Andrea Orcel hat mit der Com­merz­bank-Offer­te sein eigent­li­ches Ziel erreicht—nicht die Über­nah­me, son­dern die stra­te­gi­sche Sperr­po­si­ti­on. Was folgt, ist kei­ne Über­nah­me­schlacht mehr. Es ist struk­tu­rel­le Zermürbung.


Die Auf­re­gung um Deri­va­te-Kon­struk­tio­nen, Zir­kel-Swaps und die Fra­ge, wer wirk­lich wie vie­le Com­merz­bank-Akti­en ange­dient hat, ver­deckt das Wesent­li­che. Andrea Orcel hat mit dem Abschluss der ers­ten Annah­me­frist erreicht, was er brauch­te: eine Betei­li­gung jen­seits der 30-Prozent-Schwelle—ohne Pflicht­an­ge­bot, ohne ope­ra­ti­ve Ver­ant­wor­tung, ohne die Inte­gra­ti­ons­las­ten einer Vollübernahme.

Das ist kei­ne hal­be Sache. Es ist eine prä­zi­se Positionierung.

Wer die Logik dahin­ter ver­ste­hen will, muss nicht nach Mai­land schau­en, son­dern nach New York. Carl Icahn hat über Jahr­zehn­te vor­ge­führt, wie eine stra­te­gi­sche Min­der­heits­be­tei­li­gung mehr Hebel erzeu­gen kann als eine Mehr­heit. Das Prin­zip ist ein­fach: Man steigt groß genug ein, um die Agen­da zu kon­trol­lie­ren, aber nicht so groß, dass man für das Ergeb­nis gera­de­ste­hen muss. Die ope­ra­ti­ve Ver­ant­wor­tung bleibt beim Management—der stra­te­gi­sche Druck liegt beim Großaktionär.

Orcel befin­det sich struk­tu­rell exakt in die­ser Posi­ti­on. Mit rund 37 bis 40 Pro­zent kann er jede Struk­tur­maß­nah­me blo­ckie­ren, die eine Drei­vier­tel-Mehr­heit erfordert—Gewinnabführung, Ver­schmel­zung, fun­da­men­ta­le Sat­zungs­än­de­run­gen. Gleich­zei­tig sitzt er auf einem Deri­va­te-Port­fo­lio, das ihm nach eige­nen Anga­ben die Fle­xi­bi­li­tät gibt, sei­nen Betei­li­gungs­grad gezielt wei­ter­zu­ent­wi­ckeln. Er blo­ckiert nicht nur—er war­tet und wählt sei­nen Zeitpunkt.

Bet­ti­na Orlopp hat die­se Kon­stel­la­ti­on auf einer Gold­man-Sachs-Inves­to­ren­kon­fe­renz unge­wollt prä­zi­se beschrie­ben: Ohne den deut­schen Staat und ande­re Groß­in­ves­to­ren wer­de es für Unicre­dit schwer, die nöti­ge Drei­vier­tel­mehr­heit zu errei­chen. Das wäre dann, so Orlopp wört­lich, „ein leid­vol­ler Weg”. Der Satz ist aufschlussreich—nicht als War­nung an Orcel, son­dern als unfrei­wil­li­ges Ein­ge­ständ­nis: Die Com­merz­bank-Füh­rung sieht sich in einer Patt­si­tua­ti­on, nicht in einer Posi­ti­on der Stärke.

Genau das ist das Icahn-Dis­po­si­tiv. Nicht Über­nah­me, son­dern dau­er­haf­te Läh­mung als Druck­mit­tel. Icahn hat die­ses Werk­zeug bei TWA, bei Moto­ro­la, bei Apple-Zulie­fe­rern ein­ge­setzt: Der Groß­ak­tio­när, der nicht über­nimmt, aber auch nicht los­lässt, zwingt das Manage­ment in einen per­ma­nen­ten Recht­fer­ti­gungs­mo­dus. Jede stra­te­gi­sche Ent­schei­dung wird zur Ver­hand­lungs­mas­se. Jede Haupt­ver­samm­lung wird zum Kräftemessen.

Der Streit um die Annah­me­quo­te und die Her­kunft der ange­dien­ten Akti­en ist in die­sem Licht ein Nebenschauplatz—kommunikativ laut, ana­ly­tisch wenig ergie­big. Ob Deri­vat­ban­ken zir­ku­lä­re Swaps abge­schlos­sen haben oder nicht, ändert nichts an der struk­tu­rel­len Rea­li­tät: Orcel sitzt, und er sitzt fest.

Die eigent­li­che Fra­ge lau­tet nun nicht mehr, ob Unicre­dit die Com­merz­bank über­neh­men wird. Sie lau­tet: Wie lan­ge hält die Gegen­sei­te durch—und zu wel­chem Preis?

Ralf Keu­per


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