Banken: Die letzte Phase ist eingeläutet

Von Ralf Keuper

Ein Szenario, das viele noch immer für äußerst unwahrscheinlich halten, ist dabei, Realität zu werden: Das Verschwinden der Banken. Auf diesem Blog u.a. in Die neue Abstraktions- und Informationsschicht im Banking – das Ende der Banken thematisiert.

Für Jonathan McMillan (hinter dem Pseudonym verbergen sich zwei Schweizer Ökonomen) ist für die Banken im digitalen Zeitalter kein Platz mehr, wie sie in ihrem Buch Das Ende der Banken (Vgl. dazu: Kein Platz für Banken im digitalen Zeitalter) darlegen. Die Informationstechnologie hat inzwischen einen Stand erreicht, der die Funktion der Banken, die noch aus dem Industriezeitalter stammt, obsolet macht. Für die Autoren hat der Einsatz der Informationstechnologie dazu geführt, dass eine wirksame Regulierung des Banken- und Finanzsektors unmöglich geworden ist.

Banken begannen ihre Aktivitäten so zu organisieren, dass einschneidende Regulierungen umgangen werden konnten. Dadurch traten neue Formen des Bankwesens in Erscheinung.

Folge davon war die Entstehung eines intransparenten Schattenbankensystems, das sich regulatorischen Eingriffen weitestgehend entzieht. Banken könnten ihre Geschäfte mittels sog. Finanzinnovationen so anpassen, dass die Regulierung immer (mindestens) einen Schritt zu spät kommt.

Die Informationstechnologie, allen voran die digitalen Währungen und P2P-Modelle, werden zu einer schöpferischen Zerstörung im Bankwesen führen.

Wer die Gesamtheit der neuen Möglichkeiten betrachtet, erkennt, dass Banken nicht mehr gebraucht werden. Die Informationstechnologien erlauben dem Finanzsystem, eine dezentrale und kapitalintensive Volkswirtschaft zu unterstützen, ohne auf Banken zurückgreifen zu müssen. […] Im Digitalzeitalter ist das Bankwesen nicht nur außer Kontrolle geraten, sondern hat auch seine Existenzberechtigung verloren.

Der Vorstand Deutschen Bank, Marcus Schenck, kehrte kürzlich tief beeindruckt von einem Aufenthalt in China zurück. Was er dort gesehen hat, führt ihn zu der Annahme, dass Bankkonten in den nächsten 15 Jahren verschwinden könnten (Vgl. dazu: Bank accounts could disappear within 15 years according to one of Deutsche Bank’s most senior execs).

Nicht nur die Bankkonten, sondern auch die Banken selbst.

Bewertung

Der Siegeszug der Informationstechnologie wurde von Harold Leavitt und Thomas Whisler bereits im Jahr 1958 in dem Aufsatz Management in the 1980’s  angekündigt. Darin führten sie den Begriff Informationstechnologie zum ersten Mal ein. Später setzten Michael E. Porter und Victor E. Millar in Wettbewerbsvorteil Information einen weiteren Meilenstein. Mit jedem Entwicklungsschritt wurde die Funktion der Banken in Frage gestellt. Bis zum Aufkommen des Internet und des Smartphones waren die Auswirkungen auf die Banken jedoch begrenzt. Mit der Blockchain-Technologie und digitalen Währungen entsteht weiterer Selektionsdruck. Und nicht zu vergessen: Die Plattform- bzw. Datenökonomie mit den Hauptakteuren Amazon, Google, Apple, facebook, Alibaba, Tencent und Baidu.

Was die Autoren des eingangs erwähnten Buches jedoch nicht thematisieren ist, dass die Banken weder über die nötige digitale Souveränität noch über den Informationsstand verfügen, um ihre Rolle als Finanzintermediäre noch ausführen zu können. Das ist m.E. auch einer der Gründe für die letzte Finanzkrise. Banken fliegen bereits seit Jahren nur noch auf Sicht – und selbst die ist stark eingeschränkt.

Das Banking teilt sich in zwei Blöcke auf: Auf der einen Seite die großen digitalen Plattformen  auf der anderen Seite das dezentrale Banking. Letzteres stützt sich größtenteils auf Distributed Ledger Technologies wie die Blockchain sowie auf digitale Währungen und Vermögenswerte (Daten und Digitale Identitäten). Dazwischen wird nicht mehr allzu Raum für die “klassischen” Banken bleiben. Das dürfte dem Deutsche Bank-Vorstand klar geworden sein.

Banken befinden sich in dem Dilemma, dass sie weder auf die eine noch auf die andere Seite gehören bzw. dazu passen. Es fehlt nicht nur an fehlendem technologischen Know How, sondern vor allem auch am organisatorischen, kulturellen. Die Zeit wird nicht mehr reichen, diesen Wissensrückstand aufzuholen, selbst wenn Google & Co. disrupted werden sollten.

Die Spielregeln haben sich zu sehr geändert.

Die Informationstechnologie hat den Banken in den Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg eine herausragende Position im Wirtschaftskreislauf verschafft. Dabei konnten sie sich auf einen Informationsvorsprung stützen. In der Zwischenzeit haben sie es jedoch unterlassen, die Technologie weiter zu entwickeln. Stattdessen haben sie sich auf die Rolle der Anwender beschränkt; auch als das Internet aufkam. Im Grunde ist diese Haltung in den Banken noch immer weit verbreitet. Das Problem ist jedoch, dass die Informationstechnologie sich nun gegen die Banken selbst wendet. Die Banken können nur noch reagieren, nicht aber selber den Lauf der Dinge bestimmen. Das überrascht um so mehr, da die Informationstechnologie der Lebensnerv der Banken ist. Ihr Geschäft besteht letztlich nur aus Informationsverarbeitung – und das ist wahrlich keine Raketenwissenschaft, also nichts, was andere nicht auch könnten. Anders als die Automobilhersteller haben sie keine Produkte im Angebot, die so etwas wie Besitzerstolz vermitteln. Und selbst die Automobilhersteller befinden sich auf der abschüssigen Bahn und müssen feststellen, dass die Informationstechnologie auch für ihr Geschäft entscheidend ist.

Einzig die Regulierung und das Interesse des Staates an einem halbwegs funktionierenden Bank- und Finanzwesen sowie die Gewöhnung sorgen noch dafür, dass die Banken noch einige Jahre mitspielen dürfen. Unersetzlich sind sie schon lange nicht mehr. Die Informationstechnologie lässt das nur deutlicher hervortreten.

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