Ein neues BIS Working Paper seziert, wie USDT, USDC und PYUSD auf Ethereum tatsächlich genutzt werden – und das Ergebnis widerspricht dem, was Regulatoren, Forscher und Marktteilnehmer in der Regel annehmen.
Wer Stablecoins als digitale Abbilder klassischer Zahlungsmittel betrachtet, liegt empirisch schief. Das zeigt BIS Working Paper No. 1359 „The anatomy of stablecoin transactions” (Juni 2026) mit einer Klarheit, die für die laufenden regulatorischen Debatten – MiCA-Implementierung, CPMI-IOSCO-Guidance, internationale Datenaustausch-Arrangements – erhebliche Konsequenzen hat.
Das Messproblem
Die Studie beginnt mit einer konzeptionellen Weichenstellung, die in der bisherigen Stablecoin-Forschung systematisch vernachlässigt wird: Die Unterscheidung zwischen Transaktion und Transfer-Event. Eine Blockchain-Transaktion ist ein atomar ausgeführtes Bündel von Operationen – sie kann mehrere Smart Contracts, mehrere Token und damit mehrere ERC-20-Transfer-Events umfassen. Ein einzelnes Transfer-Event ist dagegen lediglich die Protokollierung eines Saldowechsels: Es kann ein echtes Payment sein, aber ebenso ein technischer Zwischenschritt in einem automatisierten Swap oder ein Settlement-Vorgang innerhalb eines Lending-Protokolls.
Wer – wie ein Großteil der bisherigen Literatur – jedes Transfer-Event pauschal als „Zahlung” interpretiert, vermischt ökonomisch grundverschiedene Vorgänge. Das verzerrt nicht nur Volumenangaben und Aktivitätsmaße, sondern auch die Grundlage für Risikoeinschätzungen.
Die Datenbasis des Papiers ist entsprechend aufwendig: ein eigener Ethereum-Archivknoten, 241 Millionen Stablecoin-Transfer-Events in 141 Millionen Transaktionen, über 593 Millionen Event-Logs und mehr als 455.000 Smart Contracts – ausschließlich on-chain verifizierbare Informationen, keine proprietären Adresslabels externer Datenanbieter.
Die Komplexitätsverteilung
Das zentrale empirische Ergebnis ist ein Verteilungsphänomen mit Konsequenzen. Auf Transaktionsebene sind 68,4 Prozent „einfache Transfers” – genau ein Stablecoin-Transfer-Event, sonst keine weiteren Contract-Interaktionen. Soweit entspricht das dem intuitiven Bild. Doch auf Transfer-Ebene kehrt sich das Verhältnis um: Ru…
