Bis zu 90 Pro­zent der Skan­di­na­vi­er besit­zen eine digi­ta­le Iden­ti­tät (eID), die sie täg­lich für eine Viel­zahl von Ser­vices nut­zen. Erfah­ren Sie, wel­che neu­en Mög­lich­kei­ten sich eröff­nen, wenn Sie über das Inter­net ein Ver­trau­ens­ver­hält­nis mit Ihren Kun­den aufbauen.

Von Aron Kozak (Chief Mar­ke­ting Offi­cer at Signicat)

Im vor­an­ge­gan­ge­nen Posts die­ser Blog­rei­he  haben wir uns mit eini­gen Her­aus­for­de­run­gen bei der Rea­li­sie­rung eines voll­stän­dig digi­ta­len Mark­tes beschäf­tigt. Dar­über hin­aus konn­ten wir auf­zei­gen, wie digi­ta­le Iden­ti­tä­ten (eIDs) einen Bei­trag zur Lösung die­ser Pro­ble­me leis­ten und wel­chen Ein­fluss sie dar­auf haben, dass Ver­brau­cher Online-Ser­vices annehmen.

In Schwe­den, Nor­we­gen, Finn­land und Däne­mark sowie in ande­ren euro­päi­schen Län­dern wie Est­land dau­ert der Sie­ges­zug der digi­ta­len Iden­ti­tä­ten schon etwas län­ger an. Dadurch haben wir die ein­ma­li­ge Gele­gen­heit, genau zu unter­su­chen, wie sich die brei­te Akzep­tanz von eIDs auf Unter­neh­men und Ver­brau­cher auswirkt.

Die Hin­ter­grund­ge­schich­te

Digi­ta­le Iden­ti­tä­ten sind in Skan­di­na­vi­en nichts Neu­es. Bereits zur Jahr­tau­send­wen­de haben Län­der wie Nor­we­gen, Schwe­den und Finn­land die poten­zi­el­len Mög­lich­kei­ten von eIDs unter­sucht. Der Aus­lö­ser für die­se Bemü­hun­gen waren unter ande­rem Ände­run­gen an den EU-Richt­li­ni­en, die dar­auf abziel­ten, die digi­ta­len Iden­ti­tä­ten mit den phy­si­schen Aus­weis­do­ku­men­ten gleichzustellen.

Die­se Län­der führ­ten zwar jeweils unter­schied­li­che eID-Sys­te­me ein, aber alle hat­ten ein gemein­sa­mes Erfolgs­re­zept. Nach eini­gen Expe­ri­men­ten und dem ein oder ande­ren Fehl­start waren es die Ban­ken, die mit ihrem tech­ni­schen Know-how und dem hohen Ver­trau­en im Umgang mit per­sön­li­chen Daten den Fort­schritt vor­an­trie­ben und robus­te und siche­re eID-Sys­te­me einführten.

In der Anfangs­zeit benö­tig­ten eIDs ein phy­si­sches Authen­ti­fi­zie­rungs­mit­tel wie eine Smart­card (ent­we­der extern oder in Form einer regu­lä­ren Bank­kar­te) oder ein Token. Aber nicht nur des­we­gen, son­dern sicher­lich auch wegen der nied­ri­gen öffent­li­chen Wahr­neh­mung war die Akzep­tanz rela­tiv gering.

Erst mit der Ein­füh­rung soft­ware­ba­sier­ter Lösun­gen für die Authen­ti­fi­zie­rung via Smart­pho­ne (übli­cher­wei­se als mobi­le eID bezeich­net) stieg die Ver­brei­tung der eID rasant. Nor­we­gen mach­te 2009 den Anfang.

Digi­ta­le Iden­ti­tä­ten in Nor­we­gen heute

2018 besa­ßen zwi­schen 70 und 90 Pro­zent der Bür­ger in Nor­we­gen, Schwe­den, Däne­mark und Finn­land eine eID. Die Zahl der abge­wi­ckel­ten Trans­ak­tio­nen mit einer eID lag in Milliardenhöhe.

