Der Nie­der­gang der deut­schen Groß­ban­ken wird meist als Struk­tur­fra­ge des Ban­ken­sek­tors ver­han­delt: Drei-Säu­len-Modell ver­sus Kon­so­li­die­rung, Spar­kas­sen ver­sus pri­va­te Ban­ken. Ein Blick auf acht Län­der – USA, Groß­bri­tan­ni­en, Japan, Süd­ko­rea, Frank­reich, Schwe­den, Ita­li­en und Spa­ni­en – zeigt, dass Ban­ken­kon­so­li­die­rung und digi­ta­ler Platt­form-Erfolg zwei getrenn­te Fra­gen sind, an denen Deutsch­land gleich dop­pelt schei­tert. Weder Digi­ta­li­sie­rung noch eine euro­päi­sche Kapi­tal­markt­uni­on wer­den das im Allein­gang beheben.


Gerald Braun­ber­ger hat in der Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung kürz­lich den Nie­der­gang der deut­schen Groß­ban­ken beschrie­ben. Die Dia­gno­se ist rich­tig, aber sie bleibt an der Ober­flä­che, solan­ge sie als Streit um die pas­sen­de Ban­ken­struk­tur geführt wird. In Ita­li­en gelang eine Kon­so­li­die­rung über die tra­di­tio­nel­len Sek­tor­gren­zen hin­weg, in Deutsch­land hat sich der Spar­kas­sen­sek­tor erfolg­reich dage­gen gewehrt.

Bei­de Per­spek­ti­ven – Kon­so­li­die­rung oder Bewah­rung – haben ihre Berech­ti­gung. Nahe­lie­gend wäre nun die Fra­ge, wel­che Sub­stanz die drei Säu­len noch besit­zen, um im Wett­be­werb zu bestehen. Doch das ist nicht die ent­schei­den­de Fra­ge: Fili­al­nä­he, ein brei­ter Kun­den­stamm und ver­läss­li­che Ein­la­gen sind vor­han­den – dar­an hat es nie gefehlt. Die eigent­lich ent­schei­den­de Fra­ge ist viel­mehr, war­um es nicht gelingt, aus die­ser vor­han­de­nen Sub­stanz her­aus zu kon­so­li­die­ren oder zu ska­lie­ren. Pay­di­rekt, Wero und Ver­i­mi schei­ter­ten nicht an feh­len­den Assets, son­dern an der Unfä­hig­keit, sie gemein­sam in eine grenz­über­schrei­tend trag­fä­hi­ge Platt­form, eine inter­na­tio­nal rele­van­te Zah­lungs­in­fra­struk­tur oder ein euro­pa­weit durch­set­zungs­fä­hi­ges digi­ta­les Pro­dukt zu überführen.

Die­se bei­den Ver­ben – kon­so­li­die­ren und ska­lie­ren – bezeich­nen dabei kei­ne aus­tausch­ba­ren Wege zum sel­ben Ziel, son­dern zwei unab­hän­gig von­ein­an­der zu beant­wor­ten­de Fra­gen, die in der Debat­te oft ver­mischt wer­den: Ist die Ban­ken­kon­so­li­die­rung gelun­gen, und ist ein digi­ta­ler Platt­form-Cham­pi­on ent­stan­den? Der Ver­gleich mit den USA, Groß­bri­tan­ni­en, Japan, Süd­ko­rea, Frank­reich, Schwe­den, Ita­li­en und Spa­ni­en zeigt, dass bei­de Fra­gen unab­hän­gig von­ein­an­der beant­wor­tet wer­den – und dass Deutsch­land der sel­te­ne Fall ist, der auf bei­den Ach­sen zugleich scheitert.

