Ein Instagram-Post warnt vor dem nahenden Preiseinbruch bei deutschen Einfamilienhäusern: gestiegene Zinsen, verkaufswillige Babyboomer, ausbleibende junge Käufer. Wenige Klicks weiter verspricht ein anderer Account, mit genau denselben Häusern reich zu werden – Vermietung, Cashflow, Rendite. Beide Beiträge stammen aus derselben Bubble, beide bedienen sich derselben Dramaturgie, und beide könnten, mit ausgetauschten Vorzeichen, von derselben Person stammen. Das ist kein Zufall, sondern das eigentliche Thema.
Zwei entgegengesetzte Fälle, ein Muster
Der Crash-Warner und der sogenannte Immo-Bro scheinen inhaltlich Gegenspieler zu sein – der eine sieht schwarz, der andere Gold. Tatsächlich reproduzieren beide dieselben Grundüberzeugungen der Immobilienlobby: Mit Wohnraum lässt sich Geld verdienen, Investoreninteresse schafft Wohnraum, staatliche Regulierung schadet dem Markt, Nachfrage treibt die Preise. Der Ton wechselt zwischen Alarmismus und Erfolgsversprechen, die Bausteine bleiben identisch.
Das zeigt sich exemplarisch bei den sogenannten Immo-Bros – überwiegend jungen Männern, die auf Instagram und TikTok vorgeblich erfolgreiche Immobiliengeschäfte inszenieren. Die Bandbreite reicht von der Old-Money-Ästhetik eines Accounts mit rund 59.000 Followern bis zur bewussten Provokation eines anderen, der mit 35 Millionen Euro Schulden und geliehenen Hubschrauberflügen wirbt, während er im selben Atemzug offenlegt, dass die Rendite über beengte Studenten-WGs erzielt wird. Unterschiedliche Tonlagen, gleiches Skript.
Die wiederkehrenden Bausteine
Wer mehrere Accounts unterschiedlicher Ausrichtung nebeneinanderlegt, findet immer dieselben Versatzstücke:
Autoritäts-Signalisierung über Reichweite statt über Track-Record. Followerzahlen ersetzen den Nachweis von Methodik oder tatsächlichem Erfolg – ein Account mit 90.700 Followern verspricht Steuertricks, ein anderer mit 45.200 Followern verspricht, dem Staat den Spieß umzudrehen. Die Zahl selbst wird zum Argument.
Die „Ich war skeptisch, jetzt hat mich die Realität überzeugt“-Pose. Ein früherer Standpunkt wird als Beleg für intellektuelle Redlichkeit inszeniert, bevor die neue, zugespitzte These autorisiert wird. Der scheinbare Meinungswechsel erzeugt Glaubwürdigkeit, unabhängig davon, ob die neue These besser begründet ist als die alte.
Bullet-Point-Dramaturgie als Format-Zwang. Pfeile, Häkchen und kurze Sätze sind auf schnelles Scrollen ausgelegt, nicht auf Abwägung. Gegenargumente lassen sich in diesem Format kaum unterbringen, ohne die Zuspitzung zu entschärfen – sie fehlen deshalb systematisch, nicht aus Unwissen.
Einseitige Bestätigungsauswahl bei korrekten Einzeldaten. Die Irreführung liegt selten in falschen Fakten, sondern in der Auswahl: Zinsanstieg und Auswanderungszahlen werden korrekt zitiert, gegenläufige Faktoren wie Direktvererbung an die eigenen Kinder oder mögliche Zinssenkungen bei nachlassendem Inflationsdruck bleiben unerwähnt.
Konkrete, fast wortgleiche Versprechen über Accounts hinweg. Der sogenannte „Money Glitch“ – Immobilienfinanzierung ohne Eigenkapital, bei der faktisch die Mieter den Kredit abbezahlen – taucht bei mehreren, sich sonst nicht ähnelnden Accounts nahezu identisch auf, ebenso Steuervermeidungs-Versprechen mit reißerischen Titeln.
Warum das Format die Austauschbarkeit erzwingt
Die naheliegende Erklärung wäre mangelnde fachliche Qualität der einzelnen Person. Plausibler ist eine strukturelle: Plattform-Algorithmen belohnen Emotionalisierung und Zuspitzung, nicht Differenzierung. Ein Post, der auf regional unterschiedliche Preisentwicklungen hinweist, erzeugt keine Shares; ein Post, der einen bevorstehenden Kollaps oder einen todsicheren Trick verspricht, schon. Unter diesem Anreizsystem konvergieren völlig unterschiedliche Akteure – seriös auftretende wie bewusst provokante – auf dieselbe Argumentationsstruktur, weil das Format selbst die Auswahlkriterien vorgibt, nicht die individuelle Position zum Thema.
