“100 Jah­re Infla­ti­on” – unter die­sem Titel hat der Ver­ein der Deut­schen Geld­schein- und Wert­pa­pier­samm­ler (DGW) e.V. kürz­lich eine 124seitige Publi­ka­ti­on her­aus­ge­bracht, die an die­ses Ereig­nis erin­nern soll. Ralf Keu­per sprach dazu mit der wis­sen­schaft­li­chen Mit­ar­bei­te­rin in der Finanz- und Wirt­schafts­ge­schich­te des Deut­schen His­to­ri­schen Muse­ums (DHM), Chris­ti­na Bach (Foto), die auch mit einem Bei­trag dar­in ver­tre­ten ist.

Keu­per: Wie kann man sich den Auf­ga­ben­be­reich einer Samm­lungs­lei­te­rin vorstellen?

Abb 1: Gut­schein über 25 Pfen­nig vom 1. März 1920 mit einem Rund­s­tem­pel in vio­lett mit Umschrift, Toten­kopf und Haken­kreuz. Samm­lung Haney, Deut­sches His­to­ri­sches Muse­um, Ber­lin, ©DHM/​ Indra Desnica.
Chris­ti­na Bach, M.A., Samm­lungs­lei­te­rin der Finanz- und Wirt­schafts­ge­schich­te im Deut­schen His­to­ri­schen Muse­um Berlin

Bach: Die Samm­lung am DHM umfasst neben Mün­zen, Medail­len und Geld­schei­nen auch his­to­ri­sche Wert­pa­pie­re. Ich küm­me­re mich um Anfra­gen aller Art, auch der berühm­te Dach­bo­den­fund ist da mal dabei. Zei­tun­gen tre­ten eben­falls an uns her­an, weil sie an Bei­trä­gen inter­es­siert sind, wie das auch bei der Son­der­pu­bli­ka­ti­on „100 Jah­re Infla­ti­on“ des DGW der Fall war. Ein wei­te­rer Schwer­punkt ist das Aus­stel­lungs­ge­sche­hen selbst, sowohl unser eige­nes als auch das ande­rer Muse­en, was etwa den Leih­ver­kehr betrifft, wo es neben der Orga­ni­sa­ti­on auch um die Bestim­mung der ent­spre­chen­den Ver­si­che­rungs­wer­te geht. Fer­ner müs­sen Depots gepflegt wer­den, auch unter ener­ge­ti­schen Gesichts­punk­ten. Sowohl Be- auch Ent­feuch­ter sor­gen dafür, dass die Luft­feuch­tig­keit kei­nen grö­ße­ren Schwan­kun­gen unter­liegt. Schim­mel und Insek­ten sind die größ­ten Fein­de unse­rer Expo­na­te.  Außer­dem erar­bei­ten wir ein neu­es Samm­lungs­kon­zept am Muse­um. Hin und wie­der erhal­ten wir Schen­kun­gen wie zuletzt vom BADV, dem Bun­des­amt für zen­tra­le Diens­te und offe­ne Ver­mö­gens­fra­gen, das uns einen Groß­teil des Reichs­bank­schat­zes   anver­traut hat, der ent­spre­chend inven­ta­ri­siert wer­den muss. Dane­ben kauft das DHM auch Samm­lun­gen an, wie zuletzt die Judai­ca- und Anti­se­mi­ti­ka-Samm­lung des 2017 ver­stor­be­nen Samm­lers Wolf­gang Haney. Mit die­sem Ankauf gelang­ten auch die Pro­pa­gan­da­geld­schei­ne in mei­nen Zustän­dig­keits­be­reich, über die ich in dem DGW-The­men­heft geschrie­ben hat­te. Auch im His­to­ri­schen Muse­um Frank­furt läuft im Zeit­raum 3. Mai bis 10. Sep­tem­ber eine Son­der­aus­stel­lung zur Infla­ti­on, die ich mir vor Ort bereits anschau­en durf­te. Das The­ma Infla­ti­on hat ja durch die gegen­wär­ti­ge Infla­ti­on eine ganz neue Bri­sanz erfahren.

