Vor weni­gen Tagen berich­te­te Finanz-Sze­ne, dass die genos­sen­schaft­li­che Finanz­Grup­pe ihre Zustän­dig­kei­ten im Zah­lungs­ver­kehr radi­kal umbau­en will: Die VR Pay­ment soll zer­schla­gen, Atru­via zum „Kar­ten-Power­house” des Ver­bun­des wer­den. Intern soll das Vor­ha­ben unter dem Namen „Pro­jekt Dra­gon” lau­fen. Bestä­tigt ist das nicht. Aber die Fra­ge, ob ein sol­ches Vor­ha­ben sinn­voll umsetz­bar wäre, lässt sich unab­hän­gig vom Bestä­ti­gungs­stand struk­tu­rell prüfen.

Das Ergeb­nis ist ernüchternd—auf meh­re­ren Ebe­nen. Dra­gon schei­tert an der insti­tu­tio­nel­len DNA von Atru­via, die für Sta­bi­li­tät und Ver­bund­kon­sens gebaut ist, nicht für die Markt­lo­gik eines Zwei-Sei­ten-Markts. Es läuft par­al­lel zu Wero, dem euro­päi­schen Zah­lungs­in­itia­tiv­pro­jekt, mit dem es in einem kaum auf­lös­ba­ren stra­te­gi­schen Wider­spruch steht. Und das ein­zi­ge Gegen­mo­dell, das zeigt, wie eine Volks­bank im Pay­ment ernst­haft reüs­sie­ren kann—die Pay­ment Group der Gestalterbank—beweist zugleich, dass auch die­ser Weg an insti­tu­tio­nel­le Gren­zen stößt. Das Pay­ment-Pro­blem des Geno-Ver­bunds ist tie­fer als jede Reor­ga­ni­sa­ti­on reicht.


Atru­via ist nicht das fal­sche Unternehmen—es ist das fal­sche insti­tu­tio­nel­le Modell

Wer Atru­via als künf­ti­ges Kar­ten-Power­house bewer­tet, muss zunächst ver­ste­hen, was Atru­via ist. Der Digi­ta­li­sie­rungs­part­ner der genos­sen­schaft­li­chen Finanz­Grup­pe betreibt das Kern­bank­sys­tem agree21 für über 700 Volks­ban­ken und Raiff­ei­sen­ban­ken, ver­wal­tet rund 89 Mil­lio­nen Bank­kon­ten und ver­ar­bei­tet jähr­lich mehr als 80 Mil­li­ar­den Trans­ak­tio­nen auf acht IBM z15-Sys­te­men. Das ist eine außer­ge­wöhn­li­che ope­ra­ti­ve Leistung—aber sie beschreibt genau das insti­tu­tio­nel­le Modell, das Pay­ment-Wett­be­werbs­fä­hig­keit ver­hin­dert, nicht ermöglicht.

Atru­via ope­riert nach der Logik des Kon­di­tio­nal­pro­gramms: Sta­bi­li­tät, Stan­dar­di­sie­rung, Regel­kon­for­mi­tät. Die über 700 Ban­ken sind Man­dan­ten, die über Ver­bund­gre­mi­en Ein­fluss auf Pro­dukt­ent­schei­dun­gen neh­men. Inves­ti­tio­nen wer­den über Umla­gen finan­ziert. Die Finanz­stra­te­gie zielt auf eine Betriebs­er­geb­nis­mar­ge von 4 Pro­zent des Umsatzes—was für einen IT-Dienst­leis­ter in einem sta­bi­len Regu­lie­rungs­um­feld ver­nünf­tig ist, für einen Pay­ment-Wett­be­wer­ber aber struk­tu­rell unzu­rei­chend wäre. Agi­li­tät und Ver­bund­kon­sens schlie­ßen sich nicht logisch aus, aber sie ste­hen in einem per­ma­nen­ten Span­nungs­ver­hält­nis, das Atru­via in sei­ner bis­he­ri­gen Geschich­te kon­se­quent zuguns­ten des Kon­sen­ses auf­ge­löst hat.

Pay­ment dage­gen ver­langt Zweck­pro­gramm-Logik: Markt­ge­schwin­dig­keit, Händ­ler­ori­en­tie­rung, Risi­ko­be­reit­schaft, die Fähig­keit, schnell in Zwei-Sei­ten-Märk­ten Mas­se auf­zu­bau­en. Stri­pe, Ady­en, PayPal—keines die­ser Unter­neh­men wur­de durch Ver­bund­kon­sens groß. Kei­nes hat 700 Man­dan­ten, die über Gre­mi­en abstim­men, wel­che Kar­ten­pro­duk­te das Unter­neh­men anbie­ten darf. Das ist kein Kom­pe­tenz­pro­blem, das sich durch Per­so­nal­ent­schei­dun­gen oder Reor­ga­ni­sa­ti­ons­maß­nah­men lösen lässt. Es ist ein insti­tu­tio­nel­ler Wider­spruch, der tie­fer liegt als jede Strategie.

Die Spar­kas­sen als Pseudoblaupause

In der Logik, die Dra­gon zugrun­de zu lie­gen scheint, gel­ten die Spar­kas­sen als struk­tu­rel­les Vor­bild: S‑Payment als Pay­ment-Kom­pe­tenz­cen­ter, Qards als neu­es Pro­ces­sing-Schwer­ge­wicht aus der Fusi­on von Bay­ern Card Ser­vices und Plus­card. Die Dia­gno­se lau­tet: Der Geno-Ver­bund hat kein Äqui­va­lent dazu—also muss eines gebaut werden.

Die Dia­gno­se ist rich­tig. Aber das Vor­bild trägt nicht. Denn auch die Spar­kas­sen kön­nen es struk­tu­rell nicht. Pay­di­rekt war ein gemein­sa­mes Pro­jekt bei­der Verbünde—und ist nach fast zehn Jah­ren und hun­der­ten Mil­lio­nen Euro Ver­lust Ende 2024 ein­ge­stellt wor­den. Wero, der euro­päi­sche Nach­fol­ger, erreicht in Deutsch­land gera­de ein­mal 4 Pro­zent Nut­zungs­an­teil im P2P-Zah­lungs­ver­kehr, wäh­rend Pay­Pal bei 56 Pro­zent l…