Mit der Volks­bank Kle­ver­land gibt es bereits den ach­ten Stüt­zungs- oder Auf­sichts­fall im genos­sen­schaft­li­chen Sek­tor inner­halb weni­ger Jah­re. Auf den ers­ten Blick wirkt das wie eine Serie ähn­lich gela­ger­ter Ein­zel­fäl­le. Bei genaue­rem Hin­se­hen zer­fällt die Serie in min­des­tens drei unter­schied­li­che Aus­fall­mus­ter – die sich, bis auf eines, aus­ge­rech­net an der­sel­ben auf­sichts­recht­li­chen Stel­le tref­fen: der Gesamtbanksteuerung.


Die Volks­bank Kle­ver­land hat beim BVR Unter­stüt­zung bean­tragt, weil bei meh­re­ren Kre­di­ten erheb­li­cher Wert­be­rich­ti­gungs­be­darf fest­ge­stellt wur­de. Der Fall selbst ist noch dünn doku­men­tiert – über die Höhe der Garan­tien schweigt die Bank bis­lang. Inter­es­sant wird er erst im Kon­text: In gut zwei­ein­halb Jah­ren hat die Siche­rungs­ein­rich­tung des BVR fünf Insti­tu­te mit rund 1,5 Mil­li­ar­den Euro gestützt, mit der Volks­bank Braun­schweig Wolfs­burg zeich­net sich ein wei­te­rer, mög­li­cher­wei­se der bis­lang größ­te Fall ab. Wer die Lis­te der letz­ten Jah­re durch­geht, stößt schnell auf ein Mus­ter – oder genau­er: auf drei.

Drei Kate­go­rien, unter­schied­li­che Ursachen

Die ers­te Grup­pe ist die ver­trau­te­re: Insti­tu­te, die aktiv über ihr Kern­ge­schäft hin­aus­ge­grif­fen haben. Die Raiff­ei­sen­bank im Hoch­tau­nus finan­zier­te zuletzt zu fast 90 Pro­zent gewerb­li­che Immo­bi­li­en, bun­des­weit statt regio­nal – ein Bruch mit dem Regio­nal­prin­zip, das his­to­risch die eigent­li­che Risi­ko­kon­trol­le der Genos­sen­schafts­ban­ken war. Die VR-Bank Bad Sal­zun­gen Schmal­kal­den betrieb unter ande­rem eine „Fußball-Finanzierung“-Sparte und finan­zier­te Immo­bi­li­en weit außer­halb des Geschäfts­ge­biets. Die Volks­bank Bra­wo bau­te ein Netz von über 400 Betei­li­gungs­ge­sell­schaf­ten auf, von Immo­bi­li­en­pro­jek­ten bis zu Fit­ness­stu­di­os. Das Bank­haus RSA wuchs zu schnell und kon­zen­trier­te sich auf zu weni­ge Geschäfts­be­rei­che. In allen die­sen Fäl­len war es die­sel­be Null­zins­pha­se, die die Risi­ken zunächst kaschier­te, und die­sel­be Zins­wen­de ab 2022, die sie freilegte.

Die zwei­te Grup­pe sieht auf den ers­ten Blick ähn­lich aus, hat aber eine ent­ge­gen­ge­setz­te Ursa­che: die PSD-Ban­ken. Bei der PSD Bank Mün­chen und der PSD Bank Koblenz war es vor allem die Zins­wen­de, die die Ertrags­struk­tur ero­dier­te – bis Koblenz nur noch die Not­fu­si­on mit der VR Bank Rhein­AhrEi­fel blieb. Bei der PSD Bank West lag der Befund tie­fer: Män­gel nicht in den Ergeb­nis­sen, son­dern in der Metho­dik selbst – die Risi­ko­trag­fä­hig­keits­steue­rung genüg­te den seit 2018 ver­schärf­ten Anfor­de­run­gen der Auf­sicht nicht mehr. Der Grund ist struk­tu­rell: Klei­ne Insti­tu­te tra­gen die­sel­ben regu­la­to­ri­schen, metho­di­schen und IT-Las­ten wie gro­ße, aber auf einer viel schma­le­ren Ertrags­ba­sis. Die­se Ban­ken haben sich nicht über­nom­men – sie haben schlicht nicht die Kraft, mit wach­sen­der auf­sichts­recht­li­cher Kom­ple­xi­tät mitzuhalten.

Eine drit­te Grup­pe hat mit bei­den bis­her genann­ten wenig zu tun: Fäl­le, in denen nicht eine Geschäfts­stra­te­gie, son­dern ein ein­zel­ner Kre­dit im Umfeld eines exter­nen kri­mi­nel­len Gesche­hens zum Pro­blem wur­de. Bei der Volks­bank Düs­sel­dorf Neuss ging es um einen Betrugs­fall mit rund 100 Mil­lio­nen Euro ver­un­treu­ten Gel­dern des Mode­un­ter­neh­mens Kia­bi, mit mut­maß­li­cher Iran-Ver­bin­dung, dazu Ver­säum­nis­se in der Geld­wä­sche­prä­ven­ti­on. Bei der Volks­bank Köln Bonn steht ein 2021 ver­ge­be­ner Fünf-Mil­lio­nen-Kre­dit zur Finan­zie­rung der Immo­bi­lie des Köl­ner Bor­dells „Pascha” im Zen­trum: Der zustän­di­ge Vor­stand setz­te das Dar­le­hen gegen das Veto eines Kol­le­gen durch, der Zwei­fel an der Käu­fe­rin geäu­ßert hat­te. Fünf Jah­re spä­ter wur­de die Käu­fe­rin im Zuge einer Ermitt­lung der Staats­an­walt­schaft Düs­sel­dorf zu einer mut­maß­li­chen Schleu­ser­or­ga­ni­sa­ti­on auf­fäl­lig, die wohl­ha­ben­den Per­so­nen gegen Zah­lung Auf­ent­halts­ti­tel ver­schafft haben soll – der Vor­stand wur­de beur­laubt, eine exter­ne Kanz­lei prüft seit­her auch eine mög­li­che per­sön­li­che Vor­teils­nah­me bei der Kre­dit­ver­ga­be. Bemer­kens­wert am Rand: Der neue Vor­stand, der nach der Ablö­sung des lang­jäh­ri­gen Bra­wo-Chefs ein­ge­setzt wur­de, war zuvor BaFin-Son­der­be­auf­trag­ter – aus­ge­rech­net bei der Volks­bank Düs­sel­dorf Neuss. Die­se Grup­pe hat mit Grö­ßen­wahn oder Unter­di­men­sio­nie­rung wenig zu tun; hier hat ein Vor­stand ein inter­nes Kon­troll­ver­fah­ren über­gan­gen, und die Bank wur­de über den Kun­den in ein kri­mi­nel­les Umfeld hin­ein­ge­zo­gen, das sie nicht selbst geschaf­fen hat.

Ein vier­ter, klei­ne­rer Fall passt in kei­ne der drei bis­he­ri­gen Kate­go­rien: Die VR Plus Alt­mark-Wend­land, ein his­to­risch gewach­se­nes gemischt­wirt­schaft­li­ches Insti­tut mit Bau­märk­ten, Tank­stel­len und Agrar­la­gern neben dem Bank­ge­schäft, muss­te sich unter auf­sichts­recht­li­chem Druck von vier ihrer fünf Geschäfts­fel­der tren­nen. Hier war es kein Fehl­ver­hal­ten, son­dern eine ursprüng­lich sinn­vol­le, his­to­risch gewach­se­ne Struk­tur, die mit heu­ti­gen Anfor­de­run­gen an eine ord­nungs­ge­mä­ße Geschäfts­or­ga­ni­sa­ti­on kollidierte.

Der Kreis­lauf und sei­ne Grenzen

Für die ers­te Grup­pe gibt es bereits eine grif­fi­ge Erklä­rung: einen Kreis­lauf aus Grö­ßen­wahn, ris­kan­ten Geschäf­ten jen­seits des ange­stamm­ten Ter­rains, Orga­ni­sa­ti­ons­ver­sa­gen und exter­ner Ret­tung, der sich in der Geschich­te der Volks­ban­ken seit den 1970er Jah­ren wie­der­holt. Die­ser Kreis­lauf erklärt Hoch­tau­nus, Bad Sal­zun­gen, RSA und Bra­wo über­zeu­gend. Er erklärt PSD West aber kaum – dort greift kein Vor­stand nach Gla­mour, dort fehlt eher die Sub­stanz, um das Pflicht­pro­gramm noch zu erfül­len. Bei Düs­sel­dorf Neuss und Köln Bonn passt er nur bedingt: Ambi­ti­on und Expan­si­ons­drang spie­len dort allen­falls am Ran­de eine Rol­le, im Vor­der­grund steht die indi­vi­du­el­le Ent­schei­dung eines ein­zel­nen Vor­stands, ein Kon­troll­ver­fah­ren zu über­ge­hen – näher an einem Inter­es­sen­kon­flikt als an einer ver­fehl­ten Geschäfts­stra­te­gie. Und er erklärt Alt­mark-Wend­land gar nicht, wo eine über hun­dert Jah­re gewach­se­ne Struk­tur schlicht aus der Zeit gefal­len ist.

Wenn die Auf­sicht zum gemein­sa­men Nen­ner wird

Trotz­dem gibt es eine Ebe­ne, auf der sich fast alle die­se Fäl­le wirk­lich tref­fen: die Gesamt­bank­steue­rung. §25a KWG und der seit 2018 ver­schärf­te Leit­fa­den zur Risi­ko­trag­fä­hig­keit sind das Nadel­öhr, durch das Über­deh­nung wie Unter­di­men­sio­nie­rung glei­cher­ma­ßen lau­fen – und aus dem am Ende der­sel­be Befund resul­tiert: Män­gel in der Geschäfts­or­ga­ni­sa­ti­on, zusätz­li­che Eigen­mit­tel­an­for­de­run­gen, im Extrem­fall ein Son­der­be­auf­trag­ter oder eine Notfusion.

Das ist aber ver­mut­lich eher eine gemein­sa­me Bruch­stel­le als eine gemein­sa­me Ursa­che. Bei Hoch­tau­nus ver­sag­te die Steue­rung, weil sie von der Geschäfts­lei­tung bewusst über­steu­ert wur­de, um Wachs­tum und Ren­di­te zu erzie­len. Bei PSD West ver­sag­te sie, weil das Insti­tut struk­tu­rell nicht die Res­sour­cen hat­te, sie auf der gefor­der­ten Höhe zu hal­ten. Bei­de Fäl­le lau­fen durch das­sel­be Prüfras­ter – aber sie lau­fen aus ent­ge­gen­ge­setz­ten Rich­tun­gen dort­hin. Die Auf­sicht ist heu­te so ein­heit­lich und scharf gewor­den, dass sie unter­schied­lichs­te Ursa­chen in die­sel­be Kate­go­rie zwingt.

Düs­sel­dorf Neuss und Köln Bonn fal­len aus die­sem gemein­sa­men Nen­ner eher her­aus. Dort geht es weni­ger um die Risi­ko­trag­fä­hig­keit des Gesamt­in­sti­tuts als um die Fra­ge, ob ein ein­zel­nes Kre­dit­ge­schäft ord­nungs­ge­mäß durch die inter­nen Kon­troll­ver­fah­ren gelau­fen ist – ein Vier-Augen-Prin­zip, ein Veto, das über­gan­gen wur­de. Das ist ein enger, fall­be­zo­ge­ner Kon­troll­me­cha­nis­mus, kein Gesamt­bank­steue­rungs­pro­blem im enge­ren Sin­ne. Inso­fern zeigt die Serie am Ende nicht einen, son­dern zwei unter­schied­li­che auf­sichts­recht­li­che Bruch­punk­te: die Risi­ko­trag­fä­hig­keits­steue­rung für Über­deh­nung wie Unter­di­men­sio­nie­rung, und die Ord­nungs­mä­ßig­keit ein­zel­ner Kre­dit­ent­schei­dun­gen für die Fäl­le mit per­sön­li­chem Fehlverhalten.

Was dar­aus folgt

Für die Ein­ord­nung der Serie – und für jede Abhil­fe, die dar­aus abge­lei­tet wird – ist die Unter­schei­dung mehr als aka­de­misch. Wo Insti­tu­te sich aktiv über­nom­men haben, mag schär­fe­re Gover­nan­ce, enge­re Gren­zen für Geschäfts­lei­tun­gen und eine kon­se­quen­te­re Früh­war­nung der rich­ti­ge Hebel sein – der BVR hat mit der jüngs­ten Reform sei­nes Stüt­zungs­fonds genau in die­se Rich­tung reagiert. Wo Insti­tu­te schlicht zu klein sind, um die Kom­ple­xi­tät der Auf­sicht noch zu tra­gen, wür­de die­sel­be Ant­wort das eigent­li­che Pro­blem eher ver­schär­fen als lösen; dort führt der Weg eher über Kon­so­li­die­rung als über mehr Kon­trol­le. Und wo, wie bei Düs­sel­dorf Neuss oder Köln Bonn, ein Ein­zel­ner ein bestehen­des Kon­troll­ver­fah­ren über­gan­gen hat, hilft weder schär­fe­re Gover­nan­ce auf Vor­stands­ebe­ne noch mehr Kapi­tal, son­dern eher die kon­se­quen­te Durch­set­zung längst vor­han­de­ner Vier-Augen-Prin­zi­pi­en. Die Zahl der Stüt­zungs- und Auf­sichts­fäl­le allein sagt also noch wenig dar­über, was am Ende hilft. Erst der Blick auf die Rich­tung, aus der jedes ein­zel­ne Insti­tut in die­sel­be Sack­gas­se gera­ten ist, macht dar­aus eine belast­ba­re Dia­gno­se – wenn auch, ange­sichts der noch dün­nen Daten­la­ge zu ein­zel­nen Fäl­len wie Kle­ver­land, vor­läu­fig eine, die wei­te­rer Bestä­ti­gung bedarf.

Ralf Keu­per


Quel­len:

Genos­sen­schafts­ban­ken: BVR-Prä­si­den­tin kri­ti­siert teils „hoch­ris­kan­te Geschäf­te“ – Han­dels­blatt https://www.handelsblatt.com/finanzen/banken-versicherungen/banken/genossenschaftsbanken-bvr-praesidentin-kritisiert-teils-hochriskante-geschaefte/100240275.html

Ban­ken: Auch die Volks­bank Kle­ver­land wird zum Stüt­zungs­fall – Han­dels­blatt https://www.handelsblatt.com/finanzen/banken-versicherungen/banken/banken-auch-die-volksbank-kleverland-wird-zum-stuetzungsfall/100246591.html

BaFin ver­hängt Kre­dit­ver­bot gegen die Raiff­ei­sen­bank im Hoch­tau­nus – Bank­stil https://bankstil.de/bafin-verhaengt-kreditverbot-gegen-die-raiffeisenbank-im-hochtaunus/

VR-Bank Bad Sal­zun­gen – Schmal­kal­den muss gestützt wer­den – Bank­stil https://bankstil.de/vr-bank-bad-salzungen-schmalkalden-muss-gestuetzt-werden/

Genos­sen­schafts­bank RSA ent­schei­det über Not-Fusi­on nach NPL-Quo­te von 36% – Bloom­berg https://www.bloomberg.com/news/articles/2026–06-15/genossenschaftsbank-rsa-entscheidet-uber-not-fusion-nach-npl-quote-von-36

Volks­bank BRAWO in der Kri­se: War­um Vor­stand, BaFin und Siche­rungs­fonds jetzt ein­grei­fen – Markt und Mit­tel­stand https://www.marktundmittelstand.de/finanzen/vorstand-raus-voba

Volks­bank Düs­sel­dorf Neuss kann Belas­tun­gen nicht mehr allein stem­men – Bank­stil https://bankstil.de/volksbank-duesseldorf-neuss-kann-belastungen-nicht-mehr-allein-stemmen/

Der ewi­ge Kreis­lauf: War­um Volks­ban­ken immer wie­der schei­tern – Bank­stil https://bankstil.de/der-ewige-kreislauf-warum-volksbanken-immer-wieder-scheitern/

VR Plus Alt­mark-Wend­land: Ana­to­mie eines genos­sen­schaft­li­chen Struk­tur­bruchs – Bank­stil https://bankstil.de/vr-plus-altmark-wendland-anatomie-eines-genossenschaftlichen-strukturbruchs/

Die dop­pel­te Ent­mach­tung: Wie die BaFin bei einer Genos­sen­schafts­bank durch­greift – Bank­stil https://bankstil.de/die-doppelte-entmachtung-wie-die-bafin-bei-einer-genossenschaftsbank-durchgreift/

PSD Bank West eG: Wenn die Auf­sicht ein­greift – Bank­stil https://bankstil.de/psd-bank-west-eg-wenn-die-aufsicht-eingreift/

Kon­so­li­die­rung als Kri­sen­sym­ptom: Die Fusi­on VR Bank Rhein­AhrEi­fel und PSD Bank Koblenz – Bank­stil https://bankstil.de/konsolidierung-als-krisensymptom-die-fusion-vr-bank-rheinahreifel-und-psd-bank-koblenz/

PSD Bank Koblenz unter ver­schärf­ter Auf­sicht: Struk­tur­pro­ble­me im deut­schen Regio­nal­ban­ken-Sek­tor – Bank­stil https://bankstil.de/psd-bank-koblenz-unter-verschaerfter-aufsicht-strukturprobleme-im-deutschen-regionalbanken-sektor/

Volks­bank Köln Bonn: Vor­stands­mit­glied wird nach Bor­dell-Kre­dit beur­laubt – Han­dels­blatt https://www.handelsblatt.com/finanzen/banken-versicherungen/banken/volksbank-koeln-bonn-vorstandsmitglied-wird-nach-bordell-kredit-beurlaubt/100240471.html

Volks­bank Köln Bonn: Bor­dell-Affä­re belas­tet Bank­chefs und Auf­se­her – Han­dels­blatt https://www.handelsblatt.com/finanzen/banken-versicherungen/banken/volksbank-koeln-bonn-bordell-affaere-belastet-bankchefs-und-aufseher/100244911.html

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