Mat­thi­as Ruoss’ Stu­die „Auf Pump” rekon­stru­iert die Geschich­te des Raten­kre­dits im indus­tri­el­len Kapitalismus—und lie­fert dabei unge­wollt eine Genea­lo­gie des moder­nen Scoring-Sys­tems. Wer ent­schied, wem Kre­dit gewährt wur­de, und wer die­se Ent­schei­dung trug, ist kei­ne tech­ni­sche Fra­ge. Es war eine poli­ti­sche. Das ist sie bis heute.


Als die Sin­ger Com­pa­ny im spä­ten 19. Jahr­hun­dert ihre Näh­ma­schi­nen auf Raten ver­kauf­te, schuf sie mehr als einen Absatz­ka­nal. Sie eta­blier­te eine neue Form der sozia­len Bezie­hung: die Kre­dit­be­zie­hung als dau­er­haf­tes Ver­hält­nis zwi­schen einem Unter­neh­men und einem Haus­halt, ein­ge­bet­tet in Macht­ver­hält­nis­se, mora­li­sche Urtei­le und recht­li­che Rah­men­be­din­gun­gen, die alles ande­re als neu­tral waren. Genau die­sen Zusam­men­hän­gen geht Mat­thi­as Ruoss in sei­ner am Wall­stein Ver­lag erschie­ne­nen Stu­die „Auf Pump. Raten­kre­di­te im indus­tri­el­len Kapi­ta­lis­mus 1860–1910” nach—und trifft dabei einen Nerv, der bis in die Gegen­wart reicht.

Ruoss, His­to­ri­ker an der Uni­ver­si­tät Frei­burg (Schweiz), unter­sucht Kre­dit­ver­hält­nis­se in der Schweiz, Öster­reich und Deutsch­land. Die Län­der­aus­wahl ist nicht kul­tu­rell moti­viert, son­dern ana­ly­tisch: In allen drei Län­dern wur­den Raten­kre­di­te bereits um 1900 gesetz­lich regu­liert, was eine Fül­le juris­ti­scher Gut­ach­ten, staat­li­cher Unter­su­chun­gen und Fall­ak­ten pro­du­zier­te. Zen­tral­eu­ro­pa war, so Ruoss, das „kre­dit­recht­li­che Labo­ra­to­ri­um der indus­tri­el­len Moderne”—ein Satz, der sowohl his­to­ri­sche Prä­zi­si­on als auch dia­gnos­ti­sche Schär­fe hat.

Kre­dit als sozia­les Verhältnis

Der ent­schei­den­de metho­di­sche Zug der Stu­die besteht dar­in, Kre­dit­ver­hält­nis­se nicht als anony­me Markt­ope­ra­tio­nen zu begrei­fen, son­dern als rela­tio­na­le, sozia­le Bezie­hun­gen. Das klingt nach einem kul­tur­his­to­ri­schen Gemein­platz, hat aber weit­rei­chen­de Kon­se­quen­zen. Denn wenn Kre­dit eine Bezie­hung ist, dann ist er nicht ein­fach eine Trans­ak­ti­on zwi­schen Gläu­bi­ger und Schuld­ner, son­dern ein Gefü­ge aus gegen­sei­ti­gen Erwar­tun­gen, asym­me­tri­schen Infor­ma­tio­nen, mora­li­schen Zuschrei­bun­gen und insti­tu­tio­nel­len Rahmenbedingungen.

Beson­ders deut­lich wird das in der Ana­ly­se des Eigen­tums­vor­be­halts­prin­zips: Die ver­kauf­te Ware ver­blieb bis zur letz­ten Rate recht­lich im Besitz des Händ­lers und konn­te ent­spre­chend nicht gepfän­det wer­den. Das kon­f­li­gier­te nicht nur mit der libe­ra­len Eigen­tums­ord­nung der Zeit, son­dern schuf eine recht­li­che Dau­er­prä­senz des Gläu­bi­gers im Haus­halt des Schuldners—eine struk­tu­rel­le Asym­me­trie, die sich in zeit­ge­nös­si­schen Debat­ten als mora­li­sches Pro­blem tarn­te: Frau­en wur­den als „Ver­führ­te” beschrie­ben, die sich der Auf­dring­lich­keit von Händ­lern kaum ent­zie­hen konn­ten. Ruoss liest sol­che Berich­te zutref­fend nicht als Tat­sa­chen­be­schrei­bun­gen, son­dern als Sym­pto­me insti­tu­tio­nel­len Unbe­ha­gens gegen­über einer neu­en Kre­dit­form, die bestehen­de Eigen­tums­ord­nun­gen und Geschlech­ter­hier­ar­chien glei­cher­ma­ßen irritierte.

