Baden-Würt­tem­berg lie­fert der­zeit die anschau­lichs­ten Zah­len: 15 Pro­zent weni­ger kom­mu­na­le Ein­la­gen, ein Fünf­tel mehr Kom­mu­nal­kre­di­te bin­nen Jah­res­frist. Doch was sich dort zeigt, ist kein Regio­nal­phä­no­men, son­dern die lokal am bes­ten doku­men­tier­te Aus­prä­gung eines bun­des­wei­ten Mus­ters. Gewer­be­steu­er­aus­fäl­le durch indus­tri­el­len Struk­tur­wan­del, struk­tu­rell wach­sen­de Sozi­al­las­ten und ein Inves­ti­ti­ons­be­darf der Ener­gie­wen­de, der die bis­he­ri­gen Dimen­sio­nen kom­mu­na­ler Kre­dit­ver­ga­be um ein Viel­fa­ches über­steigt – das trifft die Spar­kas­sen in ganz Deutsch­land, nicht nur im Südwesten.


Eine Lan­des­mel­dung mit bun­des­wei­tem Muster

9,1 Mil­li­ar­den Euro Ein­la­gen öffent­li­cher Haus­hal­te, 6,0 Mil­li­ar­den Euro Kom­mu­nal­kre­di­te bei den 50 baden-würt­tem­ber­gi­schen Spar­kas­sen – so lau­ten die Zah­len, die der Spar­kas­sen­ver­band Baden-Würt­tem­berg Ende Juli für das ers­te Halb­jahr ver­mel­det hat. Spar­kas­sen­prä­si­dent Mat­thi­as Neth spricht von einer nie dage­we­se­nen kom­mu­na­len Finanz­kri­se und blickt mit „aller­größ­ter Sor­ge” auf die Zukunft der Kom­mu­nen. Die Ver­su­chung liegt nahe, das als regio­na­les Phä­no­men zu lesen – Auto­mo­bil­land, Maschi­nen­bau-Clus­ter, eben beson­ders expo­niert. Die­se Les­art greift zu kurz. Die drei Ent­wick­lun­gen, die hin­ter den baden-würt­tem­ber­gi­schen Zah­len ste­hen, sind bun­des­weit wirk­sam und las­sen sich in ihrer Kom­bi­na­ti­on auch bun­des­weit als Belas­tung für das Spar­kas­sen­sys­tem beschreiben.

Ers­te Linie: Die Ero­si­on der Einnahmebasis

Neth benennt die rück­läu­fi­ge Gewer­be­steu­er als zen­tra­len Belas­tungs­fak­tor. Im Süd­wes­ten hat das einen unmit­tel­ba­ren Namen: Auto­mo­bil­in­dus­trie und Maschi­nen­bau. Bosch plant den Abbau von rund 22.000 Stel­len in der deut­schen Mobi­li­ty-Spar­te, aus­ge­löst durch einen ope­ra­ti­ven Gewinn­ein­bruch von 4,8 Mil­li­ar­den Euro (2023) auf 1,8 Mil­li­ar­den Euro (2025) und erst­mals seit 2009 wie­der rote Zah­len. Por­sche, Mer­ce­des, Trumpf und prak­tisch die gesam­te Zulie­fer­ket­te – Con­ti­nen­tal, Schaeff­ler, ZF, Mah­le, Voith – fah­ren par­al­le­le Spar­pro­gram­me. Doch die­ser Struk­tur­wan­del ist kein Son­der­fall des Süd­wes­tens: BMW und Volks­wa­gen bau­en eben­falls in gro­ßem Stil ab, und mit ihnen die jeweils regio­nal ver­floch­te­nen Zulie­fer­re­gio­nen in Bay­ern, Nie­der­sach­sen und Nord­rhein-West­fa­len. Wo immer Gewer­be­steu­er­ein­nah­men an eine schrump­fen­de Indus­trie­ba­sis gekop­pelt sind, wie­der­holt sich das­sel­be Mus­ter – nur mit ande­ren Firmennamen.

