Bankhistorisches Fundstück: Die Berliner Handels-Gesellschaft in einem Jahrhundert deutscher Wirtschaft – 1856-1956 (Festschrift)

Von Ralf Keuper

Bei dem Werk handelt es sich um alles andere als “nur” um eine Festschrift. Dabei reicht das Spektrum weit über den engeren Bereich des Bankwesens hinaus und man bekommt quasi nebenbei, indirekt einen Einblick in die Geschichte Deutschlands jenes Zeitraums. Häufig lässt sich durch Werke wie der vorliegenden Festschrift mehr über Geschichte lernen, als aus den Schriften der Historikerzunft.

Aus dem Vorwort:

Die Mitte des 19. Jahrhunderts ist die Zeit der aufstrebenden Volkswirtschaften und des beginnenden Welthandels. Die Finanzkraft des Privatbankiers genügte nicht mehr den Aufgaben, die sich der Unternehmergeist auf allen Gebieten wirtschaftlicher Betätigung für die Durchführung seiner Pläne darstellte. So kam es in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, meist durch die Initiative von Privatbankiers, zu der Gründung von Banken in Gesellschaftsform. Jener Zeit verdankt auch die als Kommanditgesellschaft auf Aktien gegründete Berliner Handels-Gesellschaft ihre Entstehung. …

Aus der Einleitung:

Das Bankensystem eines Landes ist das Ergebnis eines historischen Entwicklungsprozesses, an dem Politik und Wirtschaft ebenso mitgeformt haben wie jede einzelne Bank, wann immer sie früher oder später auch entstanden sein mag. Das englische Bankensystem entwickelte sich ursprünglich aus dem Geschäft der Londoner Goldschmiede, die für das ihnen zur Aufbewahrung anvertraute Edelmetall Quittungen ausstellten und diese sowohl als Zahlungsmittel als auch als Kreditmittel verwendeten. Die >Depositenbank< ist daher nicht von selbst das Urbild der englischen Banken geworden. Anders war es auf dem europäischen Kontinent. Hier prägte der Privatbankier in der Zeit der absoluten Fürsten und der kaum weniger absoluten Stadtrepubliken den vorherrschenden Banktyp.

Aber während in England das konstitutionelle Prinzip auch und gerade das Bankwesen einbegriff und das englische Bankensystem mit einer staatsunabhängigen Notenbank an der Spitze zum Finanzzentrum der Welt machen sollte, blieb es auf dem Kontinent erst der liberalen Revolution von 1848 vorbehalten, die engen Beziehungen zwischen >Staat< und Privatbankier aufzulockern. Die industrielle Revolution in England fand ein im Grunde schon geformtes Bankensystem vor. Der Kontinent mußte sich erst mit dieser politischen Revolution von einer staatlichen Bevormundung freimachen, bevor die industrielle Revolution einsetzen konnte. Als das geschah, mußten entsprechende Finanzierungsinstitute erst geschaffen werden. Nicht von ungefähr sind so die heutigen deutschen Banken als Kinder der politischen und industriellen Revolution geboren.

Aber Kinder wachsen nicht nur heran, nehmen auf und verarbeiten, was Zeit und Umwelt ihnen bieten – sie werden eines Tages auch selbständig, wirken mit und gestalten. Faktor und Produkt wechseln sich ab – und wenn Geschichtsschreibung einen lebendigen Sinn haben soll, dann kann sie es nur, wenn sie sich an diese Wechselwirkungen hält. Sicher können der Einzelne wie das einzelne Unternehmen nicht verstanden werden ohne die Umwelt und die Zeit, aus der sie kommen, aber ebenoswenig können Zeit und Umwelt begriffen werden ohne die Einzelnen, die sie eingreifend und umwandelnd mitgeprägt haben.

Dieser Beitrag wurde unter Bankgeschichte abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.