Regu­lie­rung als Interessenpolitik

Beson­ders instruk­tiv ist das Kapi­tel über die recht­li­che Regu­lie­rung des Raten­kre­dits. In den 1890er-Jah­ren ver­bo­ten revi­dier­te Hau­sier­ge­set­ze und Gewer­be­ord­nun­gen in der Schweiz, im Deut­schen Kai­ser­reich und in Öster­reich das Wan­der­ge­wer­be mit Waren auf Abzahlung—also den Ver­trieb durch rei­sen­de Händ­ler, die ihre Kund­schaft direkt auf dem Land auf­such­ten. Die Fol­ge: Kre­dit­be­zie­hun­gen zwi­schen städ­ti­schen Zen­tren und länd­li­cher Peri­phe­rie wur­den sys­te­ma­tisch gekappt. Der Kre­dit­ver­kehr auf dem Land sei dadurch „lahm­ge­legt”, notier­te ein zeit­ge­nös­si­scher Ber­li­ner Gerichts­as­ses­sor trocken.

Legi­ti­miert wur­den die­se Ein­schrän­kun­gen durch das, was Ruoss das „Ver­füh­rungs­nar­ra­tiv” nennt: die poli­tisch wirk­mäch­ti­ge Erzäh­lung, Hau­sie­rer wür­den die länd­li­che Bevölkerung—insbesondere Frauen—durch auf­dring­li­che Ver­kaufs­prak­ti­ken über­vor­tei­len und in Schul­den trei­ben. Ruoss liest die­ses Nar­ra­tiv nicht als Tat­sa­chen­be­schrei­bung, son­dern als poli­ti­sche Ratio­na­li­sie­rung. Denn die Geset­ze bedien­ten hand­fes­te insti­tu­tio­nel­le Inter­es­sen: Das ste­hen­de Gewer­be und die länd­li­chen Spar­kas­sen, denen das mobi­le Abzah­lungs­ge­schäft als unlieb­sa­me Kon­kur­renz galt, pro­fi­tier­ten unmit­tel­bar von der Regu­lie­rung. Was als Schutz­maß­nah­me für Schuld­ner auf­trat, war in erheb­li­chem Maß Markt­schlie­ßung zuguns­ten eta­blier­ter Akteu­re. Käu­fern kamen die Geset­ze allen­falls inso­fern zugu­te, als Unter­neh­men bereits gezahl­te Raten berück­sich­ti­gen muss­ten, wenn sie den Eigen­tums­vor­be­halt gel­tend machen wollten—ein Kom­pro­miss, der die struk­tu­rel­le Asym­me­trie der Kre­dit­be­zie­hung mil­der­te, aber nicht aufhob.

Das Mus­ter ist bekannt. Regu­lie­rung in rei­fen Märk­ten folgt sel­ten dem öffent­li­chen Inter­es­se, das sie vor­gibt zu ver­tre­ten. Sie folgt den mate­ri­el­len Inter­es­sen der­je­ni­gen Akteu­re, die über die insti­tu­tio­nel­len Res­sour­cen ver­fü­gen, juris­ti­sche Pro­zes­se zu gestal­ten. In der Gegen­wart beob­ach­ten wir die­sel­be Logik bei der Regu­lie­rung von Open Ban­king, digi­ta­len Iden­ti­tä­ten oder algo­rith­mi­schem Scoring: Der regu­la­to­ri­sche Rah­men wird von eta­blier­ten Akteu­ren mit­for­mu­liert, und er kodiert ihre Inter­es­sen als all­ge­mei­ne Norm.

Die „fik­ti­ven Waren”—ein Lehr­stück in Interessenpolitik

Einen ana­ly­ti­schen Höhe­punkt bil­det Ruoss’ Ana­ly­se der soge­nann­ten „fik­ti­ven Waren”. Vieh und Lot­te­rie­lo­se, so stellt er fest, lie­ßen sich nicht in die Logik des Raten­kre­dit­rechts inte­grie­ren: Jung­tie­re durch­lau­fen eine wert­stei­gern­de Ent­wick­lung und wer­den so zu spe­ku­la­ti­ver Ware; Lot­te­rie­lo­se kön­nen ihren Wert schlag­ar­tig verändern—in bei­de Rich­tun­gen. Bei­de Kate­go­rien wur­den im Ergeb­nis für das Abzah­lungs­ge­schäft verboten.

