Stilarten im Banking und in der Landwirtschaft – Eine Annäherung

Dass das Banking von der Landwirtschaft etwas lernen kann, dürfte auf viele zunächst exotisch wirken. Dabei geht es um weit mehr, als nur um das Modethema “Nachhaltigkeit”. Auch in der z.T. hoch subventionierten Landwirtschaft gibt die ökonomische Rationalität im betrieblichen Alltag den Ton an, wie Karin Jürgens in ihrem lesenswerten Beitrag Wirtschaftsstile in der Landwirtschaft hervorhebt, die sie als Landwirtschaftsstile zusammenfasst, denn:

Landwirtschaftsstile beschreiben eine geregelte Art und Weise des wirtschaftlichen Handelns, eine grundlegende ökonomische Rationalität der Bauern. 

Am Beispiel der Milchviehbetriebe konnte Jürgens ab  Mitte der 2000er Jahre drei Stilarten in der Landwirtschaft identifizieren:
  1. Vielseitig bleiben und im Plus wirtschaften 
  2. Spezialisierung und neue Vielseitigkeit
  3. Spezialisierung und Vergrößerung durch gemeinsames Wachstum
Während Vertreter des ersten Stils darauf bedacht sind, ihre Eigenständigkeit zu erhalten und Wachstum nur aus eigenen Mittel zu finanzieren und schlüsselfertigen Projekten zur Modernisierung distanziert bis ablehnend gegenüberstehen, sind die Vertreter des zweiten Stils schon mehr auf Wachstum durch Spezialisierung programmiert, ohne jedoch die Eigenständigkeit aufs Spiel zu setzen, während die Vertreter des dritten Stils ganz auf Wachstum ausgelegt sind und dabei regen Gebrauch von Kooperationen und externen Zulieferern machen. 
Übergeordnetes Prinzip aller drei Stilarten ist die Erhaltung des “Manövrierraums”, d.h. der Handlungsfreiheit. Abhängigkeiten von großen Herstellern, Konzernen und bestimmten Technologien sollen nach Möglichkeit vermieden werden. 
Jeder Stil birgt eigene Chancen und Risiken. Weite Teile der Wertschöpfung im eigenen Betrieb (Stil 1) zu behalten macht gegenüber externen Ereignissen und Krisen relativ resistent, begrenzt jedoch die Expansionsmöglichkeiten, während die Verlagerung weiter Teile der Wertschöpfung nach Außen (Stil 3) die Anfälligkeit für externe Schocks deutlich erhöht. 

In der Finanzkrise hat sich herausgestellt, dass inhabergeführte Privatbanken und Regionalbanken vergleichsweise unbeschadet den Sturm überstanden haben (Stil 1), wohingegen hoch spezialisierte und auf Wachstum ausgelegte Institute, wie einige Investmentbanken, in die Schieflage gerieten. Zu den Vertretern der zweiten Stilart könnte man, mit einigen Abstrichen, einige Landesbanken, wie die ehemalige WestLB zählen. 
Inzwischen ist der Bankenmarkt, bedingt durch zunehmende Digitalisierung, dabei sich zu wandeln. Neue, branchenfremde Anbieter drängen in den Markt. Der Druck auf die Banken, digitale Geschäftsmodelle zu entwickeln wächst. Die Frage der Wertschöpfung spielt im Zeitalter von Crowdsourcing, Open Innovation etc. eine entscheidende Rolle. Immer häufiger ist von Ökosystemen zu hören, wodurch der Bezug zur Landwirtschaft erneut gegeben ist. 
Führt die Digitalisierung dazu, dass Monokulturen im Banking zunehmen und auf lange Sicht nur noch große (Bank-) Fabriken eine Chance haben, im globalen Wettbewerb zu bestehen? Ist für kleinere und mittlere Institute der Aufbau eines eigenen Ökosystems der einzige Ausweg? 
Kurzum: Wieviel Biodiversität braucht das Bankensystem eines Landes oder gar der Welt? Sofern man bei dem Bild bleibt, besteht die eigentliche Gefahr einer Angleichung der Stilarten im Banking in einem Systemrisiko. Wenn alle – im Prinzip – ihr Geschäft auf dieselbe Weise abwickeln, dann wächst die Wahrscheinlichkeit, dass das Ökosystem kollabiert, sobald ein externes Ereignis, eine Krise das Gleichgewicht zerstört. So gesehen liegt es im Interesse der Branche, die Mannigfaltigkeit zu erhalten. Die diversen Fintech-Startups ebenso wie das sog. Ethische Banking können (vielleicht auch die Dikoba) daher auch als ein Zeichen dafür gewertet werden, wie groß der Bedarf an Vielseitigkeit im Banking nach wie vor ist. 
In einem der nächsten Beiträge gehe ich der Frage nach den Ähnlichkeiten der Stilarten im Banking und im Einzelhandel nach. 
Weitere Informationen:

Was ist ein “Bankstil”? (Grundlegung eines neuen Begriffs) #1

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