Die Mono­kul­tur Deut­sche Bank

Von den einst prä­gen­den deut­schen Groß­ban­ken – Com­merz­bank, Dresd­ner Bank, Deut­sche Bank, BfG, BHF-Bank, WestLB, DG Bank, Baye­ri­sche Hypo­the­ken­bank, Baye­ri­sche Ver­eins­bank – ist am Ende nur die Deut­sche Bank als eigen­stän­di­ge glo­ba­le Adres­se übrig geblie­ben. Die­se Insti­tu­te ent­stan­den im 19. und 20. Jahr­hun­dert als Finan­zie­rungs­in­stru­men­te der deut­schen Indus­tria­li­sie­rung; ihre Kon­so­li­die­rung seit den 1990er-Jah­ren – Hypo­Ver­eins­bank-Fusi­on, Über­nah­me durch UniCre­dit, Auf­ge­hen der Dresd­ner Bank in der Com­merz­bank, Abwick­lung der WestLB – war die ers­te Ero­si­ons­wel­le eines Pro­zes­ses, des­sen zwei­te Wel­le sich heu­te in der Deut­schen Bank selbst zeigt: mehr­fa­che Cham­pi­on-Ankün­di­gun­gen seit der Ära Acker­mann, von Fitschen/​Jain über Cryan bis zu Sewings aktu­el­lem Ziel einer euro­päi­schen Füh­rungs­rol­le bis 2028 – und eben­so häu­fig wie­der­keh­ren­de Belas­tun­gen aus Zins­ma­ni­pu­la­ti­on, Geld­wä­sche-Vor­wür­fen und Com­pli­ance-Män­geln. Was Niklas Luh­mann das Gedächt­nis der Orga­ni­sa­ti­on nennt, erweist sich dabei resis­ten­ter als jede stra­te­gi­sche Neuausrichtung.

Eine Volks­wirt­schaft ohne eine inter­na­tio­nal respek­tier­te Groß­bank ver­liert nicht nur Pres­ti­ge, son­dern einen Hebel, um eige­ne Indus­trie­in­ter­es­sen bei glo­ba­len Finan­zie­rungs­fra­gen unab­hän­gig zu ver­tre­ten. Der schlei­chen­de Bedeu­tungs­ver­lust der Deut­schen Bank lässt sich als Sym­ptom eines Wirt­schafts­stils lesen, der lan­ge auf Export­in­dus­trie und Haus­bank-Bezie­hun­gen setz­te, den Über­gang zu kapi­tal­markt- und platt­form­ge­trie­be­nen Finanz­dienst­leis­tun­gen aber ver­passt hat.

War­um die Koor­di­na­ti­on scheitert

Dass Deutsch­land eige­ne Platt­form-Ant­wor­ten nicht selbst her­vor­ge­bracht hat, ist kei­ne neue Beob­ach­tung. Bereits vor über einem Jahr­zehnt wur­de hier die Fra­ge auf­ge­wor­fen, ob die Insti­tu­ti­on Bank sich voll­stän­dig in eine offe­ne, platt­form­ba­sier­te Struk­tur auf­lö­sen lässt – und schon damals lau­te­ten die zwei unge­lös­ten Kern­fra­gen: Wer trägt das Risi­ko, und wer koor­di­niert? Die Ant­wort auf die ers­te Fra­ge war ein­deu­tig: Nur eine lizen­zier­te Bank kann die­se Rol­le über­neh­men. Die zwei­te Fra­ge – Koor­di­na­ti­on – wur­de als die eigent­lich größ­te Her­aus­for­de­rung benannt.

Genau dar­an sind die deut­schen Gemein­schafts­in­itia­ti­ven der letz­ten Jah­re geschei­tert: Pay­di­rekt, Wero, Ver­i­mi, Yes & Co. waren tech­nisch mach­bar, schei­ter­ten aber an der Koor­di­na­ti­on zwi­schen den Trä­ger­in­sti­tu­ten – zu vie­le Veto­spie­ler, zu viel Kon­sens­be­darf, zu wenig unter­neh­me­ri­sche Durch­griffs­macht bei einem ein­zel­nen Akteur. N26 und Trade Repu­blic haben die­ses Pro­blem nicht, weil sie Ein­zel­in­sti­tu­te ohne Koor­di­na­ti­ons­be­darf sind – tra­gen dafür aber selbst das Risi­ko- und Regu­lie­rungs­pro­blem, das die Debat­te seit jeher offen­ließ, wie N26s eige­ne auf­sichts­recht­li­che Geschich­te zeigt.

