Technologierisiken im Banking

Von Ralf Keuper 

Die Finanzkrise liegt noch nicht hinter uns, da taucht schon ein weiteres Schreckenszenario auf. Diesmal geht die Bedrohung von der Technik aus, so jedenfalls Andrew Freeman in seinem Beitrag für die Financial Times mit dem Titel Outdated technology could lead to another cisis in banking.

Anlass für den Warnruf sind die massiven Probleme der Royal Bank of Scotland mit ihrem Zahlungsverkehrssystem, das über mehrere Tage nicht zur Verfügung stand; in der Tat eine Horrorvision für jede Bank. Ursache für den Ausfall, der die Bank einige Reputation gekostet hat, war ein Update der Zahlungsverkehrssoftware – kein ungewöhnlicher Vorgang. Was etwas aus dem Rahmen fällt, ist das Timing. So spielte die Bank das Update an einem Werktag und nicht am Wochenende ein.

Laut Aussage der RBS war dies jedoch ein vergleichsweise harmloses Update, wie sie häufiger an Werktagen ausgerollt werden. Anders können die Systeme aufgrund der Vielzahl der Änderungen nicht mehr auf dem neuesten Stand gehalten werden.

Wer mit den Tücken der Softwareentwicklung und der Softwareverteilung nur ein wenig vertraut ist, weiß, dass für Häme kein Platz ist und ist geneigt Wilfried Puschak von der Raiffeisen Informatik zuzustimmen, der auf die massiven Probleme der Bank Austria mit deren Online-Banking-System sagte: “Ein Wunder, dass nicht viel mehr passiert”. Die Probleme lösten im Netz z.T. heftige Reaktionen aus.

Freeman weist zurecht auf das enorme operative Risiko in der Bank-IT vieler Häuser hin, die aus einer zerklüfteten IT-Landschaft mit zahlreichen Applikationen und noch mehr Schnittstellen resultieren. Die Nebeneffekte, die selbst ein auf den ersten Blick harmloses Update haben können, sind häufig nicht auszumachen. Daher empfiehlt nicht nur Freeman den Banken dringend ihre IT-Landschaften zu modernisieren bzw. zu homogenisieren. Schlüssel hierfür sind Standardlösungen sowie überhaupt die Anwendung von Industriestandards wie BIAN.

Einige Anbieter von Kernbankenlösungen mit Temenos bieten ihren Kunden inzwischen Integrationsframeworks an, die eine Implementierung erleichtern, wie überhaupt eine wachsende Anzahl von Integrationstechnolgien am Markt verfügbar ist.

Das alles sind richtige und wichtige Schritte, keine Frage.

Jedoch birgt der Einsatz neuer Technologien, die die Alt-Systeme ablösen, wiederum hohe Risiken, wie u.a. am Beispiel des Algo-Trading deutlich wird. Nicht umsonst weist V.K Sharma auf den Technology Leverage hin. Auch die von einigen propagierte weitere Mathematisierung des Banking wird die Technologierisiken im Banking gewiss nicht verkleinern.

Auch bei den Mobile Payments lauert laut der  Analysten von Riskskill  gar ein ganzer Cocktail technologischer Risiken.

So viel scheint sicher: Je mehr das Banking auf Hochtechnologien zurückgreift, um so mehr gilt für die Branche, was der Systemtheoretiker Niklas Luhmann allgemein über die Risiken der Hochtechnologie geschrieben hat:

Der Versuch, sich gegen Risiken der Technik durch Technik zu schützen, stößt offenbar an Schranken. … (in: Soziologie des Risikos)

Feste Kopplungen, d.h. Systeme die ohne manuelle Eingriffe des Menschen oder Sperren/Kontrollverfahren automatisch funktionieren, bergen die Gefahr, dass, wenn ein Fehler auftritt, dieser Kettenreaktionen zur Folge, die mittels Technik nicht mehr zu steuern zu sind. Fehler begehen beide: Mensch und Technik, weshalb ein gewisses Maß an Redundanz, ein gewisser Puffer für die Stabilität von Systemen unabdingbar ist.

Weitere Informationen:

Bank systems creak under weight of digital transactions

Dieser Beitrag wurde unter Sonstiges veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.