Durch das her­ge­stell­te Ver­trau­en, das online so immens wich­tig ist, ließ sich ein voll­stän­dig digi­ta­ler Markt für Mil­lio­nen von Men­schen in ganz Skan­di­na­vi­en rea­li­sie­ren. Mitt­ler­wei­le sind eIDs dort ein fes­ter Bestand­teil des All­tags. Sie wer­den ver­wen­det, um auf Dienst­leis­tun­gen von Ban­ken oder Behör­den zuzu­grei­fen, um sich bei Online-Ser­vices zu regis­trie­ren und anzu­mel­den oder um Ver­trä­ge und Ver­ein­ba­run­gen digi­tal zu unter­schrei­ben. Dar­über hin­aus nut­zen die Skan­di­na­vi­er ihre eID zum Regis­trie­ren bei neu­en Ser­vices, zum Authen­ti­fi­zie­ren bei Käu­fen, zum Ver­wal­ten ihrer Kran­ken­ver­si­che­rung und qua­si für alle ande­ren digi­ta­len Inter­ak­tio­nen, bei denen eine Authen­ti­fi­zie­rung not­wen­dig ist.

2018 besa­ßen zwi­schen 70 und 90 Pro­zent der Bür­ger in Nor­we­gen, Schwe­den, Däne­mark und Finn­land eine eID. Die Zahl der abge­wi­ckel­ten Trans­ak­tio­nen mit einer eID lag in Milliardenhöhe.

Da eIDs die Digi­ta­li­sie­rung effek­tiv vor­an­trei­ben, ist es kei­ne Über­ra­schung, dass die skan­di­na­vi­schen Län­der regel­mä­ßig an der Spit­ze der Rang­lis­ten ste­hen, wenn es um digi­ta­le Wett­be­werbs­fä­hig­keit geht. Dabei ste­hen sie auf einer Stu­fe mit weit­aus grö­ße­ren Staa­ten, die über mehr Res­sour­cen ver­fü­gen – oder über­tref­fen die­se sogar.

Die posi­ti­ven Effek­te die­ses Para­dig­men­wech­sels, der von den eIDs vor­an­ge­trie­ben wird, sind enorm und brin­gen sowohl Ser­vice-Anbie­tern als auch Ver­brau­chern Vorteile.

Umsatz­stei­ge­run­gen für DNB

DNB, Nor­we­gens größ­ter Finanz­dienst­leis­ter, gibt an, dass vor der Ein­füh­rung der eID-Authen­ti­fi­zie­rung Kun­den auf ein For­mu­lar per Post war­ten muss­ten, wenn sie eine neue Kre­dit­kar­te bean­tra­gen woll­ten. Nur 35 Pro­zent der Kun­den haben den Pro­zess über­haupt voll­stän­dig abgeschlossen.

Mitt­ler­wei­le kön­nen Kun­den mit Bank­ID, dem nor­we­gi­schen eID-Sys­tem, in nur weni­gen Minu­ten ihre Anträ­ge aus­fül­len und die For­mu­la­re mit elek­tro­ni­schen Signa­tu­ren unter­schrei­ben. Dadurch sind die Geschäfts­ab­schlüs­se gestie­gen und die Abbruch­ra­ten gesunken.

Vor­tei­le für Service-Anbieter

Zeit­er­spar­nis: Nach Anga­ben von Finan­ce Nor­way, dem nor­we­gi­schen Bran­chen­ver­band der Finanz­in­dus­trie, benö­tig­ten papier­ba­sier­te Anträ­ge für Hypo­the­ken­dar­le­hen vor der Umstel­lung auf voll­stän­dig digi­ta­le Onboar­ding-Pro­zes­se im Schnitt 16 Tage, 70 Sei­ten Papier und 9 Post­sen­dun­gen. Mit eIDs wur­de die­ser Pro­zess auf unter einen Tag ver­kürzt und es sind weder Papier noch Sen­dun­gen per Post notwendig.