Der inter­na­tio­na­le Vergleich

War­um exis­tie­ren in den USA und Groß­bri­tan­ni­en Groß­ban­ken und gro­ße Fintechs neben­ein­an­der, wäh­rend in Deutsch­land bei­de Pfa­de schwä­cheln? Der gemein­sa­me Nen­ner ist Kapi­tal­markt­tie­fe: Sie erlaubt Groß­ban­ken die glo­ba­le Refi­nan­zie­rung über Kapi­tal­märk­te und Fintechs das Wachs­tum über meh­re­re Ven­ture-Capi­tal-Run­den bis zur ech­ten Platt­form­grö­ße. Deutsch­land hat tra­di­tio­nell ein bank­ba­sier­tes, haus­bank-zen­trier­tes Finan­zie­rungs­sys­tem mit schwa­cher Akti­en­kul­tur – ein struk­tu­rel­ler Eng­pass für bei­de Pfa­de gleich­zei­tig. Hin­zu kommt das Regio­nal­prin­zip der Spar­kas­sen und Genos­sen­schafts­ban­ken, das Kon­so­li­die­rung ver­hin­dert, aber auch von vorn­her­ein kei­nen ein­zel­nen, ambi­tio­nier­ten Platt­form­ak­teur aus die­sem Sek­tor ent­ste­hen lässt.

Der Wirt­schafts­his­to­ri­ker Yous­sef Cas­sis hat in sei­ner Geschich­te der inter­na­tio­na­len Finanz­zen­tren einen oft über­se­he­nen Zusam­men­hang her­aus­ge­ar­bei­tet: Der Auf­stieg eines Finanz­plat­zes folgt der Wirt­schafts­kraft sei­nes Hei­mat­lan­des, nicht umge­kehrt. Lon­don lös­te Ams­ter­dam nicht durch über­le­ge­ne Bank­pro­duk­te ab, son­dern weil Eng­land zur füh­ren­den See- und Han­dels­macht auf­stieg. Über­tra­gen auf die Gegen­wart bedeu­tet das: Weder ein ein­zel­nes Insti­tut noch eine Insti­tuts­typ-Kate­go­rie kann sich per eige­ner Anstren­gung über die makro­öko­no­mi­sche Basis erhe­ben, auf der der gesam­te Finanz­platz steht. Digi­ta­li­sie­rung und künst­li­che Intel­li­genz kön­nen die­se Basis nicht erset­zen – Inves­ti­tio­nen in digi­ta­le Infra­struk­tur blei­ben wir­kungs­los, solan­ge die rea­le Wirt­schafts­ba­sis vor Ort ero­diert, wie sich an Deutsch­lands Regio­nal­ban­ken zeigt, deren Exis­tenz unmit­tel­bar an der wirt­schaft­li­chen Gesund­heit ihrer loka­len Kun­den hängt.

Japan und Süd­ko­rea als Kontrastfolie

Japan lie­fert die schärfs­te Bestä­ti­gung die­ser The­se – und zugleich eine wich­ti­ge Kom­pli­ka­ti­on. 198990 waren die meis­ten der zehn größ­ten Ban­ken der Welt nach Bilanz­sum­me japa­nisch, getra­gen von der Bubble Eco­no­my. Mit deren Plat­zen und den fol­gen­den “ver­lo­re­nen Jahr­zehn­ten” ver­lo­ren die­se Insti­tu­te sys­te­ma­tisch an glo­ba­ler Bedeu­tung – Ban­ken­macht folg­te der Wirt­schafts­macht exakt wie von Cas­sis beschrie­ben. Doch Japan zeigt auch: Wirt­schaft­li­cher Nie­der­gang allein ist kei­ne hin­rei­chen­de Bedin­gung für platt­form­ge­trie­be­ne Erneue­rung. Bereits 2016 war hier fest­ge­hal­ten wor­den, dass Japan trotz Toki­os Rang als eines der bedeu­tends­ten inter­na­tio­na­len Finanz­zen­tren beim The­ma Fin­tech abseits­stand – geprägt von aus­ge­präg­ter Risi­ko­scheu, einer Vor­lie­be für Bar­geld statt Kre­dit­kar­ten und der Gewohn­heit, Wert­pa­pie­re lie­ber im hei­mi­schen Safe zu ver­wah­ren als digi­tal zu ver­wal­ten. Die japa­ni­sche Finanz­auf­sicht kün­dig­te damals eine Libe­ra­li­sie­rung an, die Ban­ken erlau­ben soll­te, bis zu 100 Pro­zent an fin­tech-nahen Unter­neh­men außer­halb des Kern­ge­schäfts zu hal­ten. Dass ein Jahr­zehnt spä­ter immer noch kein japa­ni­sches Pen­dant zu Pay­Pal oder Stri­pe ent­stan­den ist, zeigt: Selbst eine regu­la­to­ri­sche Öff­nung über­win­det den kul­tu­rell ver­an­ker­ten Reflex nicht von selbst. Kei­retsu-Struk­tu­ren, Kon­sens­ori­en­tie­rung und ein schwa­cher Wag­nis­ka­pi­tal­markt haben offen­bar auch in der Schwä­che­pha­se kei­nen Nähr­bo­den für dis­rup­ti­ve Fin­tech-Cham­pi­ons geboten.

