt, muss sich gegenüber dem Lieferanten identifizieren und authentifizieren können. Der digitale Identitätsstandard, den VERIMI entwickelt wird zukünftig somit für verschiedene Entitäten zur Verfügung stehen.

  • VERIMI will den Verbrauchern die Hoheit über ihre Daten zurückgeben – Gibt es weitere Unterscheidungsmerkmale zu facebook und Google? Stichwort: Datenhandel

VERIMI ist eine Vertrauensplattform, was bedeutet, dass der Identitätsinhaber über die Nutzung seiner Daten absolut selber bestimmt. Wir handeln nicht mit den Daten des Identitätsinhabers, sondern wir stellen mit unserer Plattform einen Service zur Verfügung, der unseren Nutzern ermöglicht seine Identitätsdaten in real time selbstbestimmt im digitalen Kreislauf zu nutzen. Die Nutzer haben jederzeit die Möglichkeit, einzusehen, welcher Anwendungspartner Daten wie nutzt. Einmal erteilte Einwilligungen können jederzeit widerrufen werden. Die bei uns hinterlegten Daten des Nutzers werden nicht durch die „Hintertür“ vermarktet.

  • Warum bündelt VERIMI die Themen Identität und Payments  – was hat der Kunde, was haben die Unternehmen davon? 

In der Kombination von Identitätsdaten und Payment in einem Service liegt die Chance die Nutzung von Anwendungsfällen für den Nutzer wesentlich bequemer zu machen. Mit einem Log-in über VERIMI bei einem Webservice wird zukünftig automatisch die Identifizierung bzw. das wiederholte Authentifizierung als auch das Bezahlen mit einem Klick möglich sein, so dass der Webservice prozessbruchfrei und somit viel schneller und bequemer für den Anwender nutzbar sein wird und das Unternehmen somit seinen Kunden einen besseren Service bieten kann. Außerdem möchten sich die Kunden digital als auch offline mit ein und denselben Identitäts- und Bezahlverfahren bewegen können, dies wird durch die VERIMI-App auf den Mobiltelefonen problemlos möglich.

  • Welche Hürden muss VERIMI noch nehmen, um sich als de facto – Standard in Deutschland und Europa zu etablieren? 

Unser Ziel ist es, durch die branchenübergreifende Initiative – sichergestellt durch unsere Gesellschafterstruktur – die Services von VERIMI möglichst breit in den Markt einzuführen. Dieses Vorgehen bietet die Chance, VERIMI zunächst in Deutschland und später in Europa als digitalen Identitätsstandard zu etablieren. Parallel zu dieser Martkeintrittsstrategie arbeiten wir an der Anerkennung von VERIMI als Vertrauensdienstleister gemäß der europäischen eIDAS-Verordnung, so dass nach einer entsprechenden Notifizierung von VERIMI die bereitgestellten Identitäten auch in allen anderen EU- Staaten akzeptiert werden. Mit Schaffung dieser Voraussetzung und dem schrittweisen Markteintritt durch das Angebot von VERIMI in EU-Staaten oder der Kooperation mit anderen nationalen Identitätsanbietern wird es uns gelingen, den europäischen Identitätsstand zu etablieren.

  • Wo will VERIMI in fünf Jahren stehen?

Mit Ausdauer und einer nachhaltigen Entwicklung wird VERIMI in der täglichen Nutzung von Webservices eine hohe Relevanz haben. Der grüne VERIMI-Button wird ganz selbstverständlich, bequem und sicher durch die Nutzer für den Aufruf und die Inanspruchnahme von Diensten in allen Bereichen des digitalen Lebens genutzt. VERIMI-Nutzer werden Konten einfach von zuhause eröffnen, digitale Behördengänge ohne lange Wartezeiten in den Ämtern abwickeln oder sich einfach und schnell bei neuen Anbietern registrieren können. Das digitale Leben wird dadurch einfacher und sicherer und die Nutzer gewinnen die Souveränität über ihre Daten zurück.

  • Herr Sonntag, vielen Dank für das Gespräch!
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