Kos­ten­er­spar­nis: Laut Schät­zun­gen von Nets Nor­way, einem der größ­ten Zah­lungs­ab­wick­ler der Regi­on, lie­gen die Kos­ten für die Bear­bei­tung eines ein­zel­nen papier­ba­sier­ten Antrags im Ban­ken­sek­tor bei unge­fähr 180 Euro. Dank eID-Authen­ti­fi­zie­rung und elek­tro­ni­schen Signa­tu­ren sind die Kos­ten signi­fi­kant gesun­ken. Nets Nor­way pro­gnos­ti­ziert jähr­li­che Kos­ten­ein­spa­run­gen in Höhe von 150 Mil­lio­nen Euro, wenn in Nor­we­gen alle Unter­schrif­ten irgend­wann nur noch digi­tal erfolgen.

Weni­ger Filia­len: Es ist kein Geheim­nis, dass es viel güns­ti­ger ist, Online-Ser­vices anzu­bie­ten als Filia­len, Agen­tu­ren und Geschäf­te mit einer Viel­zahl von Mit­ar­bei­tern zu betreiben.

In Nor­we­gen ist die Zahl der Bank­fi­lia­len seit 2008 um fast 30 Pro­zent gesun­ken. Das spie­gelt einen gene­rel­len Trend in ganz Euro­pa wider – bis auf Deutsch­land. Dort ist die Zahl der Filia­len ledig­lich um 14 Pro­zent gesunken.

Ver­füg­bar­keit neu­er Online-Services

Die brei­te Akzep­tanz von eIDs in den skan­di­na­vi­schen Län­dern hat es Ban­ken und ande­ren Ser­vice-Anbie­tern ermög­licht, neue Geschäfts­fel­der zu erschlie­ßen und bes­se­re Online-Ser­vices anzubieten.

Eines die­ser Bei­spie­le ist der belieb­te 2‑Mi­nu­ten-Kre­dit des nor­we­gi­schen Finanz­dienst­leis­ters DNB. Bei die­sem Online-Ser­vice erfolgt der Antrag voll­stän­dig digi­tal. Die Kun­den geben ihre per­sön­li­chen Daten und Kre­dit­in­for­ma­tio­nen auf der DNB-Web­site an und unter­schrei­ben den Antrag mit einer elek­tro­ni­schen Signa­tur. Die Boni­täts­prü­fung und die Abfra­ge von Sicher­hei­ten wie Wohn­ei­gen­tum lau­fen auto­ma­tisch im Hin­ter­grund ab. Sind die für den Kre­dit not­wen­di­gen Kri­te­ri­en erfüllt, wird der Antrag prak­tisch sofort bewilligt.

Was frü­her viel­leicht meh­re­re Tage gedau­ert hät­te, ist nun in weni­gen Minu­ten möglich.

Der Kun­de gewinnt

Durch den naht­lo­sen Zugriff auf unzäh­li­ge Ser­vices, die rund um die Uhr und das gan­ze Jahr ver­füg­bar sind, hat sich die Nut­zer­er­fah­rung für die Kun­den in allen Berei­chen ver­bes­sert. Der dadurch ent­stan­de­ne Kom­fort und die Zeit­er­spar­nis kom­men den Kun­den zu Gute. Sie müs­sen sich kei­ne Gedan­ken mehr um die Pro­zes­se, son­dern nur noch um die bes­ten Ange­bo­te machen.

Die Zukunft von digi­ta­len Iden­ti­tä­ten in Europa

Trotz Erfolgs­ge­schich­ten bei der Imple­men­tie­rung von eIDs in Skan­di­na­vi­en hin­ken vie­le euro­päi­sche Län­der – beson­ders wich­ti­ge Märk­te wie Deutsch­land und Groß­bri­tan­ni­en (unter 5 Pro­zent eID-Abde­ckung) – weit hinterher.

