Diskursives Banking

Von Ralf Keuper

Die Digitalisierung hat nach Ansicht zahlreicher Branchenbeobachter und Berater das Potenzial, den persönlichen Kontakt zwischen den an einer Interaktion beteiligten Personen auf ein Minimum zu reduzieren. Das Ideal ist die vollautomatisch ablaufende Transaktionsabwicklung mittels Softwarerobotern und Smart Contracts. Eingriffe von Menschen in den Prozess, wie überhaupt Abweichungen, sind ein Zeichen von mangelnder Planung oder von Fehlern in der Software, kaum jedoch auf grundsätzliche Verständigungsprobleme oder unterschiedliche Interpretationen eines Sachverhalts zurückzuführen. Die Frage ist nun, ob sich auch oder gerade im Banking tatsächlich alles digitalisieren lässt und ob das überhaupt ökonomisch sinnvoll ist.

In einem Interview mit diesem Blog wies Dirk Elsner darauf hin, dass es viele Eigenschaften und Werte im Zusammenleben von Menschen gibt, die sich nicht digitalisieren lassen. Ähnlich äußert sich der Hirnforscher Wolf Singer in einem Interview mit der FAZ:

Zwischenmenschliche Diskurse lassen sich nicht einfach abbilden. Vielschichtige Zusammenhänge müssen beschrieben werden. Das gelingt aber nur, wenn man gelernt hat, mit dem symbolischen System der Sprache komplexe Sachverhalte in einen linearen Fluss zu übersetzen, und zwar so, dass er verstanden werden kann. Das ist eine Kunst. Wenn diese Kunst nicht mehr gefordert wird, weil man glaubt, alles mit digitalen Möglichkeiten einfach abbilden zu können, im Extremfall mit Virtual Reality, dann geht diese Fähigkeit verloren (in: Diese selbstgemachte Welt im Kopf, die behalten wir. Ein Gespräch mit dem Frankfurter Hirnforscher Wolf Singer, FAZ vom 13.10.18).

In seinem Hauptwerk Theorie des kommunikativen Handelns schreibt Jürgen Habermas:

Für beide Seiten besteht die Interpretationsaufgabe darin, die Situationsdeutung des andern in die eigene Situationsdeutung derart einzubeziehen, dass in der revidierten Fassung seine Außenwelt und meine Außenwelt vor dem Hintergrund unserer Lebenswelt und der Welt relativiert und die voneinander abweichenden Situationsdefinitionen hinreichend zur Deckung gebracht werden können. Das bedeutet freilich nicht, dass Interpretationen in jedem Fall oder auch nur normalerweise zu einer stabilen und eindeutig differenzierten Zuordnung führen müssten. Stabilität und Eindeutigkeit sind in der kommunikativen Alltagspraxis eher die Ausnahme. Realistischer ist das von der Ethnomethologie gezeichnete Bild einer diffusen, zerbrechlichen, dauernd revidierten, nur für Augenblicke gelingenden Kommunikation, in der sich die Beteiligten auf problematische und ungeklärte Präsuppositionen stützen und von einer okkasionellen Gemeinsamkeit zur nächsten tasten.

Gerade in Finanz- und Bankgeschäften haben wir es nur selten mit Situationen zu tun, die nur eine Interpretation zulassen bzw. bei denen man sich schnell auf eine gemeinsame Linie verständigt. Abgesehen davon weichen die Interessen der Beteiligten nicht selten deutlich voneinander ab. Die Bank will letztlich das Produkt oder den Service verkaufen, mit dem sie am meisten verdient, der Kunde dagegen möchte nicht mehr als nötig bezahlen. Die Geschäftsbeziehung ist für gewöhnlich Schwankungen unterworfen, die sowohl auf das Verhalten der Bank wie des Kunden oder auf externe Ereignisse zurück gehen. Letztere können von beiden Seiten kaum beeinflusst werden. Wichtig ist, dass auch in diesen Phasen die Beziehung stabil bleibt und Probleme offen benannt werden. Eigenschaften, die man mit dem Relationship Banking verbindet.  Können Robo Advisor, Sofwareagenten und automatisch ausgeführte Verträge das Relationship Banking ersetzen? Ist Code auch im Banking demnächst Law? (Vgl. dazu: Code Is Law. On Liberty in Cyberspace). Zweifel sind angebracht.

Könnte das dezentrale Banking die Lösung sein?

Je weiter das Weltbild, das den kulturellen Wissensvorrat bereitstellt, dezentriert ist, um so weniger ist der Verständigungsbedarf im Vorhinein durch eine kritikfest interpretierte Lebenswelt gedeckt; und je mehr dieser Bedarf durch die Interpretationsleistungen der Beteiligten selbst, d.h. über ein riskantes, weil rational motiviertes Einverständnis befriedigt werden muss, um so häufiger dürfen wir rationale Handlungsorientierung erwarten (ebd.).

Inwieweit lässt sich das Banking dezentralisieren, ohne dass wir dabei Gefahr laufen, dass nun jeder die Situation nach seinem Gutdünken interpretiert und seine Version versucht durchzusetzen? Kann die Blockchain-Technologie dem vorbeugen? Brauchen wir dazu nicht auch wieder entsprechende Governance-Strukturen? Welche Instanz kann angerufen werden, wenn die Interpretationen und Interessen weit auseinanderliegen? Passen Applikationen wie Alipay und WeChat zu unserem Lebens-, Wirtschafts- und Bankstil?(Vgl. dazu: Chinas Fintech-Vorsprung und warum wir dem nicht nacheifern sollten). Besteht da eventuell Diskussion- und Klärungsbedarf?

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