Über Denkstile und Tatsachen: BITKOM – Leitfaden Mobile Wallets

Von Ralf Keuper
Da berichten die einschlägigen Medien von der wachsenden Akzeptanz mobiler Bezahlverfahren, wie insbesondere von Apple Pay, da veröffentlicht BITKOM einen Leitfaden, der für sich beansprucht, die ganze Sache betont nüchtern , an den Tatsachen orientiert, anzugehen.
Hier nur einige Berichte der letzten Tage/Stunden über die Verbreitung Mobiler Bezahlverfahren/Mobile Wallets: 
Die Liste ließe sich noch fortsetzen. 
Als Haupthindernisse für eine rasche Verbreitung mobiler Bezahlverfahren bzw. von Mobile Wallets nennt BITKOM die noch geringe Anzahl an Akzeptanzstellen sowie Fragen der Sicherheit. Zu ähnlichen Schlussfolgerungen kommt eine Studie/Umfrage der FOM Hochschule.

Keine Frage: Die Infrastruktur und die Sicherheit sind kritische, häufig noch limitierende Faktoren, die der Verbreitung von Mobile Payments/Mobile Wallets derzeit noch im Wege stehen. Jedoch zeigt die Entwicklung in den USA und der unbestreitbare, für viele überraschende, Erfolg von Apple Pay, dass diese Hindernisse nicht unüberwindlich sind, und schneller behoben werden können, als viele, nicht ohne guten Grund, anzunehmen scheinen. Während also in anderen Ländern der Zug bereits Fahrt aufgenommen hat, widmet man hierzulande seine ganze Kraft Themen, die anderswo schon einer Lösung zugeführt wurden (z.B. über die Touch-ID) oder dabei sind. Es wäre jetzt zu pauschal und holzschnittartig hier jetzt die häufig zitierte Technikfeindlichkeit der Deutschen sowie die grundsätzliche Skepsis neuen Technologien gegenüber als Leitmotive zu vermuten. Andererseits ist es schon bemerkenswert, dass in der BITKOM-Studie Apples Lösung für das mobile Bezahlen, Apple Pay, nicht explizit erwähnt, sondern nur das neue iPhone 6 in der Einleitung gewürdigt wird. Da ist die besagte FOM-Studie schon weiter. Dort heisst es in der Pressemitteilung immerhin:

„Interessant ist zudem, dass Mobile Payment mehr Aussicht auf Erfolg hätte, wenn es die angesagteste Methode zu zahlen wäre – so die Rückmeldungen der Befragten.“ Das könnte die Chance für Apple sein, das am 20. Oktober 2014 vorerst nur in den USA das Bezahlsystem „Apple Pay“ eingeführt hat…
Bei allen Besonderheiten, die für Deutschland oder Europa in Anschlag gebracht werden können, wird auch hier die letzte Instanz der Kunde sein. Wenn dieser es will, dann wird die Verbreitung ganz sicher nicht an fehlenden Akzeptanzstellen und nicht einmal an Fragen der Sicherheit scheitern, womit keinesfalls gesagt ist, dass Letztere unwichtig sind – gerade in Deutschland. Anderenfalls sind wir gezwungen davon auszugehen, dass Deutschland noch nicht den technischen Stand anderer Länder und Regionen – wie Afrika – erreicht hat. 
Insofern gilt auch für den alten Kontinent, was Michael Hatamoto geschrieben hat: Consumers will determine the winner in mobile payments battle.
Mit Blick auf die BITKOM-Studie überrascht es kaum noch, wenn der Verband der Deutschen Kreditwirtschaft erst Ende nächsten Jahres erste Ansätze einer Mobile Payments-Lösung präsentieren will bzw. kann. 
In seiner inzwischen wieder neu entdeckten Schrift Denkstile und Tatsachen machte der Wissenschaftsphilosoph Ludwik Fleck auf die Bedeutung sozialer Konstruktion für als gesichert angenommenen Fakten aufmerksam. 
Einige Zeit vor Thomas Kuhn und seiner bahnbrechenden Schrift Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen kam Fleck zu ähnlichen Schlussfolgerungen. Ausschlaggebend für den „Erfolg“ wissenschaftlicher Theorien waren für Fleck >Denkstile<, denen sich die Mehrzahl der Fachleute wie auch seiner Vermittler verpflichtet fühlen. Es sind demnach soziale Faktoren, die dafür sorgen, dass bestimmte Ansichten den Weg in die wissenschaftliche Gemeinschaft und in die Öffentlichkeit finden, um sich dort für lange Zeit festzusetzen. Es bedarf tiefgreifender gesellschaftlicher Veränderungen, damit ein neuer Denkstil an die Stelle des alten treten kann. Die Resistenz des wissenschaftlichen Mainstreams gegen Veränderungen in der äußeren Umwelt darf daher nicht unterschätzt werden. In der Folge bilden sich, so Fleck Denkkollektive, die sich ihre Sichtweisen gegenseitig bestätigen. 
Insofern kann es nicht schaden, den eigenen Denkrahmen hin und wieder mal zu verlassen, ganz gleich wie gesichert die Fakten oder wie beeindruckend die Evidenz für die eigenen Annahmen auch sein mögen. Denn, wie Egon Friedell einmal so treffend auf die Frage Wer macht die Realität?, geschrieben hat: Die Welt ist immer nur von Gestern

Die Zukunft im Banking wird derweil woanders kreiert, indem neue Tatsachen auf Basis anderer Denkstile geschaffen werden. 

Wer an einer etwas anderen Sicht auf das Thema Mobile Wallets interessiert ist, sei auf die Veröffentlichungen des Mobey Forums, wie Mobile Wallet Part 5: Strategic Options for Banks verwiesen. Zwar schon etwas älter, aber angesichts der doch etwas verschnarcht wirkenden BITKOM-Studie doch noch von erstaunlicher, geradezu ungebrochener, erfrischender Aktualität. 

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