Eine Stu­die von Inter­hyp und dem Insti­tut der deut­schen Wirt­schaft (IW) hat im Som­mer 2026 für eini­ge Auf­merk­sam­keit gesorgt: In klas­si­schen Auto­mo­bil­stand­or­ten wie Wolfs­burg, Ingol­stadt, Schwein­furt und Stutt­gart ist der Erwerb von Wohn­ei­gen­tum inzwi­schen leich­ter finan­zier­bar als noch vor weni­gen Jah­ren. Der bun­des­wei­te Erschwing­lich­keits­in­dex für Ein­fa­mi­li­en­häu­ser liegt bei sta­bi­len 103 Punk­ten, wäh­rend sich die Lage in 251 von 400 deut­schen Krei­sen zuletzt ver­schlech­tert hat. Aus­ge­rech­net die von der Auto­kri­se betrof­fe­nen Städ­te bil­den also eine Aus­nah­me – und wer­den in einem Teil der Bericht­erstat­tung fast wie ein Schnäpp­chen­markt präsentiert.

Die­se Les­art trägt nicht, wenn man genau­er hin­sieht. Selbst der an der Stu­die betei­lig­te Öko­nom Prof. Micha­el Voigt­län­der weist aus­drück­lich dar­auf hin, dass ein Anstieg der Erschwing­lich­keit nicht auto­ma­tisch eine gute Nach­richt ist – gera­de an den genann­ten Auto­mo­bil­stand­or­ten. Der Grund liegt auf der Hand: Die ver­bes­ser­te Erschwing­lich­keit ent­steht hier über­wie­gend nicht durch stei­gen­de Ein­kom­men, son­dern durch nach­las­sen­de Nach­fra­ge und einen gebrems­ten Preis­an­stieg. Ein nied­ri­ger Preis kann des­halb ein Risi­ko­preis sein – der Markt bewer­tet bereits die Mög­lich­keit, dass eine Stadt wirt­schaft­lich an Dyna­mik verliert.


Wolfs­burg: mehr als ein zykli­sches Problem

Am deut­lichs­ten zeigt sich das in Wolfs­burg, dem Sitz von Volks­wa­gen. Was beim Kon­zern zunächst nach einer gewöhn­li­chen Ergeb­nis­del­le aus­sah, hat sich im Ver­lauf des Jah­res 2026 zu einem tief­grei­fen­den Umbau aus­ge­wei­tet. Der ursprüng­lich für 2030 anvi­sier­te Stel­len­ab­bau von 35.000 Stel­len wur­de zunächst auf 50.000 in Deutsch­land erwei­tert, zuletzt kur­sier­ten Berich­te über bis zu 100.000 der welt­weit rund 657.000 Kon­zern­stel­len – eine Ver­dop­pe­lung des bis­he­ri­gen Ziels. Par­al­lel dazu wird über mög­li­che Werks­schlie­ßun­gen bera­ten, und laut einem Bericht funk­tio­nie­re das bis­he­ri­ge Geschäfts­mo­dell nicht mehr. Dis­ku­tiert wird sogar eine Her­aus­lö­sung der Kern­mar­ke VW und der Tei­le­fer­ti­gung aus dem bis­he­ri­gen Kon­zern­ver­bund – ein Ein­griff in die gewach­se­ne Struk­tur, nicht nur in die Kos­ten­ba­sis. Selbst das über Jahr­zehn­te gewach­se­ne Macht­ge­fü­ge aus VW-Gesetz und Mit­be­stim­mung steht dabei zur Disposition.

Das recht­fer­tigt es, in Wolfs­burg von einer ech­ten Struk­tur­kri­se zu spre­chen und nicht nur von einem vor­über­ge­hen­den Gewinn­ein­bruch. Ein­ge­schränkt wird die­se Ein­schät­zung allen­falls durch das Tem­po: Der Kon­zern bis­lang setzt auf Alters­teil­zeit, Vor­ru­he­stand und frei­wil­li­ge Auf­he­bungs­ver­trä­ge statt auf betriebs­be­ding­te Kün­di­gun­gen – das ver­lang­samt die Kri­se, hebt sie aber nicht auf. Ein nied­ri­ger Kauf­preis in Wolfs­burg trägt damit ein Klum­pen­ri­si­ko, das über eine rei­ne Kon­junk­tur­schwä­che hinausgeht.

