Die neue Abstraktions- und Informationsschicht im Banking – das Ende der Banken

Von Ralf Keuper

Im Banking vollzieht sich momentan ein Stil- und Strukturwandel, der in dieser Form einmalig in der Wirtschaftsgeschichte ist und der dazu führen wird, dass für Banken, wie wir sie heute noch kennen, kein Bedarf mehr besteht. Ursache dafür ist die Entstehung einer neuen Abstraktions- und Informationsschicht im Banking.

Wettbewerbsvorteil Information wandert von den Banken zu den großen digitalen Plattformen

In der Vergangenheit verfügten die Banken über ein Informationsmonopol, dem sie nicht nur ihre Profite, sondern auch ihre Existenz verdankten (Vgl. dazu: Überblick über die Erklärungsansätze zur Existenz von Banken). Nicht nur Jakob Fugger verdankte seinen geschäftlichen Erfolg der Tatsache, dass er neben guten Kontakten zum Kaiserhaus auch auf ein Korrespondenznetzwerk zurückgreifen konnte, das für die damalige Zeit einmalig war (Vgl. dazu: Informationskultur und Beziehungswissen: Das Korrespondenznetz Hans Fuggers (1531-1598) & Das Kaufmannsnotizbuch des Matthäus Schwarz aus Augsburg von 1548).

Bis in die 1990er Jahre noch bestand ein vergleichbares Netzwerk mit der sog. Deutschland AG, in deren Zentrum die großen Finanzkonzerne Deutsche Bank, Allianz, Dresdner Bank und Commerzbank standen (Vgl. dazu: Die Deutschland AG 1996 – 2006 und die Entflechtung der Kapitalbeziehungen der 100 größten deutschen Unternehmen). Durch ihre diversen Aufsichtsratsmandate verfügten die Banker über ein Beziehungswissen und Informationen, die zusammen mit dem eigenen Informationsbestand der Bank zwar kein vollständiges Bild der Wirtschaft abgaben, wohl aber in diesem Umfang von keinem anderen Wirtschaftsakteur auch nur annähernd erreicht wurde. Mit der Zeit ging der Wettbewerbsvorteil Information für die Banken jedoch verloren (Vgl. dazu: Wie der “Wettbewerbsvorteil Information” den Banken aus den Händen gleitet).

Geschäftsmodell der informations-und technologieintensiven Branchen wird durch das Internet und die Digitalisierung aus den Angeln gehoben

Bereits im Jahr 1985 beleuchteten Michael E. Porter und Victor E. Millar in ihrem bahnbrechenden Beitrag Wettbewerbsvorteile durch Information die Auswirkungen des flächendeckenden Einsatzes der Informationstechnik auf die Wertschöpfungsketten:

Die Informationstechnik durchdringt die Wertschöpfungskette an jedem Punkt und verändert radikal Wertschöpfungsaktivitäten und zwischen ihnen bestehende Verkettungen. Sie beeinflusst aber auch die Wettbewerbsbreite und die Art und Weise, wie ein Produkt die Wünsche eines Kunden befriedigt. Diese grundlegenden Effekte erklären, warum die Informationstechnik strategische Bedeutung hat und sich darin von vielen anderen Technologien für kommerzielle Anwendungen unterscheidet. (in: Informations-und Datentechnik, Harvardmanager, Band 1)

Die Autoren kamen zu dem Ergebnis, dass, je informations- und technologieintensiver eine Branche ist, um so mehr wird ihr Geschäftsmodell durch die Informationstechnologie verändert – vor allem was die Wettbewerbsbreite betrifft. Zu ähnlichen Schlussfolgerungen gelangte Arnold Picot in Der Produktionsfaktor Information in der Unternehmensführung. Es ist daher kein Zufall, dass die Medien- und die Bankenbranche die ersten sind, die diesen Wandel besonders zu spüren bekommen. Schon bald ist die Automobilindustrie an der Reihe und danach die Industrie und der Einzel- und Großhandel.

Daten als neue Währung

Obwohl das Geschäft der Banken in seinem Kern aus Informationsverarbeitung besteht, haben sie das Aufkommen einer neuen Währung zu spät zur Kenntnis genommen: Die Daten.

In einem Interview beschreibt Volker Mayer-Schönberger dieses Versäumnis:

Banken und Finanzdienstleister können Informationsflüsse am Markt organisieren. Stellt sich nur die Frage, inwieweit Organisationen, die jahrhundertelang die Information aufs Geld verkürzt haben, dieses Denken hinter sich lassen und zum digitalen Champion werden können. Banken wie auch Versicherungen haben lange Zeit wahnsinnig viele Daten gesammelt, aber damit nichts getan. Und damit waren sie die unvorstellbar großen Verschwender von Einsicht. Sie haben keinen Mehrwert daraus gewonnen, den sie den Kunden hätten zur Verfügung stellen können – oder auch der Gemeinschaft.

Das eigentliche Problem der Banken besteht m.E. jedoch nicht darin, dass sie Geld mit Information gleichgesetzt haben – in der Vergangenheit haben Banken immer auch externe Informationen, wie Bloomberg, bei ihren Entscheidungen berücksichtigt. Sie haben nur nicht mehr den Zugriff auf den Großteil der relevanten Daten, auf die Verhaltens- und Bezahldaten der Kunden – sie verfügen nur noch über einen relativ schmalen Ausschnitt – eine vorwiegend historische Sicht in Form von Transaktionsdaten. Das ist das eigentliche Problem. Mit dem Internet of Things wird sich dieses Ungleichgewicht aller Voraussicht nach noch verstärken.

