Zum zehn­jäh­ri­gen Jubi­lä­um des Brexit-Refe­ren­dums prä­sen­tiert der Finanz­platz Frank­furt beein­dru­cken­de Zah­len: 60 neue Insti­tu­te, 15.000 Arbeits­plät­ze, 1,3 Bil­lio­nen Euro Bank­ak­ti­va. Was die Bilanz nicht zeigt: Die ent­schei­den­de Ana­ly­se lag bereits 2016 vor—und sie hat­te eine ande­re Botschaft.


Im August 2016, weni­ge Wochen nach dem Brexit-Refe­ren­dum, ver­öf­fent­lich­te die Stadt­for­sche­rin Saskia Sas­sen einen Bei­trag in der Finan­cial Times, der in der deut­schen Dis­kus­si­on kaum Wider­hall fand. Sas­sen, in Bonn gebo­ren, seit Jahr­zehn­ten an der Colum­bia Uni­ver­si­ty leh­rend und mit dem Sozio­lo­gen Richard Sen­nett ver­hei­ra­tet, ist kei­ne Kom­men­ta­to­rin, die sich von poli­ti­schen Kon­junk­tu­ren trei­ben lässt. Ihr Urteil war klar: Die Stär­ken Lon­dons als Finanz­zen­trum beruh­ten auf Tätig­kei­ten mit hohem Kom­ple­xi­täts­grad, die sich nicht ein­fach ver­la­gern lie­ßen, weil hier das Zusam­men­spiel vie­ler spe­zia­li­sier­ter Finanz­un­ter­neh­men über Jahr­zehn­te gewach­sen sei. Ver­la­gern las­se sich allen­falls das Routine-Geschäft—das Clea­ring, admi­nis­tra­ti­ve Funk­tio­nen, Compliance-Einheiten.

Das war kein Trost für Frank­furt. Es war eine struk­tu­rel­le Diagnose.


Was das Insti­tut der Deut­schen Wirt­schaft 2016 versprach

Wäh­rend Sas­sen die Archi­tek­tur des glo­ba­len Finanz­ka­pi­ta­lis­mus ana­ly­sier­te, rech­ne­te das Insti­tut der Deut­schen Wirt­schaft (IW) mit ande­ren Instru­men­ten. Die Pro­gno­se: bis zu 10.000 neue Arbeits­plät­ze in Frank­furt als direk­te Fol­ge des Brexit. Als Argu­men­te dien­ten Infra­struk­tur, güns­ti­ge Gewer­be­im­mo­bi­li­en, Lebensqualität—gestützt auf Mer­cer-Ran­kings, deren Metho­dik einer nähe­ren Betrach­tung kaum stand­hält. Frank­furt schaff­te es in kei­nem der ein­schlä­gi­gen Städ­te­ran­kings jener Zeit unter die Top Ten.

Auf die­sem Blog wur­de damals bezwei­felt, ob Frank­furt tat­säch­lich der gro­ße Gewin­ner sein wür­de. Nicht aus Skep­sis gegen­über dem Finanz­platz, son­dern aus einem wirt­schafts­his­to­ri­schen Grund­re­flex: His­to­risch gewach­se­ne Struk­tu­ren las­sen sich nicht so ein­fach obso­let machen. Sas­sen illus­trier­te das am Bei­spiel Hong­kong. Als die Stadt 1997 an Chi­na zurück­fiel, hoff­ten vie­le Poli­ti­ker und staat­li­che Funk­tio­nä­re, dass Finanz­ge­schäf­te in gro­ßem Stil nach Shang­hai abwan­dern wür­den. Das ist bis heu­te nicht ein­ge­tre­ten. Hong­kong ist noch immer das wich­tigs­te inter­na­tio­na­le Finanz­zen­trum Chi­nas. Der Raum behält sei­ne Bedeutung—auch im glo­ba­li­sier­ten Finanzmarkt.