Zwei­te Linie: Der Auf­wuchs kon­sum­ti­ver Ausgaben

Par­al­lel dazu wach­sen, wie Neth es for­mu­liert, die kon­sum­ti­ven Aus­ga­ben – also Sozi­al­leis­tun­gen – in einem Tem­po, das er selbst als auf Dau­er nicht leist­bar bezeich­net. Die­ser Aus­ga­ben­block ist struk­tu­rell und nicht durch eine kon­junk­tu­rel­le Erho­lung zu kom­pen­sie­ren, und er ist bun­des­weit wirk­sam: Die deut­schen Kom­mu­nen ins­ge­samt wie­sen bereits 2024 ein Rekord­de­fi­zit von 25 Mil­li­ar­den Euro aus, mit Pro­gno­sen von über 35 Mil­li­ar­den Euro jähr­lich. Das Rekord­de­fi­zit der baden-würt­tem­ber­gi­schen Kom­mu­nen von 4,4 Mil­li­ar­den Euro im Jahr 2025 – laut Ber­tels­mann-Stif­tung der höchs­te Fehl­be­trag ihrer Geschich­te – ist damit weni­ger ein regio­na­ler Aus­rei­ßer als ein Bei­trag zu einer bun­des­wei­ten Größenordnung.

Drit­te Linie: Der Inves­ti­ti­ons­be­darf, der alles relativiert

Die drit­te Linie ist die am wenigs­ten regio­nal gebun­de­ne – und zugleich die mit der größ­ten Hebel­wir­kung. Die deut­sche Ener­gie­wen­de und Infra­struk­tur­trans­for­ma­ti­on erfor­dert bis 2030 kom­mu­na­le Inves­ti­tio­nen von rund 720 Mil­li­ar­den Euro bun­des­weit, das ent­spricht etwa 90 Mil­li­ar­den Euro pro Jahr. Das ist mehr als das Dop­pel­te des­sen, was die deut­schen Spar­kas­sen der­zeit ins­ge­samt jähr­lich an Kom­mu­nal­kre­di­ten ver­ge­ben. Bis­lang wur­den sol­che Inves­ti­tio­nen zu rund 80 Pro­zent aus Eigen­mit­teln finan­ziert; künf­tig dürf­ten Fremd­ka­pi­tal­quo­ten von 60 bis 80 Pro­zent zur Nor­ma­li­tät wer­den. Beson­ders betrof­fen sind die Stadt­wer­ke: 75 bis 93 Pro­zent von ihnen mel­den bereits heu­te hohe Finan­zie­rungs­her­aus­for­de­run­gen für den anste­hen­den Netz- und Erzeu­gungs­aus­bau – ein Befund, der nicht an eine Regi­on gebun­den ist, son­dern an die kom­mu­na­le Trä­ger­schaft der Ener­gie­ver­sor­gung insgesamt.

Gemes­sen an die­ser Grö­ßen­ord­nung wir­ken auch die 6,0 Mil­li­ar­den Euro Kom­mu­nal­kre­di­te der baden-würt­tem­ber­gi­schen Spar­kas­sen fast schon mar­gi­nal. Das legt nahe, dass der eigent­li­che Inves­ti­ti­ons­be­darf der Stadt­wer­ke bis­lang kaum über die Spar­kas­sen­bi­lan­zen abge­bil­det wird – weder im Süd­wes­ten noch andernorts.

Vier­te Linie: Die Lücke wächst schnel­ler, als sie geschlos­sen wird

Was die bis­he­ri­gen drei Lini­en zusätz­lich ver­schärft, ist ein Befund, der eher metho­di­scher als finan­zi­el­ler Natur ist: Die poli­ti­sche Refe­renz­zahl für den deut­schen Trans­for­ma­ti­ons­be­darf selbst gilt inzwi­schen als über­holt. Im Mai 2024 hat­ten das Insti­tut für Makro­öko­no­mie und Kon­junk­tur­for­schung (IMK) und das Insti­tut der deut­schen Wirt­schaft (IW) – arbeit­ge­ber- und gewerk­schafts­nah zugleich, ein sel­te­ner Kon­sens – 600 Mil­li­ar­den Euro über zehn Jah­re als aus­rei­chend bezif­fert, davon 177 Mil­li­ar­den Euro für kom­mu­na­le Infra­struk­tur und 127 Mil­li­ar­den Euro für Ver­kehrs­we­ge und ÖPNV. Schon der Ver­gleich mit einer Ein­zel­stu­die zeigt die Dis­kre­panz: Das Deut­sche Insti­tut für Urba­nis­tik (Difu) bezif­fer­te 2023 allein die kom­mu­na­le Ver­kehrs­in­fra­struk­tur auf 372 Mil­li­ar­den Euro bis 2030 – mehr, als die IMK/IW-Stu­die für bei­de Pos­ten zusam­men vor­sah. Und die ein­gangs genann­ten 535 Mil­li­ar­den Euro für Strom- und Gas­net­ze allein über­stei­gen bereits die kom­plet­ten 200 Mil­li­ar­den Euro, die die IMK/IW-Stu­die für den gesam­ten Kli­ma­schutz­be­reich vor­ge­se­hen hatte.

