Fintech – letztlich nur eine große Innovations-Simulation

Von Ralf Keuper

Innovatoren, so John Diebold in Innovators, sind technologische und geschäftliche Bahnbrecher, “die Pfade durch unerforschtes Gebiet schlugen”. Sie weigerten sich zu glauben “Es geht nicht”. Peter F. Drucker wies darauf hin, dass der Begriff Innovation nicht aus der Technik, sondern aus der Soziologie und den Wirtschaftswissenschaften stammt. Innovation lasse sich als “Veränderung von Wert und Befriedigung, die der Verbraucher aus Ressourcen erhält” definieren. Letztlich sollte eine Innovation die Gesellschaft als Ganzes nach vorne bringen.

Was hat es nun mit den Innovationen auf sich, die durch Fintech-Startups oder Challenger-Banken entstehen – schlagen sie Schneisen durch unerforschtes Terrain und verändern sie in positiver Weise Wert und Befriedigung, welche die Verbraucher bei der Abwicklung ihrer Bankgeschäfte erhalten? Oder handelt es sich in den meisten Fällen eher um die Simulation von Innovation? Was haben die Gesellschaft bzw. die Stakeholder – jenseits der perfekten Customer Experience – davon? Sind Fintech-Startups vielleicht nur Optimierer, die das bestehende System stützen, statt es zu verändern?

Sofern man Innovation an der Zahl der Patente bemisst, fällt die Bilanz für die Fintech-Startups ausgesprochen mager aus (Vgl. dazu: Fintech als Treiber des technologischen und gesellschaftlichen Wandels – eine eher ernüchternde Zwischenbilanz & Fintech ohne Hightech?). Als Arbeitgeber erzielen Fintech-Startups bestenfalls durchschnittliche Werte bei der Mitarbeiterzufriedenheit. Und auch die Kundenzufriedenheit hält sich oft in überschaubaren Grenzen (Vgl. dazu: Hoher Verschleiß an (Führungs-)Personal bei Revolut).

Insofern überrascht es nicht, wenn Jemima Kelly (Financial Times) und John Detrixhe (Quartz) auf einer Veranstaltung im September in London zu dem Schluss kommen, dass Fintech-Startups kaum innovativ sind und nicht zur Reform des Banking beitragen (Vgl. dazu: Fintech-Companies; Little Innovation and no Reform of Banking).

Gordon Kerr bringt es auf den Punkt:

On closer inspection, many of these FinTech challenger banks offer only cosmetic technology which is clearly trendy and leverages consumers’ widespread disdain for traditional banks. The new challenger offer help in budgeting and planning and helping their millennial customers keep close track of their financial commitments. But they offer nothing fundamentally new in the way banking operates. Key to their appeal is to emphasise their tech aspects and downplay their traditional banking features.

Obwohl die Startup-Szene mit Geld überschüttet wird, so das manager magazin in seiner aktuellen Ausgabe in dem Beitrag “Dummes Geld”, herrsche in Sachen echte Innovationen Fehlanzeige.

Auch viele Fintechs wie die deutsche Smartphone-Bank N26 bieten kaum Zusatznutzen gegenüber Direktbanken wie Comdirect. Sehr gut sind (wie bei Uber) App und Benutzerführung, doch ob das die Bewertung von aktuell 3,2 Mrd. Euro trägt, ist zweifelhaft. Stattdessen finanziert das Wagniskapital den angeblich 3,5 Millionen Kunden ein Girokonto zum Nulltarif, das ihnen die Sparkassen verwehren.

Für Greg Satell ist das WeWork-Debakel nur ein Symptom eines deutlich tiefergreifenden Problems. Netzwerkeffekte sowie der Aufbau von Plattformen seien keine Garantie für geschäftlichen Erfolg. Das zeigt ausgerechnet das Beispiel Amazon:

This is, in effect, the platform fallacy, the idea that a platform business is inherently more profitable than any other kind of business. Amazon struggled for years to become profitable and, even today, makes most of its money from cloud computing, not its retail platform. Uber may never hit break even. Sure there have been some tremendous successes, such as Facebook, but platform-based companies fail all the time.

Fintech ist demnach, wie auf diesem Blog bereits mehrfach beschrieben wurde, nur ein Übergangsphänomen, ein Übergangsstil (Vgl. dazu: Fintech repräsentiert einen Übergangsstil). Oder anders: Ein Stück Popkultur (Vgl. dazu: Fintech als Popkultur).

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