Argentinien gilt in der Geldpolitikforschung als extremes Fallbeispiel—fast acht Jahrzehnte hohe Inflation, wiederholte Staatseingriffe in private Ersparnisse, ein kollektives Misstrauen, das alle technokratischen Reformversuche überdauert hat. Ein Diskussionspapier des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung arbeitet die sozialen Grundlagen dieser Vertrauenskrise auf. Seit Dezember 2023 liefert Javier Milei den härtesten Praxistest für die zentrale These: Reichen makroökonomische Erfolge, um institutionelles Misstrauen aufzulösen, das sich über Generationen sedimentiert hat?
Das Labor und seine Parameter
Argentinien eignet sich als analytisches Labor nicht trotz seiner Extremität, sondern wegen ihr. Seit Gründung der Zentralbank 1935 hat das Land fast acht Jahrzehnte ununterbrochener monetärer Instabilität durchlaufen: eine Inflationsrate, die seit 1946 fast durchgehend über 25 Prozent lag und Spitzenwerte von 3.000 Prozent erreichte; fünf Währungswechsel; achtzehn Stabilisierungspläne ohne dauerhaften Erfolg; sechs große Beschlagnahmungen von Bankeinlagen; fünf Staatsanleihen-Defaults—mehr als jeder andere souveräne Schuldner in der modernen Geschichte.
Was das Land damit produziert hat, ist kein bloß ökonomisches Problem. Es ist ein epistemisches: Die Bevölkerung hat gelernt, dass Institutionen—Staat, Zentralbank, Geschäftsbanken—grundsätzlich unzuverlässige Akteure sind. Nicht als politische Meinung, sondern als intergenerational weitergegebene Erfahrung.
Genau das ist der Befund, den Guadalupe Moreno in einem Diskussionspapier des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung systematisch aufarbeitet. Anhand von Interviews und historischer Rekonstruktion zeigt sie, wie jahrzehntelange monetäre Traumata ein Misstrauensnarrativ erzeugt haben, das rein technokratische Reformen strukturell überfordert.
Zwei Wegmarken, die das kollektive Gedächtnis formen
Das Papier rekonstruiert zwei staatliche Eingriffe, die bis heute das gesellschaftliche Verhältnis zu Geld und Institutionen strukturieren.
Der Plan Bonex (1989) unter Carlos Menem verwandelte liquide Bankeinlagen—Festgelder—zwangsweise in langfristige Staatsanleihen. Kein Bailout, kein Verhandlungsangebot: Einlagen wurden per Dekret in Staatsforderungen umqualifiziert. Das Kapital war faktisch enteignet, formal jedoch nur »umgetauscht«.
Der Corralito (2001) operierte anders, aber mit vergleichbarer Wirkung. Die Kontensperre verhinderte Abhebungen; die Pesificación wandelte Dollareinlagen zwangsweise in Pesos um; die anschließende Abwertung der Währung um 40 Prozent zerstörte den Realwert des eingefrorenen Guthabens. Interviewte Sparer berichteten von Wartezeiten von drei bis sieben Jahren, um ihr Geld—in entwerteter Form—zurückzuerhalten. Bankfilialen wurden angegriffen; die Wahrnehmung, dass Banken al…