Süd­ko­rea kom­plet­tiert das Bild in die ande­re Rich­tung. Der korea­ni­sche Ban­ken­sek­tor war ähn­lich oli­go­po­lis­tisch wie der deut­sche, domi­niert von weni­gen Groß­ban­ken. Den­noch ent­stan­den dort mit Kakao­Bank, Toss und Naver Pay erfolg­rei­che digi­ta­le Platt­for­men mit zusam­men weit über 80 Mil­lio­nen monat­lich akti­ven Nut­zern – in einem Land mit gut 51 Mil­lio­nen Ein­woh­nern. Bereits 2014, gut drei Jah­re vor dem Start von Kakao­Bank, war hier Kore­as Son­der­stel­lung unter den Län­dern Asi­ens fest­ge­hal­ten wor­den: ein für die Ver­brei­tung neu­er Tech­no­lo­gien außer­ge­wöhn­lich güns­ti­ges Umfeld, getra­gen nicht nur von Kon­zer­nen wie Sam­sung und LG. Korea­ni­sche Ban­ken reagier­ten damals bereits pro­ak­tiv und noch vor Apple Pay auf mobi­les Bezah­len – Hana Bank, Indus­tri­al Bank of Korea und Shin­han Bank brach­ten eige­ne Mobi­le Wal­lets her­aus und lagen welt­weit vorn bei NFC-basier­ten Mobi­le-Pay­ment-Lösun­gen, wäh­rend die Fili­al­zahl gleich­zei­tig deut­lich zurück­ging. Drei Fak­to­ren erklä­ren den spä­te­ren Unter­schied zu Deutsch­land: ers­tens anhal­ten­de wirt­schaft­li­che Dyna­mik statt Ero­si­on oder Sta­gna­ti­on, getra­gen von glo­bal wett­be­werbs­fä­hi­gen Kon­zer­nen wie Sam­sung und Hyun­dai; zwei­tens Platt­for­men, die nicht aus den Ban­ken selbst, son­dern aus bereits domi­nan­ten Tech-Öko­sys­te­men mit rie­si­gen bestehen­den Nut­zer­ba­sen kamen; drit­tens eine geziel­te staat­li­che Regu­lie­rungs­ent­schei­dung, die ab 20152017 eigens Inter­net­bank-Lizen­zen schuf, um Wett­be­werb in den oli­go­po­lis­ti­schen Sek­tor zu brin­gen. Korea gelang damit nicht nur der Platt­form­pfad über bran­chen­frem­de Tech-Kon­zer­ne, son­dern zusätz­lich die pro­ak­ti­ve Selbst­di­gi­ta­li­sie­rung der eta­blier­ten Ban­ken – ein dop­pel­ter Weg, der sich von der deut­schen Reak­ti­ons­lo­gik grund­le­gend unterscheidet.

Frank­reich, Schwe­den, Ita­li­en, Spa­ni­en: zwei getrenn­te Achsen

Vier wei­te­re Ver­gleichs­fäl­le zei­gen, dass Ban­ken­kon­so­li­die­rung und Platt­form-Erfolg zwei getrenn­te Varia­blen sind, die nicht zwangs­läu­fig zusammenfallen.

