Revolut öffnet seinen mehr als 75 Millionen Kunden den Zugang zu Private-Markets-Fonds von Apollo, Ares, Hamilton Lane und Partners Group – und nennt das eine Demokratisierung der Anlageklasse. Ein Blick auf die Begriffsgeschichte zeigt, wie weit sich das Wort von seinem ursprünglichen Sinn entfernt hat und was diese Entfernung über die eigentliche Funktion des Vorgangs verrät.
Rolandas Juteika, Head of Wealth and Trading (EEA) bei Revolut, formuliert es in der Medienmitteilung so: Private Markets seien lange die fehlende Anlageklasse im Portfolio des durchschnittlichen Anlegers gewesen, und man verändere diese Situation nun grundlegend. Das Vokabular, das solche Ankündigungen begleitet, kennt man seit Jahren aus der Finanzbranche: Zugang wird geöffnet, Barrieren fallen, der Durchschnittsanleger holt auf, was zuvor Institutionellen und Vermögenden vorbehalten war. Das Wort, das dafür meist bemüht wird, lautet Demokratisierung.
Es lohnt sich, dieses Wort ernster zu nehmen, als es die PR-Abteilungen tun, die es verwenden.
Ein politischer Begriff mit engem Kern
Demokratisieren ist ursprünglich ein Begriff der politischen Sprache mit einem klar umrissenen Kern: die Übertragung von Entscheidungs- und Mitwirkungsmacht an vormals Ausgeschlossene. Die Ausweitung des Wahlrechts, die Parlamentarisierung von Monarchien, Mitbestimmungsrechte in Institutionen – all das sind Vorgänge, bei denen jemand nicht nur Zugang zu etwas gewinnt, sondern Mitsprache über dessen Verwendung. Der Begriff trägt diesen Beteiligungssinn seit seiner Entstehung im 19. Jahrhundert mit sich, und er ist der Grund, warum das Wort einen so starken positiven Beiklang hat: Legitimität, Emanzipation, Fortschritt.
Jean Starobinski hat in seinen Arbeiten zur Begriffsgeschichte – am bekanntesten in seiner Untersuchung des Wortes “Zivilisation” – ein Verfahren vorgeführt, das sich auch hier anwenden lässt: Ein Begriff wandert durch unterschiedliche historische und soziale Kontexte, verändert dabei seinen Bedeutungskern, behält aber seine wertende Färbung bei. Starobinski zeigt an “civilisation”, wie ein Wort, das ursprünglich einen relativ präzisen Vorgang bezeichnete, im Lauf seiner Verwendungsgeschichte zu einem diffusen Wertbegriff wird, der ideologisch nach Bedarf aufgeladen werden kann. Genau dieses Muster lässt sich an “demokratisieren” im Finanzkontext nachzeichnen.
Erste Verschiebung: vom Wahlrecht zum Konsum
Die Übertragung ins Ökonomische ist nicht neu. Schon in der Beschreibung des Fordismus war von einer Demokratisierung des Konsums die Rede, wenn vormals exklusive Güter – das Automobil, später die Flugreise – durch Massenproduktion breiteren Schichten zugänglich wurden. Hier vollzieht sich bereits die erste Verschiebung: von Mitbestimmung zu Zugang. Ein Rest des ursprünglichen Sinns bleibt dabei aber erhalten, insofern Konsum in einer Marktwirtschaft durchaus eine Form ökonomischer Teilhabe darstellt.
Zweite Verschiebung: die Rhetorik der Plattformökonomie
Seit den 2000er- und vor allem den 2010er-Jahren wird “demokratisieren” zur Standardformel der Technologiebranche – die Demokratisierung von Information, von künstlicher Intelligenz, von Investment. Robinhood hat diese Rhetorik im Aktienhandel vorexerziert; Revolut überträgt sie nun auf Private Markets. In dieser zweiten Verschiebung verliert der Begriff fast vollständig seinen Beteiligungskern. Übrig bleibt eine reine Zugangsmetapher, der positive Beiklang des politischen Ursprungsbegriffs wird mitgenommen, ohne dass irgendeine Form von Mitsprache oder Machtteilung damit einherginge.
Der Revolut-Fall als Zuspitzung
Am aktuellen Beispiel wird die Verzerrung besonders deutlich, weil die Substanz des Vorgangs dem Begriff sogar widerspricht. Retail-Anleger erhalten über die ELTIF‑2.0‑Struktur keine Mitsprache, keine Kontrolle, keine Verhandlungsmacht gegenüber den Fondsbedingungen – sie erhalten die Möglichkeit, in ein Produkt zu investieren, dessen Konditionen (Rücknahmebeschränkungen, Gates, Gebührenstruktur über Retrozessionen) vollständig von den Anbietern bestimmt werden. Bemerkenswert ist zudem der Zeitpunkt: Die Öffnung für Retail-Kapital fällt zusammen mit Rücknahmebeschränkungen, die dieselben Anbieter gegenüber ihrer bisherigen, deutlich vermögenderen und besser informierten Kundschaft verhängt haben. Wenn sich hier überhaupt Macht verschiebt, dann in Richtung der Fondsanbieter, die Zugriff auf eine neue, disperse und strukturell schwächer organisierte Kapitalquelle gewinnen – nicht in Richtung der Anleger.
“Demokratisierung” suggeriert Emanzipation. Der tatsächliche Vorgang beschreibt eher eine Diversifizierung der Refinanzierungsbasis einer unter Abflussdruck stehenden Branche. Der Begriff wird damit nicht nur verwässert, wie es Starobinskis Analyse für “Zivilisation” nachzeichnet, sondern in sein Gegenteil gekehrt: ein Vokabular, das genau die Asymmetrie verschleiert, die es vorgibt aufzulösen.
Ob sich dieses sprachliche Muster als dauerhaftes Merkmal der Vertriebsrhetorik in der Finanzbranche verfestigt oder ob der Revolut-Fall lediglich eine besonders anschauliche Momentaufnahme ist, lässt sich derzeit nicht abschließend beurteilen. Die begriffsgeschichtliche Distanz zwischen Anspruch und Struktur ist im vorliegenden Fall jedoch auffällig groß.
Ralf Keuper
Quellen
- Revolut: Revolut empowers retail investors with institutional grade private markets access, Medienmitteilung, 27. Juli 2026 – https://www.revolut.com/en-SK/news/revolut_empowers_retail_investors_with_institutional_grade_private_markets_access/
- Bloomberg / swissinfo.ch: Revolut to Offer Clients Apollo, Ares Funds for as Little as €1, 27. Juli 2026 – https://www.swissinfo.ch/eng/revolut-to-offer-clients-apollo,-ares-funds-for-as-little-as-%E2%82%AC1/91804878
- Investing.com (deutsch): Revolut: Private-Equity-Fonds von Apollo und Ares ab 1 Euro verfügbar, 27. Juli 2026 (Retrozessionsdetail) – https://de.investing.com/news/stock-market-news/revolut-privateequityfonds-von-apollo-und-ares-ab-1-euro-verfugbar-93CH-3581146
- EQS-News/TradingView (deutsch): Revolut ermöglicht Privatanlegern in Deutschland den Zugang zu Private Markets auf institutionellem Niveau, 27. Juli 2026 – https://de.tradingview.com/news/eqs:b7986d638600c:0/
- Börsen-Zeitung: Revolut bringt Private-Markets-Fonds nach Deutschland – https://www.boersen-zeitung.de/banken-finanzen/revolut-verkauft-privatmarkt-fonds
- Jean Starobinski: „Le mot civilisation”, in: Le Temps de la réflexion 4 (1983), S. 13–51; wiederabgedruckt in: Le Remède dans le mal. Critique et légitimation de l’artifice à l’âge des Lumières, Paris (Gallimard) 1989 (kein freier Volltext-Link; bibliografischer Nachweis über Wikipedia-Werkverzeichnis: https://en.wikipedia.org/wiki/Jean_Starobinski)
