Gra­vi­ta­ti­ons­zen­tren ver­schie­ben sich langsam—und genau das macht sie gefähr­lich. Wer auf eine abrup­te Zäsur war­tet, hat den Moment der Ent­schei­dung längst ver­passt. Für den Finanz­platz Frank­furt stellt sich die Fra­ge nicht, ob er die nächs­te Kri­se über­steht. Die Fra­ge ist, ob er in zehn oder zwan­zig Jah­ren noch eigen­stän­di­ge Rele­vanz im glo­ba­len Finanz­ge­fü­ge bean­spru­chen kann—oder ob er zur gut orga­ni­sier­ten Peri­phe­rie eines Zen­trums gewor­den ist, des­sen Koor­di­na­ten sich längst ver­scho­ben haben.

Die wirt­schaft­li­che Schrump­fung Deutsch­lands und die Ver­la­ge­rung des glo­ba­len Gra­vi­ta­ti­ons­zen­trums nach Asi­en sind zwei Pro­zes­se, die in der öffent­li­chen Debat­te meist getrennt behan­delt wer­den. In ihrer Wech­sel­wir­kung erzeu­gen sie für Frank­furt eine qua­li­ta­tiv ande­re Bedro­hungs­la­ge. Der Brexit hat dar­an wenig geändert—was Frank­furt gewann, waren regu­la­to­ri­sche Prä­sen­zen ohne ope­ra­ti­ve Sub­stanz. Die gro­ße Wan­de­rung von Beschäf­tig­ten und Ban­ken ist aus­ge­blie­ben. Und eine Wäh­rungs­uni­on, so sta­bil sie auch ist, kann kei­ne Gra­vi­ta­ti­ons­kraft erzeu­gen, die nicht real­wirt­schaft­lich fun­diert ist. Finanz­plät­ze sind Spie­gel der Realwirtschaft—sie kön­nen den Spie­gel polie­ren, aber nicht das Bild ver­än­dern. Und mit dem Finanz­platz ver­än­dert sich auch der Bank­stil: sei­ne Kul­tur, sei­ne Selbst­wahr­neh­mung, sei­ne Stel­lung in einer Welt, deren Gra­vi­ta­ti­ons­zen­trum sich zuneh­mend anders­wo befindet.


Aus­gangs­be­fund: Zwei Ero­si­ons­pro­zes­se, eine Schnittstelle

Der Finanz­platz Frank­furt steht vor einer dop­pel­ten struk­tu­rel­len Her­aus­for­de­rung, die in der öffent­li­chen Debat­te meist getrennt behan­delt wird, in ihrer Wech­sel­wir­kung aber eine qua­li­ta­tiv ande­re Bedro­hungs­la­ge erzeugt: ers­tens die fort­schrei­ten­de Deindus­tria­li­sie­rung und wirt­schaft­li­che Schrump­fung Deutsch­lands als Hei­mat­markt; zwei­tens die geo­po­li­tisch-öko­no­mi­sche Gra­vi­ta­ti­ons­ver­schie­bung hin zu Asi­en als neu­em Zen­trum der Kapi­tal­ak­ku­mu­la­ti­on, des Han­dels und der Finan­zie­rungs­strö­me. Bei­de Pro­zes­se beschleu­ni­gen sich gegenseitig—und Frank­furt sitzt an deren Schnittstelle.

Die ent­schei­den­de Fra­ge ist nicht, ob Frank­furt über­le­ben wird. Es wird überleben—als regu­lier­ter Stand­ort, als EZB-Sitz, als Abwick­lungs­in­fra­struk­tur. Die ent­schei­den­de Fra­ge ist, ob Frank­furt eine eigen­stän­di­ge Rele­vanz im glo­ba­len Finanz­ge­fü­ge behal­ten oder ob es zur gut orga­ni­sier­ten Peri­phe­rie eines Zen­trums wer­den wird, des­sen Koor­di­na­ten sich längst ver­scho­ben haben.


I. Frank­furt als deri­vier­ter Finanz­platz: Struk­tu­rel­les Erbe

Frank­furts Bedeu­tung war nie ori­gi­när, son­dern stets abgeleitet—zunächst aus der Rol­le des Deut­schen Mark-Raums als indus­tri­el­lem Gra­vi­ta­ti­ons­zen­trum, dann aus dem Euro-Pro­jekt, zuletzt aus dem Brexit-Wind­fall. Jede die­ser Grund­la­gen ver­dient eine nüch­ter­ne Revision.

Die Indus­trie­an­bin­dung als his­to­ri­sche Kern­struk­tur. Das Uni­ver­sal­ban­ken­sys­tem der Bun­des­re­pu­blik, das Frank­furt zur Dreh­schei­be mach­te, war kein Zufall. Es war das insti­tu­tio­nel­le Kor­re­lat einer Indus­trie­struk­tur, die lang­fris­ti­ge Kapi­tal­ver­sor­gung, enge Haus­bank­be­zie­hun­gen und gedul­di­ges Eigen­ka­pi­tal benötigte—das klas­si­sche deut­sche Modell, das Alfred Chand­ler als “coöpe­ra­ti­ve capi­ta­lism” beschrieb. Wenn die Indus­trie­ba­sis schrumpft, schrumpft auch das ori­gi­nä­re Finan­zie­rungs­ge­schäft. Die Abwick­lung von Groß­kre­di­ten für VW-Inves­ti­tio­nen, Maschi­nen­bau­ex­pan­sio­nen oder Chemieprojekte—das orga­ni­sche Fun­da­ment des Frank­fur­ter Wholesale-Banking—verliert an Sub­stanz, wenn die zugrun­de­lie­gen­den Real­wirt­schafts­ak­ti­vi­tä­ten weg­fal­len oder nach Asi­en abwandern.

Das Euro-Pri­vi­leg: sta­bil, aber nicht wach­send. Frank­furts Posi­ti­on als Sitz der EZB und Stand­ort der Euro­päi­schen Ban­ken­auf­sicht (SSM) schafft insti­tu­tio­nel­le Tie­fe, die kurz- und mit­tel­fris­tig nicht weg­fällt. Es ist ein struk­tu­rel­ler Anker. Aber es ist kein Wachs­tums­mo­tor. Zen­tral­bank­funk­tio­nen ver­tei­len kei­ne Pro­vi­sio­nen, gene­rie­ren kei­ne neu­en Kun­den­märk­te und schaf­fen kein dyna­mi­sches Öko­sys­tem aus Debt Capi­tal Mar­kets, M&A‑Advisory oder Asset Manage­ment. Sie sta­bi­li­sie­ren den Sta­tus quo—sie ver­hin­dern den frei­en Fall, ermög­li­chen aber kei­nen Aufstieg.

Der Brexit-Effekt: Weit­ge­hend aus­ge­blie­ben. Die Erwar­tung, Frank­furt wür­de nach 2016 zur euro­päi­schen Auf­fan­g­adres­se für Lon­do­ner Finanz­ak­ti­vi­tä­ten, hat sich nicht erfüllt—und das ist kein tak­ti­sches Ver­sa­gen, son­dern ein struk­tu­rel­ler Befund. Was tat­säch­lich nach Frank­furt ver­la­gert wur­de, waren weit­ge­hend stan­dar­di­sier­te, regu­la­to­risch erzwun­ge­ne Funk­tio­nen: Buchungs­en­ti­tä­ten, Com­pli­ance-Ein­hei­ten, lizenz­pflich­ti­ge Hol­ding­struk­tu­ren. Die eigent­li­che Substanz—die erfah­re­nen Ban­ker, die kom­ple­xen Han­dels­desks, die bezie­hungs­ge­trie­be­nen M&A‑Teams, das insti­tu­tio­nel­le Wissen—blieb in Lon­don. Die gro­ße Wan­de­rung von Beschäf­tig­ten und Ban­ken ist aus­ge­blie­ben. Lon­don hat sei­ne Stel­lung als euro­päi­sches Finanz­zen­trum ers­ter Ord­nung weit­ge­hend gehal­ten, nicht zuletzt weil die Tie­fe sei­nes Ökosystems—Anwaltskanzleien, Daten­dienst­leis­ter, Talent­pool, kul­tu­rel­le Infrastruktur—auf dem Kon­ti­nent schlicht nicht repli­zier­bar ist. Frank­furt hat aus dem Brexit das Maxi­mum her­aus­ge­holt, das mög­lich war: regu­la­to­ri­sche Prä­senz ohne ope­ra­ti­ve Sub­stanz. Das ist kein Gewinn, der trägt.


II. Die asia­ti­sche Gra­vi­ta­ti­ons­ver­schie­bung: Was sie für Kapi­tal­strö­me bedeutet

Die Ver­la­ge­rung des wirt­schaft­li­chen Schwer­punkts nach Asi­en ist kei­ne Mei­nungs­fra­ge mehr. Sie ist in den Daten. Chi­na ist heu­te der größ­te Han­dels­part­ner für mehr als 120 Staa­ten. Asia­ti­sche Unter­neh­men domi­nie­ren zuneh­mend in Sek­to­ren, in denen euro­päi­sche Kon­zer­ne lan­ge Welt­markt­füh­rer­po­si­tio­nen innehatten—von Indus­trie­ro­bo­tern (Fanuc, KUKA/​Midea) über Elek­tro­mo­bi­li­tät (BYD) bis hin zu Halb­lei­tern (TSMC). Das BIP-Gewicht Asi­ens am glo­ba­len Gesamt­pro­dukt über­steigt seit eini­gen Jah­ren das der west­li­chen OECD-Länder.

Für Finanz­märk­te hat die­se Ver­schie­bung kon­kre­te struk­tu­rel­le Konsequenzen:

Emis­si­ons­märk­te wan­dern. Wenn die dyna­mi­schen Wachs­tums­un­ter­neh­men in Asi­en sit­zen, fol­gen die pri­mä­ren Akti­en- und Anlei­he­emis­sio­nen. Hong­kong, Shang­hai, Shenzhen,…