Ein aktuelles Occasional Paper des BIS Financial Stability Institute, gemeinsam mit dem FSB erarbeitet, zieht eine Grenze, die in der politischen und regulatorischen Debatte bislang systematisch vermieden wurde: Große Krypto-Plattformen betreiben Finanzintermediation. Nicht metaphorisch, nicht approximativ – sondern funktional im Sinne der klassischen Banktheorie: Sie transformieren Fristen, Risiken und Liquidität, ohne den Kapital- und Liquiditätspuffern unterworfen zu sein, die traditionelle Intermediäre dafür vorhalten müssen.
Strukturelle Diagnose: Das MCI als Konglomerat ohne Kapitalunterlegung
Der Begriff des Multifunction Cryptoasset Intermediary (MCI) verweist auf eine spezifische Organisationsform: einzelne Firmen oder Firmengruppen, die Tätigkeiten bündeln, die im traditionellen Finanzsektor regulatorisch auf getrennte Einheiten aufgeteilt werden. Binance, Bybit, OKX, Kraken, Coinbase, MEXC und Crypto.com sind die prominentesten Vertreter. Binance allein hielt Ende 2025 rund 39 Prozent des globalen Spot-Handelsvolumens zentralisierter Börsen; die zehn größten Plattformen zusammen kontrollierten etwa 90 Prozent.
Diese Konzentration wäre für sich genommen bereits regulatorisch brisant. Entscheidend ist jedoch die Produktarchitektur. Die genannten Plattformen bieten nicht nur Verwahrung und Handel, sondern Yield-Programme (unter Namen wie „Simple Earn”, „Easy Earn” oder „Flexible Savings”), Margin-Lending, Derivate, Token-Emission und teilweise proprietäre Handelsaktivitäten – und zwar, wie die Analyse der Allgemeinen Geschäftsbedingungen durch die Autoren belegt, unter Bedingungen, die eine vollständige Eigentumsübertragung der Kundenvermögen auf die Plattform einschließen. Die Earn-Assets sind nicht segregiert; sie werden nach Ermessen der Plattform für Lending, Market-Making oder andere Aktivitäten eingesetzt; Kunden haben keinen Anspruch auf Rückgabe spezifischer Assets. Was dies ökonomisch bedeutet, lässt sich präzise benennen: kurzfristig abrufbare Verbindlichkeiten, finanziert durch mittel- bis langfristige, illiquide Aktivpositionen – das klassische Fristenkongruenzproblem, das Banken durch Mindestkapital, Liquiditätspuffer und Einlagensicherung kompensieren.
Die Risikotrias: Kredit, Liquidität, Markt – ohne Puffer
Das Paper unterscheidet drei Risikotypen, die aus der Intermediationsfunktion der MCIs entstehen, und deren Wechselwirkung das eigentlich systemische Moment konstituiert.
Das Liquiditätsrisiko entsteht dort, wo Earn-Produkte On-Demand-Rückgabeansprüche begründen, während die zugrundeliegenden Assets in illiquiden Loans oder DeFi-Positionen gebunden sind. Der Kollaps von Celsius Network 2022 ist das Lehrstück: Unfähig, die Rückforderungen der Nutzer zu bedienen, löste Celsius eine Kettenreaktion aus, die Three Arrows Capital in die Insolvenz trieb und letztlich zur FTX-Implosion beitrug – ein Dominoeffekt entlang von Kreditbeziehungen, die für externe Beobachter weitgehend intransparent waren.
Das Kreditrisiko entsteht durch Rehypothecation: Assets, die als Sicherheit oder im Rahmen von Earn-Programmen übergeben werden, können von der Plattform erneut als Sicherheit eingesetzt werden. FTX und Alameda Research illustrieren, wie intragroup-Arrangements dieses Risiko potenzieren: Verluste, die in der Handelseinheit entstanden, fraßen sich durch die konsolidierte Gruppe, ohne dass externe Gläubiger oder Nutzer die Exposition in Echtzeit beurteilen konnten. Die Weigerung der meisten MCIs, konsolidierte Finanzabschlüsse zu veröffentlichen, ist dabei kein administratives Versäumnis, sondern ein strukturelles Merkmal des Geschäftsmodells.
