Banken: Gefangen in alten Regelsystemen

Von Ralf Keuper

Ein Unternehmen, das mit einer neuen Situation konfrontiert wird, greift bei der Lagebeurteilung häufig auf vertraute Regeln zurück. Der Wirtschaftshistoriker Hans-Jörg Siegenthaler spricht in dem Zusammenhang vom “Regelvertrauen”. Der Verlust des Regelvertrauens wiederum ist laut Siegenthaler häufig dafür verantwortlich, wenn die Wirtschaft in eine Krise gerät1)Regelvertrauen, Prosperität und Krisen. Die Ungleichmäßigkeit wirtschaftlicher und sozialer Entwicklung als Ergebnis individuellen Handelns und sozialen Lernens . Es fehlt an Informationen, die eine objektive Bewertung der Lage ermöglichen und den alten Zustand der Sicherheit bzw. Vertrautheit mit den Umständen wiederherstellen.

Die Bankenbranche zählt zweifellos zu denjenigen, die von den Folgen der zunehmenden Digitalisierung in besonderer Weise betroffen sind. Neue Phänomene wie Fintech-Startups, Digitale Plattformen, Digitale Währungen, Blockchain und Digitale Ökosysteme bringen das Vertrauen in die alten Regeln ins Wanken. Die Banken sind nicht mehr die Instanz in der Wirtschaft, die über den größten und aussagekräftigsten Informationsbestand verfügt. Damit wird ihre eigentliche Rolle als Informations- und Risikoverarbeiter der Wirtschaft und damit ihr Geschäftsmodell in Frage gestellt. Im Zahlungsverkehr, einer weiteren Domäne, drohen die Banken den Anschluss zu verlieren.

Das alte Regelsystem 

In der Vergangenheit war die Filiale der Dreh- und Angelpunkt für den Kundenkontakt. Mit der Verbreitung von Geldautomaten, Kontoauszugsdruckern und SB-Terminals begann sich die Beziehung der Kunden zu ihrer Bank/Filiale zu lockern. Als dann das Internet kam, war ein direkter Kontakt (Interaktion) mit der Bank nicht mehr zwingend. Es genügte die Kontaktaufnahme über die neuen “Information Highways” (Kommunikation). Bereits in den 1960er Jahren wurde in Deutschland die erste Direktbank gegründet. In den Jahrzehnten darauf nahm deren Zahl deutlich zu. Die größte Direktbank in Deutschland, die ING, hat inzwischen über 9 Millionen Kunden.

Trotzdem: So richtig erschüttern konnten die genannten Veränderungen das Weltbild der Banken nicht. Dafür liefen die Geschäfte einfach zu gut. Echte Alternativen für die Kunden waren nicht vorhanden. Ein Wechsel war nur von einer Bank zur anderen möglich. Dann kamen die Finanzkrise und fast zeitgleich das iPhone. Die Ban…

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