Mobile Payments – das erste und gewiss nicht letzte Machtbeben

Als vor drei Jahren Apple seinen mobilen Bezahldienst Apple Pay vorstellte, war die Ansicht noch weit verbreitet, dass sich daraus für die Banken keine allzu großen negativen Konsequenzen ergeben würden. Man konnte es sich nicht vorstellen, warum ein Technologiekonzern das nicht sonderlich lukrative Zahlungsabwicklungsgeschäft betreiben wollte. Der Grund, weshalb Apple und inzwischen auch andere Technologiekonzerne wie Samsung, Google und soziale Netzwerke wie facebook und WeChat die Zahlungsabwicklung anbieten, liegt in den Bezahldaten, die wertvolle Informationen beinhalten, die sich für weitere Angebote aus dem eigenen Haus verwenden lassen. Das ist auch einer der Gründe dafür, dass Paydirekt ein Ladenhüter ist und bleibt (Vgl. dazu: Soziale Medien und Messaging-Dienste übernehmen im Banking eine Schlüsselfunktion #2).

Digitale Souveränität ist verloren

Das größte Dilemma für die Banken besteht darin, dass sie ihre digitale Souveränität weitgehend eingebüßt haben – sie sind auf andere, potenzielle Mitbewerber wie Apple, facebook und Amazon angewiesen, wenn sie ihre Kunden noch erreichen wollen (Vgl. dazu: Das Ende der digitalen Souveränität der Banken #2).

Die neue Abstraktions- und Informationsschicht

In den letzten Jahren haben Google, Amazon, facebook, Apple und Alibaba (GAFAA) über die Wirtschaft eine neue Informationsschicht gezogen. Im Idealfall können sie, wie Alibaba, über die Geschäftsanbahnung über die Finanzierung bis hin zur Auslieferung alle Services aus einer Hand anbieten. Dabei bekommen sie Zugang zu einem Daten- und Informationspool, der Rückschlüsse auf die Volkswirtschaft zulässt – das, was früher einmal die Banken konnten. Mit dem Internet of Things wird sich dieser Trend noch verstärken. Durch den Einsatz der Verfahren der Künstlichen Intelligenz können die Internetkonzerne neue Einsichten gewinnen und weiteres Geschäft generieren.

Digitale Währungen, womit hier keineswegs Bitcoin gemeint ist, werden zu einer weiteren Abstraktion des Geldes führen. Banken werden zu digitalen Hauptbüchern (Die Bank: Letzten Endes nur ein digitales Hauptbuch?). Für die Führung digitaler Hauptbücher sind Banken, wie wir sie kennen, indes nicht mehr erforderlich. Wenn demnächst Maschinen Maschinen bezahlen, dann ist Banking ein integraler Bestandteil – nicht mehr und nicht weniger. Womöglich werden die Unternehmen eigene Banken für Produktions- und Maschinendaten gründen.

Verbraucher, Industrie und Handel werden sich rasch an eine Zukunft ohne Banken gewöhnen

Die Bankenbranche befindet sich in einem Strukturwandel, der zu einem massiven Personalabbau führen wird. Als Arbeitgeber werden die Banken in absehbarer Zeit an Bedeutung verlieren. Das Angebot der Banken wird sich auf dem Blickfeld der Kunden, vor allem aus den Reihen der jüngeren Generationen, verflüchtigen; ebenso in der Wirtschaft. Banking rückt ein Stück weit in den Hintergrund. Industrie und Handel werden Konsortien bilden, um ein Gegengewicht zu den großen digitalen Plattformen und ihren Datenhunger zu bilden. Hierfür werden sie eigene, neuartige Banken gründen. Die Verbraucher werden ihrerseits Dienste neuer Banken, wie Banken für digitale Ethik oder Personal Data Banks, in Anspruch nehmen oder ihre eigene Bank sein.

Open Banking als Lösung?

Es kursiert die Hoffnung, dass mit dem Open Banking die Banken, häufig in Kooperation mit Fintech-Startups, ihre alte Stellung zurückgewinnen können. Das ist fraglich. Solange Banken und Fintech-Startups auf Apple, Amazon & Co. angewiesen sind, reichen ihre Stosskraft und Skalierung nicht aus. Sie haben keinen (direkten) Zugang zu der neuen Abstraktions- und Informationsschicht. Eine Möglichkeit würde darin bestehen, den sog. Identity Layer zu besetzen; zumindest den für natürliche Personen. Dafür müssten die Banken jedoch kooperieren und sich auf einen gemeinsamen Standard, eine gemeinsame Lösung einigen. Anderenfalls droht auch hier, wie bei Paydirekt, die Sackgasse.

So oder so: Ihre alte Stellung als Clearingstelle für die Informations- und Datenflüsse in der Wirtschaft werden die Banken nicht mehr wieder erlangen. Dafür müssten die Schlüsselstellung in der neuen Abstraktions- und Informationsschicht erobern. Danach sieht es jedoch wahrlich nicht aus.

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