2019: Die ers­te Korrektur

Drei Jah­re spä­ter war die IW-Pro­gno­se nicht mehr zu hal­ten. Statt 10.000 neu­en Stel­len war nur noch von 3.500 die Rede. Das Fazit damals: Den Schwund an Arbeits­plät­zen in der Frank­fur­ter Finanz­bran­che wür­de der Brexit-Effekt aller Vor­aus­sicht nach nicht auffangen.

Auch das erwies sich noch als zu opti­mis­tisch. Der tat­säch­li­che Befund: Unterm Strich ver­lor der Finanz­platz Frank­furt trotz Brexit Arbeits­plät­ze. Rou­ti­ne­tä­tig­kei­ten waren ver­la­gert worden—doch genau die­se Tätig­kei­ten, wie Sas­sen vor­her­ge­sagt hat­te, lie­ßen sich am leich­tes­ten auto­ma­ti­sie­ren und ratio­na­li­sie­ren. Was blieb, war Büro­flä­che. Was nicht kam, war ope­ra­ti­ve Tiefe.

2026: Die posi­ti­ve Bilanz

Zum zehn­jäh­ri­gen Jubi­lä­um zieht Frank­furt eine ande­re Rech­nung auf. Frank­furt Main Finan­ce, die Lob­by­or­ga­ni­sa­ti­on des Finanz­plat­zes, nennt 60 neu ange­sie­del­te oder erwei­ter­te Ban­ken und Finanz­in­sti­tu­te, 15.000 ent­stan­de­ne Arbeits­plät­ze und 1,3 Bil­lio­nen Euro an ver­la­ger­ten Bank­ak­ti­va. Das sind Bruttozahlen—sie schwei­gen über die gleich­zei­ti­gen Abgän­ge bei Deut­scher Bank, Com­merz­bank und den Landesbanken.

Akti­va­zah­len sind zudem kei­ne Macht­grö­ße. 1,3 Bil­lio­nen Euro kön­nen als regu­la­to­ri­sche Hül­le in Frank­furt ver­bucht sein, wäh­rend Han­dels­ti­sche, Ent­schei­dungs­struk­tu­ren und die eigent­li­chen Netz­wer­ke in Lon­don ver­blie­ben sind. Die Com­pli­ance-Ein­heit zieht um; der Händ­ler bleibt.

Was auf­fällt: Die ARD-Tages­schau über­nimmt die­se Zah­len weit­ge­hend unkommentiert—ohne Hin­weis auf die insti­tu­tio­nel­len Inter­es­sen der Quel­le, ohne Gegen­rech­nung der gleich­zei­ti­gen Arbeits­platz­ver­lus­te, ohne Rück­fra­ge nach der ope­ra­ti­ven Sub­stanz hin­ter den Akti­va­zah­len. Dass Frank­furt Main Finan­ce eine Lob­by­or­ga­ni­sa­ti­on des Finanz­plat­zes ist und kei­ne unab­hän­gi­ge For­schungs­ein­rich­tung, bleibt uner­wähnt. Das ist kei­ne Klei­nig­keit: Es ist der Unter­schied zwi­schen Bericht­erstat­tung und Pressemitteilungsjournalismus.

Bemer­kens­wert ehr­lich ist vor die­sem Hin­ter­grund eine For­mu­lie­rung von Huber­tus Väth, Geschäfts­füh­rer von Frank­furt Main Finan­ce: Deutsch­land habe nicht vom Brexit pro­fi­tiert, wohl aber der Finanz­platz Frank­furt. Das klingt nach einer ana­ly­ti­schen Dif­fe­ren­zie­rung. Es ist in Wirk­lich­keit ein Ein­ge­ständ­nis: Der Gewinn ist so begrenzt, dass er im gesamt­wirt­schaft­li­chen Bild verschwindet—und man ihn her­aus­rech­nen muss, um über­haupt eine posi­ti­ve Bilanz kon­stru­ie­ren zu können.

