Sind Banken lernfähig? – Dirk Baecker

Von Ralf Keuper

Eine Frage, die uns seit der Finanzkrise 2007/2008 immer wieder beschäftigt, ist, ob Banken lernfähig sind.

Dirk Baecker vertritt die Ansicht, dass Banken in ihrem Tagesgeschäft durchaus lernfähig sind, d.h. sie erkennen rasch die üblichen Risiken, wie Kreditrisiken, und leiten entsprechende Gegenmaßnahmen ein.

Die Lernfähigkeit lässt allerdings deutlich nach, sobald man sich von der operativen auf die semantische Ebene begibt. Hier sind die Banken erstaunlich lernresistent. Durch ihr Denken in Sicherheiten wiegen sie sich in dem Glauben, dass im Falle des Falles, also wenn ein Risiko schlagend wird, für Ausgleich gesorgt ist. Dass dies häufig ein Irrglaube ist, hat nicht nur die letzte Finanzkrise gezeigt. Es gibt im Banking keine 100%ige Sicherheit. Dadurch verstellen die Banken sich den Blick auf die Praxis, erliegen also einer Art Selbsttäuschung, und verhindern damit, aus Fehlern und Erfahrungen zu lernen. In einem Interview bezeichnete Baecker dieses Phänomen als “Semantische Falle, die zur strukturellen Falle wird”.

Dieser Beitrag wurde unter Banking abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

0 Kommentare zu Sind Banken lernfähig? – Dirk Baecker

  1. Frederico sagt:

    Vermutlich geht Baecker hier seiner eigenen Semantik selbst auf den Leim, vor allem insofern, als er die geschäftlichen Gefährdungen des Bankbetriebs auf ein so simples semantisches Selbstmissverständnis der Kreditwirtschaft zurückführen möchte. Man muss hier wirklich versuchen höflich zu bleiben, aber einem Banker zu unterstellen, er wäre so dumm, “Sicherheiten” wörtlich zu nehmen und auch nicht zwischen Sicherheit und Absicherung unterscheiden zu können, ist schon etwas kurz verdrahtet.
    Dass Banken in erster Linie Risiken und selbstverständlich auch die Risiken von Sicherheiten transformieren, ist natürlich richtig. Genau das ist das Geschäft, weswegen die Geschichte der Banken auch als eine Geschichte der Ideen geschrieben werden könnte, die Unsicherheiten des wirtschaftlichen Geschehens, der Zeitläufte, des menschlichen Schicksals und von vertraglichen Zusicherungen in den Griff zu bekommen. Heute haben Banken für alle möglichen operativen Fälle – wie Baecker ja auch bemerkt – ein breites Arsenal an spezifischen Instrumenten und Strategien, Risiken zu minimieren – vom einzelnen Kleinkredit bis nach ganz oben auf “Gesamtbankebene” – da werden die Risiken dann ja auch “Stresstests” unterzogen, d.h. nichts und niemandem wird getraut. Die Lücke im Risikomanagement ist aber nicht, dass “Sicherheiten” für bare Münze genommen werden, weil sie manchmal als solche bezeichnet werden (werden sie ja eben nicht), die Lücke ist die individuelle Risikoneigung von Bankern in dem Moment, wo die Risikobeurteilung durch persönliche Incentivierung von großen Geschäftsabschlüssen kontaminiert ist. Das hat mit Semantik rein gar nichts zu tun, aber sehr viel mit der Soziologie von Managern, die scheeläugig motiviert sind: Einerseits sind sie für das Wohl der Firma zuständig, andererseits sind sie verlockt und sogar aufgerufen, für die eigene Tasche zu wirtschaften. Das Thema Bonus-Policy ist der vielleicht wichtigste Punkt in der ganzen Bankenregulierung. Und wenn man diesen Punkt einmal ins Auge fasst, bemerkt man auch, dass Banker keinen Sondernfall des betriebswirtschaftlichen Denkens darstellen, sondern den Normalfall des zahlenorientierten Managers, wenn diese in einem Unternehmen arbeiten, an dem sie nur solange Interesse haben, wie sie damit Geld verdienen. In der Sprache der Bankenregulierung handelt es sich um die “Material Risk Takers”, in der deutschen Bank gehörten 2015 rund 3.000 Leute dazu ( http://bit.ly/1SCTb5H ). Bankhaus Metzler oder eine genossenschaftliche Bank funktionieren eben tendenziell gesünder als Karrieristenbanken, in denen ausgerechnet die Risk-Taker-Positionen extrem hoch incentiviert sind (756 Einkommensmillionäre bei der Deutschen Bank). Dieses Schema zeigt sich aber eben nicht nur in Banken, sondern in allen Unternehmen (siehe “DAX Plus Family 30”). Hoch provisionierte Manager sind immer ethisch herausgefordert, aber dafür gibt's keine Belohnung, wenn man der Hwerausforderung standhält.
    Solche “banalen” Differenzen zwischen bonusorientiertem und erhaltorientiertem Wirtschaften sieht man natürlich nicht, wenn man unbedingt irgendwie mit Luhmannschem Begriffsbesteck die Gesellschaft analysieren will. Etwas mehr klassische Soziologie schiene mir angebrachter.

