Die ausbaufähige Kritik- und Diskursfähigkeit einiger Fintech-Repräsentanten

Von Ralf Keuper

Es ist irritierend, wie einige Vertreter der hiesigen Fintech-Szene auf sachliche und begründete Kritik1)Gemeint ist hier die Reaktion auf twitter auf meinen Beitrag Fintech und die Dotcom-Blase 2.0 reagieren. Statt Kritik als Anlass zu nehmen, die eigenen Annahmen und Positionen zu hinterfragen, wird in einer Art und Weise argumentiert, die an die Reaktionen von Wirecard auf die Veröffentlichungen der FT erinnern. Es ist gar von “Verteufelung” von Fintech und “zumindest grob fahrlässig” die Rede. Nur wer Fintech nicht verstehe, so sinngemäß eine Behauptung, könne den positiven Beitrag von Fintech in Zweifel ziehen.2)Pikanterweise stammt dieser Hinweis von jemandem, der sich noch nach dem KPMG-Sonderbericht zu Wirecard veranlasst sah, Wirecard in Schutz zu nehmen: „Es würde mich wundern, wenn bei Wirecard noch krasse Themen hochkommen“ – Payment-Experte Marcus Mosen im FinanceFWD-Podcast

Bekannte Muster

So ähnlich war es auch während der Causa Wirecard von einigen Kommentatoren zu vernehmen: Wer das Geschäftsmodell und die überragende Technologie von Wirecard nicht verstehe, solle sich mit Kritik zurückhalten. Was die Skepsis gegenüber Technologieunternehmen betrifft, halte ich es hier mit Warren Buffett und Charlie Munger3)Warum wir keine Aktien von Technologieunternehmen besitzen (Warren Buffett) und gebe gerne zu, mich in deren gedanklicher “Gesellschaft” wohler zu fühlen, als in dem einen oder anderen Fintech-Zirkel, der sich im Vollbesitz der Wahrheit zu wähnen scheint.

Seit ca. 7 Jahren begleite ich die Aktivitäten im Fintech-Sektor in zahlreichen Beiträgen. Über die Jahre habe ich einige Vertreter der Szene persönlich kennengelernt. Darunter sind einige, die durchaus bereit sind, sich mit Kritik sachlich und fundiert auseinanderzusetzen.

Kritischer Rationalismus und Evidenzbasierte Wissenschaft

Vor mehreren Jahren habe ich für den Bankstil-Blog ein Leitbild formuliert. Richtschnur für den Bankstil-Blog ist der Kritische Rationalismus von Karl R. Popper sowie das evidenzbasierte Vorgehen in der Wissenschaft. Popper forderte, sich nicht von angeblichen Gewissheiten, vermeintlichen Autoritäten, “unwiderlegbaren” Beweisen und dem Vorwurf, nicht über die nötigen Kenntnisse zu verfügen, einschüchtern zu lassen. Jeder Erkenntnisstand ist nur vorläufig. Hypothesen können niemals endgültig verifiziert, sondern nur falsifiziert werden. Die Formulierung von Hypothesen und Fragen in Kombination mit Belegen, welche die Aussagen stützen, als “Verteufelung” und “Grob fahrlässig” zu bezeichnen, ist mit den Prinzipien des Kritischen Rationalismus wie überhaupt der Aufklärung nach Kant (Sapere Aude) nicht in Einklang zu bringen. Popper war es auch, der im Zusammenhang mit der Psychoanalyse von Sigmund Freud von der Selbstimmunisierung sprach4)Ähnlich kritisch zum Absolutheitsanspruch der PSA äußerte sich Hans-Georg Gadamer: “Dialogische Verständigung ist im Prinzip unmöglich, wenn einer der Partner des Dialoges sich nicht wirklich für das Gespräch offen freilässt. So ein Fall liegt z.B. vor, wenn einer im gesellschaftlichen Umgang den Psychologen oder Psychoanalytiker spielt und die Aussagen des anderen nicht in ihrem Sinne ernst nimmt, sondern auf psychoanalytische Weise zu durchschauen beansprucht. Die Partnerschaft, auf der gesellschaftliches Leben beruht, ist in einem solchen Fall zerstört”, in: Hans-Georg Gadamer: Klassische und philosophische Hermeneutik. Das Gadamer-Lesebuch. Der PSA von Freud nach zeige derjenige, der sich gegen ihre Einsichten wehre, wie die Diagnose “Verdrängung”, dass er eben verdrängt. Wer also behauptet, nur wer Fintech nicht kenne, könne ihren positiven Beitrag leugnen, macht sich damit gegen Kritik im Sinne Poppers immun und fällt damit als Gesprächspartner in diesem Diskurs vorläufig aus.

In Theorie der juristischen Argumentation schreibt Robert Alexy:

Alle Diskursteilnehmer müssen die gleiche Chance haben, Deutungen, Behauptungen, Empfehlungen, Erklärungen und Rechtfertigungen aufzustellen und deren Geltungsanspruch zu problematisieren, zu begründen und zu widerlegen, so dass keine Vormeinung auf Dauer der Thematisierung und der Kritik entzogen bleibt.

Diskurs in einer offenen Gesellschaft  

Es ist absolut legitim, die Ansicht zu vertreten, Fintech habe die beste Zeit noch vor sich. Wer sich jedoch gleich zu Beginn dagegen wehrt, sich auf die Argumente abweichender Meinungen einzulassen und glaubt sie als “Verteufelungen” oder “grob fahrlässig” deklarieren zu können, hat anscheinend einigen Nachholbedarf, was die Regeln des offenen, “herrschaftsfreien” Diskurses und der Argumentation betrifft5).

Die Frage, die Hypothese, die hier zur Diskussion steht, ist, ob sich mittlerweile, u.a. durch den Fall Wirecard, die Anzeichen verdichten, die Evidenz zunimmt5)Je mehr Daten vorliegen, aus denen man Belege erzeugen kann, und je überzeugender die Kombinationen von Experimenten sind, die für eine Argumentation verwendet werden, desto unwahrscheinlicher werden weitere Interpretationen gemacht: Erst die Kombination und die Einschränkung der Interpretationsmöglichkeiten führen dann zu einer Evidenz mit hoher Überzeugungskraft”, in Heureka. Evidenzkriterien in den Wissenschaften. Ein Kompendium für den interdisziplinären Gebrauch, dass wir im Fintech-Sektor eine Blase haben, die schon bald platzen könnte. Mit Fragen wie diesen beschäftigen bzw. beschäftigten sich ernstzunehmende Wissenschaftler, wie die Nobelpreisträger Joseph Stiglitz und Robert Shiller sowie John Kenneth Galbraith und die Wirtschaftshistorikerin Carlota Pérez.

Ich bin fest davon überzeugt, dass es in der Fintech-Szene einige Personen gibt, die willens und in der Lage sind, sich mit Ansichten, die sich mit ihren nicht oder nicht vollständig decken, und die selber zu anderen Schlussfolgerungen gelangen, sachlich und fundiert auseinanderzusetzen oder sie zumindest als gleichwertig zu akzeptieren6)Die Anmaßung von Wissen (F.A. von Hayek) verhält sich dazu konträr. Anders ist echter gesellschaftlicher und technologischer Fortschritt nicht möglich.

References   [ + ]

1. Gemeint ist hier die Reaktion auf twitter auf meinen Beitrag Fintech und die Dotcom-Blase 2.0
2. Pikanterweise stammt dieser Hinweis von jemandem, der sich noch nach dem KPMG-Sonderbericht zu Wirecard veranlasst sah, Wirecard in Schutz zu nehmen: „Es würde mich wundern, wenn bei Wirecard noch krasse Themen hochkommen“ – Payment-Experte Marcus Mosen im FinanceFWD-Podcast
3. Warum wir keine Aktien von Technologieunternehmen besitzen (Warren Buffett)
4. Ähnlich kritisch zum Absolutheitsanspruch der PSA äußerte sich Hans-Georg Gadamer: “Dialogische Verständigung ist im Prinzip unmöglich, wenn einer der Partner des Dialoges sich nicht wirklich für das Gespräch offen freilässt. So ein Fall liegt z.B. vor, wenn einer im gesellschaftlichen Umgang den Psychologen oder Psychoanalytiker spielt und die Aussagen des anderen nicht in ihrem Sinne ernst nimmt, sondern auf psychoanalytische Weise zu durchschauen beansprucht. Die Partnerschaft, auf der gesellschaftliches Leben beruht, ist in einem solchen Fall zerstört”, in: Hans-Georg Gadamer: Klassische und philosophische Hermeneutik. Das Gadamer-Lesebuch
5. Je mehr Daten vorliegen, aus denen man Belege erzeugen kann, und je überzeugender die Kombinationen von Experimenten sind, die für eine Argumentation verwendet werden, desto unwahrscheinlicher werden weitere Interpretationen gemacht: Erst die Kombination und die Einschränkung der Interpretationsmöglichkeiten führen dann zu einer Evidenz mit hoher Überzeugungskraft”, in Heureka. Evidenzkriterien in den Wissenschaften. Ein Kompendium für den interdisziplinären Gebrauch
6. Die Anmaßung von Wissen (F.A. von Hayek) verhält sich dazu konträr
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