Frank­reich hat den Zustand einer ein­zi­gen ver­blie­be­nen Groß­bank nie erreicht: BNP Pari­bas, Socié­té Géné­ra­le und Cré­dit Agri­co­le bestehen neben­ein­an­der als glo­bal respek­ta­ble Adres­sen. Anders als in Deutsch­land waren dort säu­len­über­grei­fen­de Fusio­nen mög­lich – die fran­zö­si­schen Cais­ses d’Éparg­ne fusio­nier­ten 2009 mit der genos­sen­schaft­li­chen Ban­que Popu­lai­re zur BPCE-Grup­pe. Auf der Fin­tech-Sei­te bleibt das Bild den­noch gemischt, und das schon seit lan­gem: Bereits 2014 fiel bei der Recher­che nach fran­zö­si­schen Fin­tech-Start­ups zunächst eine erstaun­li­che Dünn­heit der Sze­ne auf – ein Dut­zend klei­ner Akteu­re wie Fund­shop, Money­Push oder fin­ex­kap, kaum mehr, gera­de erst um das ers­te Pari­ser Fin­Tech Start­up Meet­up ver­sam­melt. Für die Grö­ße und wirt­schaft­li­che Bedeu­tung Frank­reichs und des Finanz­plat­zes Paris war das damals ein­deu­tig zu wenig. Das ist ein bemer­kens­wer­ter Gegen­pol zu Ita­li­en: Paris besaß (anders als Mai­land) durch­aus den inter­na­tio­na­len Finanz­zen­trum-Sta­tus, den die Cas­sis-The­se als Vor­aus­set­zung nennt – und trotz­dem blieb die Fin­tech-Grün­dungs­dy­na­mik zurück. Ein inter­na­tio­na­les Finanz­zen­trum ist dem­nach hilf­reich, aber eben­so wenig hin­rei­chend wie eine gelös­te Ban­ken­kon­so­li­die­rung. Kein fran­zö­si­sches Pen­dant zu Stri­pe oder Klar­na ist bis heu­te ent­stan­den; spä­te­re Erfol­ge wie Qon­to oder Youni­ted blie­ben euro­pä­isch rele­vant, aber nicht glo­bal ska­liert – die Kapi­tal­markt­tie­fe fehlt Frank­reich ähn­lich wie Deutschland.

Schwe­den lie­fert den metho­disch inter­es­san­tes­ten Gegen­be­weis zur Koor­di­na­ti­ons­the­se. 2012 setz­ten sechs bis sie­ben gro­ße schwe­di­sche Ban­ken gemein­sam mit der Zen­tral­bank und der Clea­ring­stel­le Bank­gi­rot das mobi­le Zah­lungs­sys­tem Swish um – exakt das Modell, an dem Pay­di­rekt in Deutsch­land schei­ter­te. Swish erreicht heu­te über acht Mil­lio­nen Nut­zer bei rund zehn Mil­lio­nen Ein­woh­nern, also nahe­zu flä­chen­de­cken­de Akzep­tanz. Der Unter­schied zu Deutsch­land liegt in der über­schau­ba­ren Zahl der Akteu­re und in einer bereits vor­han­de­nen, staat­lich getra­ge­nen digi­ta­len Iden­ti­täts­in­fra­struk­tur (Mobi­le BankID), auf der Swish auf­bau­en konn­te. Mit Klar­na und dem spä­ter von Pay­Pal über­nom­me­nen iZett­le brach­te Schwe­den zusätz­lich pri­va­te Fin­tech-Cham­pi­ons her­vor – neben Süd­ko­rea einer der weni­gen Fäl­le, in denen sowohl der koope­ra­ti­ve als auch der pri­va­te Platt­form­pfad gelang.

