Geld – eine Glaubenssache?!

Von Ralf Keuper

Mit dem Wesen des Geldes beschäftigen sich Philosophen, Soziologen und Ökonomen seit Jahrtausenden. Das Rätsels Lösung lässt indes auf sich warten.

Im Jahr 1816 zog Adam Müller das ernüchternde Fazit:

Nichtsdestoweniger ist in dem allwissenden Jahrhundert kein Gegenstand unerforschter und geheimnisvoller als das Geld und unter allen Fortschritten des Jahrhunderts keine Wissenschaft so stationär als die Nationalökonomie. (in: Geschichte der Ökonomie)

Zwei neuere Beiträge versuchen dem Phänomen Geld auf die Spur zu kommen. Zum einen Florian Semle in Gott als Währungshüter: der sakrale Ursprung des Geldes und zum anderen Wolfgang Streeck in dem Interview „Geld ist im Wesentlichen eine Glaubenssache, eine Fiktion, ein Versprechen.“ mit brandeins.

Geld ist letztlich eine Frage des Glaubens, so Streeck mit Blick auf die Entwicklung der Kapitalmärkte in den letzten Jahren:

Was da über die Jahrzehnte stattgefunden hat, ist ein kontinuierlicher Versprechungsaufbau, gegenüber den Kapitalmärkten, aber auch gegenüber der Gesellschaft. Das Versprechen lautet, dass man die Schulden zumindest so weit bedienen kann, dass sich immer noch ausreichend Kreditgeber finden, die den Versprechungen Glauben schenken und uns für kreditwürdig halten.

Semle hebt den sakralen Charakter des Geldes hervor:

Mit dem Glauben lässt sich nicht handeln – aber ohne ihn eben auch nicht. Die metallenen Symbole der sumerischen Himmelsgöttinnen konnten natürlich nicht für Feilscherei und Schuldenmachen verwendet werden. Deshalb blieben Gold und Silber als eine Art Buchwährung in den Steintempeln der Städte, wo ihre sakrale Bedeutung gewahrt werden konnte und der Kurswert gleichsam göttlich verankert blieb.

Bei Niklas Luhmann wird der Glaube an die göttliche Macht durch das Vertrauen in das System ersetzt:

Wer in die Stabilität des Geldwertes und in die Kontinuität einer Vielfalt von Verwendungsmöglichkeiten vertraut, setzt im Grunde voraus, dass ein System funktioniert, und setzt sein Vertrauen nicht in bekannte Personen, sondern in dieses Funktionieren. Ein solches Systemvertrauen wird durch laufend sich bestätigende Erfahrungen in der Geldverwendung gleichsam von selbst aufgebaut. (in: Vertrauen: Ein Mechanismus zur Reduktion sozialer Komplexität).

Laut Luhmann handeln die Banken mit nichts anderem als mit Zahlungsversprechen:

Vor allem aber lassen sich Banken Geld geben gegen das Versprechen, es künftig zurückzuzahlen, und nutzen dann ihrerseits die Zeitspanne aus, um Geld auszuleihen, das heißt: ihrerseits Zahlungsversprechen zu erwerben. Banken handeln also mit Zahlungsversprechen (in: Soziologie des Risikos)

Aaron Sahr betont dagegen das Beziehungsgeflecht des Geldes:

Wer ein Girokonto hat, ist Gläubiger in einem weitverzweigten und hochkomplexen Geflecht aus sich wechselseitig ermöglichenden Zahlungsversprechen. Dieses Geflecht ist ständig in Bewegung und verändert sich. Einerseits haben wir es bei Schulden selbstredend mit terminierten (oder kündbaren) Beziehungen zu tun, die kontinuierlich aufgelöst werden und neu geknüpft werden müssen – indem sich wieder jemand verschuldet. Die Fortsetzbarkeit einer solchen Praxis der Beziehungsknüpfung (Verschuldung) und Beziehungsauflösung (Tilgung einer Schuld) ist also keinesfalls selbstverständlich, sondern sie muss praktisch jeden Abend (etwa durch den Saldenausgleich auf dem Interbankenmarkt) sichergestellt werden. Dass das in der Regel sehr gut funktioniert, ist aus soziologischer Sicht fast schon kurios.

Aber auch langfristig ist das Beziehungsgeflecht dynamisch: wie Zahlungsversprechen ausgestaltet werden, wer sie nachfragt und wem vertraut wird, ändert sich ständig. Man denke nur an die Verdrängung klassischer Bankkonten durch Fonds in den USA, man denke an neue Vertragsformen für Schuldbeziehungen und vieles mehr (in: Das Beziehungsgeflecht des Geldes im Zeitalter von Bitcoin und Fintech: Interview mit Aaron Sahr).

Angesichts des Aufkommens digitaler Währungen ist es, so Michael Paetau, an der Zeit, den Geldbegriff (noch) abstrakter zu fassen:

Es lässt sich also festhalten, dass wir heute aus einer Situation des entwickelten kapitalistischen Finanzwesens heraus behaupten können, dass wir den Geldbegriff abstrakter fassen müssen, als es im Mainstream der Wirtschaftswissenschaften geschieht, indem wir anerkennen, dass Geld zunächst ein System von Kreditkonten und ihrer Verrechnungen ist, und dann erst eine bestimmte Form als Münze, Wechsel, Banknote oder eben Bitcoin annehmen kann (in: Bitcoin und die Provokation der “Blockchain-Economy”).

Kurzum: Geld ist wandlungs- und anpassungsfähig wie kaum ein anderes Medium. Das macht seine ungebrochene Anziehungskraft aus.

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