Am 31. August erreichten die Renditen deutscher, amerikanischer und italienischer Staatsanleihen binnen weniger Stunden mehrjährige Höchststände – zeitgleich in drei Weltregionen. Der Auslöser lag nicht in der Geldpolitik, sondern in der Straße von Hormus. Das macht die Episode analytisch interessanter, als es die reinen Prozentzahlen vermuten lassen.
Am Montag, den 31. August, überschritt die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen die Marke von 3,25 Prozent – der höchste Stand seit März 2011. Am selben Tag kletterte die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen erstmals seit Januar 2025 über 4,75 Prozent. Italienische und französische Anleihen zogen mit. Auf den ersten Blick liest sich das wie eine gewöhnliche Zinssorge: Inflation zieht an, Notenbanken bleiben restriktiv, Anleger verlangen höhere Kompensation. Der eigentliche Auslöser war jedoch keiner geldpolitischen, sondern geopolitischen Ursprungs.
In der Nacht zuvor hatten die USA eine iranische Insel in der Straße von Hormus angegriffen; Teheran kündigte Vergeltung gegen amerikanische Vermögenswerte in der Region an. Die Ölpreise reagierten sofort – Brent legte um mehr als drei Prozent zu –, und mit ihnen die Inflationserwartungen, die sich unmittelbar in den langfristigen Renditen niederschlugen. Dass ausgerechnet ein militärischer Zwischenfall an einer der wichtigsten Öltransitrouten der Welt die Anleihemärkte dreier Kontinente gleichzeitig bewegt, ist der eigentliche Befund dieser Episode – nicht die Zahl 3,25 oder 4,75 Prozent für sich genommen.
Bemerkenswert ist dabei vor allem, was nicht passierte. In klassischen geopolitischen Krisen suchen Anleger Zuflucht in Staatsanleihen, die Renditen sinken. Hier geschah das Gegenteil: Die Renditen stiegen, obwohl – oder gerade weil – die Krise die Inflationserwartungen anheizte, während sich die Notenbanken ohnehin schon in einer restriktiven Grundhaltung befanden. Fed-Chef Kevin Warsh hatte kurz zuvor in Jackson Hole gewarnt, die Inflation lasse nicht spürbar nach; die Marktwahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung im September stieg daraufhin deutlich. Auf der anderen Seite des Atlantiks preisten die Märkte einen EZB-Einlagensatz von rund 2,7 Prozent bis Dezember ein, mit einer Wahrscheinlichkeit von etwa 80 Prozent für eine zweite Erhöhung im Anschluss an einen bereits für September erwarteten Schritt. Der Ölschock traf also nicht auf eine akkommodierende, sondern auf eine bereits angespannte geldpolitische Lage – und verstärkte sie, statt sie durch einen Sicherheitsreflex zu dämpfen.
Für die Eurozone kommt eine strukturelle Asymmetrie hinzu, die über den Tagesausschlag hinausweist. Italien bleibt die am stärksten gasabhängige Volkswirtschaft Europas – Erdgas macht rund 38 Prozent des Energiemixes aus, und das Land ist der größte LNG-Importeur aus dem Persischen Golf in der EU. Ein Angebotsschock in der Golfregion trifft die Peripherie damit strukturell härter als den Kern. Das ist insofern bemerkenswert, als sich der Renditespread zwischen deutschen und italienischen Anleihen zuvor über mehrere Quartale spürbar eingeengt hatte – ein Trend, der als Beleg für eine graduelle Angleichung von Kern und Peripherie gelesen wurde. Ob ein anhaltend hohes Ölpreisniveau diese Konvergenz wieder aufbricht, lässt sich nach einem einzelnen Handelstag nicht seriös behaupten; als Beobachtungspunkt für die kommenden Wochen ist die Frage aber gesetzt.
Für die deutsche Seite fügt sich der Vorgang in eine bereits skizzierte Beobachtung ein: Die Bundrendite bewegt sich seit einiger Zeit auf einem Mehrjahreshoch, während die Schuldenquote seit Jahren über der Maastricht-Grenze liegt – ein Zusammenhang, der in einem früheren Beitrag (“Der Anker wackelt”) bereits diskutiert wurde und hier nicht wiederholt werden soll. Der Renditeschock vom 31. August fügt dieser Beobachtung eine weitere Facette hinzu, ohne sie zu ersetzen: Er zeigt, dass die Finanzierungskosten des Bundes nicht nur von hausgemachten fiskalischen Fragen abhängen, sondern über den Ölpreiskanal auch von Ereignissen, auf die Berlin keinerlei Einfluss hat.
Was diese Episode letztlich lehrt, ist vorläufig, nicht abschließend zu bewerten: Ein einzelner militärischer Zwischenfall reichte aus, um Notenbanken auf drei Kontinenten in eine ohnehin schon restriktive Richtung weiterzudrängen. Wie belastbar diese Kopplung ist – ob sie sich mit nachlassender Eskalation in der Golfregion wieder löst, oder ob sie ein Muster für eine Welt markiert, in der geopolitische und geldpolitische Risiken zunehmend gemeinsam auf die Finanzierungskosten von Staaten wirken –, lässt sich erst mit einigem Abstand beurteilen.
Ralf Keuper
Quellen
- Bloomberg: Treasury 10-Year Yield Tops 4.75%, Highest Since January 2025
- Trading Economics: Deutschland 10-Jahres-Anleiherendite
- Trading Economics: US 10 Year Treasury Note Yield
- Trading Economics: Italien 10-Jahres-Staatsanleiherendite
- Forbes Advisor: Treasury Rates Today: August 31, 2026