Ita­li­en hat mit dem Ama­to-Car­li-Gesetz von 1990 die eige­ne Spar­kas­sen­fra­ge gelöst, an der sich die deut­sche Dis­kus­si­on bis heu­te fest­beißt: Die öffent­lich-recht­li­chen Spar­kas­sen wur­den in Akti­en­ge­sell­schaf­ten umge­wan­delt, ihre Antei­le an Stif­tun­gen über­tra­gen und ab 1998 zum Ver­kauf gezwun­gen – die Grund­la­ge für die heu­ti­gen Groß­grup­pen UniCre­dit und Inte­sa San­pao­lo. Bemer­kens­wert ist aber: Trotz gelös­ter Kon­so­li­die­rung ist aus Ita­li­en kein glo­bal rele­van­ter Fin­tech-Cham­pi­on her­vor­ge­gan­gen. Dabei war durch­aus Dyna­mik vor­han­den – bereits 2014 ließ sich eine über­ra­schend leben­di­ge ita­lie­ni­sche Fin­tech-Start­up-Sze­ne beob­ach­ten, mit Akteu­ren wie Money­farm und insti­tu­tio­nel­ler För­de­rung durch Medio­ban­cas Start­up-Wett­be­werb, UniCre­dits eige­nen Fin­Tech Acce­le­ra­tor und den Mai­län­der Inku­ba­tor Poli­Hub, durch­aus auf Augen­hö­he mit Frank­reich und Spa­ni­en. Was jedoch fehl­te, wie sich damals schon zeig­te: ein Finanz­zen­trum von inter­na­tio­na­lem Rang. Anders als Skan­di­na­vi­en, das die­ses Feh­len durch enge Geschäfts­be­zie­hun­gen zu Lon­don und Ber­lin kom­pen­sier­te, blieb die ita­lie­ni­sche Sze­ne stär­ker auf den natio­na­len Rah­men beschränkt. Gelös­te Ban­ken­kon­so­li­die­rung ist dem­nach eine not­wen­di­ge, aber kei­ne hin­rei­chen­de Bedin­gung für Platt­form-Erfolg; weder ein eige­nes inter­na­tio­na­les Finanz­zen­trum noch eine kom­pen­sie­ren­de Aus­land­s­an­bin­dung noch eine star­ke Ven­ture-Capi­tal-Kul­tur kamen hin­zu – auch das ver­weist zurück auf die Cassis’sche Wirtschaftskraft-Komponente.

Spa­ni­en lie­fert eine wei­te­re Vari­an­te des­sel­ben Mus­ters, dies­mal mit einer bemer­kens­wer­ten Eigen­heit auf der Ban­ken­sei­te. Bereits 2014 war fest­zu­hal­ten, dass San­tan­der und BBVA seit Jah­ren zu den größ­ten und inno­va­tivs­ten Ban­ken der Bran­che zähl­ten, ergänzt um die genos­sen­schaft­li­che Viel­falt der Mond­ra­gon-Bank – auf den ers­ten Blick gute Vor­aus­set­zun­gen für eine leben­di­ge Fin­tech-Sze­ne. Bar­ce­lo­na als kata­la­ni­sche Start­up-Hoch­burg und wich­ti­ges Finanz­zen­trum der ibe­ri­schen Halb­in­sel schien dafür opti­ma­le Bedin­gun­gen zu bie­ten; als bekann­tes­tes Bei­spiel dien­te damals Kan­tox aus Bar­ce­lo­na, ergänzt um Licu­os aus Madrid. Der eigent­li­che Befund für den heu­ti­gen Ver­gleich: San­tan­der gehört – anders als die deut­schen Insti­tu­te – bis heu­te zu den größ­ten und inter­na­tio­nal am brei­tes­ten auf­ge­stell­ten Ban­ken Euro­pas, mit erheb­li­cher Prä­senz in Latein­ame­ri­ka und Groß­bri­tan­ni­en; BBVA ist ähn­lich glo­bal aus­ge­rich­tet. Spa­ni­en hat damit, wie Frank­reich, die Mono­kul­tur-Fal­le ver­mie­den und sogar zwei Insti­tu­te mit ech­tem glo­ba­lem Gewicht erhal­ten. Auf der Platt­form-Sei­te blieb es dage­gen bei Ach­tungs­er­fol­gen: Kan­tox wur­de 2019 von der Com­merz­bank über­nom­men, statt zu einem eigen­stän­di­gen glo­ba­len Cham­pi­on zu ska­lie­ren; ein spa­ni­sches Pen­dant zu Klar­na oder Stri­pe ist bis heu­te nicht entstanden.

