Der Verband deutscher Pfandbriefbanken (vdp) hat seinen Jahresbericht 2025 vorgelegt. Das Leitinterview folgt einer Logik, die so alt ist wie das Bankwesen selbst: Im Aufschwung sind die Zahlen gut, die Ausfallraten niedrig, die Kapitalausstattung stark – und genau deshalb, so die Botschaft, brauche es weniger Regulierung. Was diese Argumentation verschweigt: Niedrige Ausfallraten in Boomzeiten sind kein Beweis für strukturelle Risikoarmut, sondern ihr temporäres Verschwinden hinter steigenden Sicherheitenwerten. Die Regulierung, die der vdp abbauen will, wurde eingeführt, weil das Bankensystem diese Erfahrung bereits mehrfach gemacht hat – und jedes Mal teuer bezahlt.
Das argumentative Paradoxon: Stärke als Begründung für Entlastung
Der rhetorische Kern des Interviews ist ein Widerspruch, der unkommentiert stehenbleibt. Bergmann stellt fest, dass die Pfandbriefbanken über eine “starke Kapital- und Liquiditätsausstattung” verfügen und “resilient und leistungsstark” seien – und leitet daraus unmittelbar die Forderung nach Regulierungserleichterungen ab. Die Logik lautet: Weil wir stark sind, brauchen wir weniger Regulierung.
Das Gegenteil wäre die ehrlichere Aussage. Eine starke Kapitalausstattung belegt, dass die bestehende Regulierung funktioniert. Sie ist kein Argument für deren Rückbau, sondern für deren Beibehaltung. Wer die Wirksamkeit eines Regelwerks als Beweis für seine Überflüssigkeit präsentiert, betreibt eine argumentative Selbstaufhebung.
Basel III und der Output-Floor: Einfrieren als strategisches Ziel
Die konkreteste regulatorische Forderung betrifft das Einfrieren des Output-Floors bei 50 %. Bergmann bezeichnet dies als “einfache, sachgerechte Lösung, die das Regelwerk selbst nicht in Frage stellt.” Das ist eine Rahmungsstrategie. Der Output-Floor von 50 % war im Basel-III-Rahmenwerk als Einstiegsniveau einer Stufenregelung konzipiert, nicht als Zielwert. Ein dauerhaftes Einfrieren auf diesem Niveau bedeutet de facto die Nichtimplementierung des beschlossenen Regelwerks – während gleichzeitig behauptet wird, Basel III nicht in Frage zu stellen.
Die selektive Referenz auf die US-Deregulierung unter der Trump-Administration ist in diesem Zusammenhang bezeichnend. Tolckmitt zitiert die amerikanischen Kapitalentlastungen als Beleg für ein “positives Mindset”, das in Europa fehle. Die systemischen Risiken einer Deregulierungspolitik, die im amerikanischen Bankensystem bereits historisch mehrfach sichtbar geworden sind, werden nicht thematisiert. Ein Vergleich ohne Risikodimension ist kein Argument – es ist Referenzmarketing.
Besonders exponiert ist die Begleitbehauptung, die Wohnimmobilienfinanzierung sei ein „risikoarmes Geschäft”, das durch Basel III unverhältnismäßig belastet werde. Die historische Evidenz widerspricht dem direkt: Immobilienfinanzierung war Auslöser oder zentraler Transmissionskanal nahezu jeder großen Bankenkrise der vergangenen vier Jahrzehnte – von der nordischen Bankenkrise über Japan und Irland bis zur US-Subprime-Krise und der Hypo Real Estate. Näher liegt noch der Befund der eigenen Aufsichtsbehörde: Die BaFin hat 2022 explizit einen sektoralen Systemrisikopuffer für Wohnimmobilienkredite eingeführt, weil sich in der mehrjährigen Niedrigzinsphase systemische Verwundbarkeiten aufgebaut hatten. Der vdp und seine Aufsicht beschreiben denselben Markt mit entgegengesetzten Risikoeinschätzungen. „Risikoarm” ist dabei kein objektives Urteil, sondern ein zyklisches: Es hat Konjunktur am Ende langer Aufschwungphasen, wenn die Ausfallraten niedrig sind – weil steigende Sicherheitenwerte das latent akkumulierte Risiko überdecken. Die Regulierung, gegen die der vdp argumentiert, wurde nicht trotz dieser Risikoarmut eingeführt, sondern wegen des Wissens, dass das Segment in der Krise systemrelevant wird. Das Argument mit niedrigen Ausfallraten zu entkräften ist zirkulär – und erstaunlich geschichtsvergessen.
Green Finance: Underperformance ohne Selbstreflexion
Ein aufschlussreicher Moment des Interviews ist die Behandlung Grüner und Sozialer Pfandbriefe. Das Emissionsvolumen fiel 2025 von 7,1 auf 4,7 Milliarden Euro – ein Rückgang von rund einem Drittel. Die Erklärung lautet: Es mangle an Deckungsmassen, die die “hohen Ansprüche” nachhaltiger Pfandbriefe erfüllen.
