Regionale Banken erhalten, aber wie? Bankensysteme in Spanien, Deutschland und Vereinigtem Königreich im Vergleich (Studie IAT)

Von Ralf Keuper

Die Regionalbanken bilden im deutschen Banksystem eine der drei tragenden Säulen. (Nimmt man die Fintech-Startups hinzu, kann man auch von vier Säulen sprechen). Das drei Säulen-Modell verleiht dem deutschen Bankwesen nach Ansicht vieler Marktbeobachter eine hohe Stabilität und Krisenresistenz, wie die letzte Finanzkrise gezeigt habe. Die Regionalbanken waren, mit Ausnahme der Landesbanken, kaum bis gar nicht von den Auswirkungen der Finanzkrise betroffen. Durch das Regionalprinzip waren sie nicht versucht, sich an den riskanten Spekulationsgeschäften an den internationalen Finanzmärkten zu beteiligen. Dennoch befinden sich die Sparkassen und Genossenschaftsbanken seit einigen Jahren im Rückwärtsgang. Die Zahl die Filialen ist ebenso rückläufig wie die der Mitarbeiter. Der Strukturwandel im Banking hat damit auch die Regionalbanken erfasst. Hauptverantwortlich für diesen Umbruch ist nach allgemeiner Auffassung die Digitalisierung, d.h. die zunehmende Vernetzung und Mobilität durch das Internet, die dazu führen, dass die Nutzer sich von ihrer Bank räumlich und gefühlsmäßig entfernen. Das hat für die Regionalbanken gravierende Auswirkungen. Das Internet kennt kein Regionalprinzip.

Wie steht es generell um die Regionalbanken – auch im europäischen Vergleich? Dieser Frage widmet sich die Studie Regionale Banken erhalten, aber wie? Bankensysteme in Spanien, Deutschland und Vereinigtem Königreich.  Die Forscher des renommierten Instituts für Arbeit und Technik (IAT) identifizieren bzw. definieren darin drei Erfolgsfaktoren regionaler Banken:

  • Räumliche Nähe sowie Einbettung in einen unterstützenden Regionalbankenverband
  • Die Entwicklung zu „echten“ dezentralen Universalbanken
  • Das Zusammenspiel aus Regionalprinzip, regionaler Einbettung und einem nationalen Umverteilungssystem

In keinem der untersuchten Ländern ist das dezentrale Banking in Gestalt von Regionalbanken so ausgeprägt wie in Deutschland. Anders als beispielsweise in Großbritannien haben die Regionalbanken hierzulande eine herausragende Stellung bei der Unternehmensfinanzierung. In Spanien wurde das Regionalprinzip für die Sparkassen und Genossenschaftsbanken im Jahr 1988 aufgehoben. In der Unternehmensfinanzierung üben die spanischen Regionalbanken eine deutlich aktivere Rolle als in Großbritannien, jedoch eine wesentlich geringere als in Deutschland aus.

Besonders deutlich werden die Unterschiede bei einem Blick auf die geographische Verteilung der Hauptsitze der Banken.

Wenig überraschend sticht im Vereinigten Königreich London hervor. Mehr als 74% aller Banken der Insel haben ihren Hauptsitz in London, Madrid vereinigt gut 50% aller Bankzentralen auf sich, während in Frankfurt am Main nur 7% aller in Deutschland ansässigen Banken ihre Hauptstelle platzierten.

Das ist sicherlich auch auf die föderale Tradition in Deutschland zurückzuführen.

Um den Nachteil aus der Distanz zu den Finanzzentren auszugleichen, ist die Einbettung in einen Bankenverband bzw. einen Verbund angebracht – wie in Deutschland:

In Deutschland sind die Verbände sowohl der Sparkassen als auch der Genossenschaftsbanken umfassend unterstützend tätig und ihre verbundenen Unternehmen bieten Dienstleistungen und Tools wie IT und Ratingsysteme an.

Anders als häufig angenommen, arbeiten Regionalbanken in strukturschwachen Regionen durchaus profitabel:

Regionale Banken sind in schwachen peripheren Regionen mindestens genauso erfolgreich wie in wirtschaftlich starken Regionen (Gärtner, 2008; Conrad, 2008; Christians, 2010; Christians und Gärtner, 2014).

Der deutsche Bankstil zeichnet demnach durch einen Dreiklang aus Regionalprinzip, regionaler Einbettung und einem nationalen Umverteilungssystem aus.

Um die Wettbewerbssituation für die Regionalbanken zu verbessern, fordern die Autoren eine abgespeckte Regulierung für kleine und weniger komplexe Banken sowie die Auflegung eines Förderprogramms der KfW, das den hohen Bewertungsaufwand bei der Kreditvergabe an weniger transparente Firmen subventionieren soll.

In dem Diskussionspaper Ein Vergleich der Bankensysteme in Deutschland, dem Vereinigten Königreich und Spanien aus räumlicher Perspektive. Befunde und Handlungsbedarf haben die Autoren ihren Befund noch ausführlicher dargelegt.

Einschätzung:

Die Studie beleuchtet die Rolle der Regionalbanken in den untersuchten Ländern überwiegend unter dem Aspekt der Kreditversorgung. Dabei heben sie die Bedeutung der räumlichen Nähe hervor. Die Vorteile eines dezentralen Bankwesens werden vor allem am Beispiel Deutschland sichtbar. Das Drei-Säulen-Modell erweist sich dabei als Vorteil. Die deutschen Regionalbanken sind Bestandteil eines übergreifenden Verbundes, der Skaleneffekte und einen stetigen Informationsfluss bzw. Wissenstransfer ermöglicht. Durch die Förderung der Regionen und seine föderale Struktur begünstigt der deutsche Politik- bzw. Wirtschaftsstil (Soziale Marktwirtschaft) den deutschen Bankstil.

Die Frage ist nun, ob dieser Gleichklang in Zeiten der fortschreitenden Digitalisierung, der veränderten Mediennutzung und des Aufkommens der Plattform- bzw. Datenökonomie noch zukunftsfähig ist. Historisch neu ist, dass die Banken inzwischen mit Anbietern konkurrieren, die selber keine echte Bank sein müssen und auch nicht sein wollen. Stattdessen dringen sie, wie Google, Amazon, Apple, SoftBank, Alibaba und Tencent, schrittweise in das Bankgeschäft vor – Alibaba und Tencent auch mit “echten” Banken. Alipay und WeChat, die beiden messaging-Dienste von Alibaba und Tencent, werden von mehreren hundert Millionen Menschen verwendet – inzwischen bieten sie ihre Dienste auch in Europa an – wenngleich auf Tourismus beschränkt. Die Informationsasymmetrie, von der die Autoren am Beispiel Großbanken – Regionalbanken – sprechen, betrifft vor allem auch das Verhältnis Digitale Plattformen – Banken. Die Banken haben ihr Informationsmonopol verloren.

Wir benötigen hier m.E. mehr als eine abgespeckte Regulierung und Fördermaßnahmen. Neue Geschäfts- und Organisationsmodelle werden benötigt. Die Bank als Plattform zum Beispiel. Gerade die Regionalbanken sind bei der Entwicklung Digitale Dörfer und Smart Cities gefordert. Mit den bestehenden Organisationsstrukturen wird das jedoch kaum möglich sein.

Dezentrales Banking ist inzwischen mehr als “nur” regionales Banking: Mit der Blockchain-Technologie sind neue Organisationsmodelle denkbar, die sowohl regional (private) und global (public) sind.

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