Deutsch­land erweist sich damit als der sel­te­ne Fall, der auf bei­den Ach­sen zugleich schei­tert – unge­lös­te Kon­so­li­die­rung und aus­blei­ben­der Platt­form-Erfolg –, wäh­rend Frank­reich, Schwe­den, Ita­li­en und Spa­ni­en jeweils min­des­tens eine der bei­den Her­aus­for­de­run­gen gelöst haben.

Was das für die Kapi­tal­markt­uni­on bedeutet

Die euro­päi­sche Kapi­tal­markt­uni­on wür­de genau die Kapi­tal­markt­tie­fe adres­sie­ren, die deut­schen und euro­päi­schen Platt­for­men fehlt – die US-Ven­ture-Capi­tal-Inves­ti­tio­nen lagen 2020 rund zwan­zig­mal höher als im Euro­raum. Doch die Kapi­tal­markt­uni­on ist selbst ein Koor­di­na­ti­ons­pro­jekt zwi­schen 27 Mit­glied­staa­ten mit unter­schied­li­chen Insol­venz­rech­ten, Steu­er­sys­te­men und Auf­sichts­tra­di­tio­nen – struk­tu­rell das­sel­be Pro­blem, das die deut­schen Zah­lungs­ver­kehrs­in­itia­ti­ven zum Schei­tern brach­te, nur eine Ebe­ne höher ska­liert. Der ers­te EU-Akti­ons­plan datiert von 2015; der Fort­schritt seit­her ist begrenzt.

Zwei Les­ar­ten sind damit mög­lich. Die opti­mis­ti­sche: Eine voll­ende­te Kapi­tal­markt­uni­on wür­de erst­mals die Kapi­tal­markt­tie­fe schaf­fen, die N26 oder Trade Repu­blic für ech­tes euro­päi­sches Wachs­tum bräuch­ten. Die skep­ti­sche: Wenn nicht ein­mal die Koor­di­na­ti­on drei­er deut­scher Ban­ken­säu­len gelingt, ist wenig Grund zur Annah­me, dass die Koor­di­na­ti­on von 27 EU-Mit­glied­staa­ten mit noch diver­gen­te­ren Inter­es­sen gelingt.

Fazit

Der Ver­gleich mit den USA, Groß­bri­tan­ni­en, Japan, Süd­ko­rea, Frank­reich, Schwe­den, Ita­li­en und Spa­ni­en lässt eine vor­läu­fig kor­rob­orier­te Syn­the­se zu, die wei­te­rer Beob­ach­tung bedarf: Ban­ken­kon­so­li­die­rung und Platt­form-Erfolg sind zwei getrenn­te Ach­sen, die nicht zwangs­läu­fig zusam­men­fal­len, und Wirt­schafts­kraft ist auf bei­den not­wen­dig, aber nicht hin­rei­chend. Es ist die Kom­bi­na­ti­on aus schwin­den­der Wirt­schafts­kraft und einem spe­zi­fi­schen insti­tu­tio­nel­len Reflex – Kon­sens­ori­en­tie­rung, Bin­dungs­lo­gik, man­geln­de Risi­ko­be­reit­schaft, frag­men­tier­te Koor­di­na­ti­on –, die Platt­form­ent­ste­hung in Deutsch­land und Japan ver­hin­dert, wäh­rend anhal­ten­de Dyna­mik, vor­han­de­ne Platt­form-Öko­sys­te­me und geziel­te Regu­lie­rung sie in Süd­ko­rea und Schwe­den ermög­licht haben. Frank­reich, Ita­li­en und Spa­ni­en zei­gen zudem, dass gelös­te Ban­ken­kon­so­li­die­rung allein noch kei­nen Platt­form-Erfolg garan­tiert. Deutsch­land ist der sel­te­ne Fall, der auf bei­den Ach­sen zugleich schei­tert. Die stra­te­gi­sche Auf­ga­be für Deutsch­land liegt damit nicht in der nach­träg­li­chen Ver­tei­di­gung des Drei-Säu­len-Modells, son­dern in der Fra­ge, ob und wie bei­de feh­len­den Ele­men­te – wirt­schaft­li­che Erneue­rung und ein aktiv gestal­ten­der regu­la­to­ri­scher Stand­ort­an­satz – gleich­zei­tig her­ge­stellt wer­den können.

Ralf Keu­per


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