Zahlungsverkehr als (neues) Massenmedium #1

Von Ralf Keuper

Den Zahlungsverkehr als Massenmedium aufzufassen, ist angesichts der zunehmenden Digitalisierung fast schon zwingend. Zugespitzt formuliert geht es beim Zahlungsverkehr um die Informationsübermittlung, ähnlich wie bei den “klassischen” Massenmedien wie Zeitungen, Rundfunk, Telefon, Fernsehen und Internet. Parallelen existieren auch zur Energiewirtschaft und zum Transport- und Postwesen.

Für den Medientheoretiker Marshall McLuhan sind die Medien mit der Fähigkeit ausgestattet, sich selbst zu reproduzieren:

Wenn die gestaltende Kraft bei den Medien die Medien selbst sind, so ergibt sich daraus eine Vielzahl von Fragekomplexen, die hier nur angerührt werden können, obwohl sie Bände füllen müssten. Technische Medien sind nämlich Erzeugnisse oder Rohstoffe genauso, wie Kohle, Baumwolle oder Erdöl sind. (in: Die magischen Kanäle. Understanding Media)

Informationen als “der” Rohstoff einer Ökonomie und Gesellschaft, deren (reibungsloses) Funktionieren in wachsendem Ausmaß von der Digitalisierung abhängt. In seinem Buch A Nation Transformed by Information betont der renommierte Wirtschaftshistoriker Alfred Chandler die Bedeutung der Informationsübermittlung für das Zusammenwachsen der USA. Wegweisend war für ihn der Post Office Act aus dem Jahr 1792, der zur Errichtung eines neuen Postsystems führte. Fortan transportierte die Post nicht nur Briefe, sondern auch Zeitungen. Nicht ganz uninteressant in dem Zusammenhang ist, dass eine der größten und, gemessen am Börsenwert, wertvollsten Banken der Welt, Wells Fargo, als Transportunternehmen (Mail-Service) begann. Später übernahm die Eisenbahn die Rolle der Postkutschen für den Transport von Informationen, bis auch sie von den Telefon- und Radiogesellschaften ersetzt wurden. Ein neues Kapitel schlugen IBM, Apple und Microsoft mit dem PC auf, dem das Internetzeitalter mit den neuen Hauptakteuren Google, facebook und Amazon folgte.

Das Bankgeschäft blieb von den genannten Entwicklungen zwar nicht unberührt; jedoch konnten sie die Rolle der Banken als Finanzintermediäre bis zum Ausbruch des Internetzeitalters nicht ernsthaft gefährden. Das Bankgeschäft ist seitdem (noch) technologie- und informationsintensiver und letztlich abstrakter, unstofflicher geworden. Wer Träger des Mediums Geld oder Betreiber der Infrastruktur ist, ist fast schon gleichgültig. Bisher hat jeder neue Entwicklungsschritt in diesem Bereich nach einer kurzen turbulenten Phase, nach einer ausgeprägten Goldgräberstimmung, zu oligopolistischen, zum Teil auch monopolistischen Marktstrukturen geführt, d.h. wenige Anbieter dominieren die Branche. Zentralisierung statt Dezentralisierung.

Damit stellt sich die Frage, ob der Bereich Zahlungsverkehr, womit natürlich auch Mobile Payments gemeint sind, nicht denselben Regeln unterliegt und auf Dauer nur wenige Anbieter übrig bleiben, wie PayPal, Amazon oder einige FinTech-Startups? Ohne ein gewisses Maß an Zentralisierung, Regulierung und Standardisierung wird es auch bei den neuen Formen der Zahlungsverkehrsabwicklung nicht gehen. Anderenfalls bleibt es bei Insellösungen, die zwar mit immer neuen technischen features und herausragender User Experience zu beeindrucken wissen, jedoch nicht die kritische Masse erreichen können.

Virtuelle bzw. Digitale Währungen mit ihrem betont dezentralen Ansatz bilden zu diesem Bild noch einen Kontrast. Aber auch Netzwerke haben die Angewohnheit, Naben, Hubs zu bilden. Ohne sie kann ein Netzwerk kaum überleben. Sie vereinen damit zwangsläufig mehr Einflussmöglichkeiten und Macht auf sich, als andere Teile/Knoten. Wie das Beispiel Ripple zeigt, geht auch hier die Entwicklung in Richtung Standardisierung, Vereinheitlichung.

Wieviel Diversität, wieviele Stilarten verträgt ein so zentraler Bereich wie der Zahlungsverkehr? Welche Chance haben Nischenanbieter? Reicht der “Long Tail” für sie? Werden die Banken ein ähnliches Schicksal erleiden wie die Postkutschen oder die Eisenbahnen?

Die zentrale Frage für Banken aber auch für die Herausforderer wird wohl die sein, die bereits Ted Levitt, u.a. am Beispiel der Eisenbahnen in Marketing Myopia, formuliert hat:

In welchem Geschäft sind wir eigentlich?

 

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