Die Debat­te um den digi­ta­len Euro ist kei­ne tech­no­lo­gi­sche Fra­ge – sie ist eine insti­tu­tio­nel­le. Jan Grei­tens legt mit sei­nem IBF-Paper eine his­to­risch gesät­tig­te Ana­ly­se vor, die zeigt: Wer Sta­b­le­co­ins und digi­ta­len Euro nur als kon­kur­rie­ren­de Zah­lungs­in­no­va­tio­nen begreift, ver­kennt den eigent­li­chen Ein­satz. Es geht um die Archi­tek­tur mone­tä­rer Ord­nung – und dar­um, wer sie künf­tig kontrolliert.


Zwi­schen Sta­bi­li­tät und Elas­ti­zi­tät: Eine alte Span­nung in neu­er Form

Mone­tä­re Sys­te­me ste­hen struk­tu­rell vor einem Dilem­ma, das sich durch die Finanz­ge­schich­te zieht: Sta­bi­li­tät erfor­dert Bin­dung, Elas­ti­zi­tät erfor­dert Spiel­raum – bei­des gleich­zei­tig zu gewähr­leis­ten ist die eigent­li­che Her­aus­for­de­rung zen­tral­bank­po­li­ti­scher Insti­tu­tio­nen­ge­stal­tung. Der Bank Char­ter Act von 1844 in Eng­land hat­te die­se Span­nung insti­tu­tio­nell mate­ria­li­siert, indem er die Bank of Eng­land in ein Issue Depart­ment (gold­ge­bun­de­ne Noten­aus­ga­be) und ein Ban­king Depart­ment (kre­dit­schöp­fen­des Bank­ge­schäft) auf­teil­te. Die Cur­ren­cy School woll­te mecha­ni­sche Gold­de­ckung, die Ban­king School for­der­te elas­ti­sche Kre­dit­schöp­fung. Das Ergeb­nis war ein insti­tu­tio­nel­ler Kom­pro­miss, der bei­de Anfor­de­run­gen trenn­te und damit das Zwei-Stu­fen-Ban­ken­sys­tem in sei­ner moder­nen Form prägte.

Genau die­ses Sys­tem steht heu­te auf dem Prüf­stand. Die EZB defi­niert Zen­tral­bank­geld als „mone­tä­ren Anker”, der pri­va­tes Giral­geld erst ver­trau­ens­wür­dig macht, indem er 1:1‑Konvertibilität und damit die Ein­heit­lich­keit der Wäh­rung sichert. Bar­geld ist in die­sem Arran­ge­ment die ein­zi­ge Form von Zen­tral­bank­geld, die Pri­vat­haus­hal­ten unmit­tel­bar zugäng­lich ist. Dis­tri­bu­ted-Led­ger-Tech­no­lo­gie und Sta­b­le­co­ins ver­än­dern die­se Archi­tek­tur – nicht durch einen bewuss­ten insti­tu­tio­nel­len Umbau, son­dern durch schlei­chen­de Ver­schie­bung der Funktionslogik.

Sechs Sze­na­ri­en und eine kon­ser­va­ti­ve Wette

Ulrich Bind­seil, lang­jäh­ri­ger Lei­ter des Digi­tal-Euro-Pro­jekts bei der EZB, hat das kon­zep­tio­nel­le Spek­trum mög­li­cher Ent­wick­lungs­pfa­de in sechs Sze­na­ri­en gefasst. Sie rei­chen vom blo­ßen Bar­geld­ersatz durch ein CBDC (Con­ser­va­ti­ve CBDC) über die Wie­der­be­le­bung des Bar­gelds durch recht­li­che Maß­nah­men (Res­to­re the Role of Cash) bis hin zu radi­ka­len Optio­nen: voll­stän­di­ge Abschaf­fung des Bar­gelds (Cashl­ess Socie­ty), Eli­mi­nie­rung des Giral­gel­des zuguns­ten direk­ter Zen­tral­bank­ver­bind­lich­kei­ten (Sove­reign Money) oder der voll­stän­di­ge Rück­zug der Zen­tral­bank aus dem Zah­lungs­ver­kehr (End of Cen­tral Bank Money). Der digi­ta­le Euro posi­tio­niert sich bei Bind­seil als kon­ser­va­ti­ve Maß­nah­me in der Mit­te die­ses Spek­trums – nicht als revo­lu­tio­nä­rer Bruch, son­dern als insti­tu­tio­nel­le Kon­ti­nu­ie­rungs­leis­tung unter ver­än­der­ten tech­no­lo­gi­schen Bedingungen.