Ein Hinweis darauf findet sich auch in der Entstehungsgeschichte der Szene: Die erste Welle von Immobilien-Influencern entstand während der Niedrigzinsphase zwischen 2012 und 2016, als frühe Käufer ihren Kapitaleinsatz in wenigen Jahren vervielfachen konnten. Das Format – und mit ihm das Versprechen – überlebte den Wechsel der Marktbedingungen, obwohl die ursprüngliche Plausibilität der Erfolgsgeschichten längst nicht mehr gegeben ist.
Die zweite Front: das eigene Geschäftsmodell gerät unter Druck
Bemerkenswert ist, dass die Austauschbarkeit der Argumentation nicht folgenlos bleibt – und zwar nicht nur für die Follower, sondern für die Branche selbst. Zwei parallele Entwicklungen lassen sich beobachten.
Zum einen verschärft sich der regulatorische Zugriff. BaFin und die europäische Wertpapieraufsicht ESMA veröffentlichten im Januar 2026 ein gemeinsames Factsheet zu Finfluencern, das deutlich mehr Aufmerksamkeit signalisiert als die bisherige Verwaltungspraxis, in der das Thema nur am Rande behandelt wurde. Parallel einigten sich EU-Gesetzgeber Ende 2025 im Trilog auf die Retail Investment Strategy, die explizit auch den Schutz junger Konsumenten von Finfluencer-Inhalten adressiert. Die Grünen im Bundestag fordern zusätzlich ein europaweites Werbeverbot für Finanzprodukt-Influencer nach französischem Vorbild – ein Vorstoß, der bei den Koalitionspartnern zwar umstritten ist, aber den grundsätzlichen Kurswechsel der politischen Debatte markiert.
Zum anderen bricht die kommerzielle Infrastruktur der Szene selbst ein. Die Cashflow Conference, 2025 noch Treffpunkt der sichtbarsten Immobilien-Influencer, musste 2026 Insolvenz anmelden. Der größte deutsche Immobilien-Influencer mit über einer Million Followern auf TikTok sieht sich nach Presseberichten mit Ermittlungen konfrontiert, nachdem sich Käufer durch seine beworbenen Geschäfte getäuscht sahen. Und selbst unter den verbliebenen Followern schwindet die Wirkung: Eine Befragung von 300 Followern deutschsprachiger Finfluencer-Kanäle ergab, dass die Mehrheit den erhaltenen Tipps allenfalls leichten bis mittleren Einfluss auf die eigene Anlageentscheidung zuschreibt.
Einordnung
Die These, dass Finanzinfluencer eine strukturell austauschbare, formatgetriebene Argumentation reproduzieren, ist an mehreren, inhaltlich gegensätzlichen Fällen – Crash-Warnung und Reichtumsversprechen – konsistent nachweisbar und insofern vorläufig korroboriert. Weniger klar ist, ob der parallel beobachtbare Einbruch der Geschäftsgrundlage (Regulierung, Insolvenzen, schwindende Followerwirkung) tatsächlich in einem ursächlichen Zusammenhang mit der Austauschbarkeit der Inhalte steht oder ob beide Entwicklungen unabhängig voneinander verlaufen und sich nur zeitlich überlagern. Die Beobachtung, dass ausgerechnet die Eigenschaften, die kurzfristig Reichweite ermöglichten – Zuspitzung, Formatzwang, Autoritäts-Simulation über Followerzahlen anstelle von Substanz –, nun auch die Geschäftsgrundlage selbst angreifen, bleibt daher eine plausible, aber nicht abschließend geprüfte Einordnung.
Ralf Keuper
Quellen
- taz: Mieter als Masthähnchen – Ein Blick in die Bubble der Immobilien-Influencer
- Rödl & Partner: BaFin und ESMA nehmen Finfluencer stärker in den Fokus
- t3n: Finfluencer unter der Lupe – Warum über ein Werbeverbot diskutiert wird
- it-finanzmagazin.de: Influencer im Visier – BaFin schaut genauer auf Finfluencer
- McDermott Will & Emery: What’s up, 2026? – ESMA says Finfluencers
