Europäische Neobanken werben mit digitaler Effizienz und Kundenzentrierung. Eine aktuelle arte-Dokumentation zeigt jedoch systematische Defizite bei Geldwäscheprävention und Betrugsbekämpfung. Die Diskrepanz zwischen technologischem Anspruch und operativer Realität wirft grundsätzliche Fragen zum Geschäftsmodell auf: Wenn Skalierung und Kostenminimierung konstitutive Compliance-Funktionen untergraben, entsteht nicht Innovation, sondern institutionelles Versagen unter digitalen Vorzeichen.
Das strukturelle Dilemma
Mit rund 160 Millionen Kunden in Europa haben Neobanken binnen weniger Jahre eine beachtliche Marktposition erreicht. In Deutschland wird fast jedes zweite neue Girokonto bei digitalen Anbietern eröffnet, in Frankreich nutzt bereits jeder dritte Kunde ein Onlinekonto. Diese Wachstumsdynamik gründet auf einem spezifischen Versprechen: Banking als reibungslose digitale Erfahrung, befreit von Filialbesuchen, Wartezeiten und komplexen Prozessen.
Eine aktuelle arte-Dokumentation europäischer Journalisten zeichnet allerdings ein anderes Bild. Die Analyse von Ermittlungsfällen, Aufsichtsdaten und Insiderberichten legt ein systematisches Problem offen: Die operative Logik der Neobanken – extreme Automatisierung, minimale Kontaktpunkte, maximale Skalierung – kollidiert fundamental mit regulatorischen Anforderungen an Identitätsprüfung, Geldwäscheprävention und Transaktionsüberwachung.
Das zentrale Strukturproblem lässt sich als Wachstums-Compliance-Dilemma beschreiben: Venture-Capital-finanzierte Neobanken müssen schnelles Nutzerwachstum nachweisen, um weitere Finanzierungsrunden zu rechtfertigen. Regulatorische Sorgfaltspflichten – Know Your Customer-Prüfungen, Plausibilitätschecks, manuelle Nachkontrollen – verlangsamen jedoch die Kontoeröffnung und erhöhen die Kosten pro Neukunde. Die dokumentierten Fälle zeigen, wie dieser Zielkonflikt zulasten der Compliance aufgelöst wird. Etwas, das wir auf Bankstil bereits seit Jahren thematisieren, wie in:
- N26: Erneute BaFin-Intervention offenbart strukturelles Governance-Versagen
- BaFin setzt gegen N26 ein Bußgeld in Höhe von 9,2 Mio. Euro fest
- BaFin ordnet aufsichtliche Maßnahmen gegen flatexDEGIRO an
- BaFin erhöht den Druck auf Solaris
- Nutzer mit dem Kundenservice von Trade Republic unzufrieden
- Trade Republic am Wendepunkt
- Bewertungen von N26 und Revolut mit deutlicher Abwärtstendenz
Empirische Befunde
Die französische Bankenaufsicht ACPR hat festgestellt, dass Institute mit niedrigen Verdachtsquoten mindestens 20 Minuten in Kontoeröffnungsprozesse investieren sollten. Ein investigativer Test bei der Neobank Nirio zeigte jedoch: Ein Konto konnte in unter zehn Minuten eröffnet werden. Diese Zeitdifferenz ist nicht marginal – sie markiert den Unterschied zwischen oberflächlicher und substanzieller Prüfung.
Die Konsequenzen manifestieren sich auf zwei Ebenen.
Erstens nutzen Betrüger systematisch die Schwachstellen: Identitätsdiebstahl über gefälschte Wohnungsinserate, Rekrutierung von „Money Mules” über Telegram und Social Media, Verschachtelung von Zahlungsströmen über multiple Konten verschiedener Neobanken. Die luxemburgische Neobank Sojexia, die litauische Wiix und andere Anbieter erscheinen in dokumentierten Geldwäsche-Ketten – nicht notwendigerweise aus krimineller Absicht, sondern weil schwache Kontrollprozesse systematisch ausgenutzt werden.
Zweitens produzieren algorithmische Kontrollsysteme unter Kostendruck erhebliche Fehlerquoten. Zahlreiche Kunden berichten in sozialen Netzwerken von ohne Begründung gesperrten Konten bei Revolut, N26 oder Trade Republic. Ein dokumentierter Fall zeigt einen Trade Republic-Kunden, dessen Gehalt über Monate blockiert bleibt, während er nur Standardantworten erhält. Die KI-gestützte Betrugserkennung, mit der Neobanken werben, funktioniert offenbar als stumpfes Instrument: Sie sperrt legitime Kunden, während sie gleichzeitig strukturierte Betrugsmuster übersieht.
Ehemalige Mitarbeiter berichten von Produktivitätsvorgaben, die mehrere bearbeitete Betrugsfälle pro Stunde verlangen. Zwar bestreiten die Banken starre Zeitlimits und verweisen auf Qualitätsmessung, doch die Grundspannung bleibt: Wer Mitarbeiter nach Durchsatz misst, kann keine gründliche Einzelfallprüfung erwarten.
Organisationstheoretische Einordnung
Aus systemtheoretischer Perspektive zeigt sich hier ein klassischer Fall funktionaler Fehlausrichtung. Banken operieren traditionell im Binärcode Sicherheit/Risiko – ihre primäre Funktion besteht in der Transformation von Risiken durch Intermediation und Kontrolle. Neobanken hingegen definieren sich primär als Technologieunternehmen und folgen damit dem Code Wachstum/Stagnation. Regulatorische Anforderungen werden nicht als konstitutives Element des Banking verstanden, sondern als externe Störung, die es zu minimieren gilt.
Diese Umdeutung hat Folgen für die organisatorische Architektur. Traditionelle Banken haben – bei aller berechtigten Kritik an Ineffizienz und Verkrustung – über Jahrzehnte redundante Kontrollstrukturen aufgebaut: mehrere Prüfinstanzen, physische Filialen als Kontaktpunkte, persönliche Kundenbeziehungen als Informationsquelle. Diese Redundanz ist kostspielig, bietet aber Sicherheitspuffer.
Allerdings ist die Deutsche Bank ein Gegenbeispiel. Die Bank steht immer wieder wegen z.T. gravierender Defizite ihrer Internen Kontrollsystem in der Kritik bzw. macht entsprechende Schlagzeilen.
Neobanken eliminieren systematisch diese Redundanz. Die “lean organization” mag in der Fertigung funktionieren, im hochregulierten Bankensektor führt sie jedoch zu gefährlicher Fragilität. Wenn ein Algorithmus die einzige Kontrollinstanz darstellt und dieser Algorithmus Fehler produziert, gibt es keine Korrekturmechanismen.
Das Problem ist nicht technologischer, sondern organisatorischer Natur. Digitale Systeme könnten theoretisch bessere Kontrollen ermöglichen – vollständige Datenspuren, Echtzeit-Mustererkennung, grenzüberschreitende Abgleiche. Tatsächlich werden diese Potenziale aber nicht realisiert, weil die Incentive-Struktur auf Kostenminimierung und Wachstum ausgerichtet ist.
Regulatorisches Versagen
Die dokumentierten Millionenstrafen gegen N26 (2022 wegen verspäteter Geldwäscheverdachtsmeldungen), Revolut (nicht gemeldete verdächtige Transaktionen) und Monzo (Konten unter Fantasieadressen wie “Buckingham Palace”) zeigen ein grundsätzliches Problem: Die Aufsicht reagiert ex post auf bereits eingetretene Missstände, während die Geschäftsmodelle ex ante auf systematische Compliance-Minimierung ausgelegt sind.
Strafen werden zur kalkulierbaren Betriebskostengröße. Solange die Wachstumsgewinne die Bußgelder übersteigen und keine existenzbedrohenden Sanktionen (etwa Lizenzentzug) drohen, bleibt das Anreizproblem bestehen. Die europäische Aufsichtslandschaft ist zudem fragmentiert – BaFin, ACPR, FCA und andere nationale Behörden agieren nicht koordiniert, was grenzüberschreitende Geschäftsmodelle begünstigt.
Europol und nationale Geldwäscheeinheiten haben bereits 2019 vor überproportionalen Risiken bei Neobanken gewarnt. Die aktuellen Fälle bestätigen diese Einschätzung. Dennoch fehlt eine strukturelle Antwort: Soll die Regulierung verschärft werden (mit dem Risiko, Innovation zu ersticken)? Oder müssen Geschäftsmodelle angepasst werden (was das Wachstumsversprechen gefährdet)?
Systemische Externalitäten
Die dokumentierten Fälle zeigen eine neue Qualität der Geldwäsche. Die Transaktionskosten für Kriminelle sinken dramatisch: schnelle Kontoeröffnung über mehrere Neobanken, geringe Gebühren, schwache Kontrollen, grenzüberschreitende Verschachtelung. Gleichzeitig steigen die Aufklärungskosten für Ermittler: Die Rückverfolgung von Zahlungsströmen über multiple Jurisdiktionen und Anbieter wird praktisch unmöglich.
Dies ist ein klassischer Fall negativer Externalitäten. Neobanken privatisieren die Gewinne (Nutzerwachstum, Bewertungssteigerung, niedrige Kosten), sozialisieren aber die Kosten (Betrugsschäden bei Opfern, Ermittlungsaufwand bei Behörden, Reputationsschaden des gesamten Finanzsystems). Ein funktionierender Markt würde diese Externalitäten internalisieren – durch Haftungsregeln, Versicherungspflichten oder Qualitätsstandards. Aktuell geschieht dies nicht.
Vergleichende Perspektive
Das europäische Zahlungssystem Wero wird als Alternative zu Apple Pay und Google Pay positioniert. Die Neobank-Fälle demonstrieren jedoch, dass technologische Lösungen allein nicht ausreichen. Ohne robuste Governance-Strukturen, funktionierende Kontrollen und angemessene Ressourcenausstattung entstehen neue Verwundbarkeiten statt digitaler Souveränität.
Besonders relevant wird dies im Kontext agentic commerce: Wenn bereits menschlich kontrollierte Prozesse solche Schwachstellen aufweisen, welche Risiken entstehen dann bei vollautomatisierten, KI-gesteuerten Zahlungssystemen? Die Automatisierung könnte Geldwäsche-Strukturen noch undurchsichtiger machen – oder aber, bei richtiger Implementierung, tatsächlich bessere Erkennung ermöglichen. Entscheidend ist die organisatorische Einbettung der Technologie.
Ausblick
Die dokumentierten Missstände sind nicht primär technologischer Natur. Sie resultieren aus einer spezifischen Konstellation: Venture-Capital-finanzierte Geschäftsmodelle treffen auf regulatorische Anforderungen, die nicht kompatibel mit den Wachstumserwartungen sind. Die daraus entstehende Spannung wird zulasten der Compliance aufgelöst.
Eine nachhaltige Lösung müsste an mehreren Punkten ansetzen: Regulatorisch durch härtere Sanktionen bis hin zum Lizenzentzug bei wiederholten Verstößen. Organisatorisch durch verpflichtende Mindeststandards für Kontrollprozesse, die nicht unterschritten werden dürfen. Ökonomisch durch Internalisierung der Externalitäten, etwa über Haftungsregeln oder Einlagensicherungsbeiträge, die Risikoklassen berücksichtigen.
Vor allem aber bedarf es einer Neubewertung des Innovationsnarrativs. “Disruption” im Bankensektor ist kein Selbstzweck. Wenn neue Anbieter elementare Schutzfunktionen untergraben, entsteht keine Innovation, sondern Regression unter digitalen Vorzeichen. Die Herausforderung besteht darin, die Effizienzgewinne digitaler Prozesse zu realisieren, ohne die Kontroll- und Schutzfunktionen zu opfern, die Banking von bloßem Zahlungsverkehr unterscheiden.
Die Neobank-Krise zeigt: Geschwindigkeit ist keine Bankenstrategie.