Ingol­stadt, Schwein­furt, Stutt­gart: unter­schied­li­che Ausgangslagen

Die übri­gen Städ­te der Stu­die zei­gen ein dif­fe­ren­zier­te­res Bild. Ingol­stadt ver­fügt über eine etwas brei­te­re regio­na­le Basis, bleibt aber stark von Audi und der Zulie­fer­indus­trie geprägt; hier ent­schei­det die Mikro­la­ge und die Ver­miet­bar­keit über die Attrak­ti­vi­tät eines Objekts. Schwein­furt ist preis­lich attrak­tiv, aber struk­tu­rell und demo­gra­fisch stär­ker gefähr­det – eher ein Fall für Eigen­nut­zer mit siche­rem Ein­kom­men als für eine spe­ku­la­ti­ve Kapi­tal­an­la­ge. Stutt­gart schließ­lich bleibt trotz gewis­ser Preis­rück­gän­ge kein klas­si­scher Schnäpp­chen­markt: Der Erschwing­lich­keits­in­dex liegt bei 92 Punk­ten, Haus­hal­te müs­sen im Schnitt 38 Pro­zent ihres Ein­kom­mens für die Finan­zie­rung aufbringen.

Der rea­le Wert­ver­lust bei Zinshäusern

Ein zwei­ter, davon unab­hän­gi­ger Effekt betrifft vor allem Mehr­fa­mi­li­en- und Zins­häu­ser in deut­schen Groß­städ­ten. Aktu­el­le Daten des GREIX-Kauf­preis­in­dex (Kiel Insti­tut für Welt­wirt­schaft) zei­gen für das zwei­te Quar­tal 2026 bei die­sem Seg­ment einen rea­len, infla­ti­ons­be­rei­nig­ten Wert­ver­lust von 5,9 Pro­zent gegen­über dem Vor­jahr – deut­lich stär­ker als bei Eigen­tums­woh­nun­gen (−2,1 Pro­zent) oder Ein­fa­mi­li­en­häu­sern (−0,7 Pro­zent). In Stutt­gart lie­gen Zins­häu­ser bereits 14 bis 18 Pro­zent unter ihrem Hoch­punkt, wenn auch mit einer gewis­sen Sta­bi­li­sie­rung seit über einem Jahr.

Aus­schlag­ge­bend dafür ist weni­ger die all­ge­mei­ne Teue­rung als die Zins­wen­de selbst: Die Net­to-Ren­di­te für Mehr­fa­mi­li­en­häu­ser in Stutt­gart liegt bei rund 3,1 Pro­zent, wäh­rend zehn­jäh­ri­ge Bau­fi­nan­zie­run­gen aktu­ell 3,5 bis 4,3 Pro­zent kos­ten – eine nega­ti­ve Zins­dif­fe­renz. Käu­fer dis­kon­tie­ren künf­ti­ge Miet­ein­nah­men heu­te mit einem höhe­ren Zins­satz, wodurch der fai­re Wert eines Zins­hau­ses sinkt, unab­hän­gig vom Preis­ni­veau in Euro. Die Infla­ti­on ver­stärkt die­sen Effekt zusätz­lich, ist aber nicht die eigent­li­che Ursache.

Was dar­aus für eine Kauf­ent­schei­dung folgt

Weder die ver­bes­ser­te Erschwing­lich­keit in den Auto­mo­bil­städ­ten noch der rea­le Wert­ver­lust bei Zins­häu­sern lässt sich pau­schal auf eine gan­ze Stadt oder ein gan­zes Markt­seg­ment über­tra­gen. Ent­schei­dend bleibt die Mikro­la­ge: ÖPNV-Anbin­dung, Arbeit­ge­ber­viel­falt, Zustand und Miet­struk­tur des ein­zel­nen Objekts, regu­la­to­ri­sches Umfeld. Wer heu­te in einer Auto­mo­bil­kri­sen­stadt kauft, soll­te mit einem kon­ser­va­ti­ven Sze­na­rio rech­nen – dau­er­haft höhe­ren Zin­sen, sta­gnie­ren­den Mie­ten und einem mög­li­chen wei­te­ren Preis­rück­gang im zwei­stel­li­gen Pro­zent­be­reich. Die ver­bes­ser­te Erschwing­lich­keit ist damit vor­läu­fig eher ein Signal für gestie­ge­nes Risi­ko als für eine güngs­ti­ge Kauf­ge­le­gen­heit – und genau das scheint auch die zitier­te Stu­die selbst nahe­zu­le­gen, auch wenn ein Teil der Bericht­erstat­tung die­sen Punkt in den Hin­ter­grund rückt.

Ralf Keu­per


Quel­len: