Strategische Wendepunkte im Banking #4

Von Ralf Keuper

Die letzten Jahre haben vor Augen geführt, dass das Geschäft der Banken gleich von mehreren Seiten bedroht ist. Zusätzlich zu  den “herkömmlichen” Gefahren, wie sie aus Liquiditäts-, Kredit-, Markt- und operationellen Risiken entstehen können, geraten die strategischen Risiken ins Blickfeld. 

So sehen die MaRisk eine stärkere Einbindung der internen Revision in den Strategieprozess vor. Strategische Risiken haben einen weitaus höheren Einfluss auf den Erfolg bzw. Mißerfolg als häufig angenommen – das gilt auch für Banken. 

Eine, wie ich finde, brauchbare Definition strategischer Risiken findet sich auf Eddielogic

Für die Einschätzung der verschiedenen Risikoarten stehen inzwischen mehrere Frameworks zu Verfügung. Das bekannteste dürfte das COSO-Framework sein. Dabei handelt es sich um einen Ansatz aus dem Bereich des Enterprise Risk Mangement (ERM). Ziel ist die ganzheitliche Erfassung und Bewertung der Risiken, denen ein Unternehmen oder eine Bank ausgesetzt ist. 
In Banken ist dafür in erster Linie das Interne Kontrollsystem zuständig. 

Die genannten Rahmenwerke konzentrieren sich vorwiegend auf die internen Verfahren und Strukturen, mit deren Hilfe die Risiken erkannt und gezielte Gegenmaßnahmen ergriffen werden sollen. Was dabei m.E. zu kurz kommt, ist die Frühaufklärung oder das, was Andy Grove die vorzeitige Erkennung strategischer Wendepunkte genannt hat. In der Literatur hat sich dafür auch der von Igor Ansoff geprägte Begriff der Weak Signals etabliert. 

Die Messung der Risiken erfolgt häufig noch in Begriffen des Industriezeitalters und vernachlässigt noch zu sehr die immateriellen Vermögenswerte (Intangibles) bzw. das Intellektuelle Kapital. Dazu gehören das Humankapital, das Kundenkapital, das Allianz Kapital, Imagekapital und das Organisationskapital. Vor allem der Faktor der Reputation hat im digitalen Zeitalter ein besonderes Gewicht. Dabei spielen die Stakeholder (Interessengruppen) eine entscheidende Rolle. Je nachdem, wie die verschiedenen Interessengruppen den Beitrag des Unternehmens der Bank zum Allgemeinwohl beurteilen, variiert das strategische Risiko. Die eigentliche Quelle des Unternehmenswertes liegt damit außerhalb des Unternehmens bzw. der Bank und entzieht sich der direkten Kontrolle bzw. Einflussnahme. Ein gute Erklärung des Zusammenhangs liefert Jay Deragon in Stakeholders See More Than Stockholders.

Damit gewinnt die Einbindung der Kunden als der, neben den Mitarbeitern, wohl wichtigsten Interessengruppe neues Gewicht, weshalb Banken, die sich dem Community-Gedanken und der Collaboration verpflichtet fühlen, wie die Fidor Bank, Movenbank und Bank Simple, den Nerv der Zeit treffen. Neue Technologien, FinTech Startups  wie überhaupt innovative Geschäftsmodelle (Crowdfunding, P2P Lending, Mobile Payments etc.) sorgen dafür, dass sich der Trend zugunsten der Stakeholder verstärkt. Wert entsteht in der Fourth Economy wie die schwedischen Autoren Hans V.A. Johnsson und Per Erik Kihlstedt schreiben durch “Minds in interaction”, mittels immaterieller Vermögensgegenstände (Intangibles).

Hier liegen die größten Risiken, aber auch die größten Chancen. Ein Punkt, der auch in der Risikoberichterstattung stärkere Berücksichtigung finden sollte. 
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