Die­se Ein­ord­nung ist ana­ly­tisch auf­schluss­reich, weil sie deut­lich macht, was der digi­ta­le Euro nicht ist: kein geld­po­li­ti­sches Expe­ri­ment, kein Schritt in Rich­tung Sove­reign Money, kei­ne Reak­ti­on auf spe­ku­la­ti­ve Kryp­to­eu­pho­rie. Er ist der Ver­such, eine bewähr­te insti­tu­tio­nel­le Balan­ce – Sta­bi­li­tät durch Zen­tral­bank, Elas­ti­zi­tät durch Geschäfts­ban­ken – in das digi­ta­le Zeit­al­ter zu über­füh­ren, ohne die Grund­ar­chi­tek­tur zu verändern.

Der ame­ri­ka­ni­sche Gegen­ent­wurf: Hay­ek, Sta­b­le­co­ins und die Free-Banking-Ära

Der US-ame­ri­ka­ni­sche Ansatz folgt einer ande­ren Logik. Der GENIUS Act för­dert die mas­sen­haf­te Expan­si­on pri­vat emit­tier­ter, regu­lier­ter Sta­b­le­co­ins mit dem erklär­ten Ziel, die glo­ba­le Dol­lar-Domi­nanz in digi­ta­len Zah­lungs­in­fra­struk­tu­ren zu sichern. Kon­zep­tio­nell knüpft die­ser Ansatz an Fried­rich von Hay­eks Idee der Dena­tio­na­li­sie­rung des Gel­des an: Wäh­rungs­wett­be­werb als Selek­ti­ons­me­cha­nis­mus, bei dem gutes Geld schlech­tes ver­drängt – das Gegen­teil von Gre­s­hams Gesetz, das nur unter fixen Wech­sel­kur­sen gilt.

Grei­tens macht jedoch auf eine ent­schei­den­de struk­tu­rel­le Inkon­sis­tenz auf­merk­sam: Hay­eks Anti-Gre­s­ham setzt fle­xi­ble Wech­sel­kur­se ohne gemein­sa­me Rech­nungs­ein­heit vor­aus. Sta­b­le­co­ins sind jedoch durch US-Tre­asu­ries gedeckt und auf den Dol­lar als Rech­nungs­ein­heit bezo­gen – damit herr­schen fak­tisch fes­te Wech­sel­kur­se. Das vor­geb­li­che Wett­be­werbs­sys­tem ist in Wirk­lich­keit ein Fix­kurs­sys­tem unter pri­va­ter Ver­wal­tung. Die his­to­ri­sche Par­al­le­le zur Free-Ban­king-Ära der USA (1830er bis 1860er Jah­re), in der pri­vat emit­tier­te Bank­no­ten zu erheb­li­cher mone­tä­rer Frag­men­tie­rung und Kri­sen­an­fäl­lig­keit führ­ten, liegt auf der Hand.

Der eigent­li­che stra­te­gi­sche Vor­teil liegt daher nicht in Wäh­rungs­wett­be­werb, son­dern in der tech­no­lo­gi­schen Infra­struk­tur­kon­trol­le: Sta­b­le­co­ins ver­län­gern die Dol­lar-Hege­mo­nie in digi­ta­le Zah­lungs­sys­te­me hin­ein, wäh­rend sie der Fed im Gegen­zug Seig­ni­o­ra­ge und geld­po­li­ti­sche Steue­rungs­spiel­räu­me ent­zie­hen. Das ist kein Wider­spruch, son­dern ein polit­öko­no­mi­sches Kalkül.

Preu­ßen 1750 und die Fra­ge der poli­ti­schen Macht

Die his­to­risch viel­leicht erhel­lends­te Ana­lo­gie im Paper betrifft Fried­richs II. Münz­re­form von 1750 bis 1755. Johann Phil­ipp Grau­mann soll­te durch die Ein­füh­rung des Reichs­ta­lers die mone­tä­re Zer­split­te­rung im Hei­li­gen Römi­schen Reich über­win­den. Das Pro­jekt schei­ter­te – nicht an sei­ner tech­ni­schen Kon­zep­ti­on, son­dern an feh­len­der poli­ti­scher Macht. Eine Wäh­rung braucht poli­ti­sche Ein­heit als Vor­aus­set­zung, nicht als Ergeb­nis. Johann Hein­rich Gott­lob Jus­ti warn­te damals schon vor dem, was heu­te als fis­ka­li­sche Domi­nanz bezeich­net wird: der Gefahr, dass Geld­po­li­tik zum Instru­ment staat­li­cher Finanz­in­ter­es­sen wird.

