Wirecard und die Medien

Von Ralf Keuper

Der ehemalige BDI-Chef Hans-Olaf Henkel sagte einmal in einem Interview:

Wenn ich Aktien eines Unternehmens habe, dessen Chef gerade zum “Manager des Jahres” gewählt wurde, pflege ich sie sofort zu verkaufen1)Hans-Olaf Henkel im Interview – “Wir bräuchten mehr Wiedekings”.

Diesen Rat zu befolgen, hätte einigen Aktionären von Wirecard viel Kummer erspart. Der Zeitpunkt zum Absprung war Ende 2018 gekommen, als das Handelsblatt Wirecard-Chef und -Gründer Markus Braun zum Aufsteiger des Jahres kürte2)Wirecard-Chef Markus Braun – Ein Hauch von Silicon Valley. Als nur kurze Zeit später die Financial Times von Unregelmäßigkeiten bei Wirecard berichtete3)Wirecard vs Financial Times – The story, which lead to a special audit of Germany’s largest listed Fintech, schloss die Mehrzahl der hiesigen Medien fest die Reihen4)Wirecard affair shows up German tendency to close ranks.

Noch im August 2018 sah Franz Nestler, später einer der schärfsten Kritiker von Wirecard, in dem Unternehmen ein ermutigendes Signal für den Standort Deutschland5)Wirecard, eine Ermutigung. Ein Jahr vorher verfasste Thomas Klemm, ebenfalls in der FAZ, den Beitrag Die cleveren Jungs von Wirecard.

Es gibt noch weitere Beispiele6)Einige Porträts bewegten sich nahe am Kitsch, eine Mischung aus Gala und Bunte, wie z.B. Wirecard-Chef Markus Braun: Aus dem Nichts zum Milliardär, Wirecard-Chef Markus Braun verteidigt sein Lebenswerk. Der Besessene und Ein stiller Eroberer. Stephan Dörner schrieb im August 2018 einen Beitrag mit dem Titel Was die deutsche Wirtschaft vom Wirecard-Aufstieg lernen kann. Jetzt wissen wir, was sie nicht davon lernen kann.

Bereits im Jahr 2010 stellte die Otto Brenner Stiftung in der Studie Wirtschaftsjournalismus in der Krise gravierende Defizite in der Berichterstattung im Vorfeld der Finanzkrise fest:

So wurde vom Wirtschafts- und Finanzjournalismus die Perspektive der Anleger und Anbieter sehr, die der Gesellschaft, Volkswirtschaft und Allgemeinheit kaum bearbeitet in den vergangenen Jahren. Das hat auch wesentliche strukturelle Ursachen. Dazu zählt unter anderem die Annahme, dass die Perspektive der Anbieter und Anleger sehr viel eher zu den gängigen Nachrichtenwerten (u.a. Personalisierung, Emotionalisierung, Dramatisierung, Polarisierung, Boulevarisierung) ‚passt‘ als andere Perspektiven.

Es handelt sich jedoch nicht nur um ein rein deutsches Phänomen7)Fintech und die Verantwortung der Medien, obschon die Neigung zum Story-Telling auch nach Relotius hierzulande noch immer stark ausgeprägt ist.

Als die Financial Times ungeachtet der Drohungen von Wirecard weitere kritische Beiträge veröffentlichte und dabei ein hohes Risiko einging, setzte in den deutschen Medien ein Umdenken ein.

Eine nicht sonderlich glückliche Rolle in der Causa Wirecard hat die BaFin gespielt. Im Februar 2019 sah sie sich gezwungen, Wirecard vor den Leerverkäufern in Schutz zunehmen. Später erstattete die BaFin sogar Anzeige gegen die Financial Times wegen des Verdachts auf Marktmanipulation8)Bafin verdächtigt „FT“-Journalisten im Fall Wirecard.

Über die Rolle der Aktienanalysten brauchen wir keine Worte verlieren9)Ein Beispiel stellvertretend für viele: Wirecard Aktie: ERNEUT starke Antwort an die Medien – der nächste Schlag!. Bereits 2019 bezeichnete eine Analystin der Commerzbank den Bericht der Financial Times als “Fake News”. Die Analystin entschuldigte sich später .

Keine gute Figur gab die hiesige Startup-Szene ab. Bis fast zuletzt hielt man Wirecard die Treue10)Die Stimmung unter den Wirecard-Fans hat sich gedreht. Wirecard sollte das Paradebeispiel eines erfolgreichen Unternehmens sein, das die Chancen der Digitalisierung für sich zu nutzen weiß. Die Erklärungsversuche von Frank Thelen wirken doch recht hilflos11)Video Statement von Frank Thelen.

Es sollte doch irgendwie zu denken geben, dass eine ausländische Finanzzeitung, die hierzulande  z.T. erheblichen Anfeindungen12)Kommentar: Der „Finanzplatz Deutschland“ und sein irritierendes Verhalten in der Causa Wirecard ausgesetzt war13)Wirecard and Germany Both Shot the Messenger – auch vonseiten der Medien –  nötig war, um den Fall Wirecard ans Licht zu fördern.

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