Das Marktrisiko schließlich entsteht durch die Kombination von Krypto-Volatilität und Leverage. Der Flash Crash vom Oktober 2025 führte zu Liquidationen im Umfang von rund 19 Milliarden US-Dollar innerhalb weniger Stunden – ein Ereignis, das die pro-zyklische Dynamik von Margin Calls und erzwungenen Positionsauflösungen demonstriert. Charakteristisch für MCIs ist dabei die Selbstreferenz: Plattformen, die eigene Utility Tokens ausgeben (Binance/BNB, OKX/OKB, MEXC/MX), akzeptieren diese Tokens als Sicherheiten für Margin-Loans, was konzentrierte Eigenexposition gegenüber der eigenen Token-Preisvolatilität erzeugt. Das FTT-Token von FTX ist das kanonische Beispiel, wie ein solches Arrangement den Zusammenbruch beschleunigen kann.
Der regulatorische Befund: Schattenbankensystem ohne Analogon
Das Paper formuliert einen analytisch klaren Befund: Ein „Shadow Crypto Financial System” lichtregulierter MCIs ist herangewachsen, das sowohl Retail- als auch institutionelle Kunden bedient – während die Direktexposition traditioneller Banken gegenüber Kryptoassets vergleichsweise gering bleibt. Der Begriff ist nicht neu (er findet sich bereits bei Auer et al. 2022), gewinnt aber durch die systematische Produktkartierung des Papers an Kontur.
Die Regulierungslücke ist nicht das Resultat regulatorischer Nachlässigkeit allein. Sie ist strukturell: Krypto-Lending und ‑Borrowing fallen in vielen Jurisdiktionen außerhalb des regulatorischen Perimeters. Selbst dort, wo Rahmenwerke wie MiCA existieren (Europa) oder DORA-Anforderungen greifen, fehlt die konsolidierte Aufsicht über konglomeratartig aufgestellte Gruppen, die durch lokale Tochtergesellschaften in über 100 Jurisdiktionen operieren. Grenzüberschreitende Aufsichtskooperation ist institutionell unterentwickelt; Datenverfügbarkeit ist begrenzt, da MCIs typischerweise keine Finanzabschlüsse publizieren.
Die politischen Empfehlungen des Papers – entity-basierte Kapital- und Liquiditätsanforderungen, Stresstests, konsolidierte Aufsicht kombiniert mit aktivitätsbezogenen Grenzen (z.B. Margin-Anforderungen) – folgen institutionell dem Logik des Bankenrechts. Das ist kein Zufall. Es ist die methodisch konsequente Folgerung aus der Intermediationsfunktion.
Systemische Relevanz und TradFi-Verflechtung
Die wachsenden Verbindungen zwischen MCIs und dem traditionellen Finanzsystem verdienen besondere Aufmerksamkeit. Custody-Arrangements großer Banken, Exchange-Traded Products (ETPs) auf Kryptobasis und institutionelle Investorenbeziehungen schaffen Übertragungskanäle, die 2022 noch rudimentär waren. Der Kryptoasset-Markt hatte Ende 2025 ein Gesamtvolumen von rund drei Billionen US-Dollar; die quartalsweisen Handelsvolumina in Spot- und Futures-Märkten lagen jeweils bei sechs bis acht Billionen US-Dollar. Diese Größenordnung, kombiniert mit der skizzierten Produktarchitektur, begründet systemische Relevanz auch für Akteure außerhalb des Krypto-Ökosystems.
Es wäre analytisch unvorsichtig, die MCIs als bloße Spiegel der Risikostrukturen des klassischen Schattenbankensystems (Geldmarktfonds, Repo-Märkte, strukturierte Vehikel) zu behandeln. Die Volatilität der Underlying Assets, die Abwesenheit eines Kreditgebers letzter Instanz und die fehlende Einlagensicherung erzeugen ein Risikoprofil, das in einzelnen Dimensionen schärfer ist als das der traditionellen Schattenbank. Andererseits bleibt die TradFi-Integration noch begrenzt genug, um einen systemischen Schock bisher zu absorbieren. Dass dies so bleibt, ist keine strukturelle Eigenschaft des Arrangements – es ist eine historisch kontingente Bestandsaufnahme.
Ralf Keuper
