Von der Reparationsfinanzierung der Weimarer Republik über den Wiederaufbau bis zur Beinahe-Insolvenz 2007 – die Geschichte der IKB Deutsche Industriebank ist auch eine Geschichte darüber, wie eine margenarme Kernfunktion des Bankwesens unter Ertragsdruck gerät. Ein Rückblick auf hundert Jahre Mittelstandsfinanzierung und ihre Bruchstelle.
Ende Juli 2007 wartet Angela Merkel bei den Salzburger Festspielen auf den Beginn einer Haydn-Oper, als ihr damaliger Wirtschafts- und Finanzberater Jens Weidmann ihr eine SMS schickt: „Die IKB ist in Schwierigkeiten.” Merkels Antwort, wie sie Jahre später selbst einräumte, lautet: „Was ist die IKB?” Es ist eine kleine Szene, aber sie trifft den Kern dessen, worum es in dieser Geschichte geht. Die erste deutsche Bank, die in die globale Finanzkrise hineingezogen wurde, war der Bundeskanzlerin bis zu diesem Moment kein Begriff – nicht aus Nachlässigkeit, sondern weil die IKB genau das war, wofür sie sich selbst hielt: eine solide, eher unauffällige Mittelstandsbank, kein Objekt politischer oder öffentlicher Aufmerksamkeit. Dass ausgerechnet dieses Institut zum sichtbarsten Symptom der Krise wurde, ist kein Zufall, sondern die Pointe einer hundertjährigen Geschichte.
Es gibt Institute, deren Geschichte sich in einem einzigen Satz zusammenfassen lässt, und es gibt Institute, an denen sich exemplarisch zeigen lässt, was mit dem deutschen Bankwesen im Grundsatz nicht stimmt. Die IKB gehört zur zweiten Kategorie. Ihre Gründungslinie reicht über die Bank für deutsche Industrieobligationen von 1924 bis in die Gegenwart, und über diese hundert Jahre hinweg lässt sich ein Muster beobachten, das weit über den Einzelfall hinausweist: die strukturelle Spannung zwischen langfristiger, kapitalintensiver Unternehmensfinanzierung und dem Anspruch, damit auskömmliche Renditen zu erwirtschaften.
Eine Bank für das, was sonst niemand finanzieren wollte
Die Bafio wurde 1924 nicht als klassisches Kreditinstitut gegründet, sondern als Vehikel zur Abwicklung deutscher Reparationsverpflichtungen. Erst in den 1930er-Jahren, mit Osthilfegesetz und Industriebankgesetz, verschob sich ihr Auftrag hin zu dem, was später ihr Markenkern werden sollte: mittel- und langfristige Kredite für kleinere und mittlere Unternehmen, zu einer Zeit, als diese kaum anderweitig Zugang zu langfristigem Kapital hatten. Das ist der eigentliche Ursprung der IKB-Erzählung – nicht ein Geschäftsmodell, das aus Marktchancen entstand, sondern eines, das eine Finanzierungslücke schloss, die der übrige Bankensektor bewusst offenließ.
Diese Rolle setzte sich nach 1945 nahtlos fort. Die 1949 in Düsseldorf gegründete Industriekreditbank arbeitete eng mit der KfW zusammen und finanzierte den Investitionsbedarf des Wiederaufbaus – Erweiterungen, Modernisierungen, Maschineninvestitionen. Anders als klassische Geschäftsbanken, deren Geschäft auf kurzfristigen Krediten, Zahlungsverkehr und Einlagen beruhte, trug die IKB das langfristige Risiko der Unternehmensfinanzierung. Diese Funktion ist volkswirtschaftlich wertvoll. Sie ist aber, das gehört zur Ehrlichkeit dieser Geschichte dazu, auch strukturell margenschwach: Wer über Jahrzehnte Investitionskredite an mittelständische Betriebe vergibt, bewegt sich in einem Geschäft mit begrenzter Skalierbarkeit und begrenzten Zusatzerträgen.
Der Bruch: Wenn das Kerngeschäft nicht mehr reicht
Genau an diesem Punkt beginnt die zweite Hälfte der IKB-Geschichte, und sie ist die interessantere. Ende der 1990er- und Anfang der 2000er-Jahre sanken die Margen im klassischen Kreditgeschäft weiter, während Verbriefungen und strukturierte Finanzprodukte als naheliegender Ausweg erschienen. Die IKB begann, über Zweckgesellschaften wie Rhineland Funding am Kapitalmarkt zu operieren – kurzfristig refinanziert, in strukturierte Wertpapiere investiert, außerhalb der unmittelbaren Bilanzsicht. Die KfW, seit 2001 größter Einzelaktionär, war dabei nicht nur Anteilseigner, sondern auch Refinanzierungspartner für genau jene Verbriefungsaktivitäten.
