Déjà-vu: Konkurrenz durch Non- und Near-Banks (Retrospektive) #2

Von Ralf Keuper

Ein Blick in die (jüngere) Vergangenheit fördert auch im Banking nicht selten Hinweise zu Tage, die der aktuellen Entwicklung ein wenig von ihrer Dramatik nehmen, wie schon in den Beiträgen Déjà-vu: Konkurrenz durch Non- und Near-Banks (Retrospektive) #1 und New Banking – Ein Blick zurück in die Zeit um die Jahrtausendwende auf diesem Blog.

Zwei Artikel aus den Jahren 1996 und 1997 halte ich in dem Zusammenhang für bemerkenswert. Zum einen Breakthrough Banking: The Technology Is Here, the Revolution Has Begun und zum anderen The Internet and Retail Banking.

Hinweis: Es geht mir ausdrücklich nicht darum, aus der sicheren zeitlichen Distanz die Einschätzungen und Annahmen jener Zeit zu kritisieren, zumal die Argumentation der Autoren – bezogen auf die damalige Zeit – insgesamt plausibel und in einigen Fällen noch immer weitsichtig ist.

Allerdings lassen sich daraus Einsichten gewinnen, die uns bei der Bewertung der Gegenwart und der nahen Zukunft im Banking von Nutzen sein können.

Der erste Beitrag geht auf die wachsende Bedrohung der Banken in ihrer Rolle als Finanzintermediäre ein. Die Verbreitung des Internet, die sinkenden Transaktionskosten, würden, wie wir heute sagen, der Disintermediation im Banking Vorschub leisten. Die Banken würden sich dagegen hinter einem System “of products, services and proprietary networks” verschanzen.

Als neue Werttreiber (Five Sources of Value) des Bankgeschäfts werden in dem Beitrag genannt:

  • Search and Match
  • Market-Related Information
  • Processing Convenience
  • Capital
  • Knowledge

Diese Einteilung halte ich nach wie vor für brauchbar.

Die neuen Mitbewerber (Value-focused competitors) würden sich auf bestimmte Werttreiber spezialisieren und versuchen, die Banken in diesem Bereich zu übertreffen. In etwa das, was fast zur gleichen Zeit als Dekonstruktion der Kreditwertschöpfungskette (Jürgen Moormann u.a.) bekannt wurde. Viele FinTech-Startups verfolgen ein ähnliches Ziel, wie die (potenziellen) Herausforderer jener Zeit. Als Beispiele nennt der Beitrag u.a. Charles Schwab, Lazard und Reuters. Bei Reuters heben die Autoren die Kompetenz des Unternehmens in den Bereich Informationsmanagement (Data classification, “cleaning” and consistency) und Informationslogistik (Scale in global information colletion, Scale in information distribution) hervor.

Der zweite Beitrag konzentrierte sich auf das Internet-Banking und die Chancen, die sich daraus für die Banken und neue Mitbewerber ergeben.

Schon damals wurde das veränderte Kundenverhalten der nachwachsenden, technikaffinen Generation hervorgehoben. Die neue Klientel sei besser ausgebildet und verfüge über höhere Einkommen, als der Durchschnitt der Bevölkerung. Folglich winken hier besonders hohe Erträge.

Neue Technologien, wie der Einsatz von Data Mining und intelligenter Softwareagenten, würden es den Banken – lange vor “Big Data” – ermöglichen, passgenaue und personalisierte Produkte anbieten zu können.

Unter dem Schlagwort “Digitale Bank” begegnen uns heute einige der Kernaussagen aus der Zeit von vor fast zwanzig Jahren.

Was hat sich seitdem wirklich geändert? Ist diesmal alles anders?

Mit dem Web 2.0, den neuen Internetkonzernen wie Google, Amazon und facebook, der Verbreitung sozialer Innovationen (Collaboration, Sharing Economy, Offene Plattformen), Big Data, den mobilen Kanälen (Smartphone, Tablet-PCs, Wearables), digitalen Währungen und den zahlreichen FinTech-Startups hat sich das Bild seitdem gewandelt. Das bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass sich die Annahmen von damals in den nächsten Jahren erfüllen werden.

Die Zeitschichten im Banking sind z.T. sehr unterschiedlich, was ihre Wandlungsfähigkeit betrifft. Ein Punkt, den man nicht über-, aber auch nicht unterschätzen sollte. Ein Stilwandel vollzieht sich für gewöhnlich langsam, Stilbrüche sind die Ausnahme. Stilmischungen, Übergangsstile sind dagegen häufiger.

Das könnte jedenfalls eine nicht ganz unwichtige Erkenntnis sein.

Es kommt auf das richtige Timing an.

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