Seit 1590 steht der Name Berenberg für hanseatische Diskretion und kaufmännisches Augenmaß. Dann kam 2010—und mit ihm ein stiller Eigentümerwechsel, der die Bank in eine andere Liga katapultierte: Investmentbanking, internationale Expansion, Rocket Internet. Der Überschuss kletterte, die Ambitionen wuchsen.
Am 19. Juni 2026 zog die BaFin die Notbremse. Die gesamte Geschäftsleitung—suspendiert. Mit sofortiger Wirkung. Ein Vorgang ohne Parallele in der deutschen Privatbankengeschichte.
Was bei der Jahresabschlussprüfung ans Licht kam, ist noch nicht vollständig bekannt. Was sich bereits jetzt ablesen lässt: Der Fall Berenberg ist mehr als eine Personalie. Er ist ein Stresstest für das Modell einer Bank, die in kurzer Zeit viel gewollt hat—und dabei möglicherweise vergessen hat, dass Integrität keine Variable ist, die man im Wachstumsdruck skalieren kann.
Von der Traditionsbank zum Investmentbankingplayer
Um den aktuellen Vorgang einzuordnen, muss man die Transformation der vergangenen fünfzehn Jahre verstehen. Berenberg war lange das, was man sich unter einer hanseatischen Privatbank vorstellt: diskret, konservativ, auf Wealth Management und die Betreuung vermögender Familien fokussiert. Das änderte sich grundlegend, als 2010 die Norddeutsche Landesbank ihren 25-Prozent-Anteil abzustoßen beschloss. Da die traditionellen Gesellschafter—Nachkommen der Gründerfamilien Berenberg und Gossler—den Anteil nicht vollständig übernehmen wollten oder konnten, handelten Hans-Walter Peters und sein damaliger Vize Hendrik Riehmer kurzerhand selbst: Über ihre Beteiligungsgesellschaft PetRie sicherten sie sich 21 Prozent der Anteile, die sie später auf 25 Prozent aufstockten.
Mit dieser Transaktion veränderte sich nicht nur die Eigentümerstruktur, sondern die strategische Orientierung des Hauses. Peters und Riehmer waren keine Erben, sondern Aufsteiger aus dem eigenen Haus—mit einer klaren Agenda. Berenberg sollte in die erste Reihe des deutschen und europäischen Investmentbankings vorstoßen. Der von Berenberg begleitete Börsengang von Rocket Internet 2014—damals der größte deutsche IPO seit sieben Jahren, mit einem Kapitalzufluss von 1,6 Milliarden Euro—war der Ritterschlag dieser Strategie. Niederlassungen in Frankfurt, London und New York folgten. Die Kooperation mit der BayernLB ab 2015 öffnete die Tür zu Finanzierungen jenseits der bis dahin geltenden 50-Millionen-Grenze. Der Jahresüberschuss stieg bis 2024 auf 81,6 Millionen Euro—eine Steigerung von 47,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Das alles war beeindruckend. Aber hinter der Wachstumskurve lagen auch Risse.
Die Schattenseiten der Transformation
Der Rocket-Internet-Börsengang, zunächst ein Meilenstein, entwickelte sich zum Reputationsschaden: Gründer Oliver Samwer nahm das Unternehmen 2020 wieder von der Börse, und eine Studie von Blättchen & Partner übte deutliche Kritik am Vorgehen Berenbergs als Konsortialführerin. Die IPO-Bilanz des Hauses wäre, so der Befund, ohne Rocket Internet deutlich besser ausgefallen.
Interner Sprengstoff zeigte sich auch anderswo. Der Sprecher der Gründerfamilie, Joachim von Berenberg, musste sein Büro räumen—im Streit mit Peters und Riehmer. Ihm folgte sein Sohn John. Was sich hinter dieser Episode verbirgt, ist öffentlich nicht vollständig rekonst…
