Die Ham­bur­ger Pri­vat­bank M.M.Warburg & Co. schließt 2025 mit einem Fehl­be­trag von 38,9 Mil­lio­nen Euro ab – der zwei­te grö­ße­re Ver­lust bin­nen vier Jah­ren. Offi­zi­ell sind IT-Moder­ni­sie­rung und Restruk­tu­rie­rung die Ursa­che. Ein Blick auf die Chro­no­lo­gie seit 2022 sowie auf die Fir­men­ge­schich­te des alten Kern­ban­ken­sys­tems zeigt jedoch ein Mus­ter, das über die Erzäh­lung vom „ein­ma­li­gen Son­der­ef­fekt” hin­aus­weist: eine Tra­di­ti­ons­bank in einem struk­tu­rel­len Ver­en­gungs­pro­zess – und der letz­te von drei gro­ßen Pri­vat­bank-Kun­den, der bei ein und dem­sel­ben Anbie­ter lan­det, weil dort eine jah­re­lang unter­blie­be­ne Kern­mo­der­ni­sie­rung nach­ge­holt wer­den musste.


Die Mel­dung liest sich zunächst wie vie­le Jah­res­ab­schluss-Mit­tei­lun­gen deut­scher Pri­vat­ban­ken: ein Ver­lust, begrün­det mit Restruk­tu­rie­rung und IT-Inves­ti­tio­nen, gar­niert mit dem Aus­blick auf bal­di­ge Bes­se­rung. M.M.Warburg & Co., 1798 gegrün­det und damit eine der tra­di­ti­ons­reichs­ten Pri­vat­bank­adres­sen Deutsch­lands, weist für 2025 einen Jah­res­fehl­be­trag von 38,9 Mil­lio­nen Euro aus – nach einem mage­ren Gewinn von nur 1 Mil­li­on Euro im Vor­jahr. Wer die Mit­tei­lung für sich ste­hen lässt, wird die Erklä­rung des Vor­stands über­neh­men: Rück­zug aus dem insti­tu­tio­nel­len Kapi­tal­markt­ge­schäft, Ver­kauf von War­burg Rese­arch und der Ver­wahr­stel­le, ein neu­es Kern­ban­ken­sys­tem beim IT-Dienst­leis­ter Atru­via – alles Teil eines geplan­ten, kon­trol­lier­ten Umbaus. Legt man jedoch die Zah­len der ver­gan­ge­nen Jah­re neben­ein­an­der, ver­schiebt sich das Bild von der punk­tu­el­len Kraft­an­stren­gung hin zu einem chro­ni­schen Anpassungsprozess.

Eine Chro­no­lo­gie, die zum Nach­den­ken zwingt

2022 schloss War­burg mit einem Minus von 34,6 Mil­lio­nen Euro ab – Grund waren damals, in eige­ner Les­art, die geo­po­li­ti­sche Unsi­cher­heit durch den Angriffs­krieg gegen die Ukrai­ne sowie die „stra­te­gi­sche Neu­aus­rich­tung”. 2023 folg­te ein Gewinn von 10 Mil­lio­nen Euro, 2024 nur noch ein Gewinn von 1 Mil­li­on Euro. Jetzt, 2025, wie­der ein zwei­stel­li­ger Mil­lio­nen­ver­lust – in etwa glei­cher Grö­ßen­ord­nung wie 2022. Die Bank selbst hat­te für 2025 einen Ver­lust „im nied­ri­gen zwei­stel­li­gen Mil­lio­nen­be­reich” ange­kün­digt; das tat­säch­li­che Ergeb­nis liegt spür­bar darüber.

Aus Sicht der Kon­stel­la­ti­ons­ana­ly­se ergibt das ein bemer­kens­wer­tes Mus­ter: Seit 2022 befin­det sich War­burg unun­ter­bro­chen in einem Trans­for­ma­ti­ons­pro­zess – von vier Kern­ge­schäfts­fel­dern über drei auf inzwi­schen im Wesent­li­chen zwei (Pri­va­te Ban­king und Cor­po­ra­te Ban­king). Jedes Jahr die­ses Pro­zes­ses wur­de mit eige­nen „Son­der­ef­fek­ten” begrün­det: 2022 Rück­stel­lun­gen und Markt­ent­wick­lung, 2025 Per­so­nal­ab­bau (591 statt 617 Beschäf­tig­te), Abschrei­bun­gen und IT-Migra­ti­on. Wenn ein Umbau im vier­ten Jahr in Fol­ge noch „ein­ma­li­ge Auf­wen­dun­gen” in ähn­li­cher Höhe wie zu Beginn pro­du­ziert, ist die Kate­go­rie des Ein­ma­li­gen selbst frag­lich gewor­den. Das ist kei­ne Unter­stel­lung von Miss­ma­nage­ment – Kern­ban­ken­sys­tem-Wech­sel gehö­ren zu den kom­ple­xes­ten und kri­sen­an­fäl­ligs­ten IT-Pro­jek­ten im Ban­ken­sek­tor über­haupt –, son­dern eine metho­di­sche Erin­ne­rung dar­an, Selbst­be­schrei­bun­gen von Unter­neh­men kri­tisch zu prü­fen, bevor man sie zur Ana­ly­se­grund­la­ge macht.

Fokus­sie­rung als defen­si­ve Strategie

Der Rück­zug aus dem insti­tu­tio­nel­len Kapi­tal­markt­ge­schäft, der Ver­kauf von War­burg Rese­arch, die Auf­ga­be der Ver­wahr­stel­le für liqui­de Assets – all das folgt einer erkenn­ba­ren Logik: Weg vom kapi­tal­markt­na­hen, mar­gen­stär­ke­ren, aber vola­ti­len und per­so­nal­in­ten­si­ven Geschäft, hin zu einem mar­gen­är­me­ren, aber sta­bi­le­ren Betreu­ungs­ge­schäft im Pri­va­te Ban­king, ergänzt um Cor­po­ra­te-Ban­king-Finan­zie­run­gen. Vor­stand Mar­kus Bol­der for­mu­liert das offen: „Der Kern unse­rer Bank ist künf­tig das Pri­va­te Ban­king – ergänzt um das Finan­zie­rungs­ge­schäft im Cor­po­ra­te Banking.”

Struk­tu­rell ist das eine Ver­en­gung, kei­ne Expan­si­on – und sie fügt sich in ein Mus­ter, das sich der­zeit bran­chen­weit beob­ach­ten lässt: klei­ne­re und mitt­le­re deut­sche Kre­dit­in­sti­tu­te, die unter dem Druck von Kos­ten­struk­tur, Regu­la­to­rik und tech­no­lo­gi­scher Erneue­rungs­last ihre Geschäfts­mo­del­le auf das defen­siv Beherrsch­ba­re zurück­schnei­den. Bemer­kens­wert im Fall War­burg ist die Wahl des IT-Part­ners: Mit Atru­via bedient sich eine Pri­vat­bank des Kern­ban­ken­sys­tem-Dienst­leis­ters der genos­sen­schaft­li­chen Ban­ken­grup­pe – ein Out­sour­cing-Schritt, der zeigt, wie wenig sich selbst tra­di­ti­ons­rei­che Pri­vat­bank­häu­ser heu­te noch eige­ne IT-Archi­tek­tu­ren leis­ten wol­len oder können.

Das Alt­sys­tem: ein Erbe aus drei Firmennamen