Das ist der Kern dessen, was 2007 eskalierte: nicht ein Ausrutscher, sondern die Konsequenz einer strukturellen Entscheidung, das margenarme Mittelstandsgeschäft durch kapitalmarktnahe Zusatzerträge zu ergänzen. Als im Sommer 2007 die US-Subprime-Papiere an Wert verloren und sich die kurzfristige Refinanzierung von Rhineland Funding auflöste, musste die IKB aufgrund ihrer Liquiditätszusagen einspringen – und konnte es nicht aus eigener Kraft. Erst als KfW, Bund und Bankenverbände mit einem Risikoschirm intervenierten, wurde eine Insolvenz und die damit verbundene Ansteckungsgefahr für das deutsche Finanzsystem abgewendet.
Bemerkenswert daran ist weniger die Rettung selbst als das, was sie über das betroffene Institut aussagt. Die IKB war keine spekulative Investmentbank, sondern eine etablierte Mittelstandsbank mit jahrzehntelanger Reputation als solider Finanzierungspartner. Dass ausgerechnet dieses Institut über Zweckgesellschaften erhebliche außerbilanzielle Risiken aufbauen konnte, zeigt, wie leicht sich der Ausweg aus einem strukturell schwachen Kerngeschäft in ein neues, unkontrolliertes Risiko verwandelt.
In der internationalen Finanzwelt hinterließ das seine Spuren – und zwar wenig schmeichelhafte. Man sprach spöttisch vom „stupid money aus Düsseldorf”. Die Düsseldorfer Banken, allen voran WestLB und IKB, galten als naïve Investoren, die sich kopflos in toxische US-Subprime-Kredite und zweifelhafte Wertpapiere gestürzt hatten – die Dummen, die jedes riskante Papier kauften, das clevere Wall-Street-Banker längst abgestoßen hatten. Diese Zuschreibung ist bezeichnend, weil sie zwei Institute in einen Topf wirft, die strukturell denselben Weg gegangen waren: ein regional verankertes, margenarmes Kerngeschäft, das durch internationale Kapitalmarktgeschäfte aufgewertet werden sollte, ohne dass die dafür nötige Risikokompetenz im Haus vorhanden war. Die Häme kostete nicht nur Reputation. Sie war auch teuer – Milliardenverluste auf beiden Seiten, ein nachhaltig beschädigter Ruf des Finanzplatzes Düsseldorf, der bis heute nachwirkt. Dass ausgerechnet zwei Institute mit hanseatisch-nüchternem, staatsnahem Selbstverständnis zum Synonym für Naivität am Kapitalmarkt wurden, sagt weniger über individuelles Versagen als über eine strukturelle Verwundbarkeit, die beide Häuser teilten.
Nach der Rettung: Restrukturierung statt Rückkehr
Der Verkauf von rund 90,8 Prozent der Aktien an Lone Star im Oktober 2008 markiert den institutionellen Bruch. Aus der staatsnahen Mittelstandsbank wurde ein von einem US-Finanzinvestor kontrolliertes, restrukturiertes Unternehmen. Seit 2011 ergänzt die IKB ihr Geschäft um ein Privatkundenangebot mit Tages- und Festgeld – nach eigenen Angaben nutzten das 2024 mehr als 80.000 Kunden –, doch der Schwerpunkt liegt weiterhin auf der Unternehmens- und Mittelstandsfinanzierung. Die Bank ist, könnte man sagen, zu ihrem ursprünglichen Auftrag zurückgekehrt, nur unter veränderten Eigentumsverhältnissen und ohne den Kapitalmarkt-Umweg, der sie beinahe die Existenz gekostet hätte.
Ein Muster, das sich wiederholt
Die IKB-Geschichte lässt sich in vier Phasen lesen: Spezialinstitut für langfristige Industriefinanzierung in der Weimarer Republik, Mittelstandsbank des Wiederaufbaus, Diversifikation in strukturierte Finanzprodukte vor der Krise, restrukturierte Unternehmensbank danach. Interessant ist dabei weniger die Chronologie als die Konstante, die sich durch alle vier Phasen zieht: die Frage, wie eine Bank mit margenarmem, aber volkswirtschaftlich notwendigem Kerngeschäft überhaupt wirtschaftlich tragfähig bleiben kann, ohne in Geschäftsfelder auszuweichen, deren Risiken sie nicht vollständig durchdringt.
Das ist kein Problem, das mit der IKB von 2008 erledigt wäre. Es taucht, in anderer Form, überall dort wieder auf, wo Institute mit strukturell schwachem Kerngeschäft – seien es Landesbanken, Sparkassen oder Genossenschaftsbanken – unter Ertragsdruck geraten und nach Auswegen suchen, die ihnen mehr Rendite versprechen, als ihr eigentliches Geschäftsmodell hergibt. Die IKB ist insofern kein abgeschlossenes Kapitel deutscher Bankengeschichte, sondern eine vorläufig korroborierte Fallstudie für ein Muster, das im deutschen Bankwesen wiederkehrt.
Ralf Keuper

