Es gibt Ban­kiers, die ihren Ein­fluss durch Sicht­bar­keit sichern: Reden, Inter­views, den gepfleg­ten Auf­tritt auf Kon­fe­ren­zen. Und es gibt Enri­co Cuc­cia. Jahr­zehn­te­lang war er die mäch­tigs­te Ein­zel­per­son im ita­lie­ni­schen Kapitalismus—und zugleich bei­na­he voll­stän­dig unsicht­bar. Kei­ne öffent­li­chen Reden, kaum Fotos, kei­ne Inter­views von Sub­stanz. Was blieb, war das Werk: ein Geflecht aus Betei­li­gun­gen, Loya­li­tä­ten und stil­len Ver­ein­ba­run­gen, das die Mai­län­der via Filod­ram­ma­ti­ci zu einer der ein­fluss­reichs­ten Adres­sen der euro­päi­schen Nach­kriegs­wirt­schaft machte.

Die Fra­ge, die sich stellt, ist nicht die nach dem Cha­ris­ma des Man­nes. Sie ist die struk­tu­rel­le: Wie konn­te eine ein­zel­ne Per­son, in einem Land mit chro­nisch insta­bi­len Insti­tu­tio­nen, über fünf Jahr­zehn­te ein Sys­tem pri­va­ter Kapi­tal­kon­trol­le auf­recht­erhal­ten, das de fac­to sta­bi­ler war als jede Regie­rung der Republik?


Her­kunft und insti­tu­tio­nel­le Prägung

Cuc­cia wur­de 1907 in Rom gebo­ren, ent­stamm­te aber einer sizi­lia­ni­schen Familie—ein Detail, das sei­ne Bio­gra­phen gele­gent­lich mit Ver­weis auf die beson­de­re Loya­li­täts- und Dis­krethions­kul­tur des Südens kom­men­tie­ren. Ent­schei­den­der für sei­ne spä­te­re Funk­ti­on war jedoch eine insti­tu­tio­nel­le Ver­bin­dung: Er hei­ra­te­te Idan­na Bene­du­ce, Toch­ter von Alber­to Bene­du­ce, dem Archi­tek­ten des ita­lia­no-faschis­ti­schen Staats­ka­pi­ta­lis­mus der 1930er Jah­re. Bene­du­ce hat­te das IRI (Isti­tu­to per la Ricos­tru­zi­o­ne Indus­tria­le) gegrün­det und damit jenen staat­lich-kor­po­ra­tis­ti­schen Rah­men geschaf­fen, inner­halb des­sen sich der gesam­te ita­lie­ni­sche Kapi­ta­lis­mus der Nach­kriegs­zeit bewe­gen sollte.

Die­se Ver­bin­dung ist kei­ne bio­gra­phi­sche Mar­gi­na­lie. Sie erklärt den insti­tu­tio­nel­len Habi­tus, den Cuc­cia zeit­le­bens ver­kör­per­te: die Über­zeu­gung, dass wirt­schaft­li­che Macht durch struk­tu­rel­le Kontrolle—nicht durch Eigen­tum allein—ausgeübt wird, und dass sta­bi­le Insti­tu­tio­nen die Vor­aus­set­zung für jeden nach­hal­ti­gen Kapi­ta­lis­mus sind. Bour­dieu wür­de von einem Feld spre­chen, in dem Cuc­cia von Beginn an über aus­rei­chend öko­no­mi­sches, sozia­les und kul­tu­rel­les Kapi­tal ver­füg­te, um als Feld­kon­struk­teur auf­zu­tre­ten, nicht nur als Mitspieler.

Sei­ne frü­he Kar­rie­re führ­te ihn über die Ban­ca d’I­ta­lia und die Comit (Ban­ca Com­mer­cia­le Ita­lia­na) direkt zur Grün­dung der Mediobanca—einem Akt, der sich im Rück­blick wie eine insti­tu­tio­nel­le Selbst­schöp­fung liest.

