Die Professionalisierung des Bankbetriebs. Studien zur institutionellen Struktur deutscher Banken im Kaiserreich 1871-1914 – Teil 2

Von Ralf Keuper

Im Jahr 1869 fassten mehrere Privatbankiers den Entschluss, ein Institut zu gründen, dessen Hauptaufgabe darin bestehen sollte, deutsche Unternehmen bei ihren geschäftlichen Aktivitäten im Ausland zu begleiten. Geplant war die Eröffnung von Niederlassungen in London, New York, Indien, China und Südamerika. Bereits im März 1870 nahm das Institut als Deutsche Bank ihren Betrieb auf. Die neue Bank war von ihren Gründern als Ergänzung zu ihren eigenen Instituten gedacht. Das Inlandsgeschäft sollte daher in den bewährten Händen der alteingesessenen Banken verbleiben. Als erster Direktor wurde Georg von Siemens berufen, ein Neffe des Gründers der Siemens-Werke, Werner von Siemens. Georg von Siemens ebenso wie seine Kollegen verkörperten den bis dahin in Deutschland unbekannten Typus des Manager-Bankiers. Schon bald zeigte sich, dass die Entwicklung des Auslandsgeschäfts einen langen Atem und ausreichend qualifiziertes Person benötigte. Ohne ein tragfähiges Inlandsgeschäft konnte die Deutsche Bank ihre Aufgabe in Übersee nicht erfüllen. Gegen den Widerstand der Vertreter der Gründerbanken, die in der Deutschen Bank nur eine Spezialbank sahen und keine Konkurrenz heranzüchten wollten, setzte sich das Direktorium der Deutschen Bank unter Führung von Georg von Siemens und Hermann Wallich mit ihren Plänen durch. Die Deutsche Bank wandte sich daraufhin dem Depositen- und Industriegeschäft zu. Durch den direkten Kundenkontakt gelangte die Deutsche Bank an wertvolle Informationen, die wiederum für den Absatz verschiedenster Finanzprodukte verwendet werden konnten, wie im Effekten- und Emissionsgeschäft. Mit der Zeit passte sich die Organisationsstruktur der Deutschen Bank dem neuen Geschäftsmodell an. Die Verflechtung mit der heimischen Wirtschaft nahm deutlich zu. Spiegelbild dieser Entwicklung war die Konzernstruktur. Die Deutsche Bank war so etwas wie das Informationszentrum der Deutschen Wirtschaft.

Jedoch verfolgte die Deutsche Bank keinen Masterplan. Die Ausdifferenzierung des Konzerns war auch das Ergebnis des Zufalls und genutzter Gelegenheiten, wobei zahlreiche Rückschläge nicht ausblieben. Manche Initiative wurde zum Erfolg, obwohl sich die ursprüngliche Absicht nicht erfüllte, wie im Fall der Deutschen Treuhand-Gesellschaft[1]Deutsche Treuhand-Gesellschaft – ehemalige Deutsche Bank-Tochter und Vorläufer von KPMG.

Das eigentliche Herzstück und die informelle Kommandozentrale der Deutschen Bank war das Sekretariat. Deren Mitarbeitern fiel die Aufgabe zu, die Direktion bei ihrer Arbeit zu unterstützen. Aufgrund ihrer Spezialkenntnisse und ihrer Einbindung in komplexe Bankgeschäfte waren die Mitarbeiter des Sekretariats häufig die erste Wahl bei der Besetzung von Führungspositionen. Ferner waren die leitenden Mitarbeiter des Sekretariats als nebenamtliche Vorstandsmitglieder im opera…

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