Carl Icahn gilt als Erfin­der des moder­nen Akti­vis­ten­in­ves­tors – ein Mann, der mit phi­lo­so­phi­schem Scharf­sinn, kom­pro­miss­lo­ser Metho­dik und insti­tu­tio­nel­ler Rück­sichts­lo­sig­keit das ame­ri­ka­ni­sche Cor­po­ra­te-Gover­nan­ce-Sys­tem auf­ge­bro­chen hat. Mark Ste­vens’ Bio­gra­fie zeich­net nach, wie aus einem Außen­sei­ter aus Queens einer der gefürch­tets­ten Finanz­ak­teu­re der Wall Street wur­de. Was das Buch dabei indi­rekt doku­men­tiert, ist min­des­tens so auf­schluss­reich wie das Por­trät selbst: eine Epo­che struk­tu­rel­ler Dys­funk­ti­on, in der Icahns Angriffs­stra­te­gie nicht trotz, son­dern wegen des Sys­tems funk­tio­nier­te. Drei­ßig Jah­re nach Erschei­nen des Buches lässt sich die Fra­ge stel­len, was aus Icahn, sei­ner Metho­de und sei­nem Erbe gewor­den ist – und die Ant­wort ist verblüffend.


Mark Ste­vens’ Bio­gra­fie Carl Icahns, erst­mals 1993 erschie­nen und auf Deutsch unter dem Titel King Icahn zugäng­lich, ist kein gewöhn­li­ches Unter­neh­mens­por­trät. Sie ist, bei aller bio­gra­phi­schen Anla­ge, ein Doku­ment über die insti­tu­tio­nel­le Patho­lo­gie des ame­ri­ka­ni­schen Kapi­ta­lis­mus der 1970er und 1980er Jah­re – und gewinnt gera­de des­halb eine Rele­vanz, die weit über das Por­trät einer his­to­ri­schen Figur hinausreicht.

Die Prince­ton-Dis­ser­ta­ti­on als Schlüssel

Das ana­ly­tisch stärks­te Kapi­tel des Buches ist nicht das über TWA oder Texa­co, son­dern jenes über Icahns Stu­di­en­jah­re in Prince­ton. Ste­vens zeigt, wie aus einer phi­lo­so­phi­schen Arbeit über das empi­ri­sche Sinn­kri­te­ri­um – dem Ver­such, Bedeu­tungs­vol­les von Bedeu­tungs­lo­sem metho­disch zu tren­nen – eine Lebens­hal­tung ent­stand, die Icahn auf Unter­neh­mens­be­ur­tei­lun­gen über­trug: die Fähig­keit, hin­ter kom­mu­ni­ka­ti­ver Ober­flä­che den rea­len Sub­stanz­wert zu erken­nen. Icahn selbst for­mu­liert es so: der Empi­ris­mus habe ihn gelehrt, in allem die Stra­te­gie zu sehen, die Tei­le logisch zusam­men­zu­fü­gen. Was Prince­ton ihm gab, war kein Bran­chen­wis­sen, son­dern ein epis­te­mi­sches Werk­zeug – und das erwies sich als schlag­kräf­ti­ger als jede betriebs­wirt­schaft­li­che Ausbildung.

Die­se Ver­bin­dung ist mehr als bio­gra­phi­sche Anek­do­te. Sie erklärt, war­um Icahns Metho­de eine gewis­se intel­lek­tu­el­le Kohä­renz besaß, die rei­ne Finanz­akro­ba­tik nicht hat­te. Er iden­ti­fi­zier­te nicht Unter­neh­men mit güns­ti­gen Kenn­zah­len – er iden­ti­fi­zier­te insti­tu­tio­nel­le Fehl­funk­tio­nen: Mana­ger, die Unter­neh­men als per­sön­li­ches Ter­ri­to­ri­um behan­del­ten, Boards, die als Schutz­ko­ope­ra­ti­ve der Geschäfts­lei­tung fun­gier­ten, Aktio­nä­re, die aus Träg­heit oder Infor­ma­ti­ons­man­gel struk­tu­rel­le Unter­be­wer­tung tolerierten.

Das Icahn-Mani­fest: Eine insti­tu­tio­nel­le Angriffsstrategie

Ste­vens rekon­stru­iert das soge­nann­te Icahn-Mani­fest, das Icahn und sein Part­ner King­s­ley poten­zi­el­len Inves­to­ren vor­leg­ten, prä­zi­se und ohne Beschö­ni­gung. Der Text ist in sei­ner Nüch­tern­heit bemer­kens­wert: Er beschreibt nicht die Sanie­rung von Unter­neh­men als Ziel, son­dern die Nut­zung einer Markt­an­oma­lie – die Dis­kre­panz zwi­schen dem Liqui­da­ti­ons­wert ame­ri­ka­ni­scher Unter­neh­men und ihrem Bör­sen­kurs – als Gewinn­mög­lich­keit. Das Manage­ment der Ziel­un­ter­neh­men, so das Mani­fest, hüte sei­ne Vor­rech­te hin­ter insti­tu­tio­nel­len Mau­ern, die zwar durch­läs­sig, aber sym­bo­lisch wirk­sam sei­en. Die­se Schwä­che ließ sich instrumentalisieren.

Das ope­ra­ti­ve Mus­ter war sim­pel und effi­zi­ent: Gro­ßen Akti­en­pa­ket in unter­be­wer­te­ten Unter­neh­men kau­fen, Proxy-…