Als die Deut­sche Bank ihre jüngs­ten Quar­tals­zah­len vor­leg­te, war es aus­nahms­wei­se nicht die Invest­ment­bank, die für Auf­se­hen sorg­te, son­dern die sonst eher am Rand erwähn­te Fonds­toch­ter DWS. Mit einer Ren­di­te auf das mate­ri­el­le Eigen­ka­pi­tal von 49,6 Pro­zent ließ das Asset Manage­ment sämt­li­che ande­ren Kon­zern­spar­ten hin­ter sich – und das trotz der Markt­ver­wer­fun­gen im Zuge des Iran-Kon­flikts. Prompt war in Tei­len der Bericht­erstat­tung von der DWS als “Ren­di­te-Per­le” der Deut­schen Bank die Rede.

Die Zahl selbst ist unstrit­tig. Frag­lich ist, was sie trägt.


Der Mecha­nis­mus hin­ter der Zuspitzung

Dass aus einer ein­zel­nen star­ken Kenn­zahl so schnell ein posi­ti­ves Gesamt­ur­teil über ein Unter­neh­men und sein Manage­ment wird, ist kein Zufall, son­dern ein wie­der­keh­ren­des Mus­ter der Finanz­be­richt­erstat­tung: Eine auf­fäl­li­ge, gut kom­mu­ni­zier­ba­re Zahl strahlt auf die Bewer­tung der gesam­ten Orga­ni­sa­ti­on aus, obwohl sie über deren Kon­ti­nui­tät, Gover­nan­ce-Qua­li­tät oder stra­te­gi­sche Kohä­renz zunächst gar nichts aus­sagt. Der Befund “hohe Ren­di­te in einem Quar­tal” wird still­schwei­gend zum Befund “gut geführ­tes, ver­läss­li­ches Unter­neh­men” ver­län­gert – ein Sprung, der durch nichts in der Zahl selbst gedeckt ist.

Ein Quar­tal ist kei­ne Bilanz

Wer eine Kenn­zahl aus einem ein­zel­nen Quar­tal – noch dazu einem mit aus­drück­lich benann­ten Son­der­ef­fek­ten – zum Aus­gangs­punkt einer Cha­rak­te­ri­sie­rung macht, ver­wech­selt eine Moment­auf­nah­me mit einem Befund. Die 49,6 Pro­zent sagen etwas über drei Mona­te, in denen offen­bar meh­re­re Fak­to­ren güns­tig zusam­men­fie­len. Sie sagen wenig dar­über, ob sich dar­aus eine trag­fä­hi­ge Aus­sa­ge über die struk­tu­rel­le Posi­ti­on der DWS im Kon­zern ablei­ten lässt. Der Anteil der Fonds­toch­ter am Gesamt­erlös der Bank bleibt zudem über­schau­bar – die Ren­ta­bi­li­tät ist hoch, das Gewicht im Kon­zern ist es nicht.

Eine Fonds­toch­ter mit Diskontinuitäts-Geschichte

Wer der DWS auf die­ser Grund­la­ge einen Aus­nah­me­sta­tus zuspricht, blen­det aus, dass die Gesell­schaft in den ver­gan­ge­nen Jah­ren alles ande­re als ein Mus­ter ruhi­ger Kon­ti­nui­tät gebo­ten hat. Die Raz­zia der Frank­fur­ter Staats­an­walt­schaft 2022, die anschlie­ßen­den Green­wa­shing-Ermitt­lun­gen, der damit ver­bun­de­ne CEO-Wech­sel, wie­der­hol­te Namens­än­de­run­gen und eine für aktiv gema­nag­te Fonds unge­wöhn­lich hohe Fluk­tua­ti­on bei Fonds­ma­na­gern – all das ist Teil der­sel­ben Unter­neh­mens­ge­schich­te, aus der jetzt eine ein­zel­ne star­ke Quar­tals­zahl her­aus­ge­grif­fen wird. Eine Orga­ni­sa­ti­on, die sich erst seit gut drei Jah­ren aus einer hand­fes­ten Ver­trau­ens­kri­se her­aus­ar­bei­tet, ver­dient zunächst Auf­merk­sam­keit für die Fra­ge, ob eine gute Zahl der Anfang einer Kon­so­li­die­rung ist – nicht sofort ein posi­ti­ves Etikett.

Eine Stra­te­gie, die nicht über­all trägt

Auch mit Blick auf die lau­fen­de Amts­zeit von CEO Ste­fan Hoops lohnt die Unter­schei­dung zwi­schen ein­zel­nen star­ken Ergeb­nis­sen und einer ins­ge­samt belast­ba­ren Stra­te­gie­um­set­zung. Das von ihm selbst als zen­tra­ler Wachs­tums­bau­stein posi­tio­nier­te Pri­va­te-Cre­dit-Geschäft kommt nach eige­nen Anga­ben seit gerau­mer Zeit nicht vor­an – so wenig, dass die Kon­zern­mut­ter zuletzt ope­ra­tiv ein­sprin­gen muss­te, um das Geschäft zu stüt­zen. Ein Manage­ment, des­sen Kern­ge­schäft bril­liert, wäh­rend ein selbst gesetz­ter stra­te­gi­scher Schwer­punkt stockt, lie­fert kein ein­heit­li­ches Bild von Füh­rungs­stär­ke, son­dern ein gemischtes.

Vor­läu­fig, nicht bestätigt

Nichts an all­dem wider­legt, dass die DWS in einem bestimm­ten Quar­tal außer­ge­wöhn­lich pro­fi­ta­bel gear­bei­tet hat. Was wider­legt wer­den soll­te, ist die still­schwei­gen­de Über­set­zung die­ser einen Zahl in eine dau­er­haf­te Eigen­schaft. Ob sich die DWS tat­säch­lich zu einem struk­tu­rell ver­läss­li­chen Ertrags­an­ker der Deut­schen Bank ent­wi­ckelt, bleibt eine offe­ne und vor­läu­fig allen­falls schwach gestütz­te The­se – nicht zuletzt des­halb, weil die Geschich­te des Kon­zerns und sei­ner Fonds­toch­ter in den ver­gan­ge­nen Jah­ren eher für Dis­kon­ti­nui­tät als für Ver­läss­lich­keit sprach.

Ralf Keu­per