Da die brei­te Akzep­tanz von siche­ren digi­ta­len Iden­ti­tä­ten enor­me Vor­tei­le mit sich bringt, ist die Fra­ge aber nicht „ob“, son­dern nur „wann“ die Nut­zung von eIDs in die­sen Län­dern steigt. Das bie­tet Unter­neh­men – beson­ders Ban­ken – eine ein­ma­li­ge Gele­gen­heit, sich recht­zei­tig als wich­ti­gen Akteur in die­sem neu­en euro­päi­schen Markt für eIDs zu positionieren.

Die skan­di­na­vi­schen Län­der haben den Weg auf­ge­zeigt. Zukunfts­ori­en­tier­te Unter­neh­men müs­sen jetzt nur noch die Chan­ce ergrei­fen und die­ses unan­ge­tas­te­te Poten­zi­al zu ihrem Vor­teil nutzen.

Blick nach vorne

Die zuneh­men­de Bedeu­tung und Beliebt­heit des Inter­nets hat dazu geführt, dass wir immer mehr Din­ge online erle­di­gen. Aller­dings wird der digi­ta­le Fort­schritt durch ver­al­te­te Pro­zes­se für die Veri­fi­ka­ti­on von Iden­ti­tä­ten gebremst, weil Kun­den viel zu oft dazu gezwun­gen sind, ihre Iden­ti­tät off­line zu verifizieren.

Das Haupt­pro­blem liegt in den Her­aus­for­de­run­gen, die bei der Her­stel­lung eines Ver­trau­ens­ver­hält­nis­ses ent­ste­hen. Die­ses Ver­trau­en dient nicht nur dazu, dass sich Ver­brau­cher sicher füh­len, wenn sie sen­si­ble Trans­ak­tio­nen im Inter­net durch­füh­ren. Es ist auch eine Grund­vor­aus­set­zung für die Erfül­lung kun­den­be­zo­ge­ner Sorg­falts­pflich­ten gemäß den gesetz­li­chen KYC- und GwG-Richtlinien.

Fle­xi­bel ein­setz­ba­re und breit akzep­tier­te eIDs sind eine siche­re und elek­tro­nisch veri­fi­zier­ba­re Alter­na­ti­ve für phy­si­sche Aus­weis­do­ku­men­te. Sie schaf­fen unmit­tel­bar Ver­trau­en zwi­schen Ver­brau­chern und Service-Anbietern.

Das Ergeb­nis: Es ent­steht ein voll­stän­dig digi­ta­ler Markt­platz, der die Art und Wei­se, wie Ver­brau­cher Online-Ser­vices in Anspruch neh­men, fun­da­men­tal ver­än­dern wird.

Skan­di­na­vi­sche Län­der wie Nor­we­gen, Schwe­den, Däne­mark und Finn­land haben es vor­ge­macht, wie man indi­vi­du­el­le, von Ban­ken bereit­ge­stell­te eID-Sys­te­me mit bei­spiel­lo­ser Akzep­tanz und hoher Nut­zungs­ra­te ein­führt. Die Ver­brau­cher in die­sen Län­dern ver­wen­den ihre eIDs, um über das Inter­net schnell und bequem auf die gewünsch­ten Ser­vices zuzu­grei­fen. Unter­neh­men wie­der­um pro­fi­tie­ren von den gerin­ge­ren Onboar­ding- und Betriebs­kos­ten und kön­nen gleich­zei­tig die mühe­vol­len Pro­zes­se besei­ti­gen, die Kun­den frü­her von der Nut­zung ihrer Online-Ser­vices abge­schreckt haben.

Das ist – beson­ders für Ban­ken – eine rie­si­ge Chan­ce, um markt­füh­ren­de eID-Sys­te­me in ande­ren Regio­nen zu eta­blie­ren. Im Lau­fe der Zeit könn­ten sie genau­so erfolg­reich sein und zu einem inte­gra­len Bestand­teil des All­tags vie­ler Men­schen wer­den, wie dies in den skan­di­na­vi­schen Län­dern der Fall ist.

Zuerst erschie­nen bei Signi­cat

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