Das Internet als Ur-Infrastruktur für das Banking

Von Ralf Keuper

Ohne stabile Infrastrukturen wäre das Leben in einer modernen Gesellschaft nicht möglich; schon ein Stromausfall von wenigen Stunden macht uns diese Abhängigkeit bewusst. Als Forschungsgegenstand führt die Infrastruktur eher ein Schattendasein. Anders an der Universität Siegen: Dort beschäftigt man sich intensiver mit der Bedeutung der Infrastruktur für die Wirtschaft und Gesellschaft (Vgl. dazu: Zum Begriff der Infrastruktur). Dirk van Laak veranschaulicht in seinem Buch „Alles im Fluss“. Die Lebensadern unserer Gesellschaft – Geschichte und Zukunft der Infrastruktur das stille Wirken der Infrastruktur (Wasser, Elektrizität, Transport, Gesundheit, Finanzen, Verkehr, Internet ..). Van Laak versteht unter Infrastruktur

alles Stabile, das notwendig ist, um Mobilität und einen Austausch von Menschen, Gütern und Ideen zu ermöglichen

Um ihr Geschäft betreiben zu können, benötigen Banken heutzutage eine Vielzahl von Infrastrukturen. Neben den klassischen, wie Wasser- und Stromnetzen, gehört sei ca. 20 Jahren auch das Internet dazu. Das Internet dient in erster Linie dem Austausch von Daten und Informationen sowie der Vernetzung von Personen und Unternehmen. Auf den ersten Blick nicht sonderlich spektakulär: Statt Wasser und Strom werden Datenpakete übertragen – was sollte daran für Banken besonders sein? So wenig wie die Wasserversorger oder Stromkonzerne Ambitionen gezeigt haben, in das Bankgeschäft einzusteigen, so gering ist die Bereitschaft der Internetkonzerne in neue Geschäftsfelder vorzustossen, die über die reine Informationsbereitstellung und Vernetzung hinaus gehen. Das mag auf Telekommunikationsunternehmen und Internet-Provider zutreffen – für Google, Amazon, Alibaba & Co. gilt das nicht. Zeitgleich mit dem Aufkommen des (kommerziellen) Internet, sind die Infrastrukturen den Marktkräften überantwortet worden:

Coincident with the rise of the Internet, infrastructures of all kinds became “splintered” and unbundled, relying on competition, market mechanisms, and segmentation of users into the privileged and the less privileged who were offered different services (or no service at all). While from 1975 to the present the Internet itself was splintering (Bar et al. 1995 ; Kesan and Shah 2001 ) , in Graham and Marvin’s view, the Internet (and telecommunications) was the single most important infrastructure “leading [the] shift towards the splintering of mass markets under forces of global capitalism and privatization” (233–4) by providing a model of a privately managed, transnationally funded distributed system apparently free from the old-fashioned meddling of government planning (Quelle: The Internet as Infrastructure).

Das Internet wurde zur Vorlage, zu einem mentalen Modell für andere Branchen – die Ur-Infrastruktur:

Under the regime of splintering urbanism, the organization of the Internet has now become the mental model used to think about the future of other systems like transport (e.g. smart roads, dynamic road pricing, the driverless car) or electrical power (e.g. the smart grid). The Internet, the newest infrastructure, has become an infrastructural primitive or template for its parents: a model privately organized system of distributed computation–the ur -infrastructure (ebd.).

Die aktuellste Ausprägung dieser Entwicklung ist die sog. Plattformökonomie, d.h. die Bildung von Oligopolen, die weite Teile des Geschäfts, das über das Internet abgewickelt werden, beherrschen (Amazon, Google, facebook, Microsoft, Baidu, Tencent, Alibaba). Die Ur-Infrastruktur dominiert die anderen; sie birgt für Plattformunternehmen bzw. digitale Plattformen die Möglichkeit, eine Branche nach der anderen ins Visier zu nehmen. Es ist quasi eine zwingende (Expansions-)Logik.

Insofern sind die Herausforderungen in anderen Infrastrukturen, wie in der IT-Infrastruktur, zwar nicht nicht zu vernachlässigen (Vgl. dazu: Die Zukunft der Infrastruktur in der Banken-IT: Wer sich nicht anpasst, wird verschwinden); an dem beschriebenen strukturellen Defizit vermag jedoch auch die beste IT-Infrastruktur wenig zu ändern.

In ihrem Vortrag Das Internet: Technische Infrastruktur für das digitale Zeitalter – Funktionsweise, Gestaltungs- und Kontrollmöglichkeiten plädiert Prof. Dr. Claudia Eckert für Alternativen (ab Min. 44)

Nötig dazu sind internationale Standards und regulatorische Bestimmungen, wie die GDPR. Gleiches gilt für die Themen Entnetzung und sichere Datenkommunikation (Verschlüsselung und der Schutz der Digitalen Identitäten).

Die Forcierung des Einsatzes von Open Source-Lösungen und der Blockchain-Technologie als Alternativen scheint vor diesem Hintergrund – nicht nur für die Banken – geboten. Eine Wiederbelebung des Genossenschaftsgedankens wäre wünschenswert (Daten-Clouds, Personal Data Banks, Identity Banks, Genossenschaft 4.o). Wie Claudia Eckert in ihrem Vortrag veranschaulicht, arbeiten Google, facebook, Microsoft und andere mit der Verlegung von Glasfaser- und Unterseekabeln schon längst an dem Aufbau kontrollierter Netzbereiche um dadurch noch souveräner zu werden.

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