Die Grün­dung der Medio­ban­ca 1946

Das Jahr 1946 ist für die Insti­tu­tio­nen­ge­schich­te Ita­li­ens kein zufäl­li­ges Datum. Das Land befand sich in einer Pha­se der radi­ka­len insti­tu­tio­nel­len Rekon­fi­gu­ra­ti­on: Der Faschis­mus war geschei­tert, das IRI-Sys­tem bestand fort, die gro­ßen Staats­ban­ken such­ten nach neu­en Koor­di­na­ti­ons­me­cha­nis­men. In die­sem Zwi­schen­raum grün­de­te Cuc­cia die Medio­ban­ca als Toch­ter­in­sti­tut der drei staat­li­chen Großbanken—Comit, Cre­di­to Ita­lia­no und Ban­co di Roma.

Das Para­dox war von Anfang an ein­ge­baut: eine tech­nisch staats­na­he Bank, die zum Instru­ment pri­va­ter Kapi­tal­steue­rung wur­de. Cuc­cia erkann­te, dass die­ser insti­tu­tio­nel­le Zwit­ter eine ein­zig­ar­ti­ge Macht­po­si­ti­on begrün­den konn­te: Der Staats­cha­rak­ter schütz­te vor feind­li­chen Über­nah­men und poli­ti­scher Will­kür, wäh­rend das ope­ra­ti­ve Man­dat auf die Pri­vat­wirt­schaft aus­ge­rich­tet war. Er nutz­te die­sen Spiel­raum mit einer Kon­se­quenz, die sei­nen Nach­fol­gern nie gelang.

„Le azio­ni si pes­a­no, non si contano”

Cuc­ci­as berühm­tes­ter Satz—Aktien wer­den gewo­gen, nicht gezählt—ist mehr als ein Bon­mot. Er for­mu­liert eine voll­stän­di­ge Theo­rie der Unter­neh­mens­kon­trol­le, die sich fun­da­men­tal vom angel­säch­si­schen Kapi­tal­markt­mo­dell unterscheidet.

Im angel­säch­si­schen Modell zäh­len Akti­en: Ein-Aktie-eine-Stim­me, Mehr­heit ent­schei­det, der Markt bewer­tet kon­ti­nu­ier­lich. Cuc­ci­as Modell dage­gen setzt auf das Gewicht ver­läss­li­cher Kern­ak­tio­nä­re, die nicht verkaufen—auch nicht, wenn der Kurs fällt, auch nicht, wenn ein feind­li­cher Bie­ter kommt. Die Sta­bi­li­tät der Eigen­tü­mer­struk­tur ist der pri­mä­re Wert. Der Bör­sen­preis ist eine Neben­be­din­gung, kei­ne Steuerungsgröße.

Die­ses Prin­zip hat­te eine kon­kre­te insti­tu­tio­nel­le Ent­spre­chung: das Sys­tem der pat­ti di sindaca­to, der Aktio­närs­syn­di­ka­te, die Cuc­cia für die gro­ßen ita­lie­ni­schen Unter­neh­men kon­stru­ier­te. Fiat, Pirel­li, RAS, Gene­ra­li, Montedison—überall web­te die Medio­ban­ca stil­le Sta­bi­li­täts­pak­te, die dafür sorg­ten, dass die jeweils kon­trol­lie­ren­den Fami­li­en und Insti­tu­tio­nen nicht durch den anony­men Kapi­tal­markt ver­drängt wer­den konn­ten. Der salot­to buo­no—der gute Salon—war das sozio­lo­gi­sche Kor­re­lat die­ser Struk­tur: ein exklu­si­ver Kreis von Indus­tri­el­len und Ban­kiers, der sich regel­mä­ßig traf und des­sen impli­zi­te Koor­di­na­ti­on expli­zi­te Ver­trä­ge ersetzte.

Das Sys­tem und sei­ne struk­tu­rel­len Leistungen

Es wäre ana­ly­tisch unred­lich, Cuc­ci­as Kon­strukt nur als Olig­ar­chen­me­cha­nis­mus zu beschrei­ben. Das Sys­tem erbrach­te rea­le insti­tu­tio­nel­le Leis­tun­gen, die im Licht der jewei­li­gen Alter­na­ti­ven bewer­tet wer­den müssen.