Der ent­schei­den­de Befund: Nicht die wirt­schaft­li­che Eigen­lo­gik der Waren allein erklärt die­ses Ver­bot, son­dern die insti­tu­tio­nel­len Inter­es­sen von Staats­lot­te­rien und länd­li­chen Spar­kas­sen, denen das auf­kom­men­de Raten­kre­dit­we­sen unlieb­sa­me Kon­kur­renz mach­te. Was als Rechts­prin­zip auf­tritt, ist in Wahr­heit Inter­es­sen­po­li­tik in juri­di­scher Ver­klei­dung. Luh­mann hät­te dies als Selbst­be­schrei­bung des Rechts­sys­tems gele­sen: Das Recht beob­ach­tet sich selbst als neu­tral, wäh­rend es struk­tu­rel­le Macht­asym­me­trien reproduziert.

Genea­lo­gie des Scorings

Was hat das alles mit der Gegen­wart zu tun? Mehr, als es auf den ers­ten Blick scheint. Ruoss beschreibt in sei­ner Stu­die die Aus­hand­lung von Kre­dit­wür­dig­keit als sozia­le Praxis—als ein Urteil, das durch per­sön­li­che Inter­ak­ti­on, mora­li­sche Zuschrei­bun­gen, insti­tu­tio­nel­le Rah­men­be­din­gun­gen und Macht­ge­fäl­le zustan­de kommt. Die­ser Pro­zess ist heu­te nicht ver­schwun­den; er wur­de algo­rith­misch disintermediiert.

Wo frü­her ein Raten­händ­ler über die Boni­tät eines Haus­halts urteilte—auf der Basis per­sön­li­cher Ein­drü­cke, sozia­ler Zuge­hö­rig­keit und mora­li­scher Vor­an­nah­men —, über­nimmt heu­te ein Scoring-Modell. Die struk­tu­rel­len Fra­gen blei­ben die­sel­ben: Wer trägt das Aus­fall­ri­si­ko? Wer defi­niert Kre­dit­wür­dig­keit, nach wel­chen Kri­te­ri­en, mit wel­chen Kon­se­quen­zen für wen? Und wel­che Akteu­re pro­fi­tie­ren davon, dass die­se Fra­gen als tech­ni­sche behan­delt wer­den, obwohl sie poli­ti­sche sind?

Die SCHUFA ist kei­ne Erfin­dung des Digi­tal­zeit­al­ters. Sie ist die For­ma­li­sie­rung einer Pra­xis, die Ruoss für die Hoch­zeit des indus­tri­el­len Kapi­ta­lis­mus rekon­stru­iert: die insti­tu­tio­na­li­sier­te Beur­tei­lung von Schuld­nern durch Gläu­bi­ger unter dem Deck­man­tel objek­ti­ver Kri­te­ri­en. Die algo­rith­mi­sche Hül­le macht die­sen Vor­gang undurch­sich­ti­ger, nicht neutraler.

Ein Buch, das mehr ist als Wirtschaftsgeschichte

Ruoss’ Arbeit ist, wie Cathe­ri­ne Davies in ihrer Rezen­si­on auf H‑Soz-Kult zutref­fend anmerkt, dort beson­ders stark, wo Alt­be­kann­tes neu per­spek­ti­viert und in uner­war­te­te Zusam­men­hän­ge gebracht wird. Der gewähl­te Zugriff ist bewusst kein makroökonomischer—eine Ent­schei­dung, die der Stu­die ana­ly­ti­sche Tie­fen­schär­fe ver­leiht, auf Kos­ten quan­ti­ta­ti­ver Ein­bet­tung. Wer das Raten­kre­dit­we­sen des 19. Jahr­hun­derts in sei­ner volks­wirt­schaft­li­chen Dimen­si­on erfas­sen möch­te, wird ergän­zen­de Quel­len benötigen.

Wer aber ver­ste­hen möch­te, wie Kre­dit­ver­hält­nis­se gesell­schaft­li­che Ver­hält­nis­se strukturieren—wie sie Abhän­gig­kei­ten erzeu­gen, Macht­asym­me­trien kodie­ren und insti­tu­tio­nel­le Inter­es­sen in Rechts­nor­men über­set­zen —, fin­det in „Auf Pump” eine prä­zi­se, quel­len­ge­sät­tig­te und theo­re­tisch reflek­tier­te Ana­ly­se, die weit über ihren his­to­ri­schen Gegen­stand hinausweist.

Ralf Keu­per