Not­geld gab es auch aus Kera­mik, Holz oder Seide

Keu­per: Sie schrei­ben in Ihrem Bei­trag über Pro­pa­gan­da auf Geld­schei­nen. Nun waren Bank­no­ten ja vor 100 Jah­ren im Über­fluss vor­han­den. Es gab eine rie­si­ge Geld­schwem­me und jeder hat­te mit die­sen Geld­schei­nen zu tun. Man nahm die­se Schei­ne in die Hand, ohne zu mer­ken, dass da eine Bot­schaft drauf ist. Die Bank­no­te war damals das wich­tigs­te Medi­um, das sich jeder leis­ten konn­te – und muss­te. Solch einen Durch­drin­gungs­grad erreicht man mit kaum einem ande­ren Medium.

Abb. 2:  20-Francs-Note der Ban­que de France, auf der Ange­hö­ri­ge der Resis­tance einen aus einer Brief­mar­ke aus­ge­schnit­te­nen Hit­ler-Kopf so auf­ge­klebt haben, dass er in der Schlin­ge des bre­to­ni­schen Fischers steckt, der die­se zuzieht. Samm­lung Haney, Deut­sches His­to­ri­sches Muse­um, Ber­lin, ©DHM/​ Indra Desnica

Bach: Schon in der Anti­ke galt ja die Mün­ze als Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel. Und die fun­gier­te durch­aus auch schon als Pro­pa­gan­da­werk­zeug, wie man an den aus­ge­kratz­ten Augen eini­ger Kai­ser­por­traits able­sen kann. In der Infla­ti­ons­zeit sind Metal­le, erst Gold, dann Sil­ber und schließ­lich auch die bil­li­gen Nickel­mün­zen suk­zes­si­ve aus dem Ver­kehr gezo­gen wor­den, bis nur noch Papier­geld übrig­blieb. Und das bot sich natür­lich her­vor­ra­gend für Pro­pa­gan­da­zwe­cke an. Not­geld wur­de aller­dings auch in Form von Por­zel­lan, Kera­mik, Holz, Leder und sogar Sei­de aus­ge­ge­ben, auch wenn das viel­leicht eher exo­ti­sche Rand­er­schei­nun­gen darstellte.

Keu­per: Der kana­di­sche Medi­en­theo­re­ti­ker Mar­shall McLuhan sag­te ein­mal: „The medi­um is the mes­sa­ge“. Dies trifft natür­lich erst recht auf Geld als Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel zu. Geld ist ja nie neu­tral. Mün­zen und Geld­schei­ne sind bereits mit Aus­sa­gen ver­knüpft. Und Geld als Medi­um selbst wird immer mäch­ti­ger, wie man aktu­ell am Bei­spiel App­le­Pay und der Dis­kus­si­on um Digi­ta­les Zen­tral­bank­geld (CDEBC) sehen kann. Wer die Medi­en­ka­nä­le, kon­trol­liert, hat fast unbe­schränk­te Machtbefugnisse.

Bach: Beson­ders sieht man das in auto­ri­tär regier­ten Staa­ten: Als in Chi­na letz­tens eine Bank in Zah­lungs­schwie­rig­kei­ten geriet, hat die Regie­rung ein­fach die Coro­na-Warn­App der betrof­fe­nen Kun­den auf Rot geschal­tet, um einen Bank Run zu vermeiden.

Den Holo­caust hat kei­ner geglaubt, weil man das für Kriegs­pro­pa­gan­da gehal­ten hatte

Keu­per: Die Mün­zen der Anti­ke haben mit ihren Kai­ser­por­traits unmiss­ver­ständ­lich den Macht­be­reich des Kai­sers ange­zeigt, genau das war die trans­por­tier­te Bot­schaft. So ein Medi­um ist daher immer auch anfäl­lig für Pro­pa­gan­da, oder?