Der eigent­li­che Befund lau­tet damit nicht nur, dass die Inves­ti­ti­ons­lü­cke groß ist, son­dern dass sie mit jeder neu­en Detail­stu­die grö­ßer wird – wäh­rend Bau‑, Mate­ri­al- und Ener­gie­kos­ten die Dif­fe­renz zwi­schen Pla­nung und Rea­li­tät Jahr für Jahr wei­ter ver­grö­ßern. Für die Spar­kas­sen bedeu­tet das: Selbst eine vor­sich­ti­ge Risi­ko­vor­sor­ge, die sich an der ursprüng­li­chen 720-Mil­li­ar­den-Euro-Zahl ori­en­tiert, dürf­te den tat­säch­li­chen Kapi­tal­be­darf sys­te­ma­tisch unterschätzen.

Die Zan­gen­be­we­gung – ein bun­des­wei­tes Strukturmuster

Damit ergibt sich ein Drei­ecks­pro­blem, das kein regio­na­les, son­dern ein sys­te­mi­sches ist: Die Ein­nah­me­ba­sis der Kom­mu­nen ero­diert (Gewer­be­steu­er, Struk­tur­wan­del), die lau­fen­den Aus­ga­ben wach­sen struk­tu­rell (Sozi­al­las­ten), und gleich­zei­tig explo­diert der Inves­ti­ti­ons­be­darf (Ener­gie­wen­de, Stadt­wer­ke) – unab­hän­gig von der fis­ka­li­schen Ver­fas­sung der ein­zel­nen Kom­mu­ne, weil er ter­min­lich vor­ge­ge­ben ist. Die Spar­kas­sen ins­ge­samt ste­hen damit, wie sich vor­läu­fig fest­hal­ten lässt, in einer Zan­gen­be­we­gung: von unten die kom­mu­na­le Aus­ga­ben­kri­se, von oben ein Kapi­tal­be­darf, der die bis­he­ri­gen Finan­zie­rungs­di­men­sio­nen sprengt. Bei­de Bewe­gun­gen sind an kei­ne Lan­des­gren­ze gebunden.

Bemer­kens­wert ist, dass sich die­se Belas­tung in der aktu­el­len Risi­ko­vor­sor­ge der Insti­tu­te noch kaum nie­der­schlägt – auch das kein baden-würt­tem­ber­gi­sches, son­dern ein bun­des­wei­tes Mus­ter. Spar­kas­sen ver­mel­den land­auf, land­ab zufrie­den­stel­len­de Halb­jah­res­zah­len, Wachs­tum bei Kre­dit­vo­lu­men und Kun­den­ein­la­gen. Das lässt sich vor­läu­fig damit erklä­ren, dass weder der indus­tri­el­le Stel­len­ab­bau noch der Stadt­wer­ke-Kapi­tal­be­darf bereits in vol­lem Umfang in den Büchern ange­kom­men sind – nicht damit, dass sich die zugrun­de­lie­gen­den Belas­tungs­li­ni­en auf­lö­sen würden.

Was das für den Blick nach vorn bedeutet

Die nahe­lie­gen­de Les­art der baden-würt­tem­ber­gi­schen Mel­dung – klam­me Kom­mu­nen im Auto­land, stei­gen­de Kre­dit­nach­fra­ge, das übli­che Mus­ter einer regio­na­len Struk­tur­kri­se – greift damit zu kurz. Die eigent­li­che Fra­ge lau­tet, ob das dezen­tra­le Spar­kas­sen­sys­tem als Gan­zes in der Lage ist, eine Kapi­tal­nach­fra­ge zu bedie­nen, die um ein Viel­fa­ches über dem liegt, was es his­to­risch gewohnt war zu leis­ten – wäh­rend gleich­zei­tig die Boni­tät der Kre­dit­neh­mer, der Kom­mu­nen selbst, bun­des­weit unter Druck gerät. Eine abschlie­ßen­de Ant­wort dar­auf lässt sich der­zeit nicht geben; die ver­füg­ba­ren Zah­len deu­ten aber dar­auf hin, dass die baden-würt­tem­ber­gi­sche Mel­dung weni­ger ein Son­der­fall als ein Früh­in­di­ka­tor für das gesam­te deut­sche Spar­kas­sen­sys­tem ist.

Ralf Keu­per


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