Was Brau­del dazu sagen würde

Fer­nand Brau­del hat in sei­ner Ana­ly­se der longue durée des Kapi­ta­lis­mus beschrie­ben, wie sel­ten ech­te Dezen­trie­run­gen in der Welt­wirt­schaft stattfinden—und wie jede Dezen­trie­rung von einer Rezen­trie­rung gefolgt wird, als ob die Welt­wirt­schaft nicht ohne Schwer­punkt exis­tie­ren könn­te. Von Vene­dig nach Ant­wer­pen, von Genua nach Ams­ter­dam, von Ams­ter­dam nach Lon­don: Die­se Ver­schie­bun­gen brau­chen Jahr­hun­der­te, nicht Referenden.

Der Brexit war poli­tisch ein Erd­be­ben. Öko­no­misch war er, gemes­sen an den Maß­stä­ben der longue durée, ein Zit­tern. Lon­don hat sei­nen Sta­tus als glo­ba­les Finanz­zen­trum nicht ver­lo­ren. Es hat regu­la­to­ri­sche Außen­pos­ten abgegeben—und die sit­zen jetzt in Frankfurt.

Struk­tur schlägt Standortpolitik

Es gibt einen tie­fe­ren Grund, war­um Frank­furt kein kon­ti­nen­ta­les Lon­don wer­den kann. Das deut­sche Ban­ken­sys­tem ist dezen­tral und föde­ra­lis­tisch orga­ni­siert: Spar­kas­sen, Genos­sen­schafts­ban­ken, Lan­des­ban­ken. Das Rück­grat der deut­schen Unter­neh­mens­fi­nan­zie­rung ist nicht eine domi­nie­ren­de Metro­po­le, son­dern ein flä­chen­de­cken­des Netz regio­na­ler Insti­tu­tio­nen. Die­ses Modell hat sei­ne eige­ne Funktionslogik—sie ist nicht auf Agglo­me­ra­ti­on aus­ge­rich­tet, son­dern auf Flä­che und Nähe.

Frank­furt ist in die­sem Modell ein wich­ti­ges Schar­nier: EZB, Bun­des­bank, BaFin, Deut­sche Bör­se. Aber ein natio­na­les Pro­jekt “Euro­pas füh­ren­des Finanz­zen­trum” wider­spricht der Struk­tur, auf der das deut­sche Wirt­schafts­mo­dell tat­säch­lich basiert. Hin­zu kommt: Deut­sche Bank und Com­merz­bank gehö­ren nicht mehr zur inter­na­tio­na­len Éli­te. Soll­te UniCre­dit die Com­merz­bank voll­stän­dig über­neh­men, wird die Aus­gangs­la­ge noch ungünstiger.

Was die Jubi­lä­ums­bi­lan­zen nicht fragen

Die eigent­li­che Fra­ge, die kei­ne der aktu­el­len Zehn-Jah­res-Bilan­zen stellt, lau­tet: Wer hält die Archi­tek­tur­macht über die euro­päi­schen Finanz­märk­te? Wer setzt die Stan­dards, ent­wi­ckelt die Pro­duk­te, bil­det die Netz­wer­ke, aus denen mor­gen die nächs­te Gene­ra­ti­on von Finanz­in­no­va­tio­nen her­vor­ge­hen wird?

Die­se Fra­ge beant­wor­tet sich nicht mit Akti­va­zah­len. Saskia Sas­sen hat­te sie 2016 bereits impli­zit beantwortet—und die Ant­wort lau­te­te: Lon­don. Zehn Jah­re und ein Brexit spä­ter gibt es kei­nen über­zeu­gen­den Grund, die­se Ant­wort zu revidieren.

Frank­furt ist nicht Lon­don. Das war vor zehn Jah­ren wahr. Es ist heu­te wahr. Die Zah­len, die das Gegen­teil nahe­le­gen, bewei­sen es—wenn man sie rich­tig liest.

Ralf Keu­per 


Quel­len:

Bank­stil (eige­ne Vorarbeiten)

Exter­ne Quellen

Lite­ra­tur

  • Fer­nand Brau­del: Die Dyna­mik des Kapitalismus