Facebook baut internationales Zahlungssystem und “disrupted” sich selbst

Von Ralf Keuper

Während hierzulande paydirekt auf den nationalen Durchbruch hofft und Allianzen, wie die aktuelle mit Bluecode, versuchen, einen europäischen Quasi-Standard für das mobile Bezahlen zu etablieren, geht Facebook gleich mehrere Schritte weiter. Wie in Genf wird Zentrum für neue Facebook-Währung zu erfahren ist, soll die neue Facebook-Gesellschaft Libra Networks zum Nukleus der neuen (Welt-)Währung im Internet werden.

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Facebook will mit der neuen Währung ein neues Ökosystem für Finanzdienstleistungen etablieren.

Das Bezahlsystem soll auf einer permissioned Blockchain laufen. Zu Beginn können nur ausgewählte Partner und Institutionen teilnehmen. Facebook wird nur einen von mehreren Validator Noldes stellen. Später soll die Blockchain dann permissionless sein und damit – prinzipiell – allen Interessenten offen stehen.

Facebook selbst strebt keine dominante Position an. Das Bezahlsystem wird von der Libra Association verwaltetet. Änderungen am Bezahlsystem sind nur mit Zwei-Drittel-Mehrheit möglich. Die digitale Währung wird mit mehren anderen (Fiat-)Währungen und Assets unterlegt. Kernelement werden die digitalen Identitäten der Nutzer sein. Die Libra Association strebt einen offenen Identitätsstandard an. Der Name der neuen Währung steht noch nicht fest.

Vorläufige Bewertung

Der Vorstoss von Facebook in das Geschäft mit Finanzdienstleistungen kommt nicht unerwartet. Eher schon überrascht, dass Facebook mit der Blockchain-Technologie einen Ansatz wählt, der dem eigenen Geschäftsmodell, das auf Zentralisierung beruht, widerspricht. Demgegenüber könnte man einwenden, dass Facebook zunächst eine permissioned blockchain in Form einer Kooperation mehrerer Partner anstrebt, was ja auch wiederum eher zentralistisch ist. Andererseits setzt Libra auf einen offenen Identitätsstandard und plant, die Blockchain für alle potenziellen Partner zu öffnen. Facebook würde damit zunächst Macht und Einfluss abgeben. Im Grunde setzt Facebook die Planungen verschiedener Zentralbanken in die Praxis um und würde damit eine neue internationale Zentralbank mit potenziell 2,6 Mrd. Nutzern schaffen. Die Verwendung verifizierter Identitäten ermöglicht eine deutlich verbesserte Kundenansprache. Die üblichen Streuverluste der Online-Werbung ließen sich umgehen, womit sich natürlich das Geschäftsmodell vieler Medien- und Werbeunternehmen in Rauch auflösen würde. Davon wäre – Stand heute – auch Facebook betroffen. Auf der anderen Seite entstünden neue Geschäftsmodelle (Identity based marketing, Object Marketing, Fraud Management, Riskmanagement, Clearing). Ein brisantes Thema ist die Überwachung der Nutzer durch das neue Bezahlsystem.

Wenn nicht alles täuscht, ist Facebook gerade dabei, sich zu kannibalisieren, zu “disrupten”. Damit das funktioniert, muss man bei Facebook schon klare Vorstellungen von den darauffolgenden Schritten haben. Sollte das Projekt Erfolg haben, sehen die Banken und Medienunternehmen noch älter aus als ohnehin schon.

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