Am 10. Juni 2026 ist Jean Zieg­ler in Genf gestor­ben, 92 Jah­re alt, nach lan­gem Lei­den an Par­kin­son. Mit ihm ver­schwin­det eine der lau­tes­ten Stim­men gegen den Schwei­zer Finanz­platz – und ein Fall­bei­spiel dafür, was Mora­li­sie­rung in der Ban­ken­kri­tik leis­ten kann und wo sie an ihre Gren­zen stößt.


Zieg­lers Ver­dienst lag nicht in der tech­ni­schen Ana­ly­se von Bank­ge­heim­nis oder Kapi­tal­flüs­sen, son­dern dar­in, ein The­ma öffent­lich zu machen, das die Schwei­zer Finanz­bran­che jahr­zehn­te­lang erfolg­reich in die Sphä­re der Dis­kre­ti­on und der tech­no­kra­ti­schen Selbst­ver­wal­tung ver­bannt hat­te. „Die Schweiz wäscht wei­ßer” (1990) traf die Bran­che nicht, weil es neue Fak­ten lie­fer­te, son­dern weil es das Bank­ge­heim­nis aus sei­ner funk­tio­na­len Tar­nung als „Pri­vat­sphä­ren­schutz” her­aus­riss und als das beschrieb, was es struk­tu­rell auch war: ein Wett­be­werbs­vor­teil im inter­na­tio­na­len Kapi­tal­ver­kehr, der unab­hän­gig von der Her­kunft der Gel­der funk­tio­nier­te. Die­se Über­set­zung von Sys­tem­funk­ti­on in mora­li­sche Ankla­ge – „Blut­geld”, „Finanz­dreh­schei­be des Ver­bre­chens” – war poli­tisch wirk­sam, gera­de weil sie Kom­ple­xi­tät reduzierte.

Genau hier liegt aber auch das Pro­blem sei­nes Ansat­zes. Zieg­ler per­so­na­li­sier­te, was struk­tu­rell zu erklä­ren gewe­sen wäre. Ban­ken wur­den bei ihm zu inten­tio­nal han­deln­den Akteu­ren in einem mora­li­schen Dra­ma, nicht zu Insti­tu­tio­nen, deren Ver­hal­ten aus Anreiz­struk­tu­ren, Auf­sichtsar­bi­tra­ge und regu­la­to­ri­scher Nische folg­te. Das mach­te sei­ne Kri­tik wir­kungs­voll, aber auch angreif­bar – sei­ne Geg­ner muss­ten nur ein­zel­ne Über­trei­bun­gen oder Fak­ten­feh­ler nach­wei­sen, um die gesam­te Ankla­ge zu dis­kre­di­tie­ren, ohne sich mit der struk­tu­rel­len Sub­stanz aus­ein­an­der­set­zen zu müssen.

Die Nach­ru­fe der ver­gan­ge­nen Woche benen­nen offen, was zu Leb­zei­ten oft im Schat­ten sei­ner Bekannt­heit blieb: eine frag­wür­di­ge Nähe zu Auto­kra­ten – Pol Pot ver­tei­dig­te er lan­ge, Gad­da­fi beriet er 1989, Cas­tro applau­dier­te er bis zuletzt – und einen, wie die NZZ es for­mu­liert, nicht immer genau­en Umgang mit der Wahr­heit. Das liest sich zunächst wie ein per­sön­li­ches Glaub­wür­dig­keits­pro­blem, ist aber eher ein Struk­tur­merk­mal des Typs des enga­gier­ten Intel­lek­tu­el­len, dem Zieg­ler zuge­hör­te. Sar­tres jahr­zehn­te­lan­ge Nach­sicht für Sta­lin und Mao, Fou­caults kur­ze Schwär­me­rei für die ira­ni­sche Revo­lu­ti­on von 1979 – die Kom­bi­na­ti­on aus schlüs­si­ger Uni­ver­sal­kri­tik an Kapi­ta­lis­mus und Impe­ria­lis­mus mit situa­ti­ver Blind­heit gegen­über Auto­kra­ten der „rich­ti­gen” Sei­te ist bei die­ser Gene­ra­ti­on eher Regel­fall als Aus­nah­me. Das mora­li­sche Ein­deu­tig­keits­be­dürf­nis, das die eige­ne Kri­tik schlag­kräf­tig macht, scheint sys­te­ma­tisch mit der Bereit­schaft zu kor­re­lie­ren, bei Bünd­nis­part­nern die­sel­be Ein­deu­tig­keit nicht einzufordern.

Was bleibt, ist eine dop­pel­te Leh­re. Ers­tens: Das Bank­ge­heim­nis fiel nicht durch Zieg­lers Ankla­gen, son­dern durch exter­nen Druck – US-Steu­er­be­hör­den, OECD-Stan­dards zum auto­ma­ti­schen Infor­ma­ti­ons­aus­tausch, FATCA. Die Insti­tu­ti­on änder­te sich, als sich ihre Kos­ten-Nut­zen-Rech­nung änder­te, nicht als sich ihr mora­li­sches Anse­hen ver­schlech­ter­te. Zwei­tens: Mora­li­sie­rung kann ein The­ma sicht­bar machen, das tech­no­kra­ti­sche Distanz unsicht­bar hält – aber sie ersetzt kei­ne struk­tu­rel­le Erklä­rung, und sie schützt nicht sys­te­ma­tisch vor den eige­nen blin­den Fle­cken. Zieg­ler war dar­in weni­ger eine Aus­nah­me als ein Exem­plar: ein bedeu­ten­der Gelehr­ter mit den fast schon typi­schen Wider­sprü­chen sei­nes Fachs.

Ralf Keu­per