Die­se Kon­stel­la­ti­on ist für den digi­ta­len Euro unmit­tel­bar rele­vant. Die EZB kann noch so über­zeu­gen­de insti­tu­tio­nel­le Argu­men­te für ihren Ansatz for­mu­lie­ren – ohne aus­rei­chen­de poli­ti­sche Unter­stüt­zung der Mit­glied­staa­ten bleibt die Imple­men­tie­rung ein Pro­jekt im War­te­stand. Die poli­ti­sche Frag­men­tie­rung der EU ist nicht zuletzt des­halb ein ernst­haf­tes Imple­men­tie­rungs­ri­si­ko, weil der digi­ta­le Euro auf genau jene poli­ti­sche Kohä­si­on ange­wie­sen ist, die das Hei­li­ge Römi­sche Reich sei­ner­zeit nicht auf­brin­gen konnte.

Struk­tu­rel­le Risi­ken bei­der Pfade

Grei­tens benennt die Risi­ken der diver­gie­ren­den Stra­te­gien ohne nor­ma­ti­ve Prä­fe­renz. Der ame­ri­ka­ni­sche Sta­b­le­co­in-Pfad lei­det an feh­len­der Elas­ti­zi­tät: Da Sta­b­le­co­ins voll­stän­dig durch Tre­asu­ries gedeckt sein müs­sen, kön­nen sie in Kri­sen­zei­ten kei­ne kre­dit­schöp­fen­de Funk­ti­on über­neh­men. Das Poten­zi­al für Liqui­di­täts­eng­päs­se und pro­zy­kli­sche Wir­kun­gen ist struk­tu­rell ange­legt. Zudem ist die Sta­bi­li­tät der Deckungs­an­for­de­run­gen poli­tisch varia­bel – Kri­sen erzeu­gen regel­mä­ßig Druck zur Lockerung.

Der euro­päi­sche Pfad lei­det an einem ande­ren Risi­ko: Insti­tu­tio­nel­ler Kon­ser­va­ti­vis­mus kann inno­va­ti­ven Pri­vat­ak­teu­ren das Feld über­las­sen, bevor der öffent­li­che Anker wirk­sam ver­an­kert ist. Wer zu spät kommt, den bestraft die Netz­wer­k­öko­no­mie – Zah­lungs­in­fra­struk­tu­ren unter­lie­gen star­ken Lock-in-Effek­ten. Ein digi­ta­ler Euro, der zehn Jah­re nach der brei­ten Adop­ti­on pri­va­ter Lösun­gen kommt, kommt zu spät.

Drei Bedin­gun­gen, kei­ne Garantien

Grei­tens bün­delt sei­ne Ana­ly­se in drei Erfolgs­be­din­gun­gen für den digi­ta­len Euro: poli­ti­scher Kon­sens als Vor­aus­set­zung, nicht als Resul­tat; insti­tu­tio­nel­le Balan­ce zwi­schen Sta­bi­li­täts­ori­en­tie­rung und kre­dit­wirt­schaft­li­cher Elas­ti­zi­tät; und Glaub­wür­dig­keit der Zen­tral­bank, die auf Preis­sta­bi­li­tät fokus­siert bleibt und sich fis­ka­li­schen Inter­es­sen ent­zieht. Alle drei Bedin­gun­gen sind not­wen­dig, kei­ne hin­rei­chend. Dass das Paper damit kei­ne Erfolgs­ga­ran­tie aus­stellt, son­dern struk­tu­rel­le Anfor­de­run­gen benennt, ent­spricht dem ana­ly­ti­schen Cha­rak­ter einer his­to­risch-insti­tu­tio­nel­len Per­spek­ti­ve – und ihrem erkennt­nis­theo­re­tisch beschei­de­nen Anspruch.

Ralf Keu­per


Grei­tens, Jan: „The Euro as a Mone­ta­ry Anchor in the Digi­tal Age: Com­pa­ring the Digi­tal Euro with US Sta­b­le­co­ins from a His­to­ri­cal Per­spec­ti­ve.” IBF Paper Series 02–26, April 2026.