Diese Antwort verlagert das Problem nach außen. Sie stellt nicht die Frage, warum der Bestand geeigneter Deckungsmassen trotz jahrelangem Wachstum des Pfandbriefsegments nicht substanziell zugenommen hat. Wenn Kreditportfolien sich “nur langfristig verändern”, wie Tolckmitt anmerkt, ist das kein naturgesetzlicher Zustand, sondern das Ergebnis von Investitions- und Kreditentscheidungen der Mitgliedsinstitute. Die Diagnose “fehlende Deckungsmassen” verschweigt die Folgefrage: Welche institutionellen Anreize haben bisher nicht dazu geführt, diese Deckungsmassen systematisch aufzubauen?
Im gleichen Zug wird der Rückgang der Regulierungsanforderungen bei der Nachhaltigkeitsberichterstattung als Erfolg gewertet. Beides zusammen ergibt ein kohärentes Bild: Weniger Anforderungen oben, weniger Substanz unten. Die PR-Schere zwischen der kommunizierten Nachhaltigkeitsorientierung und der operativen Wirklichkeit des Portfolioaufbaus öffnet sich.
Wohnungspolitik: Janusköpfigkeit als Strukturmerkmal
Der vdp präsentiert sich als wichtiger Partner bei der Lösung der Wohnraumkrise. Zugleich werden Forderungen formuliert, die in die entgegengesetzte Richtung wirken: Die Erhöhung der Beleihungsgrenze auf 80 % erweitert den Pfandbrief-Deckungsrahmen, erhöht aber auch die potenzielle Portfoliokonzentration in einem Markt, der nach Angaben des Verbands selbst “weiter steigende Preise” verzeichnet.
Die Kritik an der geplanten Bundeswohnungsbaugesellschaft ist nicht grundsätzlich unzutreffend – institutionelle Redundanz und bürokratische Kosten sind reale Risiken. Aber die Argumentation dient primär der Abwehr einer staatlichen Marktpräsenz, die das Kreditvolumen der Mitgliedsinstitute strukturell belasten könnte. Das gemeinnützige Anliegen und das Eigeninteresse sind hier nicht trennbar – und werden auch nicht getrennt.
Die Forderung, das “Bündnis bezahlbarer Wohnraum” mit seinen “weit mehr als 100 Maßnahmen” endlich umzusetzen, klingt staatstragend. Aber ein Katalog von über hundert Maßnahmen ist kein Programm, sondern die Summe aller Interessenpositionen der Beteiligten. Die fehlende Priorisierung ist das strukturelle Merkmal solcher Allianzen – und genau das, was ihre politische Wirkungslosigkeit erklärt.
Der “Omnibus-Optimismus” und die Simplification-Agenda
Tolckmitts Schlusspassage ist aufschlussreich. Er beschreibt die EU-Simplification-Initiativen in Brüssel als “Omnibusse, die auf Entlastung zusteuern”, und freut sich, dass einer bereits “das Bus-Depot erreicht” hat – gemeint ist die Lockerung von Offenlegungspflichten. Diese Metapher ist aufschlussreicher als beabsichtigt: Ein Omnibus, der ins Depot fährt, nimmt keine Fahrgäste mehr mit. Die Simplification, die Tolckmitt feiert, ist die Entlastung von Berichtspflichten – also die Reduktion von Transparenz gegenüber Dritten. Dass dies als Fortschritt geframt wird, ist verständlich aus Verbandsperspektive. Als Selbstbeschreibung gegenüber der Öffentlichkeit ist es eine Zumutung.
Systemische Lücke: Was fehlt
Was im gesamten Interview nicht vorkommt, ist die Frage der systemischen Risikoexternalisierung. Pfandbriefbanken profitieren strukturell von impliziten staatlichen Garantien – nicht formal, aber faktisch. Die Resilienz, auf die Bergmann verweist, ist teilweise eine regulatorisch erzwungene Resilienz. Wenn diese Resilienz als Argument für weniger Regulierung verwendet wird, fehlt die Auseinandersetzung damit, wer die Kosten des Scheiterns trägt, wenn die Resilienz nicht mehr ausreicht.
Die historische Evidenz – nicht nur in Deutschland – spricht dafür, dass Bankensysteme in Phasen nachlassender Regulierung dazu neigen, genau die Polster abzubauen, die in der nächsten Krise benötigt werden. Das ist keine Polemik gegen den vdp. Es ist die strukturelle Zumutung, die jede Regulierungspausenforderung mit sich trägt, solange sie nicht mit einer klaren Antwort auf diese Frage verbunden ist.
Fazit: Lobbydiskurs auf hohem Handwerksniveau
Das Interview dokumentiert Lobbydiskurs auf handwerklich hohem Niveau. Die Zahlen sind real: +16 % in der Immobilienfinanzierung, Pfandbriefumlauf erstmals über 300 Milliarden Euro bei Hypothekenpfandbriefen, gute bis sehr gute Ergebnisse der Mitgliedsinstitute. Diese Substanz ist nicht zu bestreiten.
Aber die Rahmungsstrategie des Interviews – Stärke als Entlastungsargument, US-Deregulierung als Orientierungsmodell, Nachhaltigkeitsrückgang als strukturelles Schicksal, Wohnraumkrise als gemeinsames Anliegen – folgt einem Muster, das systemische Selbstreflexion durch kommunikative Selbstdarstellung ersetzt. Die PR-Schere zwischen der Intensität der regulatorischen Forderungen und der Tiefe ihrer Begründung bleibt das strukturelle Merkmal dieses Textes.
Ralf Keuper