In den 1950er und 1960er Jah­ren, wäh­rend des mira­co­lo eco­no­mico, schütz­te die Medio­ban­ca-Archi­tek­tur die ent­ste­hen­den indus­tri­el­len Cham­pi­ons vor einer Frag­men­tie­rung durch disper­ses Aktio­na­ri­at und vor Über­nah­men durch angel­säch­si­sche Finanz­in­ves­to­ren, die an der Sub­stanz und nicht an der Ent­wick­lung der Unter­neh­men inter­es­siert gewe­sen wären. Alfred Chand­ler hät­te hier von orga­ni­sa­to­ri­schen Fähig­kei­ten gespro­chen, die nur unter dem Schutz sta­bi­ler Eigen­tü­mer­struk­tu­ren akku­mu­liert wer­den kön­nen. Die Fiat-Fami­lie Agnel­li, die Pirel­li-Dynas­tien, die Ver­si­che­rungs­kon­glo­me­ra­te um Generali—sie alle pro­fi­tier­ten von einem Sys­tem, das ihre Hand­lungs­fä­hig­keit sicherte.

Cuc­cia selbst sah sich nicht als Mäzen oder Strip­pen­zie­her, sondern—nach außen zumindest—als treu­er Dienst­leis­ter sei­ner Kli­en­ten. Hier liegt ein klas­si­sches Bei­spiel der PR-Sche­re: Die Selbst­be­schrei­bung als stil­ler Bera­ter und die ope­ra­ti­ve Rea­li­tät als Archi­tekt des gesam­ten Sys­tems klaff­ten erheb­lich aus­ein­an­der. Wer ent­schei­det, wel­che Aktio­närs­syn­di­ka­te gebil­det wer­den, wel­che Über­nah­men blo­ckiert und wel­che Alli­an­zen gestif­tet wer­den, ist kein Dienst­leis­ter. Er ist der eigent­li­che Sou­ve­rän des Systems.

Die struk­tu­rel­len Kosten

Das, was Cuc­ci­as Archi­tek­tur leis­te­te, ist nicht ohne das zu den­ken, was sie ver­hin­der­te. Jede insti­tu­tio­nel­le Sta­bi­li­täts­kon­struk­ti­on hat ihren Preis—und die­ser Preis wur­de dem ita­lie­ni­schen Kapi­ta­lis­mus lang­fris­tig in Rech­nung gestellt.

Ers­tens: die Abschot­tung gegen­über Markt­dis­zi­plin. Unter­neh­men, die durch pat­ti di sindaca­to gegen Über­nah­men geschützt sind, kön­nen sich Inef­fi­zi­en­zen leis­ten, die im Wett­be­werb nicht bestehen wür­den. Mon­tedi­son ist das bekann­tes­te Bei­spiel: jah­re­lang durch Cuc­ci­as Kon­strukt am Leben gehal­ten, bis die struk­tu­rel­len Pro­ble­me nicht mehr zu kaschie­ren waren.

Zwei­tens: die Inno­va­ti­ons­hem­mung durch Kapi­tal­kon­zen­tra­ti­on. Das Kapi­tal, das in den Betei­li­gungs­ge­flech­ten der Medio­ban­ca gebun­den war, stand für neue Indus­trien und neue Markt­teil­neh­mer nicht zur Ver­fü­gung. Der Risi­ko­ka­pi­tal­markt blieb in Ita­li­en chro­nisch unterentwickelt—ein Struk­tur­de­fi­zit, das bis heu­te nachwirkt.

Drit­tens: die insti­tu­tio­nel­le Per­so­na­li­sie­rung. Ein Sys­tem, das so stark auf das impli­zi­te Wis­sen und die per­sön­li­chen Netz­wer­ke einer ein­zel­nen Per­son auf­baut, trägt den Keim sei­ner eige­nen Auf­lö­sung in sich. Cuc­cia war ersetz­bar durch nie­man­den, weil das Sys­tem nicht auf Insti­tu­tio­nen, son­dern auf sei­nem Urteils­ver­mö­gen beruh­te. Das ist das struk­tu­rel­le Gegen­teil eines nach­hal­ti­gen insti­tu­tio­nel­len Designs.

Das Ende einer Ära

Tangentopoli—die Schmier­geld­af­fä­ren, die 1992 das gesam­te poli­tisch-indus­tri­el­le Estab­lish­ment Ita­li­ens erschütterten—trafen auch die Welt des salot­to buo­no. Nicht weil Cuc­cia per­sön­lich invol­viert war: Er blieb weit­ge­hend unbe­rührt. Son­dern weil Tan­gen­to­po­li die sys­te­mi­sche Abhän­gig­keit der alten Struk­tu­ren von opa­ker Koor­di­na­ti­on ent­hüll­te. Was als dis­kre­te Effi­zi­enz erschie­nen war, zeig­te sich nun als insti­tu­tio­nel­le Abschot­tung gegen­über demo­kra­ti­scher Kontrolle.

Gleich­zei­tig ver­än­der­te die euro­päi­sche Inte­gra­ti­on und die Glo­ba­li­sie­rung der Kapi­tal­märk­te die Rah­men­be­din­gun­gen fun­da­men­tal. Das angel­säch­si­sche Modell—mit sei­nen feind­li­chen Über­nah­men, sei­nen akti­vis­ti­schen Aktio­nä­ren, sei­nem shareholder-value-Primat—drang in alle kon­ti­nen­tal­eu­ro­päi­schen Märk­te vor. Cuc­ci­as Sys­tem war auf natio­na­le Abschot­tung ange­wie­sen; in einem inte­grier­ten euro­päi­schen Kapi­tal­markt ver­lor es schritt­wei­se sei­ne ope­ra­ti­ven Grundlagen.

Cuc­cia starb im Juni 2000, im Alter von 92 Jah­ren. Die Medio­ban­ca über­leb­te ihn, ver­än­der­te sich aber struk­tu­rell: Sie wur­de zu einer nor­ma­len, wenn auch bedeu­ten­den Investmentbank—nicht mehr zur Schalt­zen­tra­le eines Bezie­hungs­netz­werks, das die gesam­te Indus­trie­struk­tur eines Lan­des koordinierte.

His­to­ri­sche Einordnung

Was bleibt von Cuc­cia als his­to­ri­scher Figur, jen­seits des Hagio­gra­phi­schen und des Skandalösen?

Struk­tu­rell war er eine Extrem­aus­prä­gung des Typus, den Hil­fer­ding in sei­nem Finanz­ka­pi­tal (1910) beschrie­ben hat­te: der Ban­kier als Koor­di­na­tor indus­tri­el­len Kapi­tals, der durch die Kon­trol­le des Kre­dits und der Betei­li­gun­gen zu einem Kno­ten im Netz der Wirt­schaft wird. Die­ser Typ hat­te in Deutsch­land sei­nen Reprä­sen­tan­ten in Her­mann Josef Abs, in Frank­reich in den Rot­schild-Ban­kiers, in Schwe­den in den Wallenbergs—aber nir­gend­wo sonst in Euro­pa war die Kon­zen­tra­ti­on die­ser Funk­ti­on auf eine ein­zel­ne Per­son und eine ein­zel­ne Insti­tu­ti­on so aus­ge­prägt wie in Cuc­ci­as Mediobanca.

Die theo­re­ti­sche Fra­ge, die sein Fall auf­wirft, ist die nach dem Ver­hält­nis von Insti­tu­tio­na­li­sie­rung und Per­so­na­li­sie­rung. Cuc­ci­as Werk war rea­ler Institutionenbau—er schuf Eigen­tü­mer­struk­tu­ren, Gre­mi­en, Sat­zun­gen, Syn­di­ka­te. Aber die Logik die­ses Insti­tu­tio­nen­baus war nicht die Weber­scher Büro­kra­tie, also die Ent­per­so­na­li­sie­rung von Herr­schaft durch Regeln, son­dern die Kon­zen­tra­ti­on von Urteils­kom­pe­tenz in einer ein­zi­gen Per­son, die durch kein for­ma­les Regel­werk kon­trol­lier­bar war.

Das macht ihn zu einer Figur von zeit­lo­ser ana­ly­ti­scher Relevanz—nicht als Vor­bild, son­dern als Grenz­fall: als Beweis dafür, dass insti­tu­tio­nel­le Macht unter bestimm­ten his­to­ri­schen Bedin­gun­gen nicht durch Insti­tu­tio­nen, son­dern durch das per­so­na­le Ver­trau­en in einen ein­zel­nen Akteur sta­bi­li­siert wer­den kann. Und als Beweis dafür, dass die­se Form der Sta­bi­li­sie­rung not­wen­dig mit dem Akteur endet.

Ralf Keu­per