  2. Ralf Keuper sagt:

    Vielen Dank für den fundierten Kommentar!

    Es stimmt: Der Systemtheorie fehlt das Verständnis für die Motivation von Personen bzw. sie interessiert sich nicht sonderlich dafür. So gesehen greift es zu kurz, das Denken in Sicherheiten für den zuweilen “lockeren” Umgang mit Risiken verantwortlich zu machen. Auf der Ebene der Gesamtbanksteuerung kann das Denken in Sicherheiten m.E. den Blick trüben, sofern man davon ausgeht, dass die Sicherheiten auch wirklich existieren bzw. ihnen ein realer Wert gegenübersteht.
    Bei den sog. Finanzinnovationen war vielen nicht ausreichend klar, vielleicht wollten sie es auch gar nicht so genau wissen, was es mit den verbrieften Werten auf sich hatte. So lange die anderen Banken ebenfalls davon ausgingen, dass sich die Sicherheiten im Fall des Falles verwerten lassen und die Rating-Agenturen ihren Segen gaben, sahen die anderen keine Veranlassung, genauer hinzuschauen; erst recht dann nicht, wenn die internen Verfahren dazu nicht animieren.
    Die beiden Sichtweisen – die systemtheoretische und die individualistische – ergänzen sich – bis zu einem bestimmten Punkt. Der liegt sicherlich dort, wo der einzelne die Möglichkeit hat, anders zu handeln, als es die Anreizsysteme und das Umfeld belohnen. Den Mut dazu haben jedoch nur sehr wenige, zumal dann, wenn, wie Sie richtig schreiben, mit Anpassung ein hoher Gewinn für einen selber heraus springt, selbst wenn die Risiken zuschlagen sollten. Abweichendes Verhalten wird hier nicht belohnt; um es zurückhaltend auszudrücken.
    Das Risikomanagement der Banken, die Gesamtbanksteuerung hätte die Aufgabe bzw. Pflicht gehabt, den Dingen auf den Grund zu gehen und auf eine Verhaltensänderung hinzuwirken. Die Tatsache, dass an den Bonusregelungen bis heute kaum etwas geändert wurde, zeigt, dass die Möglichkeiten der Einflussnahme der internen Abteilungen gering ist; selbst die externen Beobachter wie die BaFin reagieren hier mehr, als dass sie vorausschauend agieren.

    Kurzum: Ja, die Sichtweise von Baecker greift zu kurz; sie erklärt nur einen Teil des Problems. Die Frage der Anreizsysteme, die bestimmte Verhaltensweisen belohnt ebenso wie der persönlichen Verantwortung, die jeder für sich klären muss, werden großzügig übersehen.

    Einer der wenigen Fälle, wo dies einer Person gelungen ist, diese Unterscheidung zu treffen, war wohl Siegmund G. Warburg http://bankstil.blogspot.de/2015/12/philosophy-of-high-finance-investment.html

    Eine der wenigen Banken, die die Finanzkrise unbeschadet überstanden hat, ist Handelsbanken aus Schweden. Nicht wenige führen das darauf zurück, dass hier keine Anreizsysteme eingesetzt werden. Auch hält sich hier die Zahlengläubigkeit in Grenzen. http://bankstil.blogspot.de/2013/08/new-banking-svenska-handelsbanken.html

  3. Frederico sagt:

    Die “Zahlengläubigkeit” wäre ein Feld, das man sich einmal näher anschauen sollte. Das hat in den Banken und Versicherungen logischerweise ein Zuhause und eine streng mathematische Betrachtung von Bankgeschäften ist ja auch nicht ganz verkehrt. Es zieht sich von dort aber weiter durch die ganze Wirtschaft und führt dann zum “Optimieren” aus dem Geiste des Controllings – es wird überall noch ein Zehntel Cent herausgeschnitzt.
    Dass dabei immer mehr Menschen in den Banken ihre eigene Mathematik nicht mehr durchschauen, ist bekannt. Die Berechnungen des Risikomanagements kann ein normaler Firmenkundenberater gar nicht mehr nachvollziehen. Mir hat einmalein Investmentbanker der Dresdnerbank erzählt, die notleidenden Finanzbasteleien würden teilweise nur noch von den Physikern ausgerechnet werden können, die sich das jeweils haben einfallen lassen.
    Aber dass sich jemaqnd verrechnet hat ist das Eine. Viel häufiger war der Fall (z.B. musste ein Risikochef der Deutschen Bank 2006 oder 2007 gehen, weil er vor Risiken warnte, von denen die Geschäftsmeacher aber nicht gewarnt werden wollten. Noch schlimmer Gerhard Brockermann, der die Depfabank samt Hyporeal Estate ruinierte, aber wohlwissend im letzten Moment 2007 absprang und mit 120 Mio. nach Hause ging. Der wusste, dass er das Risiko völlig übersteuerte – allein um seine Aktien und seine Boni hochzujubeln. Das war der vielleicht Unverschämteste von allen, andererseits hat die Deutsche Bank ständig tausende